14 Wundgeschrieben


Die Themenvielfalt im Juni ist arg begrenzt: Euro. Nur der dazugehörige Artikel macht eine Differenzierung möglich. DER Euro bereitet den Währungshütern des Kontinents schlaflose Nächte, DIE Euro den Niederländern. Aber Letzteres zum Glück nicht mehr lange. Eine Nation vereint beide Krisen: Griechenland - von einem Euro-Dilemma ins nächste. Es ist der letzte Beweis, dass deutsche Hilfsgelder rein gar nichts bringen. Auf keinem Gebiet.

 

Fußball, Fußball, Fußball. Die Ausmaße, die dieser Sport im 21. Jahrhundert einnimmt, sind teilweise abenteuerlich. Sogar in der Tagesschau wird der auf Tagesaktualität eingestellte Zuseher sogleich mit der Europameisterschaft konfrontiert. Ich finde das unmöglich. Man könnte annehmen, die wegweisenden und sorgfältig überlegten Beschlüsse der zahlreichen Krawattenträger, die sich allesamt „Politiker“ schimpfen dürfen, wären zweitrangig oder gar belanglos und einer Primärstellung nicht würdig... Nun, ungefähr so ist es. Also lieber Tschechien gegen Russland. Hat schon alles seine Berechtigung. 

 

Was lehrte uns die erste Turnierwoche? Eigentlich nichts Besonderes. Die Überraschungen blieben aus. Wie nicht anders zu erwarten war, unterlagen die Holländer sowohl den Dänen als auch uns. Franzosen und Briten bestätigten die übrigen zwei Prozent mit Fußball-Abneigung in ihrer Meinung. Bei den Italienern werden Vor - und Hintergründe wie immer erst verspätet deutlich. Wunderte man sich zunächst ob ihrer (scheinbar) äußerst achtbaren Vorstellung beim 1:1 gegen Spanien, so ist die surreale Szenerie inzwischen relativiert. Der entnervte Weltmeister meckerte nach der Partie über den untragbaren Zustand des Rasens. Diese Spaghetti-Esser - schrecken wirklich vor keinem Mittel zurück. Folglich sah sich die spanische Regierung gezwungen, leihweise um 100 Milliarden zu bitten, damit die Korrektheit des Geläufs zukünftig sichergestellt werden kann. Eine vorbildliche Aktion. Portugal denkt bereits über ähnliche Maßnahmen nach. Hauptkriterium: Viertelfinal-Einzug. 

Die Lage ist sowieso verzwickt. Wenn beispielsweise Spanien und Irland aufeinandertreffen, ist unklar, wer den Siegesscheck dringender bräuchte... 


Unsere Welt ist schnelllebig. Und Transparent. Und ungerecht. Mario Gomez weiß ein Lied davon zu singen. Seine paradoxe Situation diskutierte die Republik zwischen Samstag und Mittwoch. Im Sport trennen Hero und Zero normalerweise kleinste Nuancen. Sekundenbruchteile etwa, oder - wie beim englischen Nationalteam - regelmäßig elf Meter. Jedenfalls ist der Grat ein schmaler. Die Causa Gomez aber erweiterte bestehende Gegebenheiten um eine bisher unbekannte Variation: Hauptdarsteller, Held und Hinterfragter in einer Person. Die Niederlage für die Niederlande ging abermals auf das Konto des vormaligen Stempen-Marios. Sturmkonkurrent Klose dagegen bleibt der Keintormiro. Wodurch Gomez rehabilitiert ist. Und zwar genau solange, wie er trifft. Diese Zwangsjacke haftet dem modebewussten Mario auf ewig an.  

 

Zwei Spiele, zwei überlegene, nie gefährdete Kantersiege - da ist ein flüchtiger Gedanke an die finanzielle Entlohnung der Europameister in spe schon mal erlaubt. Dreihunderttausend Euro lässt der DFB springen. Pro Mann, versteht sich. Allen offenen Mündern und ungläubigen Kopfschüttlern sei gesagt: Das ist keinen Pfennig zu viel. Die Anforderungen an einen Hochleistungsfußballer sind in der Moderne beinahe übermenschlich. Was man nicht alles können muss, um an der Prämie zu partizipieren:

Neben den grundlegenden Fähigkeiten - im Volksmund auch „deutsche Tugenden“ genannt - hat sich der Nationalspieler Zwanzigzwölf durch eine Reihe weiterer Charaktereigenschaften für den Kader zu qualifizieren. Man muss Fremdsprachen mächtig sein (wie Podolski), den 360-Grad-Blick beherrschen (Özil), eine Angel-Ausbildung erfolgreich abgeschlossen (Klose) und seine Memoiren verfasst haben (Lahm). Darüber hinaus ergibt sich die „Doppel-Sechs“ logischerweise aus denen mit Model-Freundin (Schweinsteiger, Khedira), während der Rechtsverteidiger mit Ramschware Vorlieb nehmen muss. Zu guter Letzt wird in Zeiten des Multi-Kultis Toleranz groß geschrieben, indem man zunehmend Bewerber mit Umlauten präferiert (Schürrle, Götze, Müller). 

Holland hat nichts von alledem. Deshalb steht Oranje jetzt auch vor einem Scherben-, Verzeihung: Müllhaufen.

 



















Um mich besser in die komplizierte Psyche der deutschen Belegschaft versetzen zu können, um nachzuvollziehen, welch Belastungen, ja Qualen sie bei ihrem osteuropäischen Reisetrip ausgesetzt sind, habe ich am vergangenen Dienstag den Selbstversuch gewagt. Er kam einer Premiere gleich. Erstmals beglückte ich einen Fitnessraum (von innen) mit meiner Anwesenheit. Die Auswirkungen der körperlichen Schinderei sind fatal. Anfänglich war ich nur unter extremen Schmerzen in Schulter - und Nackengegend zum Händewaschen fähig, ebenso stellten triviale Dinge wie das An - und Ausziehen von Kleidungsstücken ungeahnte Herausforderungen dar. Selbst die Existenz dieses Blog-Eintrags war bedroht.

Ich mache das nicht für mich. Meine ausgeprägten Muskeln im Bereich der Oberarme haben solche künstlichen Stimulationen nicht nötig. Klingt arrogant, ist es auch. Doch ich tue das für Sie, liebe Leser. Weil ich den Anspruch habe, näher dran zu sein als der Rest, weil ich Ihnen Stimmungen und Eindrücke hautnah vermitteln möchte. Mit letzter Kraft, zusammengebissenen Zähnen und den finalen Betätigungen der Leertaste durch den abgespreizten rechten Daumen schaffe ich es tatsächlich. So müssen sich die deutschen Spieler gefühlt haben. Totaler Einsatz, totale Hingabe, totales Engagement. Jetzt sind meine Energiereserven jedoch vollends aufgebraucht. Nichts geht mehr. Oder, um es im Sprachjargon von Mehmet Scholl auszudrücken: Wundgeschrieben. 


Juni 2012