32 Willyyyyyyyyyy


- November 2013 -


Kam er an den Ball, rief das Publikum begeistert seinen Namen. Kam er zu Wort, war das ein herrlicher Singsang mit kernigen Botschaften. Kam er an den Verhandlungstisch, konnte es spät werden. Für ein Stück Stoff war es zu spät. Für die Aufnahme in die Ruhmeshalle nicht. Willy Sagnol, Legende des FC Bayern.


Uli Hoeneß ist ein erfolgreicher Geschäftsmann, das weiß jeder, der den Trieb zur Häme abschaltet. Besonders in seiner bewegten Manager-Ägide plustert er gerne die Backen und ereifert sich im Zahlenpool der Macht. Hoeneß gilt als wirtschaftliches Schwergewicht, mehr hart als herzlich. 


Dann gibt es den anderen Uli Hoeneß, den Feinsinnigen, den Sensiblen. Den Warmen. Immer wenn die Winde ungünstig stehen für den FC Bayern, tun sie das auch für seinen obersten Fan. Und sobald es sentimental wird, erweichen nicht selten echte Tränen die aufgezogene Dammwand. Im Januar 2009 ist wieder so ein Tag gekommen, und Uli Hoeneß ringt mit seinen Gefühlen. Hart, nicht herzlich. 


Zwei Jahre zuvor ist er mit einer ähnlichen Situation konfrontiert. Hoeneß muss eingestehen, sich selbst und der Öffentlichkeit, dass er Sebastian Deislers Karriereende zu verhindern gesucht hatte - und daran scheiterte. Momente wie diese gehen ihm nahe, denn sie offenbaren die verwundbarste Facette des hochgejazzten PR-Erzeugnisses Profifußball: Den Menschen. 


Achillessehne, Achillesferse


Die Zeit heilt die Wunden, heißt es, doch wie soll das gehen, wenn diese ständig neu aufbrechen, zeitversetzt, verschoben? 2009 muss Uli Hoeneß wieder den starken Mann mimen, aber er war noch nie ein adäquater Schauspieler. Lieber setzt er zu einer Hommage auf den Charakterkopf an, der ihm, dem Manager, im Feilschen um die Euronoten so manch zähe Vertragsverhandlung beschert hat. Hart, irgendwie auch herzlich.


„Willy“, schluckt Hoeneß also, die Stimme brüchig, „Willy war einer der besten Transfers, die wir je gemacht haben. Ein großes Vorbild, ein perfekter Profi, ein Aushängeschild in der ganzen Welt. Der Schritt ist ein Drama.“ 


Bereits im Dezember 2008 hat Karl-Heinz Rummenigge keine guten Nachrichten zu übermitteln. Es sehe „leider nicht gut“ aus, meint der Vorstandschef, „mich würde es nicht überraschen, wenn er ganz einfach sagt, dass er nicht mehr will und kann.“ Einen Monat später will und kann Willy Sagnol tatsächlich nicht mehr, der Geist beugt sich dem Körper, alternativlos. Selbst der kühl kalkulierende Rummenigge senkt gerührt das Haupt: „Willy hat Schmerzen, egal, wie und was er trainiert. Es macht keinen Sinn mehr.“ Die Achillessehne als Achillesferse. Zum Teufel mit ihr. 


Willy Sagnol ist 31 Jahre jung und als Fußballer Geschichte. Gespannt horcht er den Worten von Uli Hoeneß auf dieser seiner Abschieds-Presserunde, „alles“ habe er probiert, sagt er dann, Ärzte in ganz Europa kontaktiert, „aber sie können mir nicht helfen. Ich würde so gerne noch ein paar Jahre Fußball spielen, Fußball ist etwas Tolles, aber nur wenn die Gesundheit da ist. Es ist die Entscheidung meines Körpers. Er kann einfach nicht mehr.“


Sein letztes Spiel für den FC Bayern bestreitet er am 10. Mai 2008 in Duisburg (3:2). Bei der anschließenden Europameisterschaft steht er für Frankreich auf dem Rasen, als Vertreter einer überholten Generation, die der Niederlande 1:4 unterliegt. Seinen ultimativ letzten Auftritt als Profifußballer hat Sagnol am 26. Juli in der Saisonvorbereitung, ein lasches 0:0 in Köln, die finalen Minuten einer glanzvollen Karriere. Kurz darauf streikt die Achillessehne, chronisch. Der Beginn einer leidvollen Odyssee. 


184 Mal läuft Sagnol in der Bundesliga für die Bayern auf, schießt in neun Jahren sieben Tore und serviert den Kollegen deren 39. Meist ist es Michael Ballack, der verstohlen in die gefährliche Zone vordringt, um die gezirkelten Flanken aus dem rechten Halbfeld zu verwerten. Bei 58 Einsätzen löffelt Sagnol die Bälle für die französische Nationalmannschaft in den Strafraum, er debütiert 2000 und wird 2006 Vize-Weltmeister - in Deutschland, seiner zweiten Heimat. Mit den Bayern holt er fünf deutsche Meisterschaften, vier Pokalsiege sowie Champions League und Weltpokal 2001. 


1990 nimmt die Laufbahn in der Talentschmiede des AS St. Etienne ihren Anfang, 1997 folgt der Wechsel ins monegassische Fürstentum. Drei Jahre, 71 Spiele, Meisterschaft 2000. Im selben Jahr locken die Bayern, weil Markus Babbel Wahl-Engländer geworden und Philipp Lahm noch ein pubertierender Teenager ist. Die Münchner suchen jemanden, der das Vakuum füllt, sie stoßen auf Willy Sagnol, einen 23-jährigen Jungspund, bezahlen stattliche 15 Millionen Mark und sollten es nicht bereuen.


Des Kaisers Kolumnen


Als der Trainer Norbert Meier einmal gefragt wird, warum sein Spieler Tobias Willi ständig mit Sprechchören gefeiert würde, da sagt Meier, „Willi“ wäre eben kompatibler als „Egon“. Vielleicht denken die Münchner Fans ähnlich, und falls nicht, macht es keinen Unterschied, denn einen Egon haben die Bayern nicht im Team. So erwacht die als Opern-Publikum verschriene Masse stets aus ihrer Lethargie, wenn sich das Geschehen auf die rechte Spielfeldseite zu verlagern scheint. Kaum berührt der Außenverteidiger mit dem Hang zur Nonchalance schließlich den Ball, legt sich ein akustisches Tiefdruckgebiet über das Stadion, das alle Sinne betäubt. Die Einlage ist immer gleich und immer schön, eine Zelebration der Gemeinschaft: Willyyyyyyyyyy. 


Rasch avanciert der Franzose zum Favorit des Volkes, obwohl sein Auftreten dann und wann ein wenig blass und bieder wirkt. Er ist entspannter als der aufbrausende Derwisch Lucio, matter als das kecke Energiebündel Hasan Salihamidzic, legerer als der eitle Mittelfeldstar Michael Ballack. Kurzum: Sagnol wird unterschätzt. Nicht unbedingt auf dem Platz, aber daneben, also dort, wo sich die Leistungsfähigkeit im Mundwerk bemisst. Ränkelspiel nennt sich das wohl, oder Streben nach Einfluss. Oder nach Geld. Jedenfalls prangert Sagnol durchaus an, was ihm nicht passt. Als etwa sein Lieblingstrainer Ottmar Hitzfeld im Mai 2004 aus dem Vertrag geschieden wird, spricht er entrüstet von „Bullshit“, so etwas gehöre sich nun wirklich nicht, und überhaupt werde er zum Vorstand gehen, um seinen Vertrag aufzulösen. Letztlich wird ihm der Gang abgenommen und dafür das Portemonnaie entlastet. Wie gesagt: Es geht ums Geld.  


Und meistens um Status. Als Oliver Kahn nach dem Champions-League-Aus 2005 gegen Chelsea dem zaudernden Sagnol das zweite Gegentor ankreidet, beklagt dieser angesäuert „Neid und Missgunst“ im Team. Als Franz Beckenbauer in seiner Funktion als allgewaltiger Boulevardflüsterer zu Hochform aufläuft und bei günstiger Gelegenheit einige weniger günstige Anmerkungen über Sagnol verliert, ist der stolze Franzose eingeschnappt. „Ich habe gelesen, dass jemand gesagt hat, es gibt zwei Beckenbauer, den Kolumnisten und den Präsidenten. Das ist wahr." Die Episode trägt sich in der 2006er Post-WM-Trägheit zu, und dieser gewisse „jemand“ ist ein 22-jähriger Mitspieler, der sich nicht scheut, dem Kaiser Paroli zu bieten. Er heißt Philipp Lahm. 


Eine Fußballmannschaft, gerade ein komplexes Ensemble wie der FC Bayern, beinhaltet eine Aggregation ausgeprägter Egoismen. Alle vereinen sich in einem gemeinsamen Ziel (das sollten sie zumindest), aber wenn es eng wird, ist sich jeder selbst der nächste. Dafür müssen Territorien abgesteckt werden, am Besten verbal. Willy Sagnol redet nie besonders laut und eindringlich, nein, er wählt seine Worte mit Bedacht. Das soll nicht bedeuten, dass er nichts zu sagen gehabt hätte, oder dass seine Äußerungen inhaltsleer gewesen wären, so wie die vielen Plattitüden, die Fußballspieler zuhauf absondern. Sagnol übt sich im dezenten Ton, aber dezidierter Form. Wahrscheinlich ist er sogar einer der heimlichen Lautsprecher bei den Bayern. Nur merkt das niemand, was an diesem französischen Singsang liegen könnte, der ja immer so putzig klingt, wenn er sich in die Auswüchse der deutschen Sprache verirrt. Damit können Gemeinheiten leicht in niedlichen Klängen verhüllt werden, ohne dass es auffällig oder gar verwerflich gewesen wäre. Clever, diese Franzosen.


„Ein FC Bayern lässt sich nicht permanent vorführen!“


Im Winter 2005/2006 spannt Sagnol den Bizeps an. Er will weg, Juventus reizt, Dolce Vita in Bella Italia. Im Grunde ist die Sache klar, eine verbindliche Zusage für Turin angeblich getätigt. Karl-Heinz Rummenigge ärgert sich über „mafiöse Methoden“, Sagnol sei zum Wechsel überredet worden, „als er noch bei uns unter Vertrag stand.“ Wo gibt es schon so etwas? 


Irgendwann erkennt der Verteidiger, dass ihm das Leben in München eigentlich ziemlich gut gefällt. Von den Mitspielern wird er gemocht, von den Bossen geschätzt, von den Fans geliebt, wobei die Kombinationen je nach Kahns Launen und kaiserlichen Kolumnen alternieren können. Trotzdem: Der FC Bayern, das ist Willys Klub - und nebenbei Verhandlungspartner in einer monatelangen Hängepartie. Uli Hoeneß und der Geschäftssinn, you remember?


Willy Sagnols Entscheidungsfreudigkeit pendelt wie die Augenpaare bei einem Tennismatch: Hin und her, hin und her, Bayern oder Juve. Da posaunt Manager Hoeneß ungewohnt offenkundig ein „Wahnsinns-Angebot“ heraus, welches die Bayern abgegeben hätten, „er wäre fast vom Hocker gefallen!“ Anfang 2006 setzt Sagnol seine Signatur unter einen neuen Vierjahresvertrag bis 2010. Er meint: „Ich war gedanklich schon bei Juve. Doch von Tag zu Tag wurde es schwieriger. Ich habe immer öfter gespürt, wie wohl ich mich in München fühle und wie wichtig die gute Beziehung zu den Kollegen, der Stadt und dem Vorstand für mich ist.“ Letzterer kleidet dieselbe Angelegenheit in persona Hoeneß so: „Ein FC Bayern lässt sich nicht permanent vorführen. Das haben wir uns was kosten lassen.“ Zwei Stühle, eine Meinung. 


Mit dem Gehaltscheck ist es jedoch nicht getan. In den Wirren jenes Winters, als die Bayern einen Ausverkauf der Spitzenspieler fürchten, fällt außerdem ein Versprechen, das Sagnol hernach als Ass im Ärmel betrachtet. Das Corpus Delicti: Ein Textil. „Beckenbauer, Hoeneß, Rummenigge und Hopfner haben gesagt, dass ich 2008 Kapitän sein werde, wenn ich meinen Vertrag verlängere.“ Die Tatsache, dass selbst Finanzfachmann Hopfner gebührenden Platz in der Auflistung erlangt, zeigt, wie ernst es Sagnol ist. „In diesem Traditionsverein wird die Kapitänsbinde nicht dem Spieler übergeben, der am meisten in der Öffentlichkeit steht“, weissagt er, „sondern dem Patron, der in der Mannschaft wirklich das Sagen hat...“


3. April 2007, Mailand


Der „Stern“ kreiert einmal die nette Umschreibung, Sagnol und die Bayern führen eine „glückliche Problembeziehung“. Wer heute, mit fast fünfjährigem Abstand, auf die bajuwarisch-französische Liaison zurückschaut, verklärt vieles ins Himmlische, das ist auch gut so - es stellt die Vergangenheit (noch) strahlender dar. Aber der Schein trügt: Sagnols Endphase in München ist von Zank durchzogen, weil sich der Verteidiger ungerecht behandelt fühlt und sich deshalb beinahe mit jedem wichtigen Vorgesetzten anlegt. Das beginnt nach der WM 2006, als die Bayern ihre Route der Identität suchen und Willy Sagnol kein Pfadfinder sein kann. Die einstmals gefürchteten Flanken finden - mangels Ballack - keinen Abnehmer, das Halbfeld verkommt zum Alibi und Franz Beckenbauer zum kritischen Kolumnisten. Den endgültigen Schwenk zum Negativen lokalisiert man detailgetreu: 3. April 2007, Mailand.


Im Hinspiel des Champions-League-Viertelfinals verletzt sich Sagnol in einem Zweikampf mit Milans Kaká schwer am Knie, Meniskus- und Knorpelschaden, sieben Monate Pause. Als er wieder den Anschluss geschafft hat, Ende November, vergönnt ihm Trainer Hitzfeld nur drei übersichtliche Einwechslungen bei den Profis. Die Amateure in der Regionalliga sind nichts für ihn, darauf beharrt Sagnol, und so liegt er plötzlich mit jenem Klub über Kreuz, den er doch so gerne als Kapitän vertreten würde. Er drängt auf einen Wechsel, je schneller, desto besser. Eine (redlich bekannte) Masche ist das nicht. Nicht mehr. Für Sagnol gilt es auszuloten, wie es um das Standing bestellt ist. Galionsfigur oder Bankdrücker?


Ottmar Hitzfeld, der alte Diplomat, müht sich zu beschwichtigen: „Er hat viel für den FC Bayern geleistet." Uli Hoeneß setzt die Abteilung Wonne hingegen außer Betrieb: „Hier bricht nichts zusammen, wenn ein, zwei Spieler gehen.“ Die Debatten über Sagnols Fitnesszustand drücken auf die Stimmung. „Ich bin in einem Loch und niemand will mich da rausholen“, winselt der Franzose gekränkt. 


2008 beendet Kapitän Oliver Kahn seine Karriere. Sagnol wird nicht sein Nachfolger. Im März erleidet er einen Bandscheibenvorfall, der nächste Rückschlag. Dann befördert Neu-Coach Jürgen Klinsmann Mark van Bommel zum Spielführer. Am 26. Juli läuft Sagnol in Köln auf, schlägt ein paar nicht sonderlich brauchbare Flanken und muss bald darauf an der maladen Achillessehne operiert werden. Das Ende. 


Mann mit Prinzipien


Willy Sagnol mag eigen gewesen sein, vielleicht ein wenig verschlossen, sicher kauzig. Doch wer sieben Jahre einen Mehmet Scholl in der Truppe hat, muss zwangsläufig abgehärtet sein, was den Humor betrifft. Mit Vergnügen erinnert sich Scholl an Anekdoten. „Willy hat mal in Stuttgart zum Markus Merk gesagt: ,Schiri, wir wechseln.' Der schaut raus und sagt: ,Da steht ja keiner.' Der Willy: ,Nee, wir wechseln dich!' Das vergisst du nicht.“


Inzwischen ist Sagnol 36, die Schläfen schimmern leicht gräulich, die Wangen sind fülliger geworden. Einen Tick. 2008 heiratet er seine zweite Frau Gwen, eine ehemalige Bayern-Angestellte. Vierfacher Vater ist der Franzose, zwei Kinder stammen aus der ersten Ehe. Nach dem Abschied 2009 macht er eine Ausbildung zum Sport-Generalmanager, fungiert als Fernsehexperte bei Canal+ und wird 2010 Aufsichtsrat von St. Etienne. „Willy ist ein intelligenter Bursche, der in der Lage ist, querzudenken und einen Verein konstruktiv zu führen. Er hat Prinzipien und kann auch furchtbar stur sein.“ Sagt: Uli Hoeneß. Einer, der es wissen muss. 


Von 2011 bis 2013 arbeitet Sagnol als Sportdirektor beim französischen Fußballverband. Seit diesem Juni trainiert er die U 21-Nationalmannschaft, und er tut dies mit straff geflochtener Leitschnur: Disziplin nach bewährter Schule. „Als junger Spieler neigte auch ich dazu, locker, lässig und bequem zu sein“, gesteht Sagnol. „Das hat sich in Deutschland grundlegend geändert. In mir steckt eine Menge Ottmar Hitzfeld, ich habe immer bewundert, wie er mit den vielen großen Stars umgegangen ist. Ich habe im Nachhinein nie einen Spieler gehört, der negativ über Ottmar Hitzfeld geredet hat. Für mich war er der beste Trainer, mit dem ich zusammengearbeitet habe." Längst sind die Differenzen ausgeräumt, Willy Sagnol gehört zum festen Kreis der Bayern-Familie - als Legende. Genau wie Landsmann Bixente Lizarazu, fünfeinhalb Jahre das Pendant der französischen Flügelzange. 


„Ich gehe jetzt weg, aber...“


Für Melancholie sind die gemeinen menschlichen Abwehrkräfte nicht ausgelegt. Deshalb kämpft Uli Hoeneß ganz sicher mit seinen Emotionen, damals beim Adieu, als Willy Sagnol die Schlussworte spricht: „Ich nehme aus meinen Jahren hier so viele gute Erinnerungen mit. Die Beziehung zum FC Bayern war für mich nicht nur geschäftlich, sondern auch menschlich besonders. Ich gehe jetzt weg, aber mein Herz bleibt hier.“


Die Rufe werden nachhallen.


Willyyyyyyyyyy.