24 Wie kannst Du nur?

 

Ich muss es sagen, wie es ist: Sportlich gesehen war das eine beschissene Woche für mich. Und eigentlich habe ich auch gar keine Lust, hier den prächtig aufgelegten Strahlemann zu spielen. Denn das wäre nichts außer purer Heuchelei. Branchenüblich ja, Charakter-kompatibel nein.  

 

Fußball mies, Formel 1 noch übler. Entweder ich lasse mich über die Negativerlebnisse der letzten Tage aus oder richte den Fokus auf andere Sportarten. Wie wär`s zum Beispiel mit Golf? Soweit ich das mitbekommen habe, stieg vor kurzem der Ryder Cup, und der deutsche Martin Kaymer hat anscheinend irgendwas für die Europäer rausgerissen. Da könnte man doch sicher Spezifischeres drüber sagen. Aber anderseits erinnere ich mich an weise Worte des großen Philosophen Mehmet Scholl, der mit Golf nicht allzu viel anzufangen weiß. So deute ich jedenfalls einen berühmten Ausspruch: „Erstens ist das für mich kein Sport, und zweitens habe ich noch regelmäßig Sex.“ 

 

Der Mehmet zählte immer zu meinen Lieblingen, ihm widerspreche ich höchst ungern. Vielleicht sollten wir uns dem American Football widmen. In Denver begegneten sich ja vorgestern die Oakland Obamas und die Romney Raiders zum mit Spannung erwarteten Showdown...

 

Ach, es hilft ja nichts. Der FC Bayern hört zum Saisonende auf, und Michael Schumacher blamiert sich bei BATE Borisov. Nein, Moment, andersrum. Ich bin schon ganz verwirrt. Zutiefst traurig sowieso. Alles Schlechte kam auf einmal. 

 

Was soll ich denn ab März 2013 bitteschön sonntags um 14 Uhr machen, wenn kein Schumi mehr dabei ist? Wie kann er nur? Der weiß gar nicht, was er mir antut. Ohne ihn ist Formel 1 für mich nichts als sinnloses im-Kreis-fahren und noch sinnloseres Sprit-verbrennen. Ohne ihn verspüre ich nichts, fühle ich nichts, verbindet mich nichts mit dieser Serie. Allein seine Anwesenheit machte es für mich aus. Dabei bin ich felsenfest davon überzeugt, dass er mit einem halbwegs gescheiten Auto nach wie vor gewinnen könnte, Schrägstrich würde können, Schrägstrich hätte können. Doch in drei Jahren war der Weltkonzern Mercedes nicht fähig, brauchbares Material hinzustellen. Der Stern verblasste nichtmal zur Sternschnuppe, sondern mutierte gleich in ein unmittelbares Himmelfahrtskommando. Schumachers fehlende Motivation hat Gründe, die silbern sind.




















Mir tut sein Rücktritt weh. Das sportliche Idol meiner Kindheit verabschiedet sich endgültig in die Erinnerung, und ein angemessener Ersatz-Heiliger ist weit und breiter keiner in Sicht. Wenigstens kann ich für alle Zeit behaupten, bei Schumis letztem Europa-Rennen live dabei gewesen zu sein. In Monza. Das war episch. 

 

Weil die Sonntage künftig versaut sind, müsste man sich mit voller Konzentration auf das samstägliche Gekicke stürzen. Doch wenn unser Rekordmeister so weiterspielt wie am Dienstag in Weißrussland, gibt es auch da verlockendere Vorstellungen. Ausgekontert auf dem Platz, zerstritten daneben. Was macht Hoffnung gegen Hoffenheim? Müssen wir schon auf die rasche Genesung von Gomez bauen? Ich weiß es nicht. Mein seelisches Trümmerfeld macht konstruktiv-gehaltvolle Antworten heute unmöglich. 

 

Es war die Woche der Abschiedsankündigungen großer deutscher Sportler mit Vornamen Michael. Neben Schumacher verabschiedete sich auch Ballack in den Fußballer-Ruhestand. Doch obwohl er unter anderem vier Jahre für die Bayern köpfte, grätschte, meckerte, habe ich diese Nachricht allein zur Kenntnis genommen. Vergleichbare Wehmut kam nicht auf. Harald Schmidt erklärte gewohnt sachlich, warum: „Michael Ballack hat seinen Rücktritt erklärt. Viele fragen sich: Wovon eigentlich?“


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-> Schaut doch auch mal auf der Startseite vorbei. Dort handelt die neue Rubrik "Liebes Tagebuch,..." im Eintrag vom 03.10. von der Borisov-Pleite - aus einem etwas anderem Blickwinkel. 

 

Oktober 2012