3 Weiter, nicht mehr weiter

 


Februar 2014. Aus und vorbei: Martin Schmitt hat seine letzte und wichtigste Landung gemeistert. Mit starken Haltungsnoten. 17 Jahre prägte er das Skispringen, auch wenn die greifbaren Erfolge lange zurückliegen. Trotzdem - oder gerade deswegen - verliert der Sport einen seiner ganz Großen. 

 

Sprachbilder sind etwas Wundersames. Sie helfen, sich Vorgänge zu visualisieren, indem vor dem geistigen Auge entsprechende Ereignisse ablaufen. Das erfüllt statische Handlungen mit etwas Fassbarem. Vor allem im Sport bieten die Prozesse aus Einsatz und Emotion ein breitgefächertes Spektrum dieser Art. Und so verwundert es nicht, dass beim Skispringer Martin Schmitt häufig das Sprachbild vom Absprung bemüht wurde, den er verpasst zu haben schien. In der immer wieder neuen Konfrontation am Schanzentisch - und gemünzt auf seine Karriere.  

 

Jetzt hat Schmitt den Absprung getroffen. Weder zu spät noch zu früh, sondern punktgenau. Glaubt er. Der Schwarzwälder, der um die Jahrtausendwende zum größten Popstar des Wintersports avanciert war, will nicht mehr. Kann nicht mehr. Springt nicht mehr. 

 

Werte, keine Statistiken 

 

Der 1. März 2002 war ein herkömmlicher Freitag. Wer im Archiv kramt, stößt auf Schlagzeilen der „FAZ“, die verdeutlichen, wie viel seitdem passiert ist. Oder auch nicht.„Schröder wirft Union Machtgier vor.“ - „Smartphones: Hoffnungsvolle Alleskönner.“ - „Politiker in der Wirtschaft - ein Ausflug in unbekanntes Gebiet.“ Die Themen im Sport: „Doping - verdächtige Utensilien.“ - „Dortmunder Nachdenklichkeit nach Nullnummer.“ Sowie eine Meldung aus dem finnischen Lathi, wo ein Skisprungbewerb über die Bühne gegangen war. „Sieg für Schmitt: Bin erleichtert.“

 

Martin Schmitt hatte seinen 28. Wettkampf gewonnen. Mit 24 war er bereits Weltmeister, Gesamtweltcupsieger, Olympiasieger. Ein Athlet in der Blüte seiner Schaffenskraft, der, so dachte man, das Beste noch vor sich hatte.

 

Fast zwölf Jahre später hat Schmitt, 36, seinen finalen Telemark gesetzt. Rein äußerlich hat sich wenig verändert zu den Phasen, als er der Dominator war. Die lila Mütze sitzt perfekt und wie festgezurrt auf dem pechschwarzen Haar, Die schlaksige, fast dürre Anatomie des Körpers wurde durch die engmaschigen Regularien der Springerei getrimmt, ein unvermeidlicher, manchmal ermüdender Zwang. Lächelt Schmitt, zeigen ein paar Falten um die Augen, dass sich die Welt nach Lathi 2002 weitergedreht hat. Er hat oft gelächelt in der vergangenen Dekade, obwohl keine neuen Siege hinzugekommen sind, wenigstens keine, die in Statistiken auftauchen. Sympathie, Ansehen, Popularität, auch Bescheidenheit und Fairness, all diese Werte können nicht in Zahlen und Punkten definiert werden. Dabei bedeuten sie so viel mehr als Pokale oder Medaillen.

 

Mit den materiellen Auszeichnungen seines Sports wurde Martin Schmitt in seinen Anfangsjahren überhäuft. Als 20-jähriger thronte er 1998 erstmals über der Konkurrenz. Gemeinsam mit Sven Hannawald war Schmitt das Zugpferd einer goldenen Skisprung-Epoche, die Fans zu Groupies werden ließ. Junge Mädchen trugen lila Kappen und hielten Schilder in die Höhe, auf denen eindeutige Botschaften standen. Sie drängelten sich im Auslauf der Schanzen, schrieen und kreischten. Ab und zu weinten sie. 

 

Martin Schmitt war ein Teenie-Idol.

 

Er hat die Liebkosungen der zahlreichen Anhänger nicht forciert, badete nie im Pool des Glitzers und Glamours. Er kostete den süßen Nektar der Werbebranche aus, klar, wer würde seine Außenwirkung nicht in Bares verwandeln wollen? Die ganze Skisprung-Szene war urplötzlich abgehoben, wie auf einer Wolke schwebend, wegen dem „Hanni“ und dem Martin und der Siegesflut. Es waren Begleiterscheinungen eines Booms, der bis heute nicht recht zu erklären ist. RTL schickte Günther Jauch in den Schnee und wurde mit Einschaltquoten in zweistelligen Millionenbereichen belohnt. Zu Beginn des Jahrtausends nahm das Skispringen eine Biege in bis dahin unbekannte Sphären. Als irgendwann, ironischerweise ebenso rasant wie unerwartet, die deutschen Erfolge ausblieben, verlor der Privatsender wieder die Lust. Aber unter dem Strich katapultierte die neue deutsche Welle den Sprungzirkus in den frühen 00er Jahren auf ein höheres Level, von dem er bis heute zehrt. 

 

Natürlich sind die damaligen Groupies älter geworden. Und doch pilgerten auch in der Neuzeit Tausende an die Schanzen, um Schmitt fliegen zu sehen. Das Schauspiel war zumeist von kurzer Dauer, der turnusmäßige wie universell einsetzbare Schlachtruf „ZIIIIIIIIIIIIIIEH“ blieb den Zuschauern im Halse stecken. Zynisch gesagt, zog Schmitt durchaus noch - aber nurmehr die Massen an. Erst hatte der Körper gestreikt, dann der Geist. Aus dem juvenilen Überflieger war ein Grübler geworden, den technische Anforderungen, Materialumstellungen und Regeländerungen aus der Spur geworfen hatten. Einzige Konstante war die Zuneigung des Volkes.  

 

Bewunderns - oder bemitleidenswert?

 

Der Fußballphilosoph Oliver Kahn hat einstmals diesen markanten Aphorismus geprägt: „Weiter, immer weiter.“ Kahn war ein Besessener, trachtete mit jeder Faser nach dem Sieg, bis zur letzten Sekunde. Es ist nicht überliefert, ob der manische Torsteher den sensiblen Skispringer inspiriert hätte. Die Wahrscheinlichkeit ist eher gering, trotzdem adaptierte Schmitt in gewisser Weise das Motto des Titanen: Er sprang einfach weiter. Immer weiter. Durch alle Täler der Aussichtslosigkeit. Durch Blätterwälder voller Kritik und Abgesänge. Der Weltspitze hinterher, nicht selten den eigenen Teamkameraden, kopfschüttelnden Experten, enttäuschten Fans. „Martin hat nie Zweifel an sich herangelassen, auch wenn die halbe Nation dachte, er solle endlich aufhören", berichtet Sven Hannawald, der bereits 2004 den Dienst quittiert hatte. Schmitt sprang weiter. 

 

Und dann gab es jene Momente, in denen sich alles auszuzahlen schien: Silber bei der WM 2005 in Oberstdorf. Vize-Weltmeister 2009 in Liberec. Zuvor Vierter bei der Tournee, ein bärenstarker Winter 2008/2009, den Schmitt als Sechster abschloss. Das weckte Hoffnung; sie verwelkte, als sich herausstellte, dass es ein Strohfeuer war, keine dauerhafte Rückkehr in die Elite. 

 

Bei Olympia 2010 bekam Schmitt seinen letzten großen Auftritt. Silber mit der Mannschaft. Spätestens in den Folgejahren aber wurde er, inzwischen in den Dreißigern, zusehends mit Skepsis beäugt. Man schwankte, ob diese surreale Ausdauer nun bewunderns - oder bemitleidenswert war. Der blasse Mann mit dem lila Helm stürzte sich wie eh und je die steilen Anläufe dieses Weltcupwinters hinab, breitete die Ski gekonnt zum V-Stil aus - und landete hart. Martin Schmitt sprang noch immer weiter, ja. Aber er sprang nicht mehr weiter - als andere -, und irgendwann wurde das zum Problem. 

 

Vielleicht war es das Diktat der Sponsoren, welches ein überstürztes Ende verhinderte. Doch dann müsste man sich fragen, welchen Werbewert einer hat, der nur noch dabei ist, weil er nicht anders kann und nicht anders darf. Es muss tatsächlich diese unbedingte Leidenschaft für seinen Sport gewesen sein, für das Segeln auf Windpolstern. Man kann diese Sucht ja nicht nachvollziehen. Welcher Normalsterbliche schnallt sich zwei dünne Bretter an die Füße, klettert auf einen Berg von beträchtlicher Montur und gleitet in todesmutiger Manier in die Tiefe? Um, kaum heil angekommen, erneut den Gipfel zu erklimmen und zu versuchen, einige Weitenmeter herauszuquetschen? Es ist ein ewiger Kreislauf. Hoch und nieder, immer wieder. Das müssen Verrückte sein. 

 

Vermutlich ist es dieses Gefühl, diese Sehnsucht des Fliegens, die den Menschen schon immer angetrieben hat. Frei zu sein wie ein Vogel, wie ein Adler der Lüfte. 

 

Der letzte Motivationsstern am Horizont

 

Als Martin Schmitt bei der Vierschanzentournee 2013/2014 nicht über die Ränge 36 und 27 hinauskam, dämmerte ihm, dass er sein letztes, wirklich allerletztes Ziel verfehlen würde. Er wollte noch einmal zu Olympia, Sotschi flimmerte als Motivationsstern am Horizont. In Garmisch-Partenkirchen wusste Schmitt, wie sich die Dinge darstellen, da ist er Realist. „Ich habe alles versucht“, sagte er bei seiner Abschieds-Pressekonferenz, „doch dafür reicht es nicht. Andere sind besser.“ Der Antrieb war verloren und die Aussichten ebenso. Bei den obligatorischen Interviews in Garmisch war sein Lächeln gequält, aber aufrichtig, so wie immer. Im Stadion erhielt er den meisten Applaus der Deutschen, so wie immer, und anschließend schrieb er die meisten Autogramme - wie immer.  

 

Und dann merkte man, was fehlen wird ohne den aktiven Leistungssportler Martin Schmitt: Die Symbolfigur eines irrwitzigen Sports, den man als Außenstehender nicht begreifen wird - der aber das Glück hatte, ein Aushängeschild zu besitzen. So viele sind davon nicht mehr übrig.