23 Entweder, oder...


- August 2013 - 


Eine Woche noch bis zum Bundesligastart. Wer nicht mehr warten will, liest hier, was sich in der Hinrunde so ereignen wird. (Ähnlichkeiten zu natürlichen Personen ergeben sich rein zufällig)


1. Spieltag

Die Strahlkraft des FC Bayern München blendet die unscheinbaren Überbleibsel der Liga so dermaßen, dass die restlichen Partien abgesagt werden - zu viel Lux-us kann schädlich sein, argumentiert die DFL. Prompt verpatzt der Champions-League-Sieger die Ouvertüre gegen Gladbach. Der auf den letzten Drücker verpflichtete Arie van Lent schießt das 1:0-Siegtor für die kecken Gäste. Eine Sensation. Neu-Messias Pep Guardiola weigert sich, die Pleite ausschließlich an Stefan Effenberg festzumachen, stattdessen ist es die kreative Armut im Mittelfeld, die ihn besorgt. Pep packt das Übel bei der Wurzel und postuliert Qualitätsspieler für den ausgezehrten Kader: „Ich will Bale oder nix!“ Rummenigge versteht „Ballack“, handelt sich jedoch eine Abfuhr ein, weil Philipp Lahm die Kapitänsbinde nicht herausrücken will.


2. Spieltag

Dortmund empfängt Braunschweig. Marcel Reif zieht sich beim Versuch, die wirbelnde Angriffsreihe der Borussia simultan zu begleiten, eine schmerzhafte Zerrung der Zunge zu und muss mit der Bahre abtransportiert werden. In den sozialen Netzwerken heulen Reifs Anhänger gepeinigt auf. Aus Respekt vor ihrem Lieblingskommentator wollen sie die BVB- Führung zum Kauf der Spieler Jewhen Tscheberjatschko, Avdija Vršajević und Wladislaw Kalitwinzew bewegen, blasen die Petition nach der Bekanntgabe, dass Béla Réthy für Reif in die Bresche springt, allerdings „aus Gründen der Pietät“ ab. Verständlich.

Braunschweig, ein Verein mit Tradition. Durch die 1:6-Niederlage und Tabellenplatz 18 sitzen sie den Bayern (17.) wie zu besten Zeiten im Nacken. Das altbekannte Motto des Aufsteigers: Jäger-Meister. Derweil verlegt Guardiola die Trainingseinheiten in das lokale Forschungslabor, wo er geeignetere Bedingungen für seine Experimente vorzufinden vermutet.


3. Spieltag

Erst Oka furt. Jetzt Frankfurt. Dafür Furtwängler da. Auf der Tribüne. Ehrengastbereich. Tatort Stadion, brutalste Sorte. Zum Glück ist das Spiel von Eintracht geprägt. Ausschließlich. Beide Teams mit Alibi. 0:0. Zeugen gesucht.


4. Spieltag

Der in einem Monat schon zweimal suspendierte Marko Arnautovic schwört, nie wieder negativ aufzufallen und hält dieses Vorhaben konsequent durch - bis zur Eskapade in der übernächsten Woche. Künstlerpech.

Hertha BSC Berlin wird die Bundesliga-Allergie einfach nicht los. Vier Spiele, acht Punkte, schlimmer geht‘s nimmer, ächzt die Chef-Etage, deren Geduldsfaden mit dem chronisch erfolglosen Jos Luhukay zum Zerreißen gespannt ist. Noch rettet ihn ein knappes 4:1 bei den Wolfsburger Millionarios. Wie gesagt: Noch.


5. Spieltag

Nach dem wenig erheiternden 6:0 gegen Hannover kreiert Revoluzzer Guardiola eine zukunftsträchtige, bisher nie implementierte taktische Variante. Vereinsvertreter aus aller Welt bitten um Asyl, als Pep ein Kettenglied aus der Abwehr entrückt und dahinter platziert. Zweieinhalb Stunden doziert er über den gewollten Umsturz, über Fußball 3000, über den sogenannten „freien Mann“, den er „Libero“ nennen wird. Silentium und Andacht breiten sich über dem Vereinsgelände an der Säbener Straße aus, und der hyperventilierende Christian Ortlepp berichtet für Sport1, wie Guardiola die Füße gewaschen werden, während Jünger Weihrauch das Leitmotiv „Nomen est Omen“ befolgt. Spirituelle Szenen.


6. Spieltag

Hertha BSC schafft bei Tabellenführer Freiburg bloß ein 2:2, wobei sie vom Schiedsrichter krass benachteiligt werden. „Jos Luhukay genießt unser vollstes Vertrauen“, pinocchiot Manager Preetz. Zu Wochenmitte verschicken die Berliner dann fleißig Pressekärtchen: Die Partie in Freiburg, ist dort zu lesen, stehe leider sinnbildlich dafür, dass Luhukay die Mannschaft nicht mehr erreiche. Ein Nachfolger sei bereits gefunden und installiert. Dabei handle es sich um einen Mann mit großer Erfahrung und nicht minder vorzeigbarer Expertise, der sich in Berlin bereits eingearbeitet hätte: Hartmut Mehdorn soll mit der Hertha in höhere Gefilde gleiten. Ohne Landeerlaubnis.

Damit die Komplexität seiner Übungen leichter erfasst werden kann, schreibt Guardiola seine Mannschaft an der Uni ein. Die Vorträge hält er selbst. Nutzen: Na ja. Das 7:0 auf Schalke ist ein klarer Rückschritt in Relation zum 9:0 über Hannover. Matthias Sammer kommt die Galle hoch: „Lätschert!“

Leverkusen spielt 1:1 gegen Mainz, wird in der „Sportschau“ noch vor der zweiten Liga gezeigt, und Rudi Wüterich motzt: „Unsere Leistungen werden nicht genügend wertgeschätzt!“


7. Spieltag

Bei BVB-Stürmer Aubameyang - Rufname „Obama“ - hapert es mit der Eingewöhnung. Ein Fall für Empathie-und Politik-Genie Aki Watzke, der gerne mit Rat und Tat zur Seite steht. Damit sich Obama wohler fühlt, holt Watzke den ehemaligen Schalker Lincoln, den ehemaligen Wolfsburger Kennedy sowie den ehemaligen DSF-ler Bus(c)hmann für die PR-Schiene. Hilft alles nichts, denn Dortmund wird von der überschäumenden Erwartungshaltung eingeseift. Wen kümmert ein 5:1 über Manchester United in der Champions League, wenn man in der Liga hinterher hechelt? Sieben Spiele, ein Punkt Abstand zu Bayern (plus das schlechtere Torverhältnis), da schlüpft Jürgen Klopp nach James Bond und Robin Hood in das nächste freiliegende Kostüm - jenes von Christian-wir-sind-klein-Streich, seines Zeichens Spitzenreiter.


8. Spieltag

Sprintwunder Rafael van der Vaart läuft die 100 Meter inzwischen in 23,2 Sekunden. Aufkeimende Kritik wird energisch zurückgewiesen. „Liebe geht eben durch den Magen“, verteidigt sich der Bräutigam in spe. Kleiner Schönheitsfehler: Das Punktekonto des HSV ist nicht annähernd so aufgebläht. Gemüse-Gourmet Fink und seine kalorienarmen Hamburger verlieren 1:2 bei den Nürnberger Rostbratwürstchen.

Im Westen nichts Neues: Jens Keller hat mehr Stirnfalten als Bundesligapunkte. Zauberlehrling Draxler verbirgt seine Kronjuwelen zu oft hinter Schloss und Kinderriegel. Erschwerend kommt hinzu, dass ihm eine boulevardeske Nähe zum Sportchef der BILD-Zeitung angedichtet wird. Das hemmt. Augsburg lässt im Pott die Puppen tanzen.


9. Spieltag

Pep probt den Aufstand. Weil seine Mannschaft noch immer meilenweit davon entfernt ist, die abstrakte Philosophie ihres obersten Gelehrten auf‘s Feld zu bringen - in 90 Minuten wird sieben Mal (!) nicht die One-Touch-Marschroute eingehalten -, sieht sich der Coach zum Handeln gezwungen. Die Analyse des 8:0 gegen Mainz offenbart frappierend die Schwachpunkte des selbsternannten Meisterschaftsfavoriten. Variabilität, Flexibilität, Pubertät, die Liste ist lang und Dreifachtorschütze Götze nicht ins System integriert. Logisch, dass Guardiola um die Konkurrenzfähigkeit bangt, gerade kurzfristig. So sagt er, was er sagen muss: „Ich will Özil oder nix!“ Pep - ein Mann mit Prinzipien.


10. Spieltag

Hoffenheimer Manieren: Sie benennen den Spieluntergrund nach ihrer Vereinsikone. Ein gönnerhafter Zug, aber so ist das eben mit dem Apfel, der vom Stamm herabfällt und auf (der) Wiese landet. Es winkt die Champions League.

Zehn Spiele ohne Sieg werden Jens Keller zum Verhängnis. BILD wusste drei Tage vorher über Vertrags - und Abfindungsmodalitäten Bescheid, konnte sich auf dubiose amerikanische Quellen berufen. Als der Geschasste mit der charakteristischen Jens-Keller-Miene die Biege macht, ist das schon wieder Snow-den von gestern...

Leverkusen trennt sich von Augsburg mit einem torlosen Remis, wird in der „Sportschau“ noch vor der dritten Liga gezeigt, und Stefan Kießling klagt: „Wir erhalten nicht die Wertschätzung, die wir verdienen!“


11. Spieltag

Ein desillusionierter Guardiola grübelt erstmals, ob er der richtige Mann am falschen Ort ist. Zwar hat er sich mit den hiesigen Essgewohnheiten arrangiert und parliert mittlerweile im urigsten Bayerisch („I mog an Obatzdn oder nix“), doch die sportliche Bilanz ist ernüchternd. Indiskutable vier Mal überquert der Gegner die Mittellinie - mit Ball! Zudem genügt eine schlampige Passquote von 94,3 Prozent keinesfalls den hehren Ansprüchen des FC Bayern. Perfektionist Pep schickt seine Spieler folgerichtig zum Einwohnermeldeamt - Anschauungsunterricht erster Güte, schließlich verstehen sie auf der Behörde etwas davon, einen Pass an den Mann zu bringen. Wenn da nur nicht dieses laxe Tempo wäre...


12. Spieltag

Externe Hilfestellung benötigt man auch in Dortmund. Robert Lewandowski weint sich täglich in den Schlaf (mit rot-weißem Pyjama), will nicht mehr essen und trinken. Roman Weidenfeller weist eine kicker-Durchschnittsnote von 1,0 auf, Jogi Löw aber präferiert die hoffnungsvollen Talente Timo H. und Tim W. (Namen der Redaktion bekannt). Borussias Seelenklempner haben Lecks zu stopfen.

Da die Formel-1-Saison überraschenderweise im November endet, stellt RTL seine Fähigkeiten mit debilem Wettbieten um Bundesligarechte unter Beweis - die Kölner sind auf den Geschmack gekommen. Der leidgeprüfte Zuschauer übrigens nicht. Tatsächlich krallt sich RTL an Deutschlands liebstem Kind fest, und das ist für einmal nicht der verzogene Bengel aus dem Nachmittagsprogramm. Erstes Spiel ist das rassige Südwest-Derby Freiburg - Stuttgart. Als es in der 85. Minute Strafstoß gibt (für wen, ist irrelevant), schaltet der Kommentator geschwind und prustet: „Eine gute Gelegenheit für unseren letzten Boxenstopp!“ Die Radmutter klemmt.


13. Spieltag

Der FC Bayern steckt in der Krise. In der Champions League steht das Vorrücken ins Achtelfinale erst nach dem vierten von sechs Spielen fest, im DFB-Pokal müht man sich bei einem unterklassigen westfälischen Verein (FC Gelsenkirchen von 1904) zu einem schlappen 5:0. Immerhin erfährt das lästige Tagesgeschäft Bundesliga eine gewisse mediale Aufwartung, die neu ist für diese Branche. Rund um die Begegnung in Dortmund landet das digitale Raumschiff auf deutschem Boden. Sky, Premium-Fernsehen der ersten Stunde, reagiert auf die Invasion und bietet dem Konsumenten das, was er an Hintergrundinformationen wissen muss. Der Sky-Sport-News-HD-Reporter meldet sich am frühen Samstagmorgen live aus Jürgen Klopps Badezimmer, wo er mit geschultem Auge schildert, wie sich der BVB-Coach die Nasenhaare zurechtstutzt. Kurz vor dem Anstoß kapituliert der DFL-Server wegen Überlastung. Die Verbindung zur Außenwelt wird gekappt, das Endergebnis des Spiels bleibt verschollen. 


14. Spieltag

Nichts als Stückwerk in München: Pep beginnt an seinem lernunfähigen Haufen zu verzweifeln. Alles, was er ihnen beibringen will, hört sich für die Belegschaft irgendwie spanisch an. Und mit limitiertem Material, speziell im Offensivbereich, werden auch einem Überirdischen die Hände in Fesseln gelegt. Dass der FC Bayern gegen Braunschweig zweistellig gewinnt, wird da schnell zur Nebensache. „Ich will Fabregas oder nix“, erklärt Guardiola seinem Frisuren-Freund Sammer. Der nickt die Personalie stumm ab, weiß um deren Dringlichkeit. Zwei, die sich verstehen.

Leverkusen unterliegt Nürnberg vor 9.513 Zuschauern mit 0:2, wird gar nicht in der „Sportschau“, sondern nur noch in den dritten Programmen gezeigt, und Wolfgang Holzhäuser wolfgangholzhäusert: „Ich vermisse die Wertschätzung für Bayer 04!“


15. Spieltag

Hach, schön war die Zeit. 14 Jahre räsonierte Thomas Schaaf in ausschweifenden Monologen über den Fußballsport im Allgemeinen und Werder Bremen im Besonderen. Robin Dutt, ein Nostalgiker vor dem Herrn, hätte dem Werder-Rekord-Stoiker gefährlich werden können - wäre da nicht dieses verflixte 15. Spiel gewesen. Werders Deichbruch entfacht eine neue Fluktuation auf der rautenförmigen Trainerbank.

Hoffenheim ist am Ziel der Träume angelangt. Ihr Image hat eine Drehung um 180 Grad genommen. Wenn nicht sogar um das Doppelte. War zuvor diabolisch vom Chaos-Klub die Rede, sind sie inzwischen nur noch langweilig. Spätestens das gruselige 4:4 in Frankfurt vergrätzt die Treuesten der Treuen - für die kommende Auswährtsfahrt wird eiligst das gesamte Kontingent zurückgegeben. Alle acht Karten.

RTL überträgt den Klassiker Nürnberg - Mainz (1:0) und wundert sich, warum niemand mit Champagner spritzt. Es gibt ja einen Sieger... Komisch.


16. Spieltag

Mario Götze interpretiert die „falsche Neun“ nach Herzenslust. Nicht nur die Bayern in persona Sammer („Das war okay“) schrauben ekstatisch am Endorphine-Hahn. Die Position passe wie die Faust auf‘s Auge, meinen sie in einer Stadt, wo die Attribute „Götze“ und „falsch“ in einem sich überlappenden Verhältnis stehen. Claudio Pizarro nutzt die Partie gegen den HSV, um sich im Ranking der treffsichersten Ausländer in der Liga-Geschichte uneinholbar abzusetzen.

Nicht so üppig war im Sommer und Herbst die Beute des Wolfsrudels geraten. Angesichts der Ressourcenknappheit galt es, behutsam über die eiserne Reserve zu verfügen. Dafür findet der VfL im Winter Korn. 1:0 gegen Stuttgart, Torschütze Andrzej Juskowiak. Geht doch.


17. Spieltag

Bruch-, äh Autopilot Mehdorn und Stewardess Preetz steuern ihre Propellermaschine durch jegliche Turbulenzen. Zwei Punkte seit September verdeutlichen den stets freundlichen Service an Bord. Auf dem Dortmunder (Roll-)Feld gelingt selbst dem blinden Passagier Lewandowski ein rarer Torerfolg - sein Airster in dieser Saison.

Apropos: Weil der FC Bayern entgegen dem eigenen Selbstverständnis nicht schon zum Hinrundenfinale als Meister feststeht, wird die Luft für Pep dünner und dünner. Der Coach, alles andere als ein Gaudi-ola, solidarisiert sich zum Weihnachtsfest mit seinem Präsidenten: Fortan arbeitet er „auf Bewährung“.