Interview - Mittermeiers Sportblog

Vorbild Gangnam Style


- Januar 2013 -

 

Draußen toben die Schneeflöckchen Weißröckchen. Drinnen lodert das Feuer. Johannes Mittermeier trifft Mittermeiers Sportblog zum lauschigen Kamingespräch. Eine Unterhaltung über Schizophrenie, vergebliche Mühen, die überflüssige Kommentarfunktion, visionäre Gedanken sowie eine bisher unbekannte Facette: Das Politiker-Phänomen. 

 

Mittermeiers Sportblog, vielen Dank, dass Sie sich etwas Zeit für eine verspätete Neujahrsansprache nehmen.


Mittermeiers Sportblog: Gerne. Aber bevor wir starten: Wollen wir uns nicht duzen? Ich meine, wir sind ein und dieselbe Person, nur gerade auf verschiedenen Ebenen unterwegs. Das förmliche „Sie“ wirkt da ein wenig fehl am Platz.


Das sehe ich offen gestanden anders. Ein kumpelhaftes „Du“ würde die notwendige journalistische Distanz vermissen lassen.


Jetzt spiel‘ dich bitte nicht so auf. Ohne mich hättest du gar keinen, mit dem du ein Interview führen kannst.

 

Und Sie hätten keinen, der Sie interviewt. Was nicht verwundert bei der Belanglosigkeit Ihrer Person. (räuspert sich)

 

Du willst ein Gespräch gekränkter Eitelkeiten? Nagut, dann behalten wir es so bei. Du siezt mich, und ich duze dich. Das soll zwischen Fußballtrainer und Fußballspieler ja ebenfalls vorkommen.

 

Außer bei Löw und Podolski.

 

Die siezen sich beide?

 

Sie duzen sich beide.

 

Ach ja, die Rede war von Podolski.

 

„Bisher 0 Kommentare. Sei der Erste, der diesen Artikel kommentiert“

 

Lassen Sie uns also endlich anfangen. Der Status quo kann Sie keineswegs mit Stolz erfüllen: Mittermeiers Sportblog war noch immer nicht bei Jauch zu Gast, erreicht bei repräsentativen Befragungen deutscher Bundesbürger kümmerliche 89 Prozent Bekanntheit und wurde nach wie vor nicht von BILD zitiert. Kurzum: Ein Armutszeugnis, Ihre Homepage. 

 

Das ist korrekt. Fakten kann man eben nicht leugnen. Selbst der Jahresumsatz liegt im bescheidenen dreistelligen Millionenbereich. Keine Frage, da ist viel Luft nach oben.

 

Auf mich persönlich vermittelt der Blog den Eindruck, alles sei übertrieben, überheblich, überreizt. Ich kenne Sie doch ein bisschen näher. Sie sind kein Aufschneider, eher jemand der leisen und bedachten Töne, und gäbe es einen gegensätzlichen Ausdruck zu „Selbstdarsteller“, dann stünde Ihr Name als ein Synonym parat. Grenzt die reißerische Blog-Attitüde da nicht an Schizophrenie?

 

Zunächst einmal möchte ich für klare Verhältnisse sorgen: Der Sportblog, jede Zeile auf dieser Seite, darf nicht ernst genommen werden - sondern immer, wirklich immer mit einem augenzwinkernden Sehorgan. Darüber hinaus liebe ich den Kosmos der Wortspiele. Und Ironie ist der Humor der Intelligenten...

 

Eine gespaltene Persönlichkeit heilt er dennoch nicht.

 

Wir bewegen uns hier im Internet. In diesem Wort steckt „intern“ - sprich: unter uns. Oft tut es gut, in die virtuelle Welt einzutauchen und einfach irgendeinen Schmarrn zu schreiben. Wenn es dann noch um Fußball geht, was will man mehr? 

 

Für die norddeutschen Leser: Schmarrn bedeutet so viel wie Unsinn.

 

Ja, und unsinnig wäre es, auf die eine oder andere verbale Spitze zu verzichten, nur weil ich im echten Leben keine rigorose Linie fahre. Der Rahmen besteht schließlich aus satirischem Material. Es ist ein Spaß, manchmal außerdem ein Ventil.

 

Warum gibt es dann keine Kommentarfunktion? Scheuen Sie etwa die Meinung des Volkes?

 

Schau‘ mal rechts oben auf die Seite. Da, wo früher „Kontakt“ stand und mittlerweile „Impressum“, gibt es eine eigens eingerichtete E-Mail-Adresse für Kritik jeglicher Art. Doch das Postfach ist vorsichtig ausgedrückt überschaubar gefüllt. Die mangelnden Zuschriften suggerieren mir einen Anflug von Gleichgültigkeit, Desinteresse, Ignoranz. Da wäre es entwaffnend, wenn unter jedem Text der Zusatz prangt: „Bisher 0 Kommentare. Sei der Erste, der diesen Artikel kommentiert.“

 

„Obamas Gastbeitrag? Eher aus Mitleid“

 

Meine Mutter ist Ihr größter Fan.

 

Höchstwahrscheinlich der Einzige.

 

Vermutlich ja. Aber jeder fängt mal klein an. Zumindest müssen Sie sich nicht vorwerfen, ausschließlich in der Einheitsbrühe zu sabbeln. Was haben Sie nicht alles versucht, um das Publikum zu erweitern: Sie haben Alkoholexzesse auf der Auswärtsfahrt nach Dortmund mitgetragen („Ein Wasser, bitte!“), haben sich während des nervenaufreibenden Halbfinal-Rückspiels in Madrid minutiös genau Notizen gemacht, nur um dem Leser einen lebendigen Report an die Hand zu geben. Aus demselben Grund haben Sie ein paar Wochen später Nahtoderlebnisse beim Drama dahoam durchgestanden und haben trotz der nachhallenden Schockstarre von der Europameisterschaft berichtet, obwohl sie Ihnen galant am Allerwertesten vorbeiging. Als die deutschen Nationalspieler frühzeitig in den Urlaub flogen, blieben Sie noch immer am Ball und reisten bis zur Chinesischen und Berliner Mauer, um Gastautoren für Wimbledon zu gewinnen. Sie scheiterten - doch Sie verzagten nicht, lebten aus der Konserve und von der Motivation des Einzelkämpfers: Da sammer dabei! 

 

Es ehrt dich, so zu reden. Aber was hilft es? Stattdessen wurde ich für die kurze Sommerpause kritisiert. Das nahmen mir die Leser übel, viele sprangen ab und kehrten nicht zurück. Das tut schon weh. 

 

Anscheinend nicht weh genug. Seit Sie im vergangenen August erneut die Bühne betraten, stagniert die Seite kolossal. 

 

Der mächtigste Mann der Welt, US-Präsident Barack Obama, hat es sich zwar mitten im Jubel seiner Wiederwahl nicht nehmen lassen, ein paar Zeilen zu verfassen (Romney, das Wolfsburg Amerikas). Aber das geschah wohl eher aus Mitleid denn Überzeugung. Da bin ich Realist und mache mir nichts vor.

 

Ihr Ausflug in die Welt der Dichter und Künstler geriet zum absoluten Flop. Bloß doppelt so viele Likes wie bei normalen Beiträgen auf Facebook. Schon peinlich, oder?

 

Ein Desaster, ohne Wenn und Aber. Bei meinem selbstauferlegten Anspruch muss man allerdings damit rechnen, dass nicht alle zwischen den Zeilen lesen können - so sie denn überhaupt bis zum Ende vordringen. Lob muss man sich wahrlich hart erarbeiten in dieser knüppelharten Blog-Branche. 

 

Die Länge Ihrer Artikel ist neben dem Inhalt das größte Problem.

 

Deshalb habe ich für 2013 eine einfache Rechnung aufgestellt. 50 Prozent kürzere Texte bedeuten doppelt so viele Leser und für mich halb so viel Arbeit. Ergo multipliziere ich die freie Zeit, die mir pro Eintrag übrig bleibt, mit dem Faktor zwei - und schon steigt der Anteil am Sozialleben entsprechend proportional. 

 

Kühne Mathematik, die verstanden werden will.

 

Immer häufiger stoße ich zu einer frappierenden Erkenntnis: Meine Freunde erkennen mich nicht mehr.

 

Die gespaltene Persönlichkeit?

 

Nein. Die Haare.

 

Brisant, durchaus. Dabei haben Sie vor kurzem extra einen YouTube-Kanal angelegt. Um sich ins rechte Licht zu rücken? Mit bewegten Bildern gelingt das bekanntlich leichter.

 

Welch törichte Unterstellung! Da meine, also unsere Schwester, in Spanien weilt und Facebook sich partout weigerte, ein Video vom Formel 1-Rennen in Italien zu akzeptieren, waren mir die Hände gebunden. Ich musste handeln und mir Alternativen zurechtlegen, um das Filmmaterial mit ihr teilen zu können. An YouTube führte irgendwann kein Weg mehr vorbei. Und dann war es mir zu schade, den ganzen Account wegen eines einzigen Videos anzulegen.  

 

Aber mussten Sie die Plattform mit zehn weiteren Filmen gleich beinahe zur Überlastung bringen?

 

Leider war diese Maßnahme unumgänglich. 

 

„Der Dislike-Button ist im Gespräch“

 

Welche Ziele verfolgen Sie mit dem Kanal? Wollen Sie prahlen, protzen und populär werden?

 

Keiner wehrt sich gegen einen Zuwachs an Aufmerksamkeit, da sie - mit Verlaub - bei der Qualität der dazugehörigen Seite, also dieser, vollkommen angebracht wäre. Aber die wahren Motive habe ich soeben beschrieben. 

 

Nach dreiwöchiger Existenz steht der Kanal bei knapp über 300 Aufrufen. Gibt es da langfristige Vorgaben der Unternehmensleitung von Mittermeiers Sportblog? Muss in einer bestimmten Zeit eine bestimmte Schwelle genommen werden, damit dem Aufsichtsrat hinsichtlich Gewinn und Markenimage zufriedenstellende Ergebnisse vorgelegt werden können?

 

Nun, konkrete langfristige Pläne liegen bereits in der Schublade. Aber hinsichtlich der erwarteten Zugriffszahlen sollten wir uns zunächst auf kurze Sicht am Vorbild des Gangnam Style orientieren. Wie es dann, sagen wir, in einem halben Jahr weitergeht, muss man abwarten. Selbstverständlich wollen wir uns als innovatives Unternehmen präsentieren, Pionierarbeit inbegriffen. Die Einführung des Dislike-Buttons ist im Gespräch. 

 

Eine erfreuliche Kunde. Abgesehen davon zum Abschluss bitte ein flüchtiger Ausblick auf das erste Quartal 2013. Was darf die Leserschaft erwarten?

 

Im Frühjahr nicht viel. Im Februar und März werde ich anderweitig beschäftigt sein. Hier kann ich nur auf die Rubrik „Liebes Tagebuch, ...“ verweisen, wo es den ein oder anderen kleinen Eintrag geben könnte. Aber das ist ja das Gute an einer nicht vorhandenen Anhängerschaft: Keiner wartet bibbernd, schweißgebadet und nägelkauend an den Freitagvormittagen darauf, dass ENDLICH ein aktueller Blog online geht.

 

Ihr erstes Versprechen haben Sie übrigens schon mal nicht gehalten. Das mit der Kürze und der Würze müssen Sie noch ein bisschen üben...

 

Danke, ich wünsche dir auch ein gutes neues Jahr. 


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-> Für Schaulustige: Der angesprochene YouTube-Kanal