13 Torwart Tarnat



September 2014. Am 18. September vor 15 Jahren trägt sich in Frankfurt eines der denkwürdigsten Bundesligaspiele der Neuzeit zu. Der FC Bayern ist zu Gast, und im Mittelpunkt stehen die Männer zwischen den Pfosten - vor allem einer, der dort gar nicht hingehört. 


Als Ottmar Hitzfeld die Kardinalfrage stellt, sitzt Stefan Wessels auf dem Sofa seiner Eltern und sieht fern. Fußball, Bundesliga, Eintracht Frankfurt gegen den FC Bayern München. Ein Samstagabend im September 1999.

 

"Dann wurde mir plötzlich klar, dass unserer Mannschaft ein Torwart für das anstehende Champions-League-Spiel bei den Rangers fehlen würde", sagt Wessels retrospektiv. "Kurz darauf rief Co-Trainer Michael Henke an."

 

Zuvor steht Henke inmitten einer Spielertraube auf dem Rasen des Frankfurter Waldstadions und hört seinen Chef Hitzfeld in die Runde rufen: "Wer will ins Tor?"

 

Liza und Lothar


Saisonstarts geraten für den FC Bayern oft zu zähen Angelegenheiten, auch ohne diesen lästigen Trainingsverzerrer namens Weltmeisterschaft. Im Sommer 1999 sind es die Nachwehen des Traumas von Barcelona, Querelen um Mario Basler, die "Watsch'n-Affäre" zwischen Bixente Lizarazu und Altstar Lothar Matthäus. Und ein schleppender Liga-Aufgalopp mit nur sieben Punkten aus vier Spielen, einer Niederlage bei Titelkonkurrent Leverkusen und zwei mühsamen Siegen über Unterhaching und Duisburg.

 

Als der FC Bayern gen Frankfurt aufbricht, herrscht an der Säbener Straße mal wieder das blanke Chaos. Dass Stürmer Giovane Elber genesen ist, dass Kapitän Stefan Effenberg in Duisburg sein Saisondebüt geben konnte, dass Torwart Oliver Kahn selbiges bei der Eintracht plant – das macht die Sache etwas erträglicher. Sie sind auf alles vorbereitet an diesem 5. Spieltag, einem Flutlichtspiel vor 60.000 Zuschauern bei einem Gegner, der Bayern historisch gerne triezt.

 

Auf alles. Bis auf das, was kommt.

 

Keeper-Roulette


Nach 45 Minuten liegen die Gastgeber, beschwingt durch eine euphorische Kulisse und träge Münchner, mit einem Tor in Front. Bachirou Salou hatte Kahn früh überlistet, und der Nationaltorwart konnte nicht ahnen, welch schmerzvolle Skurrilität dieser Herbstabend für ihn noch hervorbringen würde.

 

Zur selben Zeit bereitet sich Stefan Wessels in seiner Heimat Lingen (Emsland) auf die nahende Reise in den Oman vor, ein Turnier mit der U 20 steht an. Wessels ist Bayerns Amateurtorwart, kam 1998 ins "junior team" und studiert nebenher Betriebswirtschaft. Zum Saisonauftakt durfte er, ein junger Mann von gerade 20 Jahren, zweimal auf der Bank Platz nehmen, weil auch Sven Scheuer mit einem Bandscheibenvorfall malad war. Für Kahn hütete Bernd Dreher an den ersten vier Spieltagen das Münchner Gehäuse, und als sich die Nummer eins dienstbereit meldet, rücken Dreher und Wessels jeweils ein Glied in der Hierarchiekette zurück.

 

Trotz der durchaus unüblichen Rochaden kann von einem Torhüter-Notstand nicht wirklich eine Rede sein. Für den Ernstfall tut sich ein Spitzenklub wie der FC Bayern den ganzen Aufwand schließlich an. Und überhaupt: Dass sich gleich zwei Torleute in einem Spiel verletzen, ist ein Szenario, das nun wahrlich keinen Einzug in die Vorab-Überlegungen finden braucht. Sowas passiert praktisch nie.


Der Tiger fletscht die Zähne


Die zweite Halbzeit macht aus einem gewöhnlichen Bundesligaspiel einen Hitchcock mit Langzeitwirkung. Uli Hoeneß wird später sagen: "Alle Probleme, die wir hatten, sind jetzt weg." Dafür müssen sie Probleme meistern, die man normalerweise nicht hat.

 

Die Liste der ungewöhnlichen Vorkommnisse umfasst so viele Unterpunkte, dass dieses kuriose wie hochemotionale Raritätenkabinett vom 18. September 1999 im Ehrenbereich eines jeden Jahresrückblicks logiert. Es beginnt mit Stefan Effenberg.


Als der Regisseur einen Eckstoß ausführen will, wird er von einer aus dem Publikum geworfenen Trillerpfeife am Kopf getroffen. Aber ein Effenberg offeriert der Gewalt kein Forum. "Wer  ist das? Wer?", faucht er mit einer Miene wie ein tollwütiges Tier. Der Tiger fletscht die Zähne. Und rappelt sich auf. Weiter!


Kahns Knockout


Dann verlagert sich der Fokus auf Sammy Kuffour. Ungestüm ringt Bayerns Ghanaer den Frankfurter Alexander Kutschera nieder, Schiedsrichter Heynemann zögert keine Sekunde: Elfmeter. Jan-Age Fjørtoft aber scheitert im Nervenduell an Oliver Kahn. "Den Schuss hätte auch mein Sohn gehalten", grämt sich der Angreifer.

 

Kuffour und Kahn, es ist der Epilog zu einem dramatischen Bühnenstück mit mehreren Protagonisten. Drei Zeigerumdrehungen vergehen, ehe Abwehrmann und Keeper böse zusammenrasseln. Kuffours Knie trifft Kahns Kopf,  regungslos sackt der Keeper zu Boden. Ein klassischer Knockout. "Sah schlimm aus", berichtet Thomas Strunz.

 

Sequenzen zum Innehalten. Durch die Wucht des Aufpralls verschluckt Kahn seine Zunge, erst das beherzte Eingreifen von Mannschaftsarzt Hans-Wilhelm Müller-Wohlfahrt verhindert möglicherweise Fatales. Der Torhüter, dessen Körper immer wie ein Schutzpanzer aus Stahlbeton wirkt, ist kurzzeitig ohnmächtig. Auf einer Bahre wird er in die Katakomben getragen und anschließend in die Frankfurter Uniklinik gebracht. Diagnose: Schwere Gehirnerschütterung – keine Spätfolgen.

 

Hitzfeld, der Moderator


Ersatzkeeper Bernd Dreher ist genau sieben Minuten im Spiel, als er sein Gewicht in der falschen Sekunde auf die falsche Seite verlagert. Er bleibt im Rasen hängen und erleidet einen Totalschaden im Knie: Kreuzband, Innenband, Meniskus, alles gerissen, alles kaputt. Eine persönliche Tragödie und der sportliche Worst Case in Minute 64.

 

Bayern hat keinen Keeper mehr. Scheuer erholt sich von seiner Bandscheiben-OP. Und Wessels sitzt auf dem Sofa im Emsland.

 

Es ist einer jener Momente, die Ruhe und Souveränität erfordern. Ottmar Hitzfeld ist ein Meister der Selbstbeherrschung in Extremsituationen. Also torkelt er nicht wie ein aufgescheuchtes Huhn über das Feld, wie so viele andere, sondern versucht sich als rationaler Moderator unter all den Aufgeschreckten und Wirren.

 

Nun denn: "Wer will ins Tor?"

 

Hessische Torschuss-Aversion


Wie selbstverständlich streift sich Linksverteidiger Michael Tarnat den blau-grünen Pullover von Dreher über. "Ich stand mal in der D-Jugend im Kasten", lacht Tarnat, "als der Torwart krank war."

 

Frankfurt hat alle Trümpfe in der Hand: Die 30-minütige Überzahl, einen wankenden Konterpart, die Führung und den Heimvorteil. Geschöpfter Nutzen: Eine fette Null. Sie verkrampfen unter dem Druck, plötzlich turmhoher Favorit zu sein, und anstatt auf die Entscheidung zu drängen, beschleicht sie die Angst vor der eigenen Courage. Das ist ein ziemliches Paradoxon, denn Knie wie Wackelpudding haben andere.

 

"Ich war echt nervös. Hätte die Eintracht mehr aufs Tor geschossen, hätte ich ganz schön alt ausgesehen", sagt Tarnat hinterher. Aber die Eintracht schießt überhaupt nicht auf's Tor, außer bei dieser einen Szene, die in allen Sendungen zum Aufmacherbild taugt, doch da ist die Partie längst unterbrochen. Was Tarnats formidablen Hechtsprung ins Eck freilich nicht schmälern soll. "Wie Sepp Maier damals", feixt das Multitalent.

 

Lob vom Kaiser: Der Student kann's


Die Legende, wonach ein angeschlagener FC Bayern der gefährlichste FC Bayern sei, fußt auf Grundsätzen. Einer davon wird in Frankfurt geschrieben. Kaum ist das Spiel wieder angepfiffen, gelingt Elber der Ausgleich (66.). Im Mittelfeld lassen Effenberg und Thorsten Fink fortan erkennen, wessen Schlagader das denkwürdige Duell prägen wird. Vorne bügelt der Unglücksrabe sein Malheur aus: Zehn Minuten vor Schluss nickt Kuffour einen Effenberg-Freistoß  zum Siegtor ins Netz - nach 0:1-Rückstand, abstrusem Tohuwabohu und einem Feldspieler zwischen den Pfosten. Ein Finish für Großväter und Enkelkinder. Ein Anfang für Stefan Wessels.

 

Michael Henke ist am Apparat. Schottland statt Oman. Das Greenhorn besteht seine Feuertaufe im Ibrox-Kessel, bravourös und burschikos. Wessels' Paraden sichern den Bayern  ein 1:1 bei den Glasgow Rangers, und Franz Beckenbauer lobt: "Der Student, der kann's!"

 

Den Punkt rettet ihnen auch ein Freistoßtreffer in der Nachspielzeit. Torschütze: Michael Tarnat.