22/2 Meine Glatze, mein Tor, mein Ring


- Juli 2013 -

 

Carsten Jancker spielte sechs Jahre für die Bayern. Als er kam, überboten sich die Überreste des vermeintlichen „Dream Teams“ mit Zoff und Zankereien. Als er auf dem Höhepunkt harrte, dem der Mannschaft und seinem eigenen, gewann Bayern die Champions League, nach einem Vierteljahrhundert des Wartens. Als Jancker ging, befand sich der Verein an der Schnittstelle von der Ära Effenberg zur (erträumten) Ära Ballack. Da war sein schleichender Abstieg längst eingeleitet. Noch Ende der Neunziger funkelte Jancker, dieser mecklenburgische Leuchtturm, in der Münchner Angriffsreihe. Es war den Beobachtern stets ein Rätsel, wie er das fabrizierte, denn im Grunde hatte er nichts Außergewöhnliches an sich. Er war nicht so filigran wie Giovane Elber, nicht so wendig wie Paulo Sergio, nicht so geschmeidig wie Roque Santa Cruz, nicht so schnell wie Alexander Zickler, beileibe nicht so fintenreich wie Mehmet Scholl und nicht so variabel wie Hasan Salihamidzic. Im Kopfballspiel agierte er, trotz seines Gardemaßes, ergreifend harmlos. Rare Momente der Glücksgefühle nach Toren mit dem Schädel feierte Jancker daher besonders ausgelassen. Ungläubig über das Vollbrachte fasste er sich dann mit der flachen Hand an die Stirn, während Giovane Elber vor Lachen beinahe zusammensackte. 


Überhaupt, Elber. Zusammen mit Jancker bildete er eines der erfolgreichsten Sturm-Gespanne in der Geschichte des FC Bayern. In Kooperation mit dem Brecher hatte der Brasilianer seine stärksten Auftritte. Die Nummer „9“ und die „19“ ergänzten sich formidabel. Und genau dort war die Daseinsberechtigung des Carsten Jancker primär verankert: Allein durch seine Präsenz schaufelte er Räume frei, die der emsige Elber zu nutzen verstand. Jancker war ein Schrank von einem Mann, er konnte Bälle abschirmen, verteilen und auflegen. „Der ganze Kerl ein Tunnelblick aus Ehrgeiz, Siegeswillen, Kraft. Ein Muskelklotz, der seine 93 Kilo mit Wonne in Zweikämpfe wirft“, dichtete der „Stern“ einmal ehrfürchtig.


Franz Beckenbauer, der Vieltelefonierer, bereute es wohl selten, seinerzeit die Nummer in Österreich angewählt zu haben. War er gut aufgelegt, segnete er die Jancker-Glatze sogar mit einem kaiserlichen Lob. Etwa jenem: „Er ist hierzulande eine Rarität geworden. Die anderen sind als Südamerikaner doch alle irgendwie gleich.“




















Manchmal wollte Jancker auch ein Südamerikaner sein. Denn es gab Phasen, da wurde aus dem Grobmotoriker ein Feingeist. Man hätte es ihm niemals zugetraut, die Kugel artistisch zu jonglieren oder sie sanft über den Torhüter zu heben, deshalb trugen solche Szenen einen Hauch von Zauber in sich. Wie Jancker etwa 1998 in Bochum zu einem Volleyschuss aus 25 Metern ansetzte und diesen mit Kraft und Technik in den Giebel drosch. Wie er 1999 in Kiew, beim Champions-League-Halbfinale, im Fallen, mit dem Rücken zum Tor das 3:3-Remis erzwang. Wie er sich 2000 gegen Real Madrid erneut an einem Seitfallzieher probierte und erneut krachend einnetzte. Das war weitaus mehr als das Produkt eines hölzernen Zwei-Meter-Riesen, der zu nichts weiter imstande ist als mit Robustheit den Räumdienst zu verkörpern. In seiner besten Saison 1998/1999 gelangen Jancker 13 Tore und neun Vorlagen in der Liga. Und als er im Herbst 2000 in Serie traf, adelte ihn Trainer Ottmar Hitzfeld überschwänglich: „Er ist einfach Weltklasse!“


Haare? „Nie wieder“


Nun, Superlative beherbergen den fiesen Faktor, sich schnell relativieren zu können. Bereits im Sommer 2001, nach dem Gewinn der Champions League, stand Jancker zum Verkauf. Er war dem Klub, der zunehmend ein sauberes Image proklamierte, nicht (mehr) sauber genug. Carsten Jancker war zu aktiven Zeiten immer jemand, dessen Auftreten mit unschönen Adjektiven tituliert wurde. Unnahbar gebe er sich, moserte die Presse, schroff und abweisend, ja überheblich. Kritiker bemängelten, er hätte durch seinen Aufstieg zum vermögenden Nationalspieler die Bodenhaftung verloren. Fußballfans, die dem FC Bayern nicht gesonnen waren, hatten im Sturmtank ihr Feindbild erkoren, und sie kultivierten es mit jeder Angriffsfläche, die ihnen der kantige Typ offerierte. Wenn Jancker pöbelte, feixten sie vor Freude. Sie feixten oft. 


Aus den Zeitungen hagelte es Breitseiten für unfaires Spiel. Ohrenzeugen wollten Beleidigungen über ausländische Gegner aufgeschnappt haben. In fremden Stadien reagierte er auf Bosheiten mit verbalen Kontern, oder, wie 1997 auf dem Betzenberg, indem er den Effenberg-Finger in der Bundesliga auf seine Tauglichkeit überprüfte - die er nicht bestand. Jancker klebte ein Rüpel-Rambo-Image an den Fersen, und Aussagen wie diese trugen nicht unbedingt zur Abschwächung der öffentlichen Meinung bei: „Ich bin kein Heiliger und bewege mich auch nicht wie eine Primadonna. Wenn ich nicht mehr aggressiv spiele, kann ich gleich in den Kindergarten gehen." Spricht er heute, als Ex-Profi, über seine Rolle als Buhmann, dringt wieder diese Schlichtheit durch, die so gar nicht die Kontur des Emotionsbolzens mit Entgleisungsgefahr decken will.


Sie waren für Bayernhasser über Jahre ein beliebtes Feindbild.
Das hängt aber auch damit zusammen, dass ich viele Tore geschossen habe.

Das hat Mehmet Scholl auch, den haben aber trotzdem alle gemocht.
Der war aber auch bloß 1,70 Meter groß.

 

Jancker pushte sich mit der Droge Adrenalin. Ende 2000 übertrieb er es. Im Spitzenspiel gegen Bayer Leverkusen erzielte er das Führungstor, doch anstatt mit den Kollegen zu jubeln, rannte er schnaubend auf Gäste-Coach Berti Vogts zu, um mit der erhobenen Faust ein Luftloch zu schlagen und Derbheiten zu verteilen: „Vogts, du Arschloch!“ Als Bundestrainer hatte Berti den Bayern-Bullen 1998 für die WM in Frankreich ausgebootet. „Diese Projektion ist irgendwie mit mir durchgegangen“, bedauerte Jancker. Die mediale Schelte war erdrückend. Dem Stürmer wurde der Ruf des „ungehobelten und ausländerfeindlichen Brutalos" angehängt, und sein Markenzeichen, die blanke Glatze, verkehrte sich zum Laster. Sein äußeres Erscheinungsbild, gepaart mit dem zuweilen unflätigen Benehmen, drängte ihn in die Ecke des Rechtsradikalismus. Jancker würde, so der Vorwurf, mit Neonazis sympathisieren. 


Uli Hoeneß war aufgeschreckt. Der dickfellige Manager trat mit einem sonderbaren Begehren an einen Fußballspieler heran - er bat Jancker, sich die Haare wachsen zu lassen, wenigstens ein bisschen, zum Zwecke der Außendarstellung. „Das habe ich dann auch gemacht, aber heute würde ich anders mit der Sache umgehen. Ich würde den Gerüchten früher entschieden entgegentreten, mir aber nie wieder vorschreiben lassen, wie ich meine Haare zu tragen habe. Nie wieder.“ Tatsächlich sprossen im Frühjahr 2001 blonde Locken, die sich lieblich kräuselten. Jancker hasste sie. 


Wie eine Karikatur seiner selbst


Personen, die ihm nahestehen, schätzen seine Ehrlichkeit und Zuverlässigkeit. Da ist nichts zu spüren vom vermeintlichen Flegel, der ungezügelt Schindluder trieb. Jancker, beteuern sie, sei ein ruhiger Vertreter seines Fachs, einer, der besonnen abwägt, was er für richtig und wichtig hält. Auch Journalisten, die ihn interviewen, berichten von einer zögernden Haltung und der überlegten Art und Weise, eine - unangenehme - Frage zu beantworten. Keine Silbe von Hochmut oder Arroganz. 


„Harter Junge, zarte Seele“, schrieb die „Sport-Bild“ über ihn. Abseits des Platzes war und ist Jancker ein fürsorglicher Familienvater. Mit Frau Natascha (der Wienerin von Rapid) hat er zwei Töchter, Laura-Larissa und Naomi-Noelle. Als Laura-Larissa einen Monat alt war, musste sie am offenen Herzen operiert werden. Sechs unendliche Wochen bangte Papa Carsten um ihr Leben, eine Zeit, die ihn als Mensch prägte. Entsprechend findet sein Motto Entfaltung in jeglichen Lagen: „Wer denkt, etwas erreicht zu haben, hat aufgehört, etwas zu werden.“

 

In der Saison 2001/2002 konnte der Fußballprofi Jancker nicht denken, etwas erreicht zu haben. Seine Horror-Bilanz wies ihn lächerliche zweimal als Torschützen aus: Gegen Paderborn und Osnabrück. In der ersten und zweiten Runde des DFB-Pokals. Das war‘s. Kein Treffer in der Bundesliga, keiner in der Champions League, kein weiterer im Cup. Martin Max von Lokalrivale 1860 wurde Torschützenkönig, doch zur WM fahren durfte Carsten Jancker. Ein Treppenwitz. Das Bayern-Sorgenkind war abgestürzt, denkbar tief gefallen und zunächst weich gelandet. 


Dass er nie wieder auch nur ansatzweise anknüpfen konnte an die Form, die Hitzfeld für „Weltklasse“ befunden hatte, war ein Mysterium. Jancker befand sich mit 27 im optimalen Alter, aber er war nurmehr eine Karikatur seiner selbst. Und teilweise eine bemitleidenswerte Persiflage. Bälle sprangen ihm vom Fuß, Schüsse landeten auf der Tartanbahn, von Kopfbällen ganz zu schweigen. Er war schwerfällig und notorisch ungefährlich geworden. Aber Rudi Völler nominierte ihn, den Null-Tore-Stürmer, für das Turnier in Japan und Südkorea. Als er im ersten Vorrundenspiel gegen Saudi-Arabien zum 4:0 traf, riss er sich enthemmt das Trikot vom Leib und entblößte seinen athletischen Oberkörper. Seitdem ist Jancker in Asien ein Star. 


Drei, zwei, eins... meins!


Das Buch Bayern München schloss sich nach der Rückkehr als Vize-Weltmeister endgültig. Nach dem sechsten Siegel. Die letzten Zeilen des Epilogs kritzelte Hitzfeld, der Jancker kategorisch aus seinen Planungen strich. 143 Partien hatte er für die Bayern in der Liga bestritten, dabei 48 Mal seinen Ring geküsst und ebenso oft in schallender Lautstärke „Fußballgott“ über sich rieseln lassen dürfen. Das war vorbei. Er wechselte zu Udinese Calcio in die italienische Serie A. Und scheiterte jämmerlich. 36 Einsätze, zwei Törchen, eine langwierige Schambeinverletzung und „Sieger“ bei der Wahl zum schlechtesten Ausländer. Drastisch-lapidar kommentiert er: „Dass es dort nicht funktioniert hat, lag wahrscheinlich daran, dass die italienische Mentalität nicht zu mir passte, und definitiv daran, dass ich beschissen gespielt habe.“


Im August 2002 erzielte er ein letztes Tor für das DFB-Team. Das zehnte im 32. von letztlich 33 Länderspielen. Doch was aus der Krake Jancker geworden war, die mit langen Haxen Bälle erstaunlich zu koordinieren vermochte, zeigte nichts deutlicher als das Zustandekommen dieses finalen Treffers. Es war ein Testspiel in Bulgarien, Arne Friedrich zog ab, Jancker hielt seinen Oberschenkel in die Flugbahn, drin, 2:2. Ketzerisch gesagt war man nun soweit, den Torjäger a.D. anschießen zu müssen, wenn es ging, im günstigen Winkel. Und als Jancker in einem flammenden Appell sicherstellen wollte, als offizieller Torschütze registriert zu werden („Ich habe nicht nur dagestanden!“), war jedem klar, dass die Wachablösung im deutschen Angriff unmittelbar bevor stand. 


Udine verließ er 2004 vorzeitig, ausgerechnet in der früheren „Hölle“ von Kaiserslautern gedachte er die Renaissance einzuleiten. Doch mit 30 Jahren war Jancker abgenutzt, körperlich und vermutlich auch mental. Zwei Jahre blieb er, ohne Erinnerungen an glorreiche Bayern-Zeiten wecken zu können, an Partner Elber, Tore im Fallen, Finalspiele, Triumphe und Tragödien. An den „Fußballgott“. 


2006 ging er nach China, des Geldes wegen, hielt es exakt ein halbes Jahr aus und kehrte torlos heim. In Österreich sollte die Karriere einen Kreis schließen, dort also, wo sie in den Neunzigern Fahrt aufgenommen hatte. Es geschah Wundersames: Im beschaulichen Mattersburg erspähte der Stürmer Carsten Jancker wieder das Torgestänge. In drei Saisons gelangen ihm anständige 21 Treffer in 76 Spielen. „Ein, zwei Jahre“ hätte er noch dranhängen wollen, sagte Jancker, als ihn Trainer Lederer Mitte 2009 vor die Tür setzte mit der Begründung, er sei „zu alt“. 2010 heuerte er als Nachwuchsbetreuer bei Rapid Wien an, im April dieses Jahres wurde Jancker, inzwischen 38, zum Co-Trainer der ersten Mannschaft befördert.


Die sechs Monate in Shanghai, gibt die Bayern-Legende zu, waren ein Kulturschock: „Beim Einkaufen wurden mir lebendige Kröten angeboten.“ Aber wie war das mit dem trockenen Humor, der hinter der ruppigen Außenhaut verborgen ist? 


Hat man Sie auf der Straße erkannt?
Man kannte mich von der Weltmeisterschaft 2002 in Japan und Südkorea. Und natürlich bin ich mit meiner Größe und den blonden Haaren aufgefallen.


Teil 1 <-