22/1 Meine Glatze, mein Tor, mein Ring


- Juli 2013 -

 

Für viele war sein Name ein Synonym des deutschen Rumpel-Fußballs. Für andere war er eine Ikone. Carsten Jancker: Sechs Jahre Bayern, auf ewig der „Fußballgott“. Ein Portrait über den Sport hinaus.


Ein halber Zentimeter. Mehr war es nicht, was fehlte. Nur dieser halbe Zentimeter, der weniger ist als ein Quäntchen, eine Nuance bestenfalls. Behauptet zumindest einer, der es wissen muss. Weil er dabei, weil er beteiligt, weil er ausschlaggebend war. „Wenn ich den Fallrückzieher einen halben Zentimeter anders erwische“, sinniert also Carsten Jancker, „dann geht er rein und wir gewinnen die Champions League.“

 

Jancker hat etwas, was man gemeinhin einen trockenen Humor nennt. Es gibt da diese wunderbare Anekdote aus Wiener Tagen, wo er, der Mecklenburger, seine ersten fußballerischen Sporen einheimste. Wie er denn zurechtgekommen sei mit den Gepflogenheiten, so als Ossi in Austria, wurde Jancker einmal vom Magazin „11Freunde“ gefragt. Der Fußballer senkte seinen Blick auf den Gegenüber herab und überlegte kurz. Anschließend entwickelte sich ein interessanter Dialog. Er meinte, sich rasch in eine Wienerin verliebt zu haben.

 

Wer war die Wienerin?
Sie war die Sekretärin vom Rapid-Manager. Aber wir haben erst mal eine Weile versucht, das geheim zu halten.

Wie lange?
Vier oder fünf Monate. Man weiß ja am Anfang nicht, was daraus wird. Und wenn alle gleich Bescheid wissen, ist das insbesondere für die Frau nicht so angenehm.

Wie sind Sie schließlich aufgeflogen?
Wir haben die Leute zu unserer Hochzeit eingeladen.


Seine sportliche Hoch-Zeit feierte Carsten Jancker sechs Jahre lang. Eigentlich waren es fünf, denn hinten raus trübte die nahende Scheidung mit unverkennbaren Anzeichen die Stimmung. Wie das eben so ist, wenn man feststellt, dass eine Ehe zerbricht.

 

Von 1996 bis 2002 spielte Jancker in den Farben des FC Bayern München. Er stach heraus, zuallererst anatomisch. Der Größte war er, 193 Zentimeter hoch. Als ob dies nicht gereicht hätte, um aufzufallen, trug er eine Glatze, die vor jedem Spiel einer adäquaten Rasur unterzogen wurde. Es sind die Ingredienzen eines Kult-Kickers, noch bevor er das erste Mal gegen den Ball tritt. Und als dieses bullige Unikat auch noch zum Ritual erhob, jeden persönlichen Torerfolg mit einem prompten Kuss des Eherings zu begehen, schloss ihn München ins Herz. Die Fans verehrten ihn. 


Wenn der Stadionsprecher einen Treffer des haarlosen Hünen verkündete, brüllte die begeisterte Anhängerschaft innbrünstig „Fußballgott“, sozusagen als ungeschriebener Namenszusatz, der in keinem Ausweis Platz hatte. Freilich, normalerweise huldigt das Plenum demjenigen, der sich zwar redlich bemüht, aber in seinen Fähigkeiten limitiert ist. Ironische Anspielungen also auf Janckers beschränkten Aktionsradius? Vielleicht, aber wer will einem dann vernünftig erklären, warum die Fans ihren „Fußballgott“ der Generation 2013 im gewiss nicht unbegabten Bastian Schweinsteiger gefunden haben? 


Carsten, Telefon!


Gemessen an gegenwärtigen Prinzipien wirkt der Fußballspieler Carsten Jancker wie ein Abriss einer antiken Epoche. Und wahrscheinlich ist er es auch. Man müsste schon viel Phantasie aufbringen, um sich die kahlgeschorene Speerspitze neben den wuseligen Götze, Özil, Reus vorstellen zu können. Was allerdings ein durchaus netter Denkansatz ist: Wie Jancker versucht, mit staksigen Ausfallschritten die Ballzirkulation zu bereichern, wie er rackert, kratzt, spuckt, beißt, stolpert, während ringsum mit spielerischen Finessen getrickst wird. Ein Bild für Götter. Und für Mario Gomez. 


Doch auch so brachten es manche nie fertig zu verstehen, wie aus Carsten Jancker ein ernsthafter Kandidat für den FC Bayern und die Nationalmannschaft werden konnte, sollte, durfte. Für die meisten blieb er Zeit seiner Karriere ein Inbegriff des „Rumpel“-Stils, den der deutschen Fußball um die Jahrtausendwende mit sich herumschleppte.




















Jancker kam aus Grevesmühlen in der DDR, er war von mächtiger Statur und überschaubarem Talent. Aber er erkannte früh, mit koscherer Einstellung mehr erreichen zu können als andere. So diente sich der Koloss hoch, von der TSG Wismar in die Jugendabteilung zu Hansa Rostock und weiter nach Köln. Es waren Jahre der Entbehrung, der Demut und der harten Arbeit. Jancker erzählt: „Sechs Uhr aufstehen. Sieben Uhr Schulbeginn. Halb elf Training. Mittagessen. Zu Fuß zur Schule. Wieder Training, dann bist du um sechs Uhr zu Hause und musst noch Hausaufgaben machen. Und das alles alleine. Das müssen Sie heute mal mit einem Zwölfjährigen versuchen.“ Dass die Mühen möglicherweise umsonst sein würden, blendete er aus. Der Wunschtraum vom Profi übertünchte jeden Anflug von Resignation: „Ich hatte die einmalige Chance, mein Hobby zum Beruf zu machen. Das war Motivation genug.“


Am 9. Spieltag der Saison 1993/1994 debütierte Jancker für den 1. FC Köln in der Bundesliga, mit 19 Jahren und dem ersten Tor im ersten Spiel gegen den VfB Leipzig. Als sein Vorwärtstrieb im Rheinland stagnierte, ließ er sich zu Rapid Wien verleihen, wo er mit Toren am Fließband glänzte und durchstartete - sportlich wie privat. 1996 erreichte der Stürmer mit den Wienern sensationell das Finale im Europapokal der Pokalsieger, man unterlag Paris St. Germain 0:1, doch bald darauf klingelte im Hause Jancker das Telefon. Es war kein gewöhnliches Gespräch, denn am anderen Ende der Leitung meldete sich die germanische Fußballinstanz. Wenn Jancker das Ereignis heute schildert, offenbart sich wieder dieser Charakterzug der knappen Worte, der ihm früher gerne als Arroganz ausgelegt wurde.

 

Wie ist der FC Bayern an Sie herangetreten?
Franz Beckenbauer hat angerufen.

Beckenbauer?
Ja, eines Tages war er auf meiner Mailbox.

Haben Sie nicht geglaubt, dass es sich um einen Stimmenimitator handelt?
Erst schon. Aber beim zweiten Anruf habe ich gedacht, ich sollte vielleicht mal besser zurückrufen.


Jancker rief zurück. Und die Bayern zahlten bescheidende 777.000 DM. In München traf der jugendliche Neuankömmling auf eine zerstrittene Weltauswahl, genervt von Rädelsführer Lothar Matthäus, gepiesackt von Über-Ehrgeizling Oliver Kahn, gestresst von Diva Jürgen Klinsmann. Selbst Trainer-Maestro Giovanni Trapattoni dirigierte so manches mal vergeblich gegen die internen Reibereien an. Trotzdem reichte es zum Meistertitel, und Carsten Jancker erlebte dabei seine ganz persönliche Sternstunde. Im Derby wähnten sich die Löwen aufgrund doppelter Überzahl bereits wie der sicherer Sieger. Drei Minuten vor Ultimo aber rettete Joker Jancker neun tapfere Bayerlein mit seinem Premieren-Treffer in Rot. 3:3! Ein legendäres Finish. 


Steigbügelhalter des Schicksals


Es dauerte nicht lange, bis sich der Novize Respekt verschaffte. Spätestens mit der Inthronisation von Ottmar Hitzfeld anno 1998 wurde er im Luxus-Kader zum etablierten Akteur. 2000 und 2001 kreierten die Titelgewinne Dokumente für die Ewigkeit. Die Milleniums-Meisterschaft hatte Jancker erst ermöglicht, indem er mit zwei schnellen Toren mithalf, Werder Bremen zu bezwingen. Als alle Blicke 14 Kilometer weiter nach Unterhaching wanderten, saß der verletzungsbedingt ausgetauschte Jancker in der Umkleide. „Gerade als ich aus der Dusche kam, fiel das zweite Tor für Haching. Da bin ich aus Aberglauben alleine in der Kabine geblieben und habe den Rest der zweiten Halbzeit im Fernseher geschaut. Ich habe gezittert vor Aufregung! Als bei uns Schluss war, bin ich rausgerannt. Das ganze Stadion hat vibriert, alle waren schon ganz besoffen vor Glück, es war großartig.“


Zwölf Monate später wurde die Dramatik in ungesunde Sphären getrieben. Hamburg, Patrick Andersson, der indirekte Freistoß, tausendmal gesehen, tausendmal gehört, tausendmal gefreut. Jancker: „Als Barbarez vier Minuten vor dem Ende traf, war alles in mir wie tot. Der Olli Kahn schrie zwar immer wieder: ,Noch vier Minuten, noch vier Minuten!‘, aber eigentlich war mir klar, dass wir die Meisterschaft verspielt hatten.“ Doch an diesem 19. Mai 2001 bekam der FC Bayern all das zurück, was ihm einstmals in Barcelona entrissen wurde. Der Glaube an den Sieg, bis zuletzt, hatte eine Gruppe von Individuen zusammengeschweißt und unter einer Prämisse vereinigt: Niemals aufgeben. Als auf Schalke schon die Korken knallten und die Bayern am Boden schienen, platt wie eine Flunder, nahm HSV-Keeper Schober einen Rückpass mit der Hand auf...


1999 fungierte kein gegnerischer Torhüter als Steigbügelhalter des Schicksals. Und die Bayern erweckten nicht den Eindruck, auf die Fügung höherer Gewalten angewiesen zu sein. Zu souverän präsentierten sie sich im Finale der Champions League. Manchester United, der Widerpart im Endspiel, war faktisch chancenlos. Es stand 1:0 für den deutschen Meister, Mario Basler hatte raffiniert getroffen, und die Uhr tickte für die Münchner. Da wuchtete Carsten Jancker plötzlich seine knapp zwei Zentner in die Horizontale, fixierte den Ball wie ein Raubtier seine Beute - und schoss blind aufs Tor. An die Latte. Was fehlte, war weniger als ein Quäntchen, eine Nuance bestenfalls.


Ein halber Zentimeter.


Die Schwere der Nacht lag beklemmend über den Spielern des FC Bayern München. An einem nagte sie besonders. Es war Jancker, dieser Mensch gewordene Baum, der so wirkte, als ob ihn nichts erschüttern und erst recht nichts entwurzeln könne. Aber nun, auf dem Feld in Barcelona, weinte Jancker bittere Tränen. Manager Uli Hoeneß musste ihn stützen, und kaum auf den Beinen, weinte Jancker wieder. Oder immer noch.  


Das Geräusch, wenn Leder auf Aluminium prallt, verfolgte ihn lange. „Andere konnten damit besser umgehen. Ich nicht. Ich brauchte Monate, um es zu verdauen, habe wenig geschlafen. Meistens lag ich bis vier, fünf Uhr wach im Bett. Nicht durchgängig, mal war es drei Tage normal, bis die Gedanken an den Fallrückzieher wieder zurückkehrten.“ In der Retrospektive ordnet er die Geschehnisse, wie jeder Vertreter der damaligen Belegschaft, als Initialzündung ein: „1999“, bemerkt Jancker, „erlebten wir eine der schlimmsten Niederlagen im Sport. Im Jahr danach standen wir im Halbfinale, scheiterten an Real Madrid. Das hat uns getrieben. So wie im Camp Nou gegen Manchester United verliert man nicht. Der Pott war unser Impuls. Jeder wusste: Mit 2001 ist diese Mannschaft fertig. Olli, Effe, Scholli, Giovane, vielleicht ich - alle hatten ihren Höhepunkt erreicht. Die Möglichkeit, es in der Besetzung zu schaffen, war vorhanden, aber es war klar, dass dies unsere letzte Chance sein würde.“


Im Finale von Mailand wurde Jancker zur Pause eingewechselt. Fünf Minuten im Spiel, provozierte der den Handelfmeter, den Stefan Effenberg zum 1:1 versenkte. Als Torwart Kahn sich in die Annalen faustete, war auch Jancker am Ziel der Sehnsüchte angelangt. Und an seinem persönlichen Zenit. Bloß wusste er das im frenetischen Siegestaumel noch nicht.


-> Teil 2