35 Stillstand wäre Fortschritt


- Dezember 2013 - 

 

Ruhe für Reflexion? Nicht wirklich. Das Kahn'sche Motto verfolgt den FC Bayern mit jeder Faser seines Bestands: Weiter, immer weiter... 


Es war zuletzt öfters vorgekommen, dass Sebastian Vettel etwas pathetisch wurde. Der deutsche Formel-1-Pilot ritt auf einer unnachahmlichen Welle des Erfolgs, er gewann in Belgien, Italien und Singapur, in Korea, Japan und Indien, in Abu Dhabi, Amerika und Brasilien. Kurz: Er gewann überall, wo er antrat, und wäre die Saison nicht im November zu Ende gewesen, würde er vermutlich heute noch siegen. So aber musste er seine Dankesworte, die eine versteckte Mahnung enthielten, bereits in Indien unterbringen. Und in Amerika. Und in Brasilien. Vettel hatte die Rennen jeweils in souveräner Manier beherrscht, ehe er sich in der Auslaufrunde via Funk an sein Team wandte. Das Fernsehen schickt diese Momente der Gefühlsoffenbarung stets freudig über den Sender, deshalb durfte der neugierige Zuseher Mäuschen spielen.

 

Nun haben Sebastian Vettel und der FC Bayern München nicht wahnsinnig viele Gemeinsamkeiten. Der Weltmeister ist zwar Fußball-Fan, sympathisiert jedoch mit Eintracht Frankfurt. Als im Mai das Champions-League-Finale anstand, schlug er sich auf die Seite von Borussia Dortmund. Die Formel 1 gastierte an jenem Wochenende in Monte Carlo, und im Fahrerlager jubelte hernach allein Bayern-Fan Nico Rosberg.

 

Vettel konnte es verschmerzen. Von Sommer bis Winter zeigte er seinen Konkurrenten in beinahe befremdlichen Abständen die Rücklichter. Irgendwann merkte er, dass derartige Serien erstens selten, zweitens schwer zu konservieren und drittens noch schwerer zu wiederholen sind. Weil die Formel 1 kein Einzelsport ist, sondern auf der homogenen Zusammenarbeit einer Gemeinschaft fußt, erinnerte Vettel seine Truppe an die Einzigartigkeit des Erreichten: „Jungs", sagte er, „genießt, was wir gerade erleben. Das ist nicht selbstverständlich. Wir müssen uns diese Momente bewahren!"

 

Gruppenkuscheln mit Pep


So oder so ähnlich könnten sie auch beim FC Bayern reden - mit dem Unterschied, dass deren Erfolgssträhne noch eine weitaus beängstigendere Länge als Vettels Roadtrip angenommen hat. Was gern vergessen wird: Schon in der Saison 2011/2012 brillierten die Bayern zeitweise, schafften es in die Endspiele von Pokal und Champions League, verloren aber dummerweise beide. In München übertüncht so etwas ungefähr: Alles. Jupp Heynckes vermochte, eine beispiellos niedergeschlagene Elf zu einer Einheit zu verschmelzen, deren Qualität stärker denn je war. Es folgte eine Saison, die nicht zu steigern schien. Eine einzige nationale Niederlage, 16 Siege in 17 Rückrundenspielen, Triple 2013. Pep Guardiola übernahm das Zepter, um zu verbessern, was man nicht verbesserungswürdig glaubte. Heute wissen wir, dass die Entwicklung (weiterhin) in vollem Gange ist.

 

Inzwischen wurden, fast unvermeidlich, die nächsten Bestmarken geknackt. Hauptsächlich machen sich die Bayern als notorische Serientäter bemerkbar, engagieren sich also in solchen Listen, die jede Woche fortgeschrieben werden können. Als da wären: 40 ungeschlagene Ligaspiele, 26 Auswärtsspiele ohne Niederlage, 52 Partien mit mindestens einem erzielten Tor. Außerdem 41 Punkte nach 15 Saisonspielen (neuer Rekord), 29 Siege und 90 Punkte im Kalenderjahr 2013 (neue Rekorde) sowie ein Neuer Kapitän. Kleiner Scherz.

 

Natürlich pachtet Pep Guardiola auch die persönlichen Einträge im Fußball-Geschichtsbuch, das lässt sich kaum vermeiden, wenn man nie verliert und ständig gewinnt. Aber wie er diesen ewig aktualisierten Superlativen begegnet, ist beachtlich. Der Spanier ist der erste Trainer der Bundesliga, der seine ersten 15 Aufgaben gelöst hat - ohne groß darüber grübeln zu müssen. So wirkt es wenigstens. Das soll nicht bedeuten, dass Guardiola eine Laissez-faire-Einstellung offenbaren würde, im Gegenteil, denn tatsächlich tüftelt er wohl intensiver über den Bausteinen im Fundament als jeder seiner Vorgänger. Der wöchentliche Ernstfall verdeutlicht dies umso treffender: Zwar glaubt Pep eine Mannschaft zu erkennen, die „noch nicht seine“ wäre, doch viele Mechanismen des Bayern-Getriebes befinden sich bereits im Einklang. 

 

Am Samstag erweckte Guardiola erstmals den Eindruck, echte Zufriedenheit über das Geleistete zu verspüren. Sein Vertriebskanal war Gruppenkuscheln. Zuerst rückte er die Spieler ins Scheinwerferlicht: „Heute war es eine Ehre, hier Trainer zu sein." Danach belegte er den Klub mit warmen Worten: „Der Verein hat diese Mannschaft kreiert. Und der Trainer ist gut, wenn er gute Spieler hat", belehrte Pep nach dem famosen 7:0 in Bremen.



Bajuwarische Plan-Wirtschaft



Werder gelangte sprichwörtlich vom Regen in die Traufe. Nachdem sich der Orkan verhältnismäßig gnädig zeigte, was die Austragung der Partie betraf, fegte ein „Torkan" (BILD) durch die völlig überforderte Bremer Hintermannschaft. Mit Windstärke 7.

 

Auch wenn die Norddeutschen an diesem Tag eher einem Sparringspartner glichen: Die Art und Weise, wie der FC Bayern 2013 seine Spiele bestreitet, der Stil, die Kultur - das hat es in der knapp 114-jährigen Vereinshistorie noch nicht gegeben. Das wirklich Schöne ist, dass die 90 Minuten mehr und mehr zum gelungenen Produkt der Trockenübung werden. Es steckt ein Plan hinter der Kunst. Als Franck Ribéry eine sensationelle Eckball-Variante über Claudio Pizarro und David Alaba zum sechsten Tor vollendete, huschte selbst dem zumeist misstrauisch-melancholisch blickenden Guardiola ein Lächeln übers Gesicht, das als Zeichen sichtbarer Freude interpretiert werden durfte.

 

Die Konkurrenz huldigt dem FC Übermacht. Inzwischen verrenken sich düpierte Gegner in den königlichen Knick. Die Münchner Dampfmaschine rollt unaufhaltsam durch die Gassen, auch bei undankbaren Auswärtsspielen wie denen in Moskau und Augsburg überkam einen nicht das Gefühl von Unsicherheit. Dabei fehlen mit Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, kürzlich Ribéry und neuerdings Arjen Robben (eigentlich) elementare Stützpfeiler des Gesamtsystems.


Die Zeit rennt, die Zeit drängt

 

Womit wir wieder bei Sebastian Vettel wären. Beim stillen Innehalten. Beim genussvollen Reflektieren. Und beim fiesen Umstand, daran zu scheitern. Manchmal würde man sich wünschen, die Zeit anhalten zu können, um den Augenblick auszukosten. Aber das funktioniert weder in der Formel 1, wo mit Hochdruck am nächstjährigen Boliden gewerkelt wird, noch beim umtriebigen FC Bayern. Die Zeit rennt, die Zeit drängt. In dieser Woche stand die abschließende Champions-League-Partie gegen Manchester City im Programmheft, bald wartet mit der Klub-Weltmeisterschaft in Marokko die finale Herausforderung des Superjahres 2013.

 

Neulich fanden sie trotzdem noch Raum und Muße für die interne Weihnachtsfeier, und Karl-Heinz Rummenigge, der oft steif wirkende Big Boss der Münchner, sorgte für Amüsement und Symbolik gleichermaßen. In den Vorjahren, enthüllte er, habe ihn Uli Hoeneß immer mal wieder sonntags angerufen, um seinem Unmut über schwache Auftritte Luft zu verschaffen. „Jetzt habe ich fast ein Jahr keinen Anruf mehr von Uli bekommen.“ Der Ober-Fan hat nichts zu meckern - und bleibt doch gefräßig, so wie jeder.

 

Am kommenden Wochenende spielt der FC Bayern übrigens gegen den HSV. Beim letzten Aufeinandertreffen im März setzte es an selber Stelle ein 9:2...