3 Sieben Freunde


- Januar 2013 - 

 

Mehr gekrochen als gestartet ist die Bundesliga ist in die Rückrunde. Da blieb genug Zeit, um dem kleinen Bruder Handball mal über die Wurfhand zu luchsen. Am Ende aber leuchtete das fußballerische Vorbild zu hell: Tolles Turnier, Endstation Spanien. Sinnieren wir ein bisschen. 

 

Der Siebenmeter ist im Handball das Pendant zum Strafstoß beim Fußball. Ein Nervenkrimi in Mundgeruchnähe. Auge in Auge mit dem Keeper, der eigentlich ein Ungetüm ist. Furchtlos, willensstark, sich die Mission visualisierend. Ich Torwart, du Ball. Er baut sich vor dem eingeschüchterten Schützen auf, reckt die Hände mächtig gen Himmel, das sie zu gefährlichen Pranken werden, und tänzelt wild auf der Stelle, mal das eine Bein in die Höhe schnellend, mal das andere. Nicht selten beide zusammen. Und dann dieser Blick. Stechend. 

 

Der Torhüter kokettiert mit seiner Überlegenheit. Der Schütze späht verzweifelt nach der freien Lücke, die sich im Spinnennetz der tausend Sinneseindrücke nicht auftut. Trägt der Hampelmann in der langen Jogginghose (nein, nicht Gabor Kiraly) das Haar auch noch offen, potenziert sich die Herausforderung ins Unermessliche. Doch aufgepasst! Der Glatzen-Trick funktioniert nur beim Handball. Oder hat ein Fabien Barthez jemals einen Elfmeter abgewehrt?

 

Wir wissen nicht, ob ein kausaler Sachzusammenhang zwischen geringer Torentfernung, kleinem Gehäuse und riesigem Torhüter besteht, aber das Team Großbritannien sucht man bei der momentanen Weltmeisterschaft vergebens. Was nicht verwundert, da sie es schon mit dem Kick und dem Rush und dem Goal aus eleven meters nicht so ganz grazil hinbekommen wie andere. Shit happens. 

 

In Anbetracht der mitunter furchteinflößend wirkenden Beschützer des Torraums macht der davor aufgemalte Halbkreis durchaus Sinn. Eindringlinge sind nicht gestattet in dieses abgeriegelte Revier des Zorns, der Peitschen und der Tollwut. Gerade das germanische Gebiet ist mit äußerstem Sorgsam zu genießen. Das hat Einfluss auf die TV-Übertragung. Laut unbestätigten Gerüchten musste so manches Vorkommnis im Herrschaftsbereich des Torhüters zensiert in die Welt gesandt werden. Die Fernsehanstalten waren an einen unumstößlichen Leitfaden gebunden: Vorsicht, freilaufender Heinevetter! Betreten für Unbefugte verboten. Eltern haften für ihre Kinder, Gegenspieler für ihre Krankenversicherung. 

 

Der Pippo Inzaghi des Handballs

 

Der Fußball hat Abwehrchef Mats Hummels. Der Handball hat Oliver Roggisch. Einen Baum. Einen Bullen. Der sogar in der Halbzeit Interviews gibt. Roggisch ist der Fels in der Brandung, der Turm in der Schlacht, der Rogg am Ring. Okay, schlechter Wortwitz. 

 

Der Fußball hat außerdem Model, ähm, Sturmspitze Mario Gomez. Der Handball hat für gewöhnlich keinen Spieler, der es sich leisten kann, sich der Spielteilnahme zu verweigern und dann trotzdem den Siegtreffer zu erzielen. Sowas gelingt bloß Gomez. Dafür haben die Wurf - und Blockasse Sven-Sören Christophersen in ihren Reihen. Und Stefan Kneer. Und Patrick Wiencez, den Pippo Inzaghi des Handballs. Immer an der Linie kauernd, immer an der Grenze zur Regelwidrigkeit. Noch öfter liegt er am Boden. Einziger Unterschied zur personifizierten Erdanziehungskraft: Wiencez landet in der Regel während seiner Aktion, dem Sprungwurf am Kreis, auf der imaginären Grasnarbe. Bei Inzaghi WAR das die Aktion. 

 

Wo bei Manchester City, Paris St. Germain und dem VfL Wolfsburg argwöhnisch untereinander spioniert wird, ob denn nun der Teamkollege ebenfalls 280.000 die Woche einstreicht oder einen Zehner mehr, haben Diven, Eifersüchteleien und Cristiano Ronaldos im Handball keinen Platz. Da wird gekämpft, gerackert und gerangelt. Geblockt, gezerrt und gezetert. Gemeckert, gewürgt und - irgendwann mal ein Timeout genommen. Zum Durchatmen. 

 

Der Fußball ist da emanzipierter. Ja, das ist er. Weitaus emanzipierter. Das trifft zum einen auf die Sportart zu, die in Sachen Ausstrahlung selbst Glitzer-Harald Glööckler vor Neid verblassen lässt. Und das gilt für die Protagonisten des gesellschaftlich-politischen Massenevents. Die Spieler sind um Längen reifer, ihre Handlungen erfolgen selbstständiger. Offizielle Auszeiten braucht es nicht - die schwer schuftenden Akteure achten schon alleine darauf, kontinuierlich den Anspruch auf schöpferische Pausen zu erheben. Wäre ja noch schöner.  

 

Fußballer jammern über die unmenschliche Belastung, die ein Samstag-Mittwoch-Samstag-Rhythmus ihnen aufbürdet. Völlig zurecht. Cristiano Ronaldo ist aus seiner inneren Balance gebracht, sobald ihm ein Fingernagel einreißt. Völlig zurecht. Ein Mann eben. Dagegen sind die Handballer Memmen. Beschränken die maximale Spieldauer im Voraus auf 60 Minuten, lassen bei jeder sich bietenden Gelegenheit - im Handballer-Deutsch: Spielunterbrechung - die Zeit anhalten, und wenn der tollwütige Torhüter mal wieder einen Anfall hatte, rücken Besen und Wischmob an, um das Freiluftgehege flächendeckend zu säubern. Undenkbare Zustände beim kopfschüttelnden Muttertier, dem Fußball. Als Olli Kahn noch aktiv war, hätten sie eigens abgestellte Putzkolonnen anschaffen müssen. Und was wäre erst mit den ganzen Obstbeständen passiert? Hm. 

 

Wer hat Mazedonien geschlagen? 

 

Es sind Luxusgüter, die dem Handballsport gerecht werden. Fußball-Meister Borussia Dortmund kann rankloppen wie er will, kann das Pressing einstudieren und natürlich das „Spiel gegen den Ball“ lehren - und wird dennoch nie an einen perfekt vorexerzierten Tempogegenstoß Handball‘scher Prägung heranreichen. Das ist der Unterschied. Marco Reus mag eine feine Klinge an seinem rechten Spann aufweisen, doch ob er die Pille ähnlich raffiniert anzuschneiden vermag wie Handball-Linksaußen Dominik Klein, ist zu bezweifeln. Klein, aber nicht Lahm. Punkt für die Handballer.

 

Auch Turnier-technisch stehen sie dem großen Bruder in nichts nach. Beziehungsweise sind sie ihm ein paar Jährchen enteilt. Preisfrage: Wer wurde Weltmeister 1990, kurz nach dem Mauerfall, und wer 2007, kurz nach Angela Merkel? Die deutsche Fußball-Nationalmannschaft hat in jüngster Vergangenheit nicht das Zeugnis abgelegt, Mazedonien in einer K.o.-Runde ausschalten zu können. Die Heiner-Brand-Erben sehr wohl. Diese heroischen Taten basieren zudem, und das ist ein entscheidender Aspekt, auf einer zahlenmäßigen Schieflage. „Unerhört!“, würde sich an dieser Stelle der stets um Gerechtigkeit besorgte Fritz von Thurn und Taxis echauffieren. Während die Herren Fußballer mit elf Mann antreten dürfen, von denen im Schnitt acht untereinander zerstritten sind, ist die Schlagkraft der tapferen Handballer auf sieben Spieler limitiert, von denen im Schnitt sieben für die Gruppe einstehen. Motto: Sieben Freunde müsst ihr sein.

 

So kommt es, dass sich schnöde Null-zu-Null-Spiele im Handball tendenziell weniger ereignen. Und der ultimative Ausdruck des guten Benehmens, die Rudelbildung, erhält doch erst einen tieferen Sinn, wenn es temporäre Strafen gibt und keine roten Karten. Im Anschluss einer zweiminütigen Abkühlphase besteht dadurch die unvergleichliche Chance zur Revanche. Rache ist süß. Team van Bommel versus Team Gattuso. Ein herrliches Gedankenspiel. 

 

Summa summarum gibt es nur eine gemeinsame Schnittmenge. Sie ist rot und gelb und im normalen Leben ziemlich verschuldet. Aber kaum biegt jemand mit einem Ball unterm Arm um die Ecke, egal welcher Größe, welcher Beschaffenheit, welcher Farbe, dann zieht sie Deutschland am Nasenring durch die Manege. Das mit uns und den Spaniern, das muss dringend besser werden in Zukunft. Also ganz allgemein jetzt.