18 Patient glücklich


- Mai 2013 - 


Der FC Bayern München ist ganz oben in Europa, und dorthin bugsiert hat ihn ein Mann, der noch vor Jahresfrist in der Sackgasse seiner Karriere gefangen schien. Es ist eine Geschichte, die nur das Leben schreiben kann. Und der Fußball.



Vor zwei Wochen öffnete der FC Bayern die Pforte, und Medienvertreter aus aller Welt drängelten hindurch. Es galt, letzte Informationen aufzusammeln vor dem Spiel des Jahres. Und so wurden Sportvorstand Sammer, Trainer Heynckes und Kapitän Lahm von der unnachgiebigen Flut an Fragen in die Mangel genommen. Dass sie nach ihrer leidlich bekannten jüngeren Champions-League-Geschichte nun endlich, im dritten Anlauf binnen vier Jahren, den Pokal erringen wollten, verpackten die Protagonisten auf dem Podest zwar in durchaus gefällige, aber handelsübliche Phrasen. Aussagekraft: Überschaubar. Dann kreuzte Thomas Müller auf, und weil es Thomas Müller war, bekamen die Schreiberlinge doch noch etwas Handfestes zwischen die Zähne. Müller hat Erfahrung mit Finalniederlagen, eine weitere solle, ja dürfe nicht hinzukommen. "Wenn du ständig verlierst, bekommst du nicht zu Unrecht einen Loser-Stempel verpasst", sagte er. "Und das will man nicht."



Als Müller diese Worte sprach, horchte Sitznachbar Arjen Robben genau zu. Sein Blick enthielt etwas Prüfendes, er wanderte geradeaus und er war starr. Vielleicht dachte der Flügelstürmer in diesem Moment an die niederländische Nationalmannschaft, an die WM 2010. Möglicherweise dachte er an den FC Bayern München, an Inter Mailand und an das Drama dahoam. Wahrscheinlich dachte er an sich selbst, an seine Karriere.



Am 25. Mai 2013 hat Arjen Robben nun ein Tor erzielt. Es war ein eminent wichtiges Tor, denn es fiel in der vorletzten Minute, und es war der entscheidende Treffer im bedeutendsten Spiel für Vereinsmannschaften. Nicht mit Rohgewalt oder seiner Spezialität, dem angezwirbelten Schuss in die Ecke, überlistete Robben den Dortmunder Torhüter Roman Weidenfeller. Er verlieh dem Spielgerät einen leichten Touch, einen raffinierten Stoß, der es wie in Zeitlupe auf eine Mission sandte. Als sich das Tornetz beulte, waren Ball und Absender am Ende einer Reise angelangt. Drei Zeigerumdrehungen später lag Arjen Robben weinend im Strafraum. 



"Ist doch klar", flüsterte er, die Augen befeuchtet. "Das war mein viertes großes Finale, die ersten drei habe ich verloren. Wenn man auf den Gipfel will, muss man auch mal eins gewinnen. Und dann kam der Abpfiff und man denkt: Du bist Champions-League-Sieger. Das ist das Allergrößte!" 


Spiegel der Bayern-Seele



Es entbehrte nicht einer mitreißenden Symbolik, dass es gerade Robben vorbehalten war, den FC Bayern aus jener Grube zu hieven, in welcher der Klub seit dem 19. Mai 2012 darbte. Bilder haben die Kraft, eine ungeheuere Wucht zu generieren, und die Bilder dieses horrenden Abends lagen wie ein Schleier über den Münchnern. Die Vehemenz der Pleite steht auf einer Stufe mit dem Sekundentod von 1999, und Arjen Robben wurde das Versagen angekreidet. Die Verlängerung, der Elfmeter, der Matchball. Als Chelsea den Pokal schwenkte, versank der Holländer in der Leere eines Torsos und brütete über dem Schicksal. 



Doch da war nicht nur Chelsea, da war auch Dortmund. Das 0:1 vom April 2012. Wieder so ein Bild, das blitzartig skizziert wird: Ein langhaariger Schlaks baut sich vor dem Bayern-Spieler auf, plärrend und geifernd ob dessen vermeintlicher Fallsucht. Robben war zum Strafstoß angetreten und er war gescheitert. An Weidenfeller. In der 87. Minute. 



Beim Spiel der Bayern gegen das holländische Nationalteam, drei Tage nach dem Chelsea-Schock, wurde die Hauptfigur vom Münchner Anhang ausgepfiffen. Robbens Fehlleistungen hatten die Saison nicht allein zum Vize-Triple mutieren lassen, aber sie standen Pate für drei zweite Plätze inklusive der traumatischen Nacht des 19. Mai. 



Jetzt, in Wembley, personifizierte der Offensivmann erneut den Spiegel der Bayern-Seele - diesmal jedoch als Krönung einer Mannschaft, die ein tiefes Tal durchschreiten musste, um die Spitze zu erklimmen. Robben gelang das 2:1, gegen Dortmund, gegen Weidenfeller, und plötzlich fiel alles ab, die Anspannung, die Kritik, die Knüppel zwischen den Beinen. Gefühle und Erinnerung übermannten ihn: "Das vergisst man nicht, was letztes Jahr passiert ist. Das kommt alles hoch." Wie ein Gelehrter weissagte Matthias Sammer: "Du musst immer einmal mehr aufstehen als du hingefallen bist. Das macht Champions aus."



Verbitterung eines gekränkten Stars



Es ist eine Geschichte, wie sie nur das Leben schreiben kann. Keine Inszenierung wäre in der Lage gewesen, es kitschiger zu deichseln. Denn die Robben-Story hatte nicht erst an den Elfmeterpunkten von Dortmund und München ihren Anfang genommen; dem Niederländer haftete bereits ein Stigma an. Eigentlich waren es sogar deren drei: Das persönliche Versagen in großen Partien, die Verletzungsanfälligkeit und der Hang zum Egoismus, der ihn in der Gruppe isolieren soll. "Alleinikow".


Dass die Saison 2012/2013 auf dem uneingeschränkten Höhepunkt endet, war ohnehin nicht absehbar. Ganz im Gegenteil. Der Liebesentzug der Bayern-Fans knockte den Niederländer aus wie ein Kinnhaken von Klitschko. In der Hinrunde bestritt er bloß fünf Spiele, weil einmal die Leiste zwickte, ein andermal der Oberschenkel und schließlich der Rücken. Thomas Müller entzückte mit jenen Facetten, die ihn von Robben differenzierten: Überraschungseffekte statt Eindimensionalität auf dem Feld und eine betont lockere Umgangsart daneben. Von Robben dagegen vernahm man zunehmend griesgrämige Töne, als er wieder konnte, aber nicht durfte. "Wäre ich Trainer, würde ich mich aufstellen", bekundete er im Frühjahr, und es klang wie die Verbitterung eines gekränkten Stars. Teilzeit als Festanstellung, genau wie das verhagelte Gemüt. Da braute sich Unheil zusammen. 



Oder er dachte an Thomas Müller...



Dann aber betrieben Bayern und Robben einen ersten Teil der Trauma-Bewältigung. Ende Februar markierte er im Pokal das 1:0-Siegtor gegen Borussia Dortmund, mit einem elegant angedrehten Ball. So hatte er die Bayern 2010 ins Champions-League-Finale gebracht, so erteilte er sich nun den Startbefehl für den Schlussspurt. Die endgültige Rückkehr des Erfolgsgaranten "verdankte" er dem Pech eines Kollegen. Toni Kroos verletzte sich gegen Juventus Turin, und Robben belegte seinen früheren Stammplatz wieder dauerhaft. Es geschah Erstaunliches: Der angebliche Miesepeter war auf einmal integrativer Bestandteil einer Truppe, in der jeder für jeden rannte und sich jeder für jeden freute. Jupp Heynckes pries einen "Teamgeist, den ich in dieser Form noch nie bei einer Fußballmannschaft erlebt habe." Arjen Robben war vom Ego-Shooter abgerückt. 



Bei den beiden Halbfinal-Siegen über Barcelona zählte der 29-jährige zu den bestechendsten Akteuren. Wie er in der Defensive rackerte, wie er grätschte, wie er außerdem zwei Tore erzielte - das war ein neuer Robben, der sich mehr denn je im Verein verwurzelt hatte, mit jeder Faser seines so maladen Körpers.


Beim Bankett nach dem Triumph von Wembley jubilierte Karl-Heinz Rummenigge vom "Sport-Comeback des Jahres". Er meinte die phänomenalen Taten der Gesamtunternehmung, natürlich, doch er hätte auch den Bayern-Phoenix rühmen können, der träge aus der Asche hervorkroch. Denn das Finale von London setzte die Verlierer-Version zunächst fort. Erbarmungslos. Das Damoklesschwert des Scheiterns baumelte über Robbens kahlem Kopf, als Weidenfeller dicke Chancen vereitelte. Vielleicht dachte der Flügelstürmer in diesen Momenten an die niederländische Nationalmannschaft, an die WM 2010. Möglicherweise dachte er an den FC Bayern München, an Inter Mailand und an das Drama dahoam. Wahrscheinlich dachte er an sich selbst, an seine Karriere.



Oder aber er dachte an die flapsigen Worte von Thomas Müller.



"Du willst am Ende nicht der Loser sein", berichtete also Arjen Robben, die Siegermedaille polierend, der anstürmenden Meute mit Mikrofonen. Er triefte vor unbändigem Glück. Er wirkte noch ein bisschen heldenhafter als der Rest des Ensembles. Er sog jede Sekunde auf, als er sich vor der Kurve platzierte und von den Scharen gehuldigt wurde. Auf seiner Stirn prangte der neue, taufrische Stempel: GEWINNER. Arjen Robben genoss es inbrünstig. Dann küsste er den silbernen Pokal.