17 Mittendrin statt nur dabei

 


Dezember 2014. In der Saison 1999/2000 steckt Borussia Dortmund im nackten Existenzkampf. Drei Jahre nach dem Champions-League-Sieg verbraucht der BVB zwei Trainer, ehe Udo Lattek ein Notfallkommando anführt, das einen Patienten von der Intensivstation holen muss. Das Verrückte: Es gelingt. 

 

Lange, bevor ein Chef-Trainer zum Chef-Delegierenden wird, dessen Schar an fleißigen Hilfsgehilfen die Arbeitsteilung salonfähig macht, stecken ein Schnauzbartträger, ein Rotschopf und die graue Eminenz mit Werbekappe ihre Köpfe zusammen. Die Dortmunder Dreifaltigkeit des Frühjahrs 2000 ist ein Pilotprojekt inmitten des rapiden Sturzflugs. Und so stutzt man allenfalls aus Neugier, als Stefan Reuter nach dem 2:2 beim MSV Duisburg salomonisch resümiert: „Unsere drei Trainer haben uns gut eingestellt.“

 

Einer der drei Trainer, der Schnauzbärtige, ist Uwe Neuhaus. Viel später wird er bei Union Berlin in der zweiten Liga weilen, ausdauernd und erfolgreich. Aber damals klassifiziert man Neuhaus als Borussias Übungsleiter, und er verrichtet sein Werk offenbar so untadelig, dass schon Michael Skibbe und Bernd Krauss auf seine Assistenz vertrauten. Dennoch scheint Neuhaus‘ Autorität nicht auszureichen in diesem Hochpreissegment, das so verblüffende Ähnlichkeit zur Ramschware angenommen hat. „Hey, haltet die Schnauze“, muss nämlich der Alterspräsident plärren, als Neuhaus, 35, die Gefolgschaft verweigert zu werden droht. Anschließend zieht sich der schlohweiße Hauptfeldwebel in seine Supervisor-Rolle zurück wie eine Schnecke in ihr Häuschen. Und beobachtet mit Stechblick. 

 

Borussia Dortmund ist Dreizehnter, zwei Punkte vor einem Abstiegsplatz. Fünf Spiele stehen aus. Drei Jahre zuvor hatte der Verein noch die Champions League gewonnen. Matthias Sammer war der wichtigste Spieler. 

 

„Christian“

 

„Wenn der Sammer erst einmal wieder fit ist...“, hatten also die Kiebitze Monat für Monat geunkt, dann, ja dann werde endlich alles wie früher. Mit Glanz und Gloria. Anfangs ist die Hoffnung echt. Später wird sie aufgeschoben, vom Januar in den Mai in den November ins nächste Jahr und ins übernächste. Sammer wird nie wieder fit. Auf einem Berliner Operationstisch war sein Knie mit Bakterien verseucht worden, was Sammer, „Europas Fußballer des Jahres 1996“, in die Sportinvalidität trieb. 32 Jahre alt ist der Stratege, der wegen seines rotes Haares und des Gift-und-Galle-Mantras zum „Feuerkopf“ apostrophiert wurde. Nun, als Dortmund nicht gegen Juventus Turin um die Krone, sondern gegen Duisburg um die nackte Existenz spielt, firmiert Sammer offiziell als Trainerberater. 

 

Dass er in wenigen Wochen selbst in der Verantwortung stehen und in zwei Jahren zum jüngsten Meistertrainer aller Zeiten avancieren wird? Die Schule zum Abschluss als Jahrgangsbester besteht auch darin, die Eminenz mit Werbekappe beständig „Christian“ statt „Matthias“ sagen zu hören. Dabei ist die Eminenz sein Boss, oder sein Kommandeur, oder wenigstens sein strategischer Koordinator mit Weisungsbefugnis.

 

Udo Lattek.

 

14 Titel hat die Trainerlegende gewonnen, war Europapokalsieger mit Bayern, Gladbach, Barcelona geworden. Aber er war auch sieben Jahre aus dem Geschäft. Und hatte in diesen sieben Jahren, bevorzugt als wortgewaltiger Kommentator im Großbuchtaben-Blatt, weder mit derben Kritiken noch der wie zementiert wirkenden Meinung zurückgehalten, sich nicht erneut an die Seitenlinie scheuchen zu lassen. „Ich kann‘s nicht mehr, wirklich", sagte Lattek schon 1991, denn: „Auch ein Spitzenchirurg weiß nach vierjähriger Pause nicht mehr, wie er das Skalpell halten soll.“

 

Berücksichtigt man den Umstand, dass Borussia Dortmund anno 2000 auf der Intensivstation einen künstlichen Schlaf schlummert, wird das Ganze natürlich umso dramatischer. Um den eigentlich emeritierten Chirurgen an den Operationstisch zu zerren, braucht es Überzeugungsarbeit. Im ersten Gespräch mit BVB-Präsident Gerd Niebaum sei es „überhaupt nicht um Geld gegangen, danach war es innerhalb von einer Minute vom Tisch“, behauptet Lattek im DSF, seinem Haus- und Hofsender, und steckt sogleich die Grenzen ab: „Ich mache das nicht als Samariter, ein gewisser Gegenwert muss schon da sein.“

 

Der „Focus“ kolportiert mit einer Million Mark - netto -, die Lattek für seine Dienste erhalten soll. Also 200.000 Mark pro Partie. Weil Lattek einschlägt, wittert das DSF tollkühne Großkampftage. Prompt verpassen sie ihrem prominentesten Vertragspartner eine Schirmmütze samt Slogan: „Mittendrin statt nur dabei.“ Selten war eine Kernaussage treffender.

 

Wobei sich der Altmeister, 65 Lenzen zählend, nicht als Hütchenaufsteller begreift und auch nicht als Vorturner beim Torschusstraining. Dafür gibt es schließlich Neuhaus. Zur Not Sammer. Borussias Job-Sharing erlaubt Lattek, mit seinem Lieblingsinstrument zu musizieren und die Leute an sensiblen Synapsen zu stimulieren: Per gesprochenem Wort. Selbst Diego Maradona staunte einst in Barcelona, wie der Ostpreuße sein Ego in schwindelerregende Höhen linguierte. Beim BVB bringt Lattek nicht die Beine in Schwung, er referiert im Fach Geisteswissenschaften - und scheut wie üblich keine klare Kante: „Wenn auch nur einer aufgibt“, blafft er die schlaffen Millionarios an, „den werfe ich der Presse zum Fraß vor!“

 

Die nie ausgezahlte Siegprämie

 

Den ironischen Part spielen seine Kolumnen. Mit Springer-Stiefeln hatte Lattek den Dortmundern da missratene Personalpolitik vorgeworfen. Würde er das Sagen haben, schrieb Lattek, hätte er Andreas Möller oder Heiko Herrlich „längst“ den Laufpass gegeben; Profis wie Victor Ikpeba oder Christian Wörns wären unter seiner Regie „nie verpflichtet“ worden. Im schwarz-gelben Auffangbecken schwimmen weitere Prachtfische wie Weltmeister Jürgen Kohler, Europameister Fredi Bobic, „Talent“ Lars Ricken oder die beiden Brasilianer Evanilson und Dede. Kein schlechtes Aufgebot, eigentlich. Noch am 8. Spieltag grüßt Dortmund von der Spitze, gecoacht vom jungen Michael Skibbe. Zehn Runden darauf wird der 34-Jährige zurück in den Nachwuchs versetzt. Zu diesem Zeitpunkt ist der BVB Sechster, einen Punkt hinter den Champions-League-Fleischtöpfen, aber einen bedenklichen Trend schulternd. Die Mannschaft hatte das Gewinnen verlernt. 

 

Im Februar 2000 übernimmt der erfahrene Bernd Krauss das Ruder. Man stehe ja nicht auf einem Abstiegsplatz, meint Krauss lapidar und händigt eifrig Broschüren aus: Die Qualifikation für die Champions League sollte es schon sein.

 

0:1 in Wolfsburg. 1:1 gegen Ulm. 1:1 in Freiburg.

 

„Meine erste Siegprämie will ich der Kinder-Nothilfe in Duisburg spenden. Und zwar so schnell wie möglich“, sagt Krauss. 

 

1:1 gegen 1860 München. 1:1 in Frankfurt. 0:1 in Rostock.

 

Jens Lehmann wird zum Sicherheitsrisiko. Interessant: Besonders das Spiel mit dem Fuß - dem Vernehmen nach der entscheidende Vorzug, der ihn sechs Jahre später ins WM-Tor hievt - missrät dem Keeper mehrfach. Gegen die Löwen hoppelt ihm ein Rückpass über den Spann, Martin Max schiebt ins leere Tor ein. In Rostock fliegt Lehmann mit Rot vom Platz, und Dortmund verliert durch ein Eigentor in der Schlussminute. 

 

1:3 gegen Bielefeld. 2:3 in Bremen. 0:1 gegen den HSV.

 

In Leverkusen will Lehmann den Stürmer Thomas Brdaric düpieren. Bayer führt 2:1, Brdaric luchst dem Torhüter den Ball ab und trifft zum Endstand. Lehmann pestet über den „Scheiß-Schiedsrichter“. 

 

1:3 gegen Unterhaching. Zu Hause. Schluss- und Tiefpunkt. Die Amtszeit von Bernd Kraus dauert exakt 67 Tage. Der Kinder-Nothilfe bleibt ein Scheck verwehrt. 

 

„Erst werden wir den Bayern die Fresse polieren...“

 

Mitte April ist Borussias Lage akut. Als Pensionär Lattek eine Horrorvision abwenden soll, jedoch die tägliche Trainingsarbeit ablehnt, will der „Spiegel“ einen „wasserscheuen Rettungsschwimmer“ erkannt haben. In der Fußball-Republik tropft die Häme aus den Poren, das 2:2 beim Tabellenletzten aus Duisburg changiert die Kampagne kaum. Immerhin verzichtet Lattek auf seine schrille Klamotte aus Schalker Tagen. Die DSF-Kappe, die jede Übungseinheit und jedes Spiel überdauert, wird von einem beigen Trenchcoat neutralisiert - nicht ganz Elder Statesman, aber akzeptiert. Die Reife. 

 

Sein loses Mundwerk hat der Medienritter nicht eingebüßt. Die Stellschrauben sind noch immer im gewohnten Raster verankert. „Erst werden wir den Bayern die Fresse polieren“, tönt Lattek vor dem Wiedersehen mit seinem Ex-Klub, „dann weine ich mit ihnen.“ Abermals patzt Lehmann böse. Der Torwart schaufelt einen Freistoß vor die Füße von Hasan Salihamidzic, der das einzige Tor im Westfalenstadion erzielt. Ein mickriger Punkt trennt Riese Dortmund noch von den Ulmer Spatzen aus der Abstiegszone... 

 

In Stuttgart gelingt Borussia der erste Sieg seit Dezember 1999, der zweite in den vergangenen 24 (!) Bundesligaspielen. 2:1 durch Herrlich in der Nachspielzeit. Am Spielfeldrand hüpft Trenchcoat-Lattek mit Sammer und Möller enthemmt im Kreis. Der Befreiungsschlag. Der Brustlöser. Der Lastenausgleich. Ein maues 1:1 gegen Schalke sichert am 33. Spieltag endgültig die Klasse; mit dem überraschend klaren 3:0 in Berlin zieht der BVB sogar am Ruhr-Rivalen vorbei. Platz elf, fünf Punkte vor dem K.o.

 

Sammer muss ein bisschen auf den Chef-Posten gedrängt werden. Er windet sich und fügt sich doch. Der Rest? Siehe oben. „Christian“ hatte einen guten Lehrmeister.