1 Krzysztof Nowak


Januar 2015

 

Wenn der VfL Wolfsburg zum Rückrundenstart den FC Bayern München empfängt, ist das Spiel vom Gedenken an Junior Malanda überlagert. Die Stimmung wird anders sein, zumindest vor dem Anpfiff. Die VfL-Fans haben eine Choreographie vorbereitet, und anstatt zu schweigen, werden sie Beifall klatschen. Vor einigen Jahren lag ebenfalls ein Schleier aus Bedrückung über einem Bayern-Auftritt in Wolfsburg. Auch damals war ein persönliches Schicksal allgegenwärtig. Jenes von Krzysztof Nowak.

 

Lästige Pflicht ist das, was denn sonst. Ein Auswärtsspiel im zugigen Stadion des VfL Wolfsburg, am 33. Spieltag. Und dann dieser Siegeszwang! Der FC Bayern hat eine mäßige Saison hinter sich, aber wenn alles glatt läuft (was ja meistens geschieht), können sie mit einem Drei-Punkte-Wurf auf den vierten Titel in Serie schielen. Es wird kein Ruhmesblatt, eher ein zähes Ringen im April. 1:0 durch ein Eigentor des Gegners. 

 

Das eigentlich Wichtige aber trägt sich zu, als die Herren Fußballer noch ihre empfindlichen Muskeln dehnen.

 

Krzysztof Nowak würde das auch gerne tun. Aber er kann nicht. 

 

Nicht mehr.

 

Nowak sitzt im Rollstuhl am Spielfeldrand, lächelt tapfer, dann erhält er einen Strauß Blumen. Es ist ein symbolischer Akt, auch wenn er das gar nicht sein soll. Der Stadionsprecher referiert, die Fans erheben sich, Nowak lächelt noch tapferer. Vor Anpfiff des Bundesligaspiels verabschiedet der VfL Wolfsburg seinen früheren Spielmacher von der Profibühne. Da ist Nowak 26 Jahre alt. 

 

Die Muskeln machen nicht, was das Gehirn befiehlt

 

1998 kommt der Pole von Atlético Paranaense nach Niedersachsen, wo er zehn Tore in 83 Einsätzen schießt. Nowak agiert zentral mit der Nummer 10, wie ein Regisseur. "Krzysztof hatte das Zeug, ein ganz Großer zu werden", sagt Wolfgang Wolf, der Nowak beim VfL trainiert. Zwei Jahre und ein paar Monate. 

 

Krzysztof Nowak spürt Signale seines Körpers, aber er kann sie nicht deuten und will es nicht. Die Finger fühlen sich merkwürdig taub an, doch Nowak trainiert weiter. Er spielt am 10. Februar 2001 beim 3:1 in Berlin. Das Gefühl bleibt, doch Nowak trainiert weiter. Dann werden die Arme taub. Nowak trainiert nicht mehr weiter. 

 

Vielleicht ist die Ungewissheit das Schlimmste von allem. Kein Arzt weiß Rat, und Nowak merkt, wie seine Muskeln nicht machen, was das Gehirn ihnen aufträgt. Immer öfter, schleichend, heimtückisch. An Sport ist nicht zu denken; der Alltag ist es, stinknormale Banalitäten, die den 25-Jährigen vor die größten Aufgaben seines Lebens stellen. Manche erweisen sich als zu groß. Seine Frau Beata und die beiden Kinder müssen helfen, weil der Berufsfußballer bald vollständig auf andere angewiesen ist. 

  

Im März 2001, vier Monate nach den ersten Anzeichen, erhält Nowak eine Diagnose. Sie ist niederschmetternd: Amyotrophische Lateralsklerose (ALS), eine schwere Nervenkrankheit. In 13 Jahren werden sich Menschen unter Kübel voll Eiswasser stellen, sie werden Video-Clips produzieren und verbreiten und richtig stolz auf sich sein, ohne den Zweck ihrer prickelnden Duschen zu kennen.


ALS.


Durch die Zerstörung von Nervenzellen, die zur Muskelkontrolle zuständig sind, wird der Körper mit Lähmungserscheinungen befallen. In der Schulmedizin gilt ALS als unheilbar.

 

„Nummer 10 der Herzen“

 

Nowak kämpft einen aussichtslosen Kampf. Er, der eben noch fidel über Fußballfelder gesprintet war, kann nicht länger laufen, jede Bewegung ist eine Probe. Aber wenn eines nicht infrage kommt, dann der Gedanke an Aufgabe. „Ich hoffe auf ein Wunder“, sagt Nowak. Nicht lächelnd, sondern tapfer.  

 

Er kontaktiert Ärzte auf der ganzen Welt, in Deutschland, Amerika, Malaysia. In Wolfsburg verfolgt er Trainingseinheiten seines Teams aus dem Auto. „Fußball war 15 Jahre das Wichtigste in meinem Leben“, sagt Nowak. „Jetzt spiele ich nicht mehr, aber meine Kollegen geben mir Kraft.“ Wolfgang Wolf versucht, seinem Schützling durch Zusammenhalt zu stärken: „Er bleibt Teil der Mannschaft." Nie ist dieser Satz weniger Floskel als diesmal. 

 

Im alten VfL-Stadion am Elsterweg hat Nowak seinen Stammplatz neben der Trainerbank. Im Rollstuhl. Nach Eröffnung der neuen Arena, Ende 2002, zieht er mit seiner Familie in eine Loge. Und Nowak ist omnipräsent. Wenn der Stadionsprecher die Mannschaftsaufstellung verliest, wird auch der ehemalige Mittelfeldspieler genannt, immer zum Schluss. Ein sentimentales Ritual. Die Fans drücken dem Polen als „Nummer 10 der Herzen“ ihre Zuneigung aus, sie kennt keine Grenzen. „Ohne unsere Freunde“, bekennt Beata Nowak einmal, „würden wir das nicht schaffen.“

 

Krzysztof Nowak wird 29 Jahre alt

 

Als der FC Bayern im April 2002 in Wolfsburg weilt, um schmucklos zu siegen, vereinbart man ein Benefizspiel. „Ich hoffe, dass wir dazu beitragen können, dass geholfen werden kann“, erklärt Karl-Heinz Rummenigge. Alle Einnahmen werden in die „Krzysztof Nowak-Stiftung“ fließen; mit dem Geld sollen Menschen unterstützt werden, die an ALS leiden. Zu den prominentesten Patienten zählt der britische Astrophysiker Stephen Hawking.

 

Im Januar 2003 tritt Bayern erneut in Wolfsburg an. Diesmal ist der Sport komplette Nebensache. Es ist Nowaks Tag, er lächelt. Tapfer. Sein Zustand hat sich nicht verbessert. Der VfL gewinnt durch ein Tor von Martin Petrov mit 1:0, aber das Einzige, was zählt, sind die 400.000 Euro Einnahmen. Und die Geste der Aufmunterung im so rigiden Business Profi(t)fußball.

 

Krzysztof Nowak stirbt am 26. Mai 2005 in Wolfsburg. Er wird 29 Jahre alt.