31 Kaká und Konsorten


- November 2013 -


Während sich die italienische Serie A in einem Aufschwung befindet, vergilben beim AC Mailand Ruhm und Glanz. Die alten Recken glänzen nurmehr in der Erinnerung, ein Jugendstil hat Einzug gehalten und Mario Balotelli natürlich auch. Einer der Helden aber ist zurückgekommen ins San Siro, dorthin, wo er einstmals zum Weltstar avancierte. Es ist der Versuch einer Renaissance - für ihn und für den Klub.

 

Eigentlich war alles wie in den guten alten Zeiten. Federnd stolzierte der Brasilianer über den patschnassen Rasen des Guiseppe-Meazza-Stadions zu Mailand. Beide Arme und das Gesicht gen Himmel gerichtet, murmelte er Worte der Dankbarkeit an höhere Mächte. Die dunklen Haare klebten wie Schnittlauchsträhnen in der Stirn, das Trikot mit der Nummer „22“ flatterte am schlaksigen Körper herab. Als sein herrlich gezirkelter Schuss das Toreck anvisiert und getroffen hatte, muss sich der Fußballvirtuose Kaká in die Vergangenheit zurückversetzt gefühlt haben. Womit er nicht alleine war.

 

Sicher, die ehemals engelsgleichen Gesichtszüge sind gesetzteren Konturen eines 31-jährigen gewichen. Und auch die Art und Weise, sich auf dem Feld fortzubewegen, diese raumgreifende, fast schwebende Dynamik vergangener Tage, litt unter den Belastungen. Kaká hat an Tempo verloren, das ist bekannt und es ist normal. Die Spuren vieler Verletzungen und die berufsbedingte Abnutzung eines Fließbandfußballers lassen sich kaum verschleiern, doch was der Mittelfeldstar in den ersten Partien seines Milan-Comebacks anbot, weckte so etwas wie zarte Hoffnungspflänzchen an eine Renaissance.

 

Ruhig, bedächtig, schüchtern


Letzte Woche traf er beim 1:1 gegen Miroslav Kloses Lazio Rom zum ersten Mal in seiner zweiten Amtsperiode beim AC Mailand. Es war ein Tor der Güteklasse Kaká, wie in besten Zeiten: Technische Perfektion, unwiderstehlicher Antritt, sauberer Abschluss. Und dann die Hände zum Himmel, diese Geste zelebriert er, seit ein Badeunfall als 18-jähriger um ein Haar nicht nur die Karriere ruiniert hätte. Bei einem Kopfsprung in Niedrigwasser brach sich Kaká einen Halswirbel, entging allerdings einer drohenden Lähmung. Torerfolge widmet er der obersten Instanz.

 

Dass Lazio noch der Ausgleich gelang, trübte die Freude naturgemäß, das Remis bringt Milan in der Tabelle nicht voran. Nach zehn Spieltagen dümpelt man mit zwölf Punkten auf Rang zehn herum, zu den Champions-League-Plätzen fehlen satte 13 Punkte. „Ich kann es mir gar nicht vorstellen, die Champions League ohne Milan“, sagt Kaká mit leiser Stimme.

 

Auch das ist nichts Neues. Ruhig, bedächtig, fast schüchtern, im Auftreten sind keinerlei Abweichungen vom hochdekorierten Profi zum unerfahrenen Greenhorn auszumachen. Der Brasilianer mit italienischem Pass ist ein äußerst zurückhaltender Vertreter der Spezies Fußballstar, zur affektierten Medienfigur taugt er nicht wirklich: Er ist schlicht zu bescheiden für die lauten, reißerischen, vielleicht provokativen Töne, und wenn man böse sein möchte, könnte man ihm einen Anstrich von Langeweile unterstellen. Aber dem Gutmenschen Kaká kann man schwer böse sein. Also durfte er nach dem Lazio-Match unaufgeregt-sachlich seine (erneut) ansprechende Leistung bewerten: „Ich freue mich, dass ich eine zweite Chance bei Milan bekomme, bin glücklich mit meiner Entwicklung, muss mich aber noch verbessern.“ Kaká mangelt es an Spielpraxis - eine Folgeerscheinung seiner prallen Krankenakte.

 

Als er beim 1:0-Sieg gegen Udinese Calcio erstmals vor heimischer Kulisse spielte, fuhren seine Endorphine Achterbahn: „Es war für mich sehr emotional, wieder im San Siro aufzulaufen. Ich habe den gesamten Tag über diesen Moment nachgedacht. Die Fans, die Begrüßung, das ist ein Moment, an den ich mich immer wieder gerne zurückerinnern werde. Es tut gut zu wissen, dass die Fans einem vertrauen und Großes von mir erwarten."


Schambeinprellung, Meniskusschaden, Einwechselspieler


2009 war Ricardo Izecson dos Santos Leite, so sein bürgerlicher Name, nach Madrid abgewandert, im September 2013 unterschrieb er einen Zweijahresvertrag beim AC Mailand - und zeigte kürzlich beim 1:1 gegen Barcelona in der Champions League einen beachtlichen Auftritt. „Kaká hat unglaubliche Qualität, er ist ein absoluter Profi“, findet Mitspieler Robinho. „Kaká hat ein außerordentliches Spiel gezeigt und bewiesen, dass er ein wahrer Champion ist“, erklärte Trainer Massimo Allegri. Und Marco Amelia, der Torhüter, wagte den Spagat: „Ich denke nicht, dass es große Unterschiede zwischen dem Spieler, der Milan verlassen hat, und dem aktuellen Spieler gibt.“


Dem Spieler also, der von 2003 bis 2009 in 193 Spielen 71 Tore erzielte, der mit seiner filigranen Eleganz die Tifosi verzückte und 2007 zum Weltfußballer gewählt wurde.

 

Natürlich balgten sich danach die einflussreichen oder einfach nur betuchten Vereine dieses Fußballkosmos um die Dienste Kakás. Dem Vernehmen nach schlug der gottesfürchtige Katholik ein astronomisches Angebot von Manchester City über 130 Millionen Euro Ablöse und 16,5 Millionen Jahresgehalt aus - müßig zu diskutieren, ob es sich nicht mit seinen moralischen Grundsätzen vereinbaren ließ, denn kurz darauf verließ er Milan doch; dem Lockruf Real Madrids widerstand Kaká nicht, auch, um den finanziell angeschlagenen Lombarden mit 65 Millionen Transferentschädigung unter die Arme zu greifen - wie er meinte. Im selben Sommer wechselte Cristiano Ronaldo zu den Königlichen, doch während der Portugiese seinen Namen fortan veredelte, kämpfte Kaká mit dem maladen Körper. Er war schon bei Milan verletzungsanfälliger geworden, in Madrid verschlimmerten sich die Zipperlein zu ernsthaften gesundheitlichen Beeinträchtigungen. Vier Saisons, 85 Einsätze, 23 Tore, das sind die nüchternen Fakten, aber Hauptwörter waren andere: Schambeinprellung zum Beispiel, oder Meniskusschaden, und vor allem: Einwechselspieler. Ein gewisser Mesut Özil pachtete die Rolle des Regisseurs, und als nun selbst der Top-Vorbereiter der Primera Division durch das reale Sieb fiel, war klar, dass auch Kakás wenig befriedigendes Intermezzo beendet sein würde. Ironie des Schicksals: Just zu dieser Saison heuerte mit Carlo Ancelotti der Trainer in Madrid an, der den jungen Kaká bei Milan zum Weltstar geformt hatte.

 

Für eine Rückkehr in die ehemalige Brutstätte nahm der zweifache Vater eine saftige Gehaltseinbuße in Kauf, angeblich von zehn auf vier Millionen Euro. Er schloss sich einer Mannschaft, einem Team, einem Klub an, der eine ähnlich komplizierte Phase wie er selbst durchläuft. Zwar konnte Milan mit dem gleichermaßen verrückten wie genialen Stürmer Mario Balotelli einen internationalen Klassespieler an sich binden, der qua Tradition geregelte Zugang zu den europäischen Fleischtöpfen aber ist abgeschnitten. Bei Milan vergilben Ruhm und Glanz, und das gerade in einer Phase, in der Italiens Fußball wieder an Attraktivität gewinnt. Transfers vom Schlage eines Gomez, Tevez, Higuain untermauern die gestiegene Strahlkraft der Serie A. Das Hauen und Stechen um die Spitzenplätze ist in vollem Gange: Meister Juventus Turin enteilt, Neapel und Florenz rüsten auf, Lokalrivale Inter greift an, der AS Rom pulverisiert sämtliche Startrekorde. Milan holte noch 2011 den Titel, hat seitdem jedoch den Anschluss an die absolute Elite verpasst.

 

Aderlass, Rassismus, Balotelli

 

Das spiegelt sich besonders an der Kaderzusammensetzung wider. Was waren das für Zeiten, als Maldini, Costacurta und Nesta verteidigten, Gattuso als tollwütiger Mittelfeld-Terrier die Zähne fletschte, Pirlo und Seedorf die Fäden zogen und Shevchenko sowie Inzaghi für die Massenproduktion von Toren bürgten - oder Schwerstarbeit für Linienrichter. Rui Costa hielt den Taktstock in der Hand, Rivaldo, Ronaldo (der echte) und später Ronaldinho (auch echt, aber meist in Gestalt eines übergewichtigen Doppelgängers) gaben mehr oder minder wirkungsvolle Kostproben ihres Könnens ab. David Beckham kam, sah, posierte. Und dann war da Zlatan Ibrahimovic, Garant des letzten, insgesamt achtzehnten Scudettos anno 2011. 

 

Keiner von ihnen ist übrig geblieben. Pato wurde als neuer Pelé gehandelt, aber das passierte schon ganz anderen, etwa Robinho, diesem ewig unerfüllten Versprechen, der übrigens nach wie vor in Lohn und Brot bei Milan steht. In der Lombardei wissen sie um den Aderlass der Persönlichkeiten, die ihr Renommee in aller Regel nicht nur spazieren trugen, sondern Jahre und teilweise Jahrzehnte prägten. Vor der aktuellen Saison hörte sich die Bestandsaufnahme indes leicht trotzig an: „Es sind weniger Top-Namen bei uns, aber immer noch Spieler mit großem Talent. Der AC Mailand ist einer der größten Vereine der Welt, wir müssen vorne mitspielen.“ Zitat: Kevin-Prince Boateng.

 

Bekanntlich kickt dieser inzwischen in Gelsenkirchen, zermürbt von der Rassismus-Hetze in den italienischen Stadien. Denn das ist das nächste, ungelöste Problem - was selbstredend nicht auf Mailand beschränkt ist. Im Januar hatte Boateng bei einem Testspiel nach permanenten Schmähbekundungen protestierend den Rasen verlassen, im April mussten Juventus, Lazio und die Roma empfindliche Geldstrafen wegen Entgleisungen sogenannter Fans zahlen, kürzlich wurden Milan-Anhänger diskriminierend auf - und ausfällig. Rassistische Rufe haben eine „besorgniserregende Häufigkeit“ angenommen, schrieb die "Gazzetta dello Sport", und Milan-Coach Allegri prangerte das „rückständige Denken“ an, welches in Italien existiere.

 

Auch Mario Balotelli ist Opfer armseliger Schmähkritik geworden. Auf der anderen Seite hält der Exzentriker selten mit Worten und noch seltener mit Taten zurück. Aufgrund von Schiedsrichterbeleidigungen fing er sich bereits mehrere Spiele Sperre ein. „Balotelli muss sich ändern, weil er für viele Kinder ein Vorbild ist“, befahl Allegri. Als der eigenwillige Angreifer Anfang des Jahres von Manchester nach Mailand übersiedelte, war er mit sieben Toren in den ersten sieben Spielen ausschließlich sportlich in den Fokus gerückt. Dann jedoch wurde er auf einer Auswärtsfahrt beim heimlichen Rauchen auf der Toilette erwischt - keine einfallsreiche Idee. Jetzt erzählt man sich Wundersames: Balotelli sei bereit, sich von seiner Irokesen-Frisur und allzu viel protzigem Schmuck zu trennen, auf seinen schwarzen Ferrari zu verzichten, seine Luxusvilla außerhalb Mailands aufzugeben und sich eine zentralere Wohnung zu suchen, um mehr Zeit mit den Teamkameraden zu verbringen. Wenn‘s hilft...


1990, 1992, 1994


Milan hätte es nötig. Die „Rossoneri“ haben einen Umkehrschwung eingeleitet. Italien-untypisch, legt Coach Allegri (46) gehobenen Wert auf die Offensive, wobei sich die mit zahlreichen jungen Kräften gespickte Mannschaft mitten im Lernprozess befindet. „Ich glaube, dass es ein Vorteil ist, den Trainer nicht gewechselt zu haben, weil er die Stärken und Schwächen der Mannschaft kennt - und auch die Mannschaft kennt den Trainer“, sagt Riccardo Montolivo, seines Zeichens neuer Kapitän und somit Nachfolger von Legenden wie Gianni Rivera, Franco Baresi oder Paolo Maldini. Montolivo wird wegen seiner deutschen Mutter „Il Tedesco“, also „der Deutsche“ genannt, und er besitzt Tugenden, die ihn vielleicht zum Prototyp der Milan-Generation 2013 befähigen: Zuverlässig, geradlinig, diszipliniert, ein Abräumer und Arbeiter. Er gibt Auskunft über veränderte Gegebenheiten: „Bis vor wenigen Jahren konnten Milan und andere italienische Vereine die Spieler kaufen, die sie haben wollten. Heute müssen sie in junge Spieler und in die eigene Jugendarbeit investieren. Das ist etwas, an das man kaum gewöhnt war, deshalb wäre ein bisschen mehr Geduld angebracht. Wir haben in der vergangenen Saison sehr viel verändert und junge Spieler eingesetzt, die jetzt in der Nationalmannschaft spielen. Die Vorstellung hier ist, einen Mix aus hochbegabten jungen und aus profilierten Spielern zu schaffen.“


Torhüter Gabriel, ein Brasilianer, ist Jahrgang 1992 und bereits Hoffnungsträger. Balotelli (Jahrgang 1990) und seine Stürmerkollegen Stephan El Shaarawy (1992) sowie M‘Baye Niang (1994) knüpfen exemplarisch an den Jugendstil an. Kapitän Montolivo zählt mit 28 Jahren fast zum Ältestenrat der Truppe, ein noch vor kurzem undenkbarer Zustand. Trotzdem sagt er im Brustton der Überzeugung: „Unser Ziel ist, etwas zu gewinnen!“ Das wird schwer. Nach der Meisterschaft 2011 wurden die Lombarden in der heimischen Liga Zweiter und Dritter. International war in den vergangenen drei Jahren zweimal im Achtelfinale und einmal, 2011/2012, im Viertelfinale Endstation. Momentan ist Milan in der Gruppe Zweiter, am Mittwoch treten sie zum Rückspiel in Barcelona an.  

 

Es war 2007, als ihr ehemaliger Meistertrainer Arrigo Sacchi relativ respektlos von einer AC-Mannschaft sprach, die aus „Kaká und Konsorten“ bestehe. Diese doch recht unbrauchbar klingende Ansammlung an alternden Granden konnte sich im selben Jahr immerhin zum Champions-League-Sieg aufraffen, freilich mit Kaká als wichtigstem Baustein im Gefüge. Das ist bald sieben Jahre her, und die Frage lautet, was der ehemals beste Spieler der Welt noch bewirken kann. „Kaká und Konsorten“, heute wäre diese Titulierung nämlich passender denn je. „Ich kehre nach Hause zurück und bin sehr glücklich“, betonte er bei seiner Mailänder Ankunft. In vertrauter Umgebung soll Kaká die Verfassung erlangen, die ihn einst auf andere Ebenen hievte, auch im Hinblick auf 2014 - wenn es zur ultimativen Mondlandung für alle brasilianischen Fußballer kommt: „Ich möchte es zur WM schaffen und ein großartiges Turnier spielen!“

 

So wie früher. Mit den Händen zum Himmel.