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- Februar 2013 - 

 

Bei Rafael van der Vaart ist der Wurm drin. Privat, wie jedermann seit einem Monat unausweichlich mitgeteilt bekommt. Aber auch sportlich. Er läuft, aber es läuft nicht. Ein Dilemma vor dem runden Geburtstag. 

 

Die 57. Minute im Nordderby gegen Werder Bremen steht symptomatisch für die derzeitige Situation von Rafael van der Vaart. Gerade hat der Bremer Sokratis das 2:3 aus Sicht der grün-weißen Gäste erzielt und Werder neuen Schwung verliehen. Da tankt sich der agile Heung-Min Son auf der rechten Seite durch, sieht seinen Spielmacher in der Mitte blank postiert und schaufelt ihm das Leder mustergültig zu. Doch anstatt trocken, sicher, schnörkellos abzuschließen, will van der Vaart das große Kino zelebrieren: Hinter dem Standbein mit der Sohle vollenden. Eine schwierige Übung, aber eine, die nicht unmöglich ist für einen Mann solcher technischen Finesse. Normalerweise. Ein paar Augenblicke später legt sich Werder-Torhüter Mielitz den Ball zurecht. Zum Abstoß. 

 

Van der Vaart befindet sich in einer Schaffenskrise mittleren Ausmaßes. „Ich bin nicht Superman“ hatte der Holländer wohlwissend schon bei seiner von Jubelorgien begleiteten Heimkehr versucht, die Erwartungen zu drücken. Es gelang natürlich: Nicht. In der Person van der Vaart sahen die leidgeprüften HSV-Anhänger ihren ersehnten Rettungsanker. Den Steuermann, der den leckenden HSV-Kahn endlich in ruhigeres Fahrwasser manövriert. Er sollte - um im Bild zu bleiben - die aufgerissenen Löcher stopfen, das Ruder an sich reißen und mit seiner Klasse, seiner Erfahrung und seinem individuellen Moment den Kurs vorgeben. Wie ein Kapitän ohne Mütze. Wenn wir das Anforderungsprofil auf den grünen Rasen übertragen, heißt das in etwa so viel, als dass van der Vaart den darbenden Liga-Dino ganz alleine aus dem Schlamm zieht. Indem er hinten die Bälle abgrätscht, sie vorne verteilt und am Besten seine eigenen Vorlagen verwandelt. Ist doch ein Klacks. Für so einen. Für SO einen!

 

Sonnenstrahlen im Schmuddelwetter

 

Sie alle hatten diese drei Jahre im Kopf, in denen Rafael van der Vaart für Sonnenstrahlen im Hamburger Schmuddelwetter gesorgt hatte. 74 Spiele, 29 Tore, 19 Vorlagen. Er produzierte das Besondere, das Geniale, das Spektakuläre. Dem HSV war mit der Verpflichtung des damals 22-jährigen Mittelfeldtalents sein größter Coup seit Keegan gelungen. Zusammen mit seiner bildhübschen Gattin Sylvie verbreiteten die van der Vaarts einen Zauber, wie ihn die Hansestadt lange nicht mehr erlebt hatte. Der Trubel ging soweit, dass von einer Mini-Ausgabe der Beckhams die Rede war. Oder auch: Den deutschen Beckhams. Traumfußball und Traumkulisse macht Traumpaar. 

 

Das hielt sich. Über Jahre. Rafael und Sylvie, er erfolgreich, sie hübsch, später sogar noch erfolgreicher, Arm in Arm auf roten Teppichen, dauerpräsent in den Klatschblättern, lächelnd, strahlend, beseelt. Immer im Einklang, immer im Geschäft, immer in der BIlD-Zeitung. Eine perfekte Symbiose auf dem Terrain von Sport und Business, ein beispielloses Konstrukt aus privatem und beruflichen Glück. 

 

Bis Sylvester kam.

 

Seitdem ist ziemlich wenig wie zuvor. Die Presselandschaft schlachtet das undurchsichtige Hin und Her in teilweise widerlichen Details aus, und die van der Vaarts sind daran nicht unschuldig. Den Springer-Verlag bedienten sie beinahe täglich mit aktuellen Wasserstandsmeldungen, klagten ihr Leid und ihre Ansichten. Im Grunde bis heute. Erst kürzlich durfte man von einem Ausflug der Getrennt-Versöhnten lesen, gemeinsam mit Sohn Damian zu „Ice Age“. O-Ton Sylvie: „Wir hatten einen wunderschönen Nachmittag. Ganz besonders unserem Jungen hat die Show sehr gut gefallen.“ O-Ton Rafael: „Wir versuchen, so viel Zeit wie möglich zu verbringen.“ Merke: BILD sprach mit den Toten. Und den van der Vaarts.

 

Dennoch hat ihnen ihre Haus - und Hofpostille weitaus mehr genutzt als geschadet. Sylvie wurde in Deutschland auch dank Springer-Vitamin B ein bekanntes Gesicht, Rafael erhielt einen fußballerischen Freifahrtsschein. Selbst vermeintliche Skandale wie das Foto mit Valencia-Trikot 2007 hallten schnell ab. Zwar bastelten die findigen Schlagzeilendichter ein böses „van der Verrart“, doch kaum hatte der Gescholtene im nächsten Spiel einen Strafstoß zum 1:0-Sieg verwandelt, war Rafa wieder König. So ist das mit den Privilegien einer Sonderstellung.

 

Kleiner Engel, großer Bahnhof

 

Als er bei Real Madrid auf dem Abstellgleis stand, warfen sie ihn nicht zum Fraß vor, in dem Sinne, dort wäre er gescheitert. Nein, stattdessen wurde der HSV aufgefordert, den „verlorenen Sohn“ zurück an die Elbe zu lotsen. Als das überraschenderweise nicht klappte, als van der Vaart bei Tottenham de facto die Karriereleiter herunterrutschte und in der niederländischen Nationalmannschaft plötzlich auf der Bank saß, da schwärmten sie noch immer vom „kleinen Engel“, mit dem der HSV sicherlich in der Champions League mitmischen würde.

 

Im Sommer 2012 bereite Hamburg seinem Heilsbringer einen gigantischen Empfang.

 

Ein finanzieller Kraftakt unter der gütigen Mithilfe von Investor Klaus-Michael Kühne brach am letzten Tag des Sommer-Transferfensters den Damm. 13 Millionen! Rafael van der Vaart wieder im Trikot mit der Raute, wieder im Trikot mit der Nummer 23. Und die HSV-Fans zwickten sich ungläubig: Träum‘ ich!? Milliardär Kühne trompetete: „Ich bin sicher, dass das der Aufbruch in eine bessere sportliche Zukunft ist!“

 

Zu Beginn verzückte van der Vaart. Bei seinem ersten Auftritt unterlag er mit den Seinen 2:3 in Frankfurt, war allerdings gleich an beiden Toren beteiligt und wirkte überdies so gar nicht wie ein fremdelnder Frischling im verunsicherten Team des Tabellenletzten. Und als dann eine Woche danach das erste Heimspiel zu seiner persönlichen Gala wurde mit gezirkelten Flanken, maßgeschneiderten Pässen und einem 3:2 über Meister Dortmund, da glaubte man in Hamburg, den Messias schlechthin verpflichtet zu haben. In Mönchengladbach schoss er sein erstes Tor in der zweiten HSV-Karriere, ein grandioses noch dazu, von links mit links. Bereits im selben Spiel aber begannen sich die Dinge zu wenden. Van der Vaart setzte einen Elfmeter an den Pfosten. In der Nachspielzeit traf Gladbach zum 2:2. Ein Zeichen?

 

Der Job verkam zu einer belanglosen Begleiterscheinung

 

Es folgten maue Vorstellungen, durchschnittliche Leistungen, die nicht schlecht waren, aber für einen Rafael van der Vaart nicht gut genug. Doch man sah darüber hinweg, weil sich die Hamburger seit der Ankunft des Niederländers peu à peu den Europacup-Rängen näherten. Im Oktober trug sich van der Vaart beim 2:0 in Augsburg mit einer Torvorlage letztmalig in die Scorer-Wertung ein. Kurz vor der Winterpause verletzte er sich am Sprunggelenk. Dann der Sylvester-Krach. Später eine neuerliche Blessur. Und andauernd die Belagerung von (Sport-fremden) Schreiberlingen, die auf spannende Exklusiv-Storys warteten. Zu Jahresbeginn verkam sein Job zu einer belanglosen Begleiterscheinung. 

 

Es gab eine van-der-Vaart-Krise. Aber die hatte herzlich wenig mit der Bundesliga zu tun.

 

„Der Fußball wird Rafael sehr gut ablenken. Man wird auf dem Platz nichts davon merken", versicherte Trainer Thorsten Fink vor Rückrundenstart. Falsch gedacht. Man merkt ziemlich viel davon. Weil das HSV-Spiel lahmt, wenn sein Motor stottert. Dass van der Vaart nicht kämpft, kann ihm keiner vorwerfen. Bloß gibt es für Kilometergeld weder Punkte in der Tabelle noch ordentliche Noten in den Zeitungen. Der „Kicker“ verpasste ihm in Nürnberg eine 4,0, gegen Bremen und Frankfurt jeweils eine 4,5. Tendenz mangelhaft. Van der Vaart rackert, er kratzt, er grätscht. Aber er hält das Zepter nicht in der Hand, vermag keine Impulse zu setzen. Siehe Frankfurt: Ein Freistoß ans Außennetz - die ganze Kunst.


Trainer Fink beeilt sich, die Formkrise seines wichtigsten Spieler kleinzureden: „Er war länger verletzt, kann jetzt noch gar nicht wieder bei 100 Prozent sein. Er arbeitet viel. Wir brauchen ihn. Ich bin mir sicher, dass er auch schon sehr bald wieder an Toren beteiligt sein wird.“ Derweil fragt BILD besorgt: „Wann sehen wir wieder den wahren Rafa?“ Die Antwort des verhinderten Regisseurs lieferte das Blatt klarerweise mit. Sie lautet: „Hoffentlich bald.“


Bald, nämlich sehr bald, muss sich van der Vaart an eine neue Vorwahl gewöhnen. Am 11. Februar wird er 30. Vielleicht steht das Datum und die Zahl für den Aufbruch, den sich Investor Kühne wünscht. Und auch irgendwo erwartet angesichts der stattlichen Summe, die er in seinen Lieblingsspieler gesteckt hat. Vielleicht geht das Theater rund um Angelegenheiten, die der Öffentlichkeit eigentlich fern bleiben sollten, im selben Stil weiter. Vielleicht stürmt van der Vaart mit dem HSV nach Europa, vielleicht verharren sie im düsteren Mittelmaß. Vielleicht wird Sylvie Chefredakteurin im Hause Springer.

 

Die Marke van der Vaart will gepflegt werden. Langweilig wird es nicht.