1 Die Wahrheit liegt auf der Trainerbank


- Januar 2013 - 

 

+++ UPDATE: Sechzig hat den Blues und Eriksson jetzt doch keine Lust auf biederen Zweitliga-Schnitt. Verständlich. Der Text bleibt trotzdem stehen. Wort für Wort. Der Versuch, dieses extravagante Giesinger Geschäftsmodell zu durchschauen, hat dem Autor ja auch beträchtlich Arbeit gemacht. Außerdem ist er noch nicht einmal eingefleischter Löwen-Anhänger. Nein, nicht wirklich.  +++  


Kein einziges Tor wurde erzielt, doch München erlebte eine an Turbulenz schwer zu überbietende Woche. Ein Hammer jagte den nächsten. Sven-Göran Eriksson transferiert sich mit Hindernissen zu 1860, und aus Pep wird demnächst Sepp Guardiola. Ein Wahnsinn. Waren Winterpausen eigentlich immer so unterhaltsam?  

 

Die Ereignisse überschlugen sich. Was passierte nicht alles binnen weniger Tage, ach was, Stunden: Die deutsche Handball-Nationalmannschaft gesteht Doping. 1860 München  befördert Pep Guardiola ohne dessen Wissen zum neuen Trainer. Sven-Göran Eriksson zieht ins Achtelfinale ein. Der jordanische Investor setzt Lance Armstrong als Nachfolger von Jupp Heynckes beim FC Bayern durch. Herrje, da herrschte ein buntes Treiben auf den Sportplätzen und Sitzungssälen. Akute Reizüberflutungs-Gefahr!

 

Konzentrieren wir uns der Einfachheit halber auf den fußballerischen Bereich. Um das undurchsichtige Gestrüpp der sprießenden Vorkommnisse zu entzerren, beschränken wir unsere Überlegungen auf Deutschland. Die letzte Portion Verwirrung beseitigen wir, indem der Zeigefinger die Landkarte zielgerichtet in der bayerischen Landeshauptstadt bedeckt. Ähnlich einnehmend wie die beiden Münchner Vereine momentan den Blätterwald.

 

Der Rubel rollt gewaltig. Zwei schillernde Namen treiben ihn durch die Gassen. Zwei unterschiedlich erfolgreiche Klubs bilden die Plattform. Der TSV 1860 bestätigt seine selbsternannte Etikettierung als „Münchens große Diebe“. Und schämt sich noch nicht einmal dafür. Mit der Sensations-Nachricht, Sven-Göran Eriksson würde mit den Löwen anbandeln, klauten sie den Bayern doch glatt einen Teil des Rampenlichts. Wie unkollegial unter Nachbarn. Also wirklich.

 

Haarklein und detailversessen hatte der ungeliebte Stadionvermieter die medienwirksame Vorab-Inthronisierung des Wundertrainers Guardiola geplant, akribisch alle Unwägbarkeiten aus dem Weg geräumt. Im Konferenzraum skizzierte Boss Rummenigge den exakten Leitfaden: Erst die Gerüchte kalt lächelnd und vor allem halbherzig dementieren, die gespannten Blicke der noch gespannteren Öffentlichkeit auf sich ziehen - und dann am Mittwoch überraschend die Bombe platzen lassen. Die festliche Verkündung stand kurz bevor, sogar Guardiola war in die kühnen Überlegungen eingeweiht. Keine Selbstverständlichkeit, wie wir seit Neuestem wissen.

 

Pep und die Philosophie 


Denn ein paar hundert Meter weiter (beziehungsweise eine Liga tiefer) werkelte die krisenerprobte Vorstandsriege des Stadtrivalen 1860 nicht minder emsig an ihrem eigenen Legenden-Status. Genauer gesagt arbeiteten sie überwiegend gegeneinander. In solchen Momenten freuen sie sich bei den Bayern, dass Gerd Müller damals an die Säbener und nicht an die Grünwalder Straße watschelte. Sonst würden jordanische Investoren heutzutage vielleicht einen rot-blauen Seitenwechsel vollzogen haben, und Uli Hoeneß müsste seine Rostbratwürste möglicherweise zur Bürgschaft freigeben. Alles wegen Gerd Müller. Die Löwen-Watsch‘n gegen Franz Beckenbauer nicht zu vergessen. Merke: Kleine Taten, große Wirkung. 

 

Jedenfalls drang irgendwann die Meldung nach außen, Sven-Göran Eriksson übernähme das Traineramt beim Aufstiegsaspiranten in spe. Welch eine Konstellation. Als einigermaßen unvorteilhaft entpuppte sich dann allerdings der limitierte Redebedarf zwischen Löwen-Investor, Löwen-Vorstand und Löwen-Sven. Aus dem Internet vernahm Eriksson, wo er einen Vertrag unterschrieben habe und demnächst seinen Dienst antreten werde. Und irgendwie verformten sich die Gehirnwindungen beim Anblick der Missverständnisse (unterstellen wir mal keine böse Absicht) zu einem gedanklichen Spagat. Auf der einen Seite nimmt das Ganze recht amateurhafte, unprofessionelle Züge an. Aber selbst für Löwen-Fans dürfte es sich dabei um einen weiteren, sicherlich kurzweiligen Akt des hauseigenen Kuriositätenkabinetts handeln. Im Produzieren von Schlagzeilen hatte der TSV 1860 stets Erstliga-Format. Und immerhin: So bleibt man im Gespräch. Im Optimalfall wirft die merkwürdig anmutende Szenerie sogar einen Trainer von Welt ab. 

 

Bei Branchenprimus Bayern gestaltete sich die Sachlage zumindest aus der Distanz betrachtet unkomplizierter. Da machte sich die Erfahrung im Umgang mit hohen Tieren bezahlt. Das Prozedere sah einen Jupp Henyckes vor, der sich mit dann 68 Jahren in den verdienten Ruhestand verabschiedet, und nannte im nächsten Atemzug den beeindruckendsten aller Nachfolgekandidaten: Pep Guardiola aus New York. Nein, Barcelona. Oder? Egal. Fußball ist eine universelle Angelegenheit. München oder Manchester, United oder City. Ein Tor mehr als der Gegner genügt. Wer braucht da schon kompliziertes deutsches Vokabular, wenn er diese vielgerühmte „Philosophie“ hat? Eben. 

 

Und so werden auch die Übergänge fließend verlaufen. Josef übergibt an Josep, aus Jupp wird Pep. Oder besser: Sepp. Richtig, Sepp Guardiola, der als Spaßbeauftragter heitere Gesichter hervorbringen soll. Wir sprechen quasi von einem Sepp Gaudi-ola... Gaudi, das ist der bayerische Fachterminus für die Freude, das Vergnügen, und eine Gaudi streben sie an mit dem Pep, der die Bayern endlich wieder auf Europas Thron führen soll. Zwei verlorene Champions-League-Endspiele in drei Jahren nagen an einem stolzen Verein. Wäre es ihnen mit Guardiola anders ergangen? Weil die bayerische Kultur voll ist mit Klischees und Traditionen, Stereotypen und einem eigenen Erbgut, dem Sieger-Gen sowieso, lautet die Antwort natürlich: Ja mei. 

 

Sven-Göran und das Schlafgemach

 

Kontakte sind das halbe Leben. Besonders die wichtigen. Aus einer normalerweise unzugänglichen Quelle wurden ausgewählten Rezipienten exklusive Informationen übermittelt. Sie enthalten folgende vier Kernaussagen: Der personifizierte Fußballtrainer-Messias, der herabgestiegene Heiland, die gottgegebene Erscheinung, Josep Guardiola himself, erwägt, den FC Bayern mit einem Gesamtvolumen von elf Spielern auf das Feld zu schicken. Davon soll ein Akteur eine differenzierende Trikotfarbe tragen und die Bälle als Einziger in die Hand nehmen dürfen. Revolutionär! Auf der Torhüterposition wird es keine Neuverpflichtung geben. Mit anderen Worten: Kein Neuer. Außerdem liege Guardiola mit seinem neuen Vorgesetzten Matthias Sammer bereits auf einer Wellenlänge, da dieser ihm einen guten Friseur empfohlen habe, welchen auch Arjen Robben benutzt. Streng vertraulich!

 

Sven-Göran Eriksson wird, so er denn beizeiten aufkreuzt in Giesing, ein zusätzliches Kapitel in seinem ohnehin schon Anekdoten-reichen Buch verfassen dürfen. Die Ruhe der schwedischen Landschafts-Idylle weicht der Umtriebigkeit eines Klubs, der seine Aufstiegsambitionen regelmäßig im Chaos begräbt. Interne Ränkelspielchen, um nicht zu sagen Machtkämpfe, sind keine Seltenheit, und sie brachten die Löwen um etliche sportliche Chancen. Jetzt liegt die Hoffnung in Eriksson, diesem weltgewandten Fußball-Botschafter. Portugal hat er gesehen, Italien, Mexiko, zuletzt Thailand (wenn auch eher auf Stippvisite). Als englischer Nationalcoach scheuchte er David Beckham über den Platz - und der Sage nach so manche Dame ins nächtliche Schlafgemach...

 

Spannend wird es zugehen in München, überaus spannend, ob nun Liga eins oder zwei, ob an der Säbener oder der Grünwalder, ob mit Investor oder mit Investitionen. Fünf Jahre ist es übrigens her, dass ein gewisser Jürgen Klinsmann bei den Bayern als zukünftiger Chef vorgestellt wurde. Ebenfalls Mitte Januar war das, ebenfalls in einer Winterpause, und ebenfalls kannte der Rummel nur wenig Grenzen. Bestenfalls. Gefühlt liegt das viel länger zurück. Ottmar Hitzfeld war Trainer. Oliver Kahn stand im Tor. Facebook kannte kein Mensch. Wo hat die Zeitmaschine uns bloß ausgespuckt? Wenigstens eine Konstante gibt es: 1860 spielte in der zweiten Bundesliga. Doch womit war eigentlich Sven-Göran Eriksson beschäftigt? Die Recherchen laufen auf Hochtouren.