10 Der treue Kettenhund



Mai 2014. Carles Puyol ist ein Mann mit Prinzipien: Immer derselbe Verein, immer dieselbe Einstellung, immer dieselbe Frisur. Nach eineinhalb Dekaden, davon zehn Jahren als Kapitän, verlässt der charismatische Verteidiger den FC Barcelona. Unweigerlich naht das Karriereende. Eine Würdigung. 


Verblüfft stecken die Nachwuchsscouts des FC Barcelona ihre Köpfe zusammen. Es gibt Gesprächsbedarf. Eigentlich sind sie nach La Pobla de Segur gekommen, um einen Stürmer der örtlichen Jugendmannschaft zu begutachten. Aber es dauert nicht lange, bis die Talentspäher ihren Fokus verlagern.


Der Angreifer bleibt blass, weil ihn ein giftiger Verteidiger zermürbt. Der Junge, ein Teenager von 17 Lenzen, wirft sich mit Verve in Zweikämpfe, ohne unfair zu sein. Er kanalisiert seine Intensität in Einsatz, er hat, das ist rasch zu erkennen, etwas Besonderes an sich. Etwas Unzähmbares. 


„Kann sein, dass er viel weniger Talent besitzt als andere“, raunt Scout Oriol Tort auf der Tribüne. „Ich habe aber noch nie einen erlebt, der so sehr vor Ehrgeiz brennt wie dieser Bursche. Barca braucht Spieler mit so viel Herz.“


16 Jahre später streift sich „dieser Bursche“ seine wilde Mähne aus dem Gesicht, dann die Kapitänsbinde vom Arm. Lächelnd übergibt er den Stoff an Eric Abidal, seinen französischen Teamkollegen. „Ich hatte das Gefühl, als wäre die Zeit stehengeblieben, als wäre ich in diesem bis auf den letzten Platz gefüllten Stadion ganz allein mit mir", strahlt Abidal, der gerade von einer Lebertransplantation genesen ist. Gemeinsam stemmen sie den Champions-League-Pokal in den Londoner Nachthimmel. 


Wenn der Adel den Knicks für den Diener macht


Es sind Sequenzen zweier Epochen, wie sie eine Fußballerkarriere kaum weiträumiger umspannen können. Die Aussage aber bündelt sich: Kampfeswille und Loyalität, diese Eigenschaften ebneten die Laufbahn des Carles Puyol.


Im März verkündete der Mann mit der eigenwilligen Frisur seinen Weggang vom FC Barcelona; vor kurzem deutete er gar das Ende seiner Ausnahmekarriere an. Knieprobleme hemmen Puyol seit Jahren, er verpasste die EM 2012, und im Grunde verpasste er den Anschluss. „Um ehrlich zu sein“, gesteht Puyol, „könnte ich im Augenblick für keinen Klub spielen. Wenn das hier bei Barca nicht ging, wird es anderswo kaum möglich sein."


Als der 36-Jährige seine Abschiedstournee eingeläutet hatte, wurde er von einer Welle der Sympathie überschwemmt. Wenn man so will, machte der Adel den Knicks für den Diener. „Wir verlieren einen großartigen Spieler und einen großartigen Menschen“, bedauerte Andres Iniesta. „Er wird als einer der drei besten Innenverteidiger Spaniens in die Geschichte eingehen", würdigte Fernando Hierro. „Für mich war Puyol immer das Feuer, das eine Mannschaft braucht", konstatierte Edgar Davids.


Die ergreifendste Botschaft  schrieb vermutlich Gerard Pique ins Poesiealbum, ein offener Brief, der anriss, was Puyol für Barcelona darstellte: Leader, Symbolfigur, Integrität und auch ein bisschen das Gewissen. 


Das ungleiche Duo


Pique erinnerte an Wembley 2011, an Abidal und die Kapitänsbinde nach dem 3:1 über Manchester United: „Es war eine Geste, die Dich noch größer gemacht hast als Du es eh schon warst", befand Puyols langjähriger Abwehrkumpane, und man war geneigt, sentimental zu werden.


Pique ist das komplette Gegenteil zum hemdsärmeligen Puyol, ein Verteidiger mit aparter Note. Vor einigen Jahren erfanden sie den Kosenamen „Piquenbauer", eine Hommage in Anlehnung an Kaiser Franz, weil Pique so behände über den Rasen stolziert. An seiner Seite rannte, rackerte, grätschte die wandelnde Haarpracht - ein Bild, das sich in 15 Jahren Blaugrana manifestiert hat.


„Meine Generation und die, die nach uns kommt, kann sich ein Barca ohne Puyi nicht ausmalen, ist nicht fähig, sich Dich ohne die Kapitänsbinde und die ,5‘ auf dem Rücken vorzustellen. Nichts wird sein wie es mal war", meinte Pique.


582 Spiele, 21 Titel


Oriol Tort ahnte nicht, welch Entdeckung ihm da gelang, 1995 in La Pobla de Segur. Puyol erregte nicht nur Aufmerksamkeit, er wurde in die Talentschmiede "La Masia" aufgenommen, debütierte 1997 bei den Profis (1997!) und gewann anschließend: Alles. Wirklich alles. 


Sagenhafte 21 Titel haben sich in seiner Ägide angehäuft, darunter fünf Meisterschaften und drei Champions-League-Triumphe. 582 Pflichtspiele bestritt Puyol für Barcelona, 19 Tore erzielte er. Für die spanische Nationalmannschaft lief Puyol exakt 100 Mal auf, drei Treffer stehen zu Buche. Die Triumphe bei der EM 2008 und der WM 2010 haben ihn zu einem der erfolgreichsten Akteure werden lassen, die jemals ein Fußballfeld betraten. 


Freilich neigt der Mensch zum Euphemismus, vor allem retrospektiv. So gab es durchaus Perioden, die kein spanisches Abonnement auf Pokale kannten: Die zähe Phase in der Nationalmannschaft vor dem 2008er Durchbruch, die titellosen Barca-Jahre zu Anfang des Jahrtausends. 


Als Frank Rijkaard 2004 neuer Trainer der Katalanen wurde, ernannte er Puyol zum Spielführer. „Er kommt immer als erster zum Training, hört als letzter auf - und wenn die Mannschaft einen freien Tag hat, trainiert er allein", lobte Rijkaard sein Sprachrohr. Die Zusammenarbeit fruchtete. Mehr noch: Es war der Beginn einer prachtvollen, ja historischen Dekade.


Kein Rädchen der Zirkulationsmaschine 


2009 köchelte sie am Siedepunkt: Sechs Titel holte Barca mit Coach Pep Guardiola, Hirn Xavi und Kapitän Puyol. In seiner Anfangszeit, Ende der Neunziger, noch als Außenverteidiger eingesetzt, hatte die lockige Instanz längst eine Mutation zum Abwehrboss genommen. Und trotzdem zweifelte der Laie hier und da an der Aufenthaltsgenehmigung dieses Defensivspezialisten, gerade in Barcelona, wo doch nur Ästheten brillieren.


Puyol war nie einer dieser filigranen Künstler, die Fußball zur Lust am Spiel verklären, die wirbeln und tricksen und manchmal zaubern. Puyol war kein Deco, der Schnittstellenpässe aus dem Fußgelenk schüttelte, er war kein Ronaldinho, der einen Übersteiger an den nächsten reihte, und erst recht war er kein Messi mit dieser schwer fassbaren Natur des Tempodribblings. 


Carles Puyol i Saforcad wartete mit anderen Tugenden auf; manche behaupten, dass der FC Barcelona ohne selbige nicht zum internationalen Maßstab gereicht hätte. Weil Arbeiter die Stützpfeiler für Virtuose sind. 


„Ich weiß, man hat in mir immer einen Spieler gesehen, der sich vor allem in körperlichen Hinsicht voll einsetzt", sagt Puyol. „Man muss dabei berücksichtigen, dass ich im Junioren-Alter zu Barca gekommen bin, während andere schon mit sechs oder sieben Jahren hier begonnen haben. Daher hat mir anfangs einiges an Basiskönnen gefehlt."


Vorsicht, bissig!


Nachwuchsscout Tort kennt den Charakterzug dieses Profis, der gewiss nicht zu den Besten seines Jahrgangs zählte, jedoch bereit war, konsequent zu lernen. Ausdauer, Beharrlichkeit und Durchsetzungsvermögen waren die Ingredienzen zur Weltkarriere. "Ich habe den Ehrgeiz, auch in technischer und taktischer Hinsicht besser zu werden", sagte Puyol einst, "und ich glaube, meine Bemühungen waren nicht ganz erfolglos", sagt er heute.


Aus dem Zerstörer wurde ein Stabilisator mit erweitertem Repertoire: Explosivität, Schnell - und Sprungkraft, Präsenz, Timing, Antizipation, irgendwann waren die Beobachter so verzückt, dass das Magazin "11Freunde" vom "Starkstromelektriker" fabulierte. Was ausschließlich nett gemeint war.


„Es kommt auf die richtige Mischung aus Bescheidenheit und Angriffslust an", erklärte Puyol seine Einstellung, während Barca-Kollege Sergio Busquets staunte: „Er gibt alles in seinem Spiel, er verteidigt und stürmt." Manchmal überdrehte Puyol beim Versuch, den Strafraum dynamisch zu säubern, dann landete der Befreiungsschlag im eigenen Netz. Kalkuliertes Berufsrisiko.


Privat mag es Puyol ruhig, er engagiert sich für Tierschutz, in diesem Frühjahr wurde seine erste Tochter geboren. Auf dem Fußballfeld aber machte der Katalane wegen seiner Aggressivität zuweilen den Anschein eines bissigen Kettenhundes. In Spanien nannten sie ihn "el tiburon", den Hai. Und der Hai liebte es, seine Widersacher zu peinigen. 


Ein Tor als Zeugnis


Auch Deutschland hinterließ er einen Zahnabdruck. Das WM-Halbfinale 2010 wurde von einem wuchtigem Kopfstoß Puyols entschieden; Spanien zog ins Endspiel ein und gewann den Cup, der DFB scheiterte erneut an der (vor)letzten Hürde seiner Unternehmung. „Sie wirkten im Vergleich mit dem Katalanen eher wie norddeutsche Kaltblüter, grundsolide und verlässlich, aber nicht imstande, einen Impuls zu geben wie Puyol", mäkelte die „FAZ" am germanischen Abwehrpersonal.


Wer einem Fachfremden komprimiert die Vorzüge von Puyol erläutern möchte, zeigt ihm diese Aktion: Die Deutschen zauderten, Spaniens Spielführer hingegen rammte seine 178 Zentimeter ins Gedränge und stach in eine Schneise, die er sich selbst eröffnete. Sein Kopfball, ein Geschoss, zischte an Manuel Neuer vorbei ins Netz. 1:0. Die Siegermentalität visualisierte sich in der aufgemotzten Version von Wolfgang Petry. Deutsch war sie nicht.


Zusammen mit dem Champions-League-Gewinn von 2011 zählt der Halbfinal-Treffer zu Puyols letzten großen Bühnenstücken. Der Körper streikte, immer öfter, immer länger, irgendwann zu oft. In der vergangenen Saison reichte es lediglich zu elf Einsätzen. Puyol ist enttäuscht, aber Realist genug, um die Zeichen der Zeit zu verstehen. 


Synonym zu Barca


Beim FC Barcelona endet eine monumentale Ära. 19 Jahre im Klub, davon 15 als Profi und 10 als Kapitän: Carles Puyol hat Marken gesetzt. „Sein Name steht gleichbedeutend für Barcelona", weiß Bayerns Thiago, vier Jahre Teamkollege der Ikone. Für Xavi sind es „Tapferkeit, Aufopferung und Großzügigkeit“, die Puyol zum Leader erkoren. Der Gepriesene selbst stellt die menschliche Komponente über alle Trophäen: „Ich kam als Kind hierher und verlasse den Verein als Teil einer Familie. Darauf bin ich sehr stolz!"


Wie es weitergeht? Ein Trainerjob, betont er, käme nicht infrage. Aber das haben schon ganz andere gesagt. Frag nach bei Piquenbauer. 


Also beschloss Gerard Pique seinen Abschiedsbrief mit einer Kombination aus Wehmut, Dankbarkeit und einer Prise Sarkasmus: „Ich muss lachen, wenn sie davon erzählen, jetzt einen ,neuen Puyol' finden zu müssen", schrieb er. „Sie können ewig suchen. Sie werden keinen finden."