5 Der Schlawiner

 


März 2014. Wem Anlagen zum Weltklassespieler bescheinigt werden, der sollte in einer Phalanx der Superstars verkehren. Meint man. Claudio Pizarro wurden derlei Anlagen bescheinigt, aber in irgendwelchen Phalangen verkehrte er nie. So einer muss verdammt viel falsch gemacht haben. Oder auch nicht. 

 

Bei den olympischen Winterspielen in Sotschi trug sich Spektakuläres zu. Im Skispringen segelte der Japaner Noriaki Kasai (41) zur Silbermedaille, und der österreichische Fernsehkommentator sagte: „Der ist nicht alt, der ist uralt!“ Es sollte ein Kompliment sein. 

 

Nun ist das mit Lob ja immer so eine Sache. Echte Würdigungen, also solche ohne versteckte Bosheiten, sind in einer Gesellschaft der Egoisten eher rar gesät. Zumeist schwingt eine Portion Selbstprofilierung mit, oder Argwohn, oder auch eine unterschwellige Relativierung. Aber manchmal sind Applaus und Huldigung ehrlich gemeint. So war es bei Kasai, so ist es bei Claudio Pizarro. Davon darf man wenigstens ausgehen.

 

Pizarro, sagt Mehmet Scholl, ist „der beste Fußballer, mit dem ich je gespielt habe.“ Pizarro, sagt Jupp Heynckes, ist „ein exzellenter Fußballer und Torjäger, ein absoluter Top-Spieler.“ Pizarro, sagt Giovane Elber, ist „eine Bombe!“

  

„Santa Cruz für Arme“ 

 

Fortgeschrittener Fußball und fortgeschrittenes Fußballeralter sind zwei Pole, die sich normalerweise abstoßen. Besonders in der rasant rotierenden Ballwelt des Universums Zwanzigvierzehn, wo 25-Jährige als designierte Routiniers durchgehen, 28-Jährige den „letzten großen Vertrag“ ihrer Karriere unterzeichnen und 31-Jährige die Zukunftsplanung einläuten (sollten). Demnach müsste Claudio Pizarro, 35 Lenzen zählend, seine 169 Bundesligatore in Dauerschleife abspulen und mit einer dicken Zigarre auf eine durchaus gelungene Laufbahn zurückblicken. 

 

Aber das macht er nicht. Also das mit der Zigarre.

 

Stattdessen ist der Peruaner geschätzter Edeljoker eines Klubs, der sich jüngst zum internationalen Maßstab gerobbt hat. Das finden viele respektabel. Vielleicht ringt es dem ein oder anderen sogar Anerkennung ab, Bayern hin, München her. Es wirkt ein bisschen so wie damals bei Mehmet Scholl, den irgendwie jeder mochte, obwohl er bei einem Feindbild-Verein an der Legendenbildung werkelte. 

 

Scholl hatte gerade die Champions League gewonnen, als Claudio Pizarro nach München übersiedelte. 2001 war das, und im Gepäck hatte der junge Stürmer ein stattliches Empfehlungsschreiben von Werder Bremen. Als unbeschriebenes Blatt war Pizarro zwei Jahre zuvor nach Deutschland gekommen, trotz einer beeindruckenden Torquote beim peruanischen Klub Alianza Lima war er für schlappe 1,5 Millionen Mark zu haben. Ein wenig Häme aus dem Süden umsäumte den Transfer. „Santa Cruz für Arme“, spottete Bayern-Manager Uli Hoeneß, der zur selben Saison den hochgehandelten Roque Santa Cruz für die Münchner erwärmen konnte - und ungleich mehr auf den Tisch legte... 29 Pizarro-Tore später hatte Hoeneß seine Meinung revidiert. 

  

Ein schlampiges Genie

 

In Zeiten von Schnelllebigkeit und der allumgreifenden Hektik mutet es beinahe romantisch an, einen weitreichenden Bogen zu spannen. Bei Claudio Pizarros erstem Spiel für die Bayern wusste der Rekordmeister wenig von Luca Toni, noch weniger von Mario Gomez und nichts von Robert Lewandowski. Dafür umso mehr von Giovane Elber, Carsten Jancker und, ja, Roque Santa Cruz. Zehn Tore in zwei Jahren sprachen Bände. 

 

Das tat auch Freistoßspezialist Scholl, der die Schalker an jenem 4. August 2001 im Alleingang versohlte. Schon nach sechs Minuten rasierte sein Zuspiel die Gästedefensive, listig vollstreckte Pizarro zum Führungstreffer. 79 weitere Bundesligatore für den FC Bayern sollten folgen.

 

Und doch fragt man sich, weil man sich einfach fragen muss, ob dieser begabte peruanische Fußballspieler seine Möglichkeiten komplett ausgeschöpft hat. Als Marco Bode, ein ehemaliger Bremer Mannschaftskamerad, einmal gebeten wurde, Pizarros Vorzüge zu beschreiben, splittete er sie in verschiedene Abschnitte. Anfangs, bemerkte Bode, sei Pizarro ein „leidenschaftlicher, hocheffektiver, abgezockter Profi" gewesen. Heute, angereichert mit Erfahrung und Erfolgen, „reifer, fehlerloser und selbstbewusster.“ 

 

Bei Bayern gab es Phasen, in denen sich Uli Hoeneß sowie die Trainer Ottmar Hitzfeld und Felix Magath mächtig ins Zeug legten, um ihren „Piza“ ans Leistungslimit zu kitzeln. Wenn er es schon nicht selbst anstellte. Die Bayern-Oberen merkten, welche Fähigkeiten Pizarro besäße, und sie registrierten, wie schludrig er mit ihnen umging. „Schlawiner“ nannte Hoeneß den Peruaner dann, was so viel wie Schlitzohr bedeuten sollte und nicht gänzlich nett gemeint war. Magath attestierte Pizarro, alle Qualitäten zu vereinen, „die ein Weltklassestürmer braucht. Er kann ein Spiel lesen, weil er geschickt ist. Er versteht es, sich davonzustehlen, er hat eine überragende Technik, dazu diese Kopfballstärke - er kann mit allen Teilen seines Körpers Tore erzielen.“ Das klingt berauschend. Aber letztlich sind wir wieder beim Lob, das tatsächlich Kritik ist, ernüchternde Kritik. Es haperte an der konstanten Umsetzung, vor allem in der Champions League, der Liga der Besten. 

 

Schade eigentlich. 

 

Claudio Miguel Pizarro Bosio war ein Lebemann, und wäre er das nicht gewesen, hätte wohl ein Weltstar aus ihm werden können. Der Peruaner hat sich für ein Dasein als schlampiges Genie entschieden; mit diesem fröhlichen Charakter und der fast unnatürlich positiven Ausstrahlung, lachend, launig, in seiner Sturm - und Drang-Zeit selten einem Umtrunk abgeneigt. Die Leichtigkeit, die ihn am Ball auszeichnete, verlagerte Pizarro ins Private - eine Einstellung, die der Professionalität nicht immer dienlich war. „Ich hätte noch mehr aus meiner Karriere machen können", gesteht Pizarro heute, während Laissez-faire schöne Grüße ausrichten lässt... Dennoch ist er weit gereist: Ziemlich oft getroffen, ziemlich viel gewonnen, ziemlich gut verdient. Es soll schlimmere Schicksale geben.  

  

Der Mann für die Zwischentöne

 

Seit dem 23. Oktober 2010 zeugen die Geschichtsbücher von den Errungenschaften des Angreifers. An diesem Samstag traf Pizarro für Bremen in Mönchengladbach und insgesamt zum 134. Mal in der Bundesliga. In der Hitliste der erfolgreichsten Ausländer übertrumpfte er damit seinen früheren Sturmpartner Giovane Elber, der es auf 133 Treffer gebracht hatte. Am 25. September 2012 avancierte Pizarro, inzwischen wieder in München, mit seinem 337. Einsatz zum ausländischen Rekordspieler. 

 

Seine Autogrammkarte kann sich sehen lassen: Weltpokal 2001, Klub-WM und Champions League 2013, viermal das nationale Double (2003, 2005, 2006, 2013), Pokalsieger mit Werder Bremen 2009, UEFA-Supercup-Gewinner 2013, am Dienstag die fünfte Meisterschaft im roten Trikot. In der Bundesliga hat Pizarro fast 200 Partien für Bayern bestritten, die Gala-Vorstellung gegen den HSV mit vier Toren und zwei Assists ragt heraus. „Es war das beste Spiel meiner Karriere“, strahlte der Angreifer nach dem 9:2-Sieg an Ostern 2013, und er sagte es mit dieser Melange aus Schelm und Schlitzohr. Da war er wieder, der Schlawiner mit dem ansteckenden Grinsen. Pizarro, der Sympathieträger.

 



















Besonders seit seiner Rückkehr ist „Piza“ Kult beim FC Bayern. Schon im November 2001 stand er mit der Nummer 14 auf dem Rasen, als die Münchner in Tokio den Weltpokal holten. Ein anderes Team, eine andere Zeit. Pizarro erinnert sich: „Ich war noch sehr jung und kam zum amtierenden Champions-League-Sieger. Ich hatte großen Respekt vor den Spielern. Heute bin ich einer der Ältesten und versuche der Mannschaft dabei zu helfen, oben zu bleiben.“ Pizarro besetzt die Rolle des Regulativs, wirkt speziell abseits des Platzes auf seine Kollegen ein. Er ist der Mann für die Zwischentöne, ein nicht zu unterschlagenes Element im Gesamtmosaik. Die „ZEIT“ umschrieb die Aufgabe mit der reizenden Vokabel „Sozialhygiene“ und interpretierte ein gemeinnütziges Abspiel auf Arjen Robben so: „Wenn die Diva aus Holland trifft, stabilisiert das den Teamgeist der Bayern.“ 

  

Teure Gespräche...

 

Auch Pep Guardiola profitiert vom „deutschen“ Peruaner. „Ich kenne die Mentalität, ich kenne die Spieler und den Verein. Da konnte ich ihm bei der einen oder anderen Sache helfen“, erklärt Pizarro. Selbst wurde der Südamerikaner schnell mit den Gepflogenheiten der Wahlheimat vertraut. „Pünktlichkeit“ wertet er als größte Umstellung, die ihn einstmals in Bremen konfrontierte. „Meine Frau sagt immer, dass ich Deutscher geworden bin“, sagt Pizarro und lacht. Weil er oft lacht. 

 

Seine Frau, das ist Karla Salcedo, Schulfreundin und Jugendliebe. Bereits 1999 heirateten die beiden, mittlerweile ist Pizarro Vater dreier Kinder und außerdem passionierter Pferdefreund. Gemeinsam mit Tim Borowski besitzt er den Hengst „Black Arrow“, in Peru gehört ihm ein eigener Rennstall. Sesshaft würde Pizarro gern in München werden, „aber meine Familie ist sich noch nicht ganz sicher. Der Winter...“

 

Frost und Kälte, Hausfeinde aller Südländer. Für den Peruaner mit italienischem Pass war der Temperatursturz regelmäßig ein Gräuel, deshalb kam es vor, dass Pizarro seinen Weihnachtsurlaub kurzerhand ausdehnte. Was wiederum Trainer Hitzfeld, einen Lörracher, verstimmte. Und überhaupt: Wie war das mit der ewigen Frohnatur? Es ist, wie es meistens ist: Klischees sind viel, aber nicht alles. Da verhängte Hitzfeld schon mal 50.000 Euro Strafe für die verlängerten Ferien; da gab Pizarro Interviews, in denen er die Taktik „hinterfragte“ oder für einen Stammplatz trommelte. Es wurden jeweils teure Gespräche.

 

Und dann lachte Pizarro ausnahmsweise nicht. 

 

In der Nationalmannschaft überwarf er sich 2006 mit Coach Navarro und wurde verbandsintern gesperrt. Erst 2011 spielte der Stürmer wieder für sein Land, richtig befruchtend wurde das Arbeitsverhältnis zwischen der Auswahl und seinem prominenten Kapitän indes nie. Die WM 2006 in Deutschland verpasste man klar, bei der Copa America 2004 erlitt Pizarro einen Anriss der Schädeldecke und musste sich einer Operation unterziehen. Gottlob hatte die Fraktur keine weitreichenden Konsequenzen.  

 

Bayerische Zeitgeschichte

 

2007 trennten sich die Wege von Claudio Pizarro und dem FC Bayern. Es lag am Geld. „Wenn einer wie Shevchenko verdienen will, muss er auch wie Shevchenko spielen“, empörte sich Karl-Heinz Rummenigge über die Gehaltsforderungen des Stürmers. Nach sechs Jahren mit 71 Toren in 174 Liga-Spielen fanden die Bayern und Pizarro nicht mehr zusammen. Beim FC Chelsea aber scheiterte der Peruaner, wurde nach nur einer Saison an Ex-Klub Werder Bremen abgegeben. Dort schaffte Pizarro 60 Tore und entthronte Rekordausländer Giovane Elber. Nur mit der saisonalen Torjägerkanone klappte es nie. 

  

Gleichwohl ist es herrlich, Claudio Pizarro beim Fußballspielen zu beobachten. Nach wie vor. Seine Bewegungen sind geschmeidig, gewandt, gediegen. Sein liebstes Stilmittel, so scheint es, ist das Instrument des Absatzkicks. Damit hat er beim 9:2 über den HSV ein Wundertor erzielt und anschließend wie beseelt gen Himmel gejubelt. Es waren Glücksgefühle im Nieselregen, kompensiert vom sonnigen Gemüt eines Stürmers, der mit Mitte Dreißig dem Spaß an der Freude frönt. Technik, Übersicht, Cleverness, Pizarro ist ein fußballerisches Komplettpaket, wenn auch in die Jahre gekommen. 


Es hat schon etwas Zeitgeschichtliches, die Mannschaftsaufstellungen der Bayern von 2001 und 2014 zu studieren. Bei Pizarros Premiere gegen Schalke verteidigten Robert Kovac, Pablo Thiam, Thomas Linke und Bixente Lizarazu vor Torwart Olli Kahn. Im Mittelfeld spielten Hasan Salihamidzic, Niko Kovac, Owen Hargreaves und Mehmet Scholl. Neben dem 22-jährigen Peruaner stürmte Elber, blieb allerdings ohne Tor. Einwechselspieler: Alexander Zickler, Carsten Jancker, Thorsten Fink. Ach ja, Spielort: Olympiastadion München. Nostalgie pur. 


Am vergangenen Wochenende, beim 2:0 in Mainz, schickte Pep Guardiola folgende Akteure ins Rennen: Manuel Neuer, David Alaba, Jerome Boateng, Javi Martinez, Philipp Lahm, Bastian Schweinsteiger, Toni Kroos, Franck Ribéry, Thomas Müller, Arjen Robben und Mario Mandzukic. Von der Bank kamen Xherdan Shaqiri, Mario Götze und Pizarro selbst. Als er 2001 bei Bayern debütierte, war Götze gerade neun...


Auch der Fußball vegetierte in verkrusteten Strukturen. Ottmar Hitzfeld nominierte im Fall des Falles sogar drei Stürmer, zwei waren Standard. Gewöhnlich balgte sich Pizarro mit Kumpel Santa Cruz um die vakante Planstelle an der Seite von Elber und Roy Makaay (ab 2003). Heute kommt die Doppelspitze nurmehr in Notsituationen zum Zug, wie zu Jahresbeginn in Stuttgart, wo Joker Pizarro der wichtige Ausgleichstreffer gelang. 


Wie weiland der Kaiser


Bastian Schweinsteiger rückte 2002 in den Profikader auf, kennt also den jungen Pizarro genau wie dieser den pubertären Schweinsteiger. Er sei „noch immer der Spaßbursche von früher“, sagt der 35-jährige Pizarro über den 29-jährigen Schweinsteiger, mit der Einschränkung: „Ein bisschen ruhiger als damals.“ 


Für Claudio Pizarro dürfte das nicht gelten. Den Schalk im Nacken hat er sich bewahrt, das spitzbübische Gebaren ebenso. Und die Lachmuskeln sind im Einsatzstress. Gibt es Anlass zum Feiern (und den gibt es recht oft beim FC Bayern), schlüpft „Piza“ vom bescheidenen Reservisten in den extrovertierten Party-Modus. Schunkelte er vor zehn Jahren mit der Südamerika-Connection Elber, Zé Roberto, Lucio, Santa Cruz und Demichelis im bayerischen Titel-Takt, sind es heute Dante, Rafinha und der „halbe“ Brasilianer Thiago. Manchmal auch Thomas Müller, der Urbayer. Eine schrecklich lustige Familie! Erhalten bleiben will ihr Pizarro, „bis mein Körper sagt: Stopp.“ Und bis die Verantwortlichen ihr Veto einlegen, logisch, der Vertrag läuft aus. 


Wobei es danach kritisch werden dürfte. Gefragt nach seinen mittelfristigen Überlegungen, nimmt sich der Peruaner eine historisch belastete Anleihe vom Kaiser: „Trainer“, sagt Pizarro, „werde ich jedenfalls nicht. Das kann ich ausschließen.“ 


Jagutähm: Schau mer mal.