Das Rüstzeug zur Legendenbildung



Mai 2014. Gegen Borussia Dortmund spielte der FC Bayern um mehr als einen goldenen Pokal. Thomas Müller personifizierte das bayerische Selbstverständnis mit einer Aktion, die eben nicht selbstverständlich war - und alles über die Bedeutung dieses Pokalendspiels aussagt. 

 

Man kann Fußballprofis ja viel vorwerfen. Dass sie distanziert sind und arrogant, mit ihren überlebensgroßen Kopfhörern. Dass sie sich als Nabel der Gesellschaft begreifen. Dass sie das manchmal sind. Und, natürlich, dass Leistung und Lohn in einem seltsamen, zuweilen grotesken Verhältnis stehen. Aber wer den Sport ausschließlich durch die finanzielle Perspektive beäugt, sollte es gleich sein lassen. Er hätte keinen Spaß daran.


Thomas Müller vom FC Bayern ist einer dieser Fußballprofis, die viel Geld verdienen. Müller hat dazu den Vorteil, dass er sich zu verkaufen weiß. Immer wenn das Pokalfinale zwischen den Bayern und Borussia Dortmund unterbrochen war, zeigte er dem Zuschauer jene edle Klinge, die schon Beckham, Federer und Henry geschwungen haben. Nach der Rasur (oder davor) kickte er lässig ein paar Bälle zu Neymar, ein Autohersteller dankte herzlich. Thomas Müller ist ein Werbestar, jung, smart, gut frisiert. Erfolgreich sowieso. Eine stilisierte Figur der Medienlandschaft.


In Berlin, auf dem regendurchnässten Feld des Olympiastadions, war Thomas Müller lange Zeit kein Hauptdarsteller. Gut frisiert erst recht nicht. Der Nationalspieler hatte zu kämpfen, wie der ganze FC Bayern: Mit diesem unbequemen Gegner aus Dortmund, mit der Last der Erwartung, später, in der Extrazeit, mit Wadenkrämpfen. Fußball kann ziemlich wehtun.


Wie in der Großraumdisko


Es muss Mitte der zweiten Verlängerungshälfte gewesen sein, als Müller wieder einmal dadurch auffiel, etwas Unorthodoxes zu veranstalten. Nicht etwa eine dieser Aktionen, die Louis van Gaal einst dazu brachten, Müller als Spieler "zwischen den Linien" zu bezeichnen. Stattdessen vollführte er Bewegungen, die eher an neuartige Tanzeinlagen in einer Berliner Großraumdiskothek erinnerten als an Elitefußball im Endspiel.

 

Der 24-Jährige verzog das Gesicht, aber nicht, weil das besonders cool wäre. Er streckte das linke Bein durch, pflügte es in den Rasen und griff mit der Hand nach den angewinkelten Zehenspitzen. Druck und Gegendruck. Dann wechselte er die Seite, kreiste die Hüften und versuchte sein Glück mit dem rechten Fuß. Irgendwie musste der Pein doch raus. 


Müller war nicht der einzige Akteur, der sich mit zickigen Muskeln plagte. Es sagt so viel aus über den Stellenwert dieses Pokalendspiels, dass die Krämpfe häufig, die Aufgaben jedoch selten waren. Und Müller, der Ur-Bayer, sollte die Qualität der Qual personifizieren. Seine Motorik, ohnehin eigenwillig ausgeprägt, verkam zu einem bemitleidenswerten Hinken. Kurz vor Ultimo schleppte er sich nurmehr über den Platz. Der hagere Körper - ausgemergelt von 120 Endspielminuten. Die schmächtigen Oberschenkel, bei denen man sich immer fragt, wie sie diese Dauerläufe ermöglichen, wirkten noch gebrechlicher als üblich. Aber Müller, der biss.

 

"Unsere Saison ist ein bisschen von diesem Spiel abhängig gewesen", sagte er hinterher, und das "bisschen" war eine schamlose Untertreibung. Der DFB-Pokal, ansonsten gern mitgenommenes, aber eher schmuckloses Beiwerk in den Trophäenvitrinen, diesen Pokal brauchten die Bayern. Unbedingt! Nie war er so wichtig wie diesmal.


Alles ist nicht genug


Das Umfeld hatte, nicht ungewöhnlich für München, erhöhte Betriebstemperatur erreicht. Trotz Turbo-Meisterschaft, die einen Rekord nach dem anderen purzeln ließ, trotz Champions-League-Halbfinale, europäischem Supercup und Klub-WM. Der FC Bayern ist ein hochsensibles Gebilde, wie ein Pingpong-Ball im Spannungsfeld. Obwohl Pep Guardiola noch nicht lange in München ist, hat er die gängigen Mechanismen bereits adaptiert; das bewies eine Aussage nach getaner Arbeit. Als "wichtigstes Jahr überhaupt" titulierte Guardiola die Saison 2013/14. "Ich habe viel gelernt, bin als Trainer besser geworden und kenne jetzt die Mentalität in Deutschland: Auch wenn du alles gewinnst, ist es nicht genug."


In Berlin mussten sie mit weiteren Widrigkeiten fertig werden, die Verletzungen von Schweinsteiger und Alaba, die Verbannung von Mandzukic, das Theater um Thiago, die Wehwehchen von Ribery, schließlich die frühe Auswechslung Lahms. Guardiola neutralisierte die Dortmunder Dominanz mit taktischen Kniffen: Hojbjerg auf rechts, Martinez als Mittelglied einer Dreierkette, Rafinha auf links, Robben als verkappte Spitze.

 

Als sich die fahrige Partie in der heißen Phase befand, mobilisierte der Meister seine letzten Kraftreserven. Minuten nach Müllers Stretching-Exkurs durchschnitt ein Pass von Pizarro die aufgerückte BVB-Verteidigung. Thomas Müller hatte plötzlich viel Grün und wenig Gelb vor sich.

 

Aber er konnte nicht mehr.

 

Müller war hinüber, plakativ gesprochen. Er lief dem Tor nicht entgegen, er stolperte. Die Füßen trugen ihn nicht, sie hemmten. Marcel Schmelzer hatte sich an seine Fersen geheftet, der Weg zum Ziel war weit, also hatte Müller einige Optionen. Er hätte es gut sein lassen können, immerhin führten die Bayern mit 1:0 und die Nachspielzeit der Verlängerung war fast vorbei. Er hätte zu Boden sinken können in diesem Zweikampf, einen Elfmeter provozieren, unter Umständen schinden. Oder er bolzt den Ball auf die Tribüne, und der Schiedsrichter pfeift ab.


Kontoauszüge lindern keine Wadenkrämpfe


Die Art und Weise, wie Bayerns Nummer 25 strauchelte, aber nicht fiel, sich Schmelzer vom Leib hielt, Torwart Weidenfeller umkurvte und die Kugel mit einem Ausfallschritt im Tor unterbrachte, formte eine Szenerie mit dem Rüstzeug zur Legendenbildung.

 

Es war ein Erfolg des Willens in einem Moment der Einkehr. Dortmund hätte gewinnen können, vielleicht müssen? Wer an den Fußballgott glaubt, kann den nicht gegebenen Treffer als Vergeltung für Malaga 2013 werten. Für alle weniger spirituell Veranlagten war es eine krasse Fehlentscheidung mit Konsequenzen. 


Als Müllers Tank die letzten Tropfen aufgesogen hatte, saß er auf dem Hosenboden und schüttelte wie wild seine dürren Ärmchen, an denen sich Hände zu Fäusten ballten. Er riss den Mund so weit auf, als wollte er die Gier symbolisieren, die Gefräßigkeit, die Bayern in Berlin auszeichnete. An die Schmerzgrenze und darüber hinaus. Das war Fußball, wie er sein sollte, echt, ehrlich und unzensiert. Kontoauszüge lindern keine Wadenkrämpfe.

 

"Jetzt haben wir zumindest bis Ende Juli den Deckel drauf", merkte Müller noch an, halb flachsend, halb ernsthaft. Eher halb ernsthaft. Ein goldener Cup als Wundenheiler. Wobei man sich schon fragen darf: Welche Wunden? Wenn beim FC Bayern eine Meisterschaft nichts mehr wert ist, weil nur das Triple die Ansprüche befriedet, dann ist das ein bedenklicher Trend.