Spezial

Können Sie sich ausweisen?


- September 2013 - 

 

Am 1. September schlug für drei Studenten die Stunde null: Abgesandte des Passauer Uniradios versuchten sich an einer Internet-Übertragung des Benefizspiels zwischen dem FC Bayern und einer niederbayerischen Auswahl. Live und unzensiert. Eine Manöverkritik. 

 

Zum Schluss ist es Zeit für die gute Tat des Tages. Als sich das Stadion geleert hat, steht ein kleines Mädchen auf dem Gang vor unserem Studio, sieben, vielleicht acht Jahre alt. Sie hat ihre Schwester verloren. Sofort gärt in mir der Beschützer-Instinkt. Im Unbehagen verabschiede ich mich von meinen Mitstreitern Maxi und Flo, die das unhandliche Equipment - leider - selbst aufräumen müssen.  

 

Ob das ihr Vater ist, da oben auf der Treppe, will ich von dem Kind wissen. „Genau! Das ist der Freund meiner Mama.“ Ich verzichte darauf, ihr mitzuteilen, dass das nicht unbedingt dasselbe sein muss... Böse, ich weiß.

 

Während ich mich frage, warum nicht der Erzeuger (beziehungsweise der „Freund ihrer Mama“) mit dem Mädchen nach einer Anlaufstelle sucht, um die vermisste Person auszurufen, gefalle ich mir in meiner Heldenrolle. Gewissenhaft achte ich darauf, dass mein Presseausweis ordentlich zu erkennen ist. Nebenbei spreche ich mit ihr über das Erlebnis, den FC Bayern live gesehen zu haben, bei diesem Benefizspiel im Passauer Dreiflüssestadion. Ich zeige ihr ein Bild von Uli Hoeneß und mir, das ich vorhin geknipst habe, das wird sie beeindrucken. Und sie entgegnet kokett, Unterschriften von Guardiola, Shaqiri, Rafinha, Starke, Contento sowie Fotos mit Hoeneß und Karl-Heinz Rummenigge zu haben. Dann sage ich erstmal nichts. 

 

Wie ein Puzzle mit verbundenen Augen

 

Lieber rücke ich ein weiteres Mal meinen Presseausweis zurecht. Majestätisch baumelt er vom Hals herab. Das rosa Bändchen ist eine ausgeklügelte Marketing-Kampagne von Bayern-Sponsor Telekom. Nichts wird hier dem Zufall überlassen.

 



















Mit diesem Presseausweis kommt man sich richtig wichtig vor. Den halben Tag trage ich ihn, stets mit Stolz und Sorgfalt. Und wie man sich qua Medienkennzeichnung vom Befinden des normalen Stadionbesuchers abhebt! Das fängt schon beim Einlass an: Entspannt spaziert man durch die - nur nominell vorhandene - Kontrolle. Kein Betasten, kein Grabschen, kein Warten. Toll. Die Leute in diesen roten Mainstream-Trikots blicken mal erstaunt, mal stutzig, mal von Neid zerfressen auf rosa Band und Kärtchen der Macht. 

 

Die Campus Crew, das Studentenradio der Uni Passau, hat drei Akkreditierungen erhalten - und einen Arbeitsplatz, der erhaben wirkt, nämlich eine verglaste Kabine unter dem Haupttribünendach. Maxi konnte einen Helfer ankarren, der uns das Internet installiert. Deshalb nennen wir ihn Internetmann. Das ist nicht despektierlich gemeint, denn der Internetmann heißt eigentlich Oliver und ist ein super Typ. 

 

Für die Übertragung werden schwere Geschütze aufgefahren - massig Utensilien auf begrenztem Raum. Problem für den Laien: Es ist ein Dschungel aus Technik, der sich da erstreckt, mit Kabelsträngen als Lianen und undefinierbarem Zeug als Felsen. Wo Tarzan? Wo Jane? Ich soll mich an den Aufbau begeben. Es ist, als würde man ein Puzzle aus 1000 Teilen zusammensetzen wollen. Mit verbundenen Augen. 

 

Mir gefällt der bunte Windschutz für die Mikrofone, den wir eingepackt haben. Und zwar in drei Farben: Rot, gelb, grün. Ampelkoalition. Am Abend steigt der TV-Gipfel zwischen Angie und Peer. Auch hier gilt: Nichts geschieht zufällig. Wir sind schließlich Profis. 

 

250.000 Euro Einnahmen

 

Andere beginnen ganz unten, an der Basis, Ascheplatz, Kreisklasse, Bezirksliga. Mein erster Live-Kommentar befasst sich mit der besten Fußballmannschaft Europas. Ich bin sozusagen der Stefan Effenberg der Radioübertragung -  warum sich lange mit der biederen Unterschicht aufhalten, wenn es sehr schnell sehr hoch gehen kann?  

 

Für heute hat sich der FC Bayern München in Passau angekündigt. Was nach Spaß klingt, hat einen sehr ernsten Hintergrund: Anfang Juni verursachte das „Jahrtausendhochwasser“ einen nie erreichten Schaden. Bereits 2002 reisten die Bayern nach einer Flutkatastrophe in Passau zu einem Benefizspiel an, elf Jahre später ergreifen sie erneut die Initiative. Alle Einnahmen der Veranstaltung werden zur Unterstützung der Geschädigten verwendet, die Summe beläuft sich auf 250.000 Euro. Eine vorbildliche Geste. 

 

Sportlicher Gegner des Triple-Siegers ist ein Mix von Amateurkickern niederbayerischer Vereine. Entsprechend dachten wir, dass die größte Herausforderung darin besteht, die Akteure der Regionalauswahl zu unterscheiden. Klar, ob nun gerade Stefan Alschinger den Ball verstolpert oder Benjamin Neunteufel zur Blutgrätsche ansetzt, ob Klaus Schifferer einen unwiderstehlichen Flankenlauf startet oder Josef Fischl ein Luftloch fabriziert - das kann man dem geneigten Zuhörer gratis verkaufen. Er sieht es ja doch nicht.

 

Im Zweifel Xherdan Shaqiri

 

Flo wird durchgängig moderieren, Maxi über weite Strecken. Ich, der Dritte im Bunde, komme in der Schlussviertelstunde zum Einsatz. Zuvor soll ich mich anderweitig nützlich machen. Es wäre zum Beispiel nett, meint Flo, die Mannschaftsaufstellungen vorab zu erhalten. Das Verwaltungsgebäude, mutmaßliche Ausgabestation, liegt am anderen Ende des Stadions. Gerade als ich mich wegen meiner Degradierung zum Laufburschen echauffieren will, fällt die Studiotür krächzend ins Schloss. Vor meiner Nase. Bezeichnend. 

 

Ich kehre ohne schriftlichen Beleg, aber mit enttäuschenden Informationen zurück. Tom Starke, Rafinha, Mitchell Weiser, Jan Kirchhoff und Xherdan Shaqiri sind die einzigen Profis im Bayern-Team. Nachwuchsspieler füllen den Kader, teilweise abenteuerlich. Und spätestens mit dem Spielberichtsbogen flattert eine unerwartete Hürde in die Box: Wer zum (Neun-)Teufel ist das bloß auf Seiten des FC Bayern? Nummer 43: Christian Derflinger. Nummer 44: Bastian Fischer. Nummer 45: Ylli Sallahi. Nummer 47 (mein verbaler Favorit): Etienne Scholz. Nummer 48: Alexander Steinhart. Die fünf Fragezeichen.

 



















So ist es im Zweifel meist Xherdan Shaqiri, der sich hinten die Bälle holt, sie vorne verteilt und seine eigenen Vorlagen in Eigenregie abschließt. Äußerst wuselig, der kleine Schweizer, fürwahr. Bei seiner Auswechslung muss er völlig entkräftet gewesen sein.  

 

Sadistische Ader?

 

Eine Stunde vor dem Anstoß fallen mir zwei Kinder auf, einer im Robben -, der andere im Götze-Trikot. Sie zerren ungeduldig an den Hemdsärmeln ihrer Eltern, quengeln ein bisschen und reden wild durcheinander: „Ich will den Ribéry sehen und den Alaba und ein Autogramm will ich vom Lahm und vom Guardiola auch“, belehrt der Robben-Träger seinen Erziehungsberechtigten über die zu erledigenden Aktivitäten. „Und ich will ein Autogramm vom Schweini und vom Kroos und ein Foto machen mit Manuel Neuer! Geht das Papa? Weil der Gomez ist ja jetzt weg, dafür will ich Mandzukic sehen“, referiert der getarnte Götze. Und dann posaunen sie im Chor: „Ri-bé-ry! Ri-bé-ry! Ri-bé-ry!“ Ich höre mir das interessiert an, und es wäre ein Leichtes für mich gewesen, die kindliche Seifenblase perfide zum Platzen zu bringen. Sprich: Die brutale Wahrheit des Etienne Scholz, Ylli Sallahi, Alexander Steinhart aufzudecken.

 

Aber meine sadistische Ader kommt äußerst selten zur Anwendung. Daher lasse ich die Knirpse in ihrem naiven Glauben. Das Leben wird sie hart machen.

 

Wohnsitz Mailand, Arbeitsort Passau

 

Die Übertragung klappt nahezu reibungslos. Mit der geballten Erfahrung einer Live-Reportage des SV Schalding-Heining spielen Maxi und Flo Doppelpass mit sich selbst und halten Dialog mit dem Gegenüber. Oder vice versa, das ist nicht endgültig zu evaluieren. Die beiden Bayern-Insider glänzen mit sagenhafter Expertise. Sie enthüllen, dass Diego Contento gegen Chelsea extra geschont wurde, nur um heute, zwei Tage später, in der Startformation stehen zu können. Überhaupt, investigiert das unzertrennliche Kommentatoren-Paar, sei für das Spiel in Passau im großen Stil umdisponiert worden: Die Bundesligapartie in Freiburg wanderte von Samstag auf Dienstag, das Supercup-Finale zog man auf Freitag vor. Der FC Bayern setzt Prioritäten, erklären Maxi und Flo. Und niemand im Raum wagt zu widersprechen. Mich eingeschlossen.

 

 


















Maxi ist so etwas wie der umsichtige Hirte einer Schar, die allein nicht recht weiter weiß. Ein Radiomensch aus Leidenschaft, kein Technik-Trouble ist unüberwindbar, kein Interviewpartner zu abwegig. Nicht wahr, Herr Rummenigge? Gell, Herr Hoeneß?   

 

Flos Biographie zeigt die Verhältnisse auf: Wohnsitz Mailand, Arbeitsort Passau. Wenn die Campus Crew lockt, ist kein Trip zu weit. Dass es Bayern München ist, deren Gastspiel nach einem Kommentator schreit? Glückliche Fügung. 

 

Ich halte derweil zwei Blätter in der Hand, und wenn der FC Bayern eine Ecke herausholt, male ich in der Zeile „Ecken“ einen senkrecht Strich in die Spalte „FC Bayern“. Irgendeiner muss die Drecksarbeit erledigen. 

 

Begegnung mit Uli Hoeneß

 

Das Highlight des Tages ereignet sich in der Halbzeitpause. Flo packt die Gelegenheit beim Schopf und Uli Hoeneß am Arm. El Presidente live in unserem Kabuff! Wie beim improvisierten Smalltalk mit Kalle Rummenigge zapft Reporter-Urgestein Maxi seinen prall gefüllten Wissensspeicher aus jahrelanger Dienstbereitschaft an. Unerschrocken löchert er Hoeneß mit den drängenden Themen: Warum steht Etienne Scholz auf dem Feld?  

 

Ich lehne an der Tür und krame umständlich meine Kamera aus der Hosentasche hervor, während ich den Hintermann mit einer (keinesfalls unnatürlichen) Ellenbogen-in-die-Magengrube-Bewegung auf Abstand halte. Als Maxi die Mangel entzerrt und Hoeneß sich umdreht, bin ich noch immer mit der Instandsetzung meiner Kamera beschäftigt. Ich hasse meine Grobmotorik.  

 

Nun steht da also Uli Hoeneß einen halben Meter vor mir, DER Uli Hoeneß, den ich schon immer bewundert habe. Ich könnte jetzt staatsmännisch Respekt zollen: „Herr Hoeneß, alles Gute für Sie!“ Ich könnte ihm freundlich die Hand schütteln. Ich könnte ihm auch kumpelhaft den Arm auf die Schulter legen und ungeniert postulieren: „Kimm Uli, mach ma a Foto!“

 

Doch all das erscheint mir zu riskant. 

 

Stattdessen wähle ich die Variante der konkludenten Handlung. Hoeneß wird von Autogrammjägern belagert, ich drücke stillschweigend den Auslöser. Es wird sowieso zu viel gequasselt in unserer geschwätzigen Welt.


 


















Der Studiotechniker und die Leberkassemmeln


In der zweiten Halbzeit verflacht das Spiel. Eine Viertelstunde vor Abpfiff begibt sich Maxi in die Mixed Zone, um Stimmen einzufangen. Ich darf seinen Platz einnehmen, das Mikro mit dem gelben Windschutz. Flo hält das grüne, die rote Version liegt abseitig. Aus Aktualität und Solidarität baut Flo die (Stein-)Brück, gemeinsam betreten wir sie. Und palavern über die Dinge des Strebens, über die fehlende Finesse eines Anatolyi Tymoshchuk, über Guardiolas orange Turnschuhe und die Nöte eines modernen Fußballtrainers, sein äußeres Erscheinungsbild zu pflegen. 

 

Kurz vor Schluss gelingt den tapfer kämpfenden Amateuren das umjubelte Ehrentor zum 1:5 durch Michael Pillmeier. Für die Bayern treffen Christian Derflinger (2), Mitchell Weiser, Xherdan Shaqiri und Tobias Schweinsteiger - mit dem zweiten Foulelfmeter. Seinen ersten Versuch, eine halbe Stunde zuvor, hatte Torwart Alexander Rixinger famos pariert. Die Schweinsteigers und die Strafstöße...

 

Hinterher bringt Maxi, der Studiotechniker, Leberkassemmeln vorbei. Offenbar wiederholen sich beim Radio die geläufigen Gegebenheiten. Oliver, der Internetmann, lobt uns überschwänglich. Er hätte nicht geglaubt, dass die Berichterstattung so professionell wäre, sagt er. Maxi lacht verlegen. Flo lacht verschmitzt. Ich lache mal mit. Bin ja nicht gemeint. 

 

Wenig später erblicke ich das Mädchen, das seine Schwester verloren hat. Unser Rundgang durch die Stadionkatakomben verläuft ergebnislos, die Lautsprecher sind abgeschaltet. Ich gebe ihr mein Telefon, sie will darauf herumwischen und erkennt mit zweiminütiger Verzögerung, dass es kein Smartphone ist. Die Jugend von heute. Schlimm. 

 

Empfehlung: Friseurbesuch 

 

Ein Anruf klärt vieles. Als wir wieder am Ausgangspunkt eintreffen, läuft das Mädchen ihrem Papa, also dem „Freund der Mutter“ in die Arme (dessen unbeteiligte Haltung nach wie vor rätselhaft ist). Der Mann empfängt das Kind mit den Worten: „Und, was ist rausgekommen, Yannick?“ 

 

Yannick!?

 

So neigt sich ein einprägsamer 1. September 2013 seinem Ende. Mit Presseausweis statt Eintrittskarte, mit Etienne Scholz statt Franck Ribéry, mit Junge statt Mädchen. 

 

Hey Yannick, falls du das liest: Geh mal zum Friseur. Oder lass dir einen Bart stehen.