11/2 Schwiegermutter aller Niederlagen

 

Ich mache Fortschritte. Mit 48 weiteren Stunden Abstand klingen die einstmals tiefen emotionalen Wunden allmählich ab. Inzwischen bin ich bereits soweit, selbstständig die Toilette aufsuchen zu können, ohne zwangsweise daran zu denken, was letzten Samstag ebenfalls alles den Bach runter ging. Mein aserbaidschanischer Psychologe hält mit Lob kaum zurück. Wenn ich dieses Tempo beibehalten kann, meinte der studierte Seelenklempner, werde ich voraussichtlich zum WM-Endspiel 2014 in Rio de Janeiro wieder halbwegs am sozialen Leben teilnehmen können. Das motiviert.

  

Für Faktenauslese reicht es jetzt schon. Denn wirft man einen kritischen Blick auf die internationale Erfolgsbilanz post Olli Kahns Sieg des Willens gegen Valencia, ergibt sich summa summarum der ungeschönte Ist-Zustand. Seit es der Truppe von 2001 unter der Regie Ottmar Hitzfelds letztmals gelang, Europas Thron zu besteigen, steht der vorgesehene Platz für die größte aller Trophäen im vereinseigenen Vitrinenschrank leer. Und seitdem die Bayern-Bosse anno 2004 ihren Gottmar zum Schrottmar degradierten, versuchten sich die verschiedensten Charaktere mit teilweise waghalsigen Methoden ergebnislos an der Endstation Sehnsucht: Diesen vermaledeiten Pott doch endlich erneut nach München zu holen. Als da waren:


Ein dem Medizinball hingebungsvoll Verfallener, der Qualität stets von Qual ableitete, dem jedoch nicht einmal das doppelte Double vor der überpünktlichen Rückgabe seiner Papiere bewahrte.

Ein den Ansprüchen in allen Belangen nicht Gewachsener, der alles umschmeißen, erneuern, modernisieren wollte, aber beim Weltclub Wolfsburg 1:5 unterging.

Ein dem Bundesliga-Geschäft berechtigterweise schon in den Vorruhestand Entschwundener, der als Fünf-Spiele-Coach die Champions League-Quali retten musste.

Ein der Kooperationsbereitschaft nicht unbedingt Zugeneigter, der dominanter, arroganter, selbstbewusster war als alle zuvor, zuerst auch erfolgreicher, bald darauf jedoch nicht mehr (er)tragbar.

Ein dem niederländischen Vorgänger jahreslang als treuer Gehilfe Dienender, der dieselbe Aufgabe zu erfüllen hatte wie Nummer drei in dieser Aufführung und sie ebenfalls meisterte.

Und schließlich ein jener Nummer drei verdammt ähnlich Sehender, der sich, auf die 70 zugehend, zum dritten Mal das bayerische Traineramt antut, doch dabei das Leverkusener Vize-Gen an der Säbener Straße implantierte. 



Eigentlich gab es in den vergangenen Tagen nur zwei Dinge, die noch überflüssiger waren als das Final-Desaster: Erstens das existentiell bedeutsame Säbelrasseln zwischen Bayern und Holländern und zum Zweiten die dort erlebten zügellosen Liebesbekundungen für den Protagonisten dieser Käse-Partie. Robben-Mobben sozusagen. Logisch, dass der sensible Strafstoß-Virtuose an solchen Umständen ähnlich stark zu knabbern hat wie am Gouda. Ob die Kost über den Sommer hinaus verträglich sein wird? 


Doch es ist schön, dass man sich auch im Moment des bittersten Scheiterns den Humor behalten kann. Ich habe nämlich etwas Hübsches aufgeschnappt: Weil der Sekunden-Tod von 1999 gegen Manchester United bekanntlich als die „Mutter aller Niederlagen“ gilt, bleibt für das 2012er-Drama halt nur mehr eines übrig: Schwiegermutter aller Niederlagen. Womit der Stammbaum zwar um eine Blutsverwandte erweitert wäre - Millionen „Familienangehörige“ aber hätten bestens auf sie verzichten können. Und das liegt ausnahmsweise nicht an lästigen Sonntagnachmittag-Besuchen. Glaubt mir.

 

Teil 1 <-


Mai 2012