11/1 Schießbude Lehmann

 

Es ist jetzt zwar ein paar Tage her, aber meine Champions-League-Nachwehen waren bis vor kurzem noch nachhaltiger als die Folgen des schlimmsten Vollrauschs. Die Bandbreite umfasste vielfältige Lebenseinschnitte. Ich konnte nicht mehr aufstehen, weil auch Schweinsteiger wie ein Häuflein Elend im Mittelkreis lag. Ich konnte nichts mehr essen, weil es in meinem Luxus-Appartement bis zum Kühlschrank circa elf Meter sind. Eine unüberwindbare Distanz. Ich konnte unserem Nachbarn Dieter Dröger nicht mehr in die Augen schauen, zu tief sitzen die namentlichen Assoziationen mit dem Londoner Matchwinner. Ich wollte und konnte einfach nicht mit in den Tierpark - der Anblick von Robben und Lampard (oder war es Gepard?) hätte zu schmerzhafte Wunden aufgerissen. Ja, mir ging es wirklich verdammt dreckig. 

 

Deshalb darf ich um Verständnis werben, der Nachbetrachtung des Fröttmaninger Fiaskos nur wenige Zeilen beizumessen. Jeder hat selber gesehen, dass es am Sieg von Abramovichs FC Chelski nichts zu rütteln gibt. Wer in einem Finale, noch dazu „dahoam“ (dessen hochdeutsche Bedeutung mittlerweile wohl sogar die Saupreißn kapiert haben) so wenig zum Spiel beiträgt wie der erschreckend kläglich agierende FC Bayern München, wer in einem Quasi-Heimspiel nicht über die Winzigkeit von 42:9 Torschüssen und 20:1 Eckbällen hinauskommt, der hat es eben schlicht und einfach nicht verdient. Klingt hart, ist aber so. 

Noch dazu bei derartigen Anfängerfehlern: Da spielen - zumindest auf dem Papier - Deutsche gegen Engländer, und die schwarz-rot-goldene Fraktion schickt ausgerechnet einen Holländer zum Strafstoß. Das konnte nicht gut gehen. Beinahe dreist fand ich dann den Schlussakkord. So viele Verweigerer wie sie Jupp Heynckes vor dem Elfmeterschießen hinnehmen musste, hatte früher kein Kreiswehrersatzamt zu beklagen. Tymoshchuk etwa. Der hat gefühlt 300 Länderspiele auf dem Buckel, will jedoch nicht verantwortlich sein, dass man nicht gewinnt. Vor ein paar Jahren hatten sie noch haufenweise Spieler, die verantwortlich sein wollten, dass man gewinnt. Ein kleiner, aber feiner Unterschied.

 

Im Nachhinein erweisen sich übrigens einige Dinge meines so herrlichen Vor - und Nachmittags an jenem 19. Mai als mysteriöse Vorboten des abendlichen Scheiterns. Was ich zum jeweiligen Zeitpunkt freilich nicht ahnen konnte. Im Olympiapark stieg das „UEFA Champions Festival“, die Attraktionen waren entzückend, das Wetter nicht zu toppen, der Rahmen eindrucksvoll. Doch rückblickend beginnt das Unheil genau dort. Beim Fototermin mit dem Pokal vergesse ich, diesen zu berühren. Ergo ergeht es mir wie den Bayern-Spielern: Nah dran und doch vorbei. 

Und dann das „Spiel der Legenden“ in der schönsten Arena der Welt: Dem Olympiastadion. Eigentlich ist alles wie immer: Roy Makaay hat in der gesamten ersten Halbzeit exakt drei Ballkontakte - Annahme, Mitnahme, Torschuss - und schon rappelt es im Kasten. Carsten Jancker Fußballgott zeigt sich währenddessen ähnlich elegant, leichtfüßig und dribbelstark wie zu seinen besten Zeiten. Giovane Elber trifft und jubelt an der Eckfahne. Auch da werden Erinnerungen wach.



Für die Höhepunkte aber sorgt Word-All-Stars-Keeper Jens Lehmann. Erst wird er bei jedem Ballkontakt vom Publikum gnadenlos ausgepfiffen, und kaum hat er sich zwei Treffer eingefangen, hallt es durchs weite Rund: „Schießbude Lehmann! Wir singen Schießbude Lehmann. Schießbude Leeeeeehmann...“ Ein Heidenspaß.

Dann gibt es Elfmeter für die Bayern. Als der Ex-Nationaltorhüter extra dafür seinen Platz für Edwin van der Sar räumt, lässt der Spott nicht lange auf sich warten: „Lehmann ist nervös, Lehmann ist nervös, Lehmann, Lehmann, Lehmann ist nervös!“ Paul Breitner tritt an, vergibt leichtfertig. Mit dem Wissen von heute muss man konstatieren: Da fing‘s schon an mit der fatalen Strafstoß-Schwäche...

Noch amüsiert sich die Südkurve schelmisch: „Siehst du Lehmann, so wird das gemacht!“ Gegen 23:30 Uhr wird ihnen das Lachen im Halse stecken bleiben. Denn in den knapp drei Stunden zuvor verzweifelt man als Bayern-Fan an der katastrophalen Chancenverwertung. Der dritte Wink mit dem Zaunpfahl. Was Zé Roberto, Zickler & Co. liegen lassen, hat fast Gomez-Niveau. Die alten Herren der Bayern verlieren 2:3, obwohl sie klar hätten gewinnen müssen...

 

-> Teil 2


Mai 2012