27 Saures für Uli?

 

Der Pokal ist auch nicht mehr das, was er einmal war. Man spricht noch immer von David gegen Goliath, nur traut sich der David nicht mehr aufmucken, und der Goliath entledigt sich seinem untergewichtigen Sparringspartner zum Teil mit halber Kraft. Oder mit der zweiten Reihe, siehe München versus Kaiserslautern. Bibelfestigkeit scheint aus dem Kreis der unverzichtbaren Kriterien gerutscht zu sein, waren doch die Davids durch die Bank zu schüchtern, zu zaghaft, zu zurückhaltend. Die Goliaths dagegen zogen halb pflichtbewusst, halb genervt ihre Augenbraue hoch, um nach dem Gegner Ausschau zu halten. Doch weil die Davids den Goliaths höchstens vorsichtig am Hosenbund zupften, bekamen die Großen ihre sogenannten Herausforderer gar nicht erst zu Gesicht. Deshalb konnte sich etwa Goliath-Dompteur Heynckes den Luxus leisten, das defensive Mittelfeld der Zukunft aufzubieten: Emre und Anatoliy. Nachher war festzuhalten: Jupp, Tymoshchuk Can! 

 

Also gut, so ganz stimmt das mit dem Außenseiter, der selbst nichts von seiner Chance weiß, die er dann folgerichtig nicht imstande ist zu nutzen, auch wieder nicht. In der ersten Hauptrunde, Mitte August, katapultierte sich so manch Bundesligist durch eigenes - fehlendes - Zutun jenseits der DFB-Lostöpfe für nächsthöhere Weihen. Doch die Welt ist schnelllebig, der Mensch ein vergessliches Wesen, und wer denkt angesichts gegenwärtiger Temperaturen denn noch ernsthaft an laue August-Abende? Eben. In der abgelaufenen Woche waren Pokal-Sensationen ungefähr so üppig verstreut wie ungedopte Tour-de-France-Sieger von 1998 bis 2005. Mit viel (äußerst viel) Wohlwollen hat man die Auswahl zwischen dem Triumph des Karlsruher SC über den MSV Duisburg oder aber dem 2:0-Erfolg der Offenbacher Kickers gegen Union Berlin. Und da erzähle mir bitte keiner etwas von einem David. 

 

Jetzt ist es jedoch so, dass die Fußballer-Binsenweisheit vom Pokal, der seine eigenen Gesetze habe, ihrer Rechtfertigung bedurft. Immer wieder auf‘s Neue, in jedem Jahr, vorzugsweise in dramaturgisch tauglichen Momenten. Da wir allerdings in Deutschland wie aufgezeigt momentan nicht weit kommen, wandert der Blick auf die Insel, sprich dorthin, wo sie sich stolz als „Mutterland des Fußballs“ schmücken. Und weil die Briten, speziell ihr nüchtern-bürokratischer Boulevard, ausschließlich an harten Fakten und brotlosen Geschichten interessiert sind, gibt es in England sinnigerweise gleich zwei Pokal-Wettbewerbe. In der sturen Theorie bietet dieser Umstand zwar Raum für verdoppeltes Überraschungs-Potential, doch der Engländer denkt freilich anders - Emotionalität ist ihm fremd. Aber egal. Jedenfalls wurde unser DFB-Pokal in dieser Woche vom kleinen britischen Bruder in Sachen Spektakel marginal übertrumpft, ob nun gewollt oder versehentlich. Binnen 24 Stunden holte erst Arsenal einen 0:4-Rückstand auf (hm, woran erinnert das bloß?), erzielte in der fünften Minute der Nachspielzeit den Ausgleich und in den Schlusssekunden der Verlängerung die Treffer zum finalen 7:5-Irrsinns-Sieg über Reading. Dann setzte sich Chelsea ebenfalls in der Extrazeit mit dem fast alltäglichen Ergebnis von 5:4 gegen Manchester United durch. Zugegeben, da hinken wir ein wenig hinterher. Woran aber liegt es, dass ein 2:0 vom VfL Wolfsburg gegen den FSV Frankfurt dagegen irgendwie, naja, spröde wirkt? Am Fehlen des Flairs? Am Fehlen von Zuschauern? Gar am Fehlen Felix Magaths?

 

Es ist die Woche der Unterhaltungs-Sehnsucht. Der Pokal enttäuschte gewaltig, Highlights blieben aus. Froh war ich allein, als der 1. FC Kaiserslautern seine Offensiv-Bemühungen in der Allianz-Arena nach circa sieben Minuten einstellte. Denn wenn es in dieser zweiten Runde schon keinerlei aufregendes Zeremoniell zu bestaunen gab, mussten nicht unbedingt die Bayern eine Blamage-Bühne bereiten. Rote Teufel an Halloween auf Beutezug, da gab es Sorge um Saures. Glücklicherweise einigte man sich stattdessen auf Pizza à la Claudio. 

 

Die Leverkusen-Pleite vom vergangenen Sonntag war Zumutung genug. Ausgerechnet die Bayer-Boys, ausgerechnet nach 23 Jahren berechtigter Sieglosigkeit auf Münchner Gefilden, ausgerechnet nach dieser bajuwarischen Acht-Spiele-Acht-Siege-Serie - nein, dieses Spiel erzürnte mein Gemüt. Und als dann Leverkusen im Pokal zumindest die Möglichkeit eines Ausscheidens in Bielefeld in Betracht zog, durfte man sich schon fragen, was denn Arminia hat, was Bayern ein paar Tage zuvor abging. Der Drittliga-Klub schaffte ein 2:2 nach 90 Minuten, ähnliche Erfolgserlebnisse konnten beim Bundesliga-Spiel für die Hausherren nicht verzeichnet werden. 

 

Auch einem niederländischen Fußball-Lehrer alter Schule gingen den Ansprüchen angemessene Erfolge zum Ende seiner Schaffensperiode in München ein bisschen ab. Daher wurde er entlassen, damals, im April 2011. Lange Zeit war es still um ihn geworden, lange Zeit hatte er geschwiegen. Nationaltrainer der Niederländer ist er mittlerweile erneut, für alle Unkundigen: Dieser Mann stand als verantwortlicher Chef-Coach hinter dem Ohne-Holland-fahr‘n-wir-zur-WM-Hit. Uli Hoeneß summte am Tegernsee letztes Jahr eine Abwandlung dessen, scheuchte den ungeliebten Tulpen-General vom Hof und hörte nichts mehr von ihm. Das unterstelle ich an dieser Stelle einfach mal. Und nun, justament an Halloween, tauchte dieses Cover in den Zeitungsabteilungen auf. Hoeneß muss der Schreck durch die Glieder gefahren sein, noch ehe die Nachbarskinder am Abend Süßigkeiten zu erzwingen versuchten:



 

Früher war ich Sportbild-Abonnent. Früher, das heißt, bevor ich mich aufmachte, um mir des Geistes Willen vertiefende Bildungslektüren einzuverleiben. Das raubt Zeit. Und das Abo. Aber Ausnahmen bestätigen die Regel, und so ersetzte ich Marktversagen und Wirtschaftspolitik durch Trainerversagen und Vereinspolitik. Dieses Heft schrie nach seinem Kauf. Es versprach so viel Brisantes, so viel Hochexplosives, so viel Zündstoffgeladenes. Ich vermutete eine gnadenlose Abrechnung des Louis van Gaal, einen medialen Rundumschlag, ein Bayern-Beben. Auf mich gemünzt: Fruchtbaren Nährboden für die nächsten fünf Einträge. Eine Freude, ein Genuss, ein Schreib-Schmaus. Der Innenteil machte weitere Lust auf heikle Entlarvungen:




















Doch so pompös der Aufmacher, so geschickt die Vermarktung, so erwartungsstiftend die Hülle - so obligat die Aussagen. Kein Feuer, kaum Kontroverses, nur ein Sticheln gegen Hoeneß, dem angeblichen Alleinherrscher von der Säbener Straße. Ich will nicht sagen uninteressant, aber deutlich mehr Diplomaten-Louis denn kantig-knorriger van Gaal-Style. Passt jedoch in gewisser Weise zu dieser fußballerischen Normalo-Woche ohne überstrahlende Ausreißer. Erstaunt bin ich persönlich vor allem, über im Grunde nichts Erwähnenswertes diesen Blog-Roman verfasst zu haben. Muss wohl an mir liegen... 


Wer will, darf diese bewusst provokative Überheblichkeit als Tribut an Meneer van Gaal werten. 

 

November 2012