25 Qualität kommt von Qual

 

Seit Bruno Labbadia am vergangenen Sonntag den anwesenden Journalisten und allen, die sich sonst noch angesprochen fühlten, herzliche Grüße übermittelte, beherrscht eine Trainer-Debatte die Schlagzeilen - obwohl an diesem Wochenende erstmal Jogi dran ist. Die Meinungen, ob Brunos Botschaft nun angebracht oder deplatziert war, gehen so weit auseinander, dass der grandiose Saisonstart des VfL Wolfsburg fast schon in den Hintergrund rückt. Das finde ich schade. Denn was Felix Magath im tiefsten Niedersachsen auf die Beine stellt, ist an und für sich mehr als einer bloßen Erwähnung wert. Deshalb nutzen wir die Länderspiel-bedingte Unterbrechung für eine Würdigung seiner Lebensleistung. Und vor allem, dass seine Spieler nach ihrer Leistung lebend herauskamen... 




















Felix Magath pflegt seit jeher einen eisernen Grundsatz, der so einleuchtend klingt wie schmerzhaft: „Qualität kommt von Qual.“ Damit fuhr er in seiner Trainer-Laufbahn lange Zeit ziemlich gut. Zunächst rettete er als Feuerwehrmann mit dicken Wasserschläuchen und Atemschutzmasken quasi jährlich einen anderen am Abgrund taumelnden Bundesliga-Klub vor dem Sturz ins Bodenlose. Anschließend kraxelte er flugs die (Feuerwehr-)Leiter sowie mehrere Tabellenregionen empor. Die Szene formte ihn zum Erziehungsberechtigten um, und Magath stürmte mit den „jungen Wilden“ des VfB Stuttgart in die Königsklasse. Inspiriert von so viel Geschick im Umgang mit als schwierig geltenden Menschen sollte er daraufhin den FC Untrainierbar in München nach einer in jeder Hinsicht absolut indiskutablen Spielzeit (Platz zwei, Champions League-Aus gegen Real Madrid trotz klarer Überlegenheit) wieder zurück an die Spitze führen. Auch das gelang ihm, er schaffte gar das bisher einmalige Kunststück des doppelten Doubles: Vier Titel in zwei Jahren. Doch die Oberen an der Säbener Straße packte angesichts der wenig erhellenden spielerischen Auftritte alsbald das Grausen. Den ständigen Tee-Geruch im Kabinentrakt hatten sie sowieso satt. Also wurde Meistermacher Magath bei der erstbesten Gelegenheit galant von seinen Aufgaben entbunden. Das war im Januar 2007.

 

In all den Jahren bereicherte und erweiterte Felix sein Image als Trainer mit fragwürdigen Methoden. Gut, ein Christoph Daum ließ seine Spieler über Scherben laufen, aber das war eben Daum - um jegliches Konfliktpotential bereits im Keim zu ersticken, verzichtet der Autor an dieser Stelle auf eindeutig zweideutige Verweise geistlicher Beeinträchtigungen in Folge zugeführter Selbstbeweihräucherungen durch gewisse Substanzen in Nasennebenhöhlen. Stattdessen machen wir es kurz: Es geht um Daum. Dieses Faktum muss reichen.

 

Von Felix Magath hingegen schwärmten und schwärmen diejenigen, denen es vergönnt war, körperlich fordernde Übungen unter seiner Aufsicht durchzuführen, in den beschwingtesten Tönen. Als Eintracht Frankfurt 2000 in der Klasse blieb, setzte Stürmer Fjørtoft zu einer beschwingten Eloge auf den Vater des Erfolges an: „Ich weiß nicht, ob Magath die Titanic gerettet hätte - aber alle Überlebenden wären topfit gewesen!“ So oder so ähnlich könnten sich sämtliche aktuellen wie ehemaligen Empfänger Magath‘scher Trainingslehre äußern. Manche tun das auch. Erst kürzlich rannte der Schalker Rechtsaußen Farfan nach seinem Treffer freudestrahlend zur Bank, um Felix Magath zu liebkosen. Farfan hatte wohlgemerkt GEGEN das Team seines Ex-Coaches ein Tor erzielt, und dennoch sah er sich innerlich angetrieben, seinen Mentor für dessen beinahe rührselige Fürsorglichkeit nachträglich zu danken. Eine Botschaft, die von Herzen kam. 

 

Magahts Deutschland-Tournee hatte nach dem freundlichen, aber bestimmten Hinausbitten in München eine geographische Kehrtwende genommen. Und eine kulturelle. Von der bayerischen Landeshauptstadt ging es Richtung Wolfsburg. Das beinhaltete den Vorteil, dass er etwaigen Verlockungen und Ablenkungsmanövern nicht länger aufgesessen war - es gab schlichtweg keine. Magath konzentrierte sich beim VfL - notgedrungen - voll auf die Arbeit. Diese Umstände beachtend, war der Meisterschaftsgewinn fast zwingend. Er kostete den Höhepunkt aus, die Untergegebenen küssten ihm die gestählten Füße, doch dann löste er sich rasch wieder vom Provinz-Gedanken und folgte dem Lockruf aus dem blühendsten Landschaftskern der Republik: Dem Ruhrgebiet. Kaum lukrativer, dieses Los, doch ein Mann wie Magath tat, was er tun musste: Kohle scheffeln. 

 

Auf Schalke fragen sie sich heute noch manchmal, wer da eigentlich so alles auf dem Trainingsgelände seine müden Muskeln dehnt und die Vögel von den Bäumen hinter den Toren ballert. Zugegeben, die Einkäufe rissen die Zuschauer nicht zu hundert Prozent von den Sitzen. Aber Shopping und das maskuline Geschlecht passen eben nicht richtig zusammen. Und der Fußball potenziert Alltagsregeln sogar noch.  

 

Jedenfalls grübeln einige Historiker nach wie vor, wie man mit Kuranyi und Konsorten Vizemeister werden kann. Felix fabulös, Felix fabelhaft - Felix flügge. Kurz darauf saß er in Gelsenkirchen höchstens als Gäste-Trainer auf der Bank. Die Sehnsucht zur alten Liebe, das Zusammengehörigkeitsgefühl mit Wolfsburg überwog. Im Grunde stört in der zweiten Amtsperiode allein das kickende Personal die grün-weiße Herrlichkeit. Momentan sind Magaths Millionarios Vorletzter. Hinter Augsburg. Allerdings vor Greuther Fürth. Ein Lichtblick.  




















Als Jürgen Klinsmann damals in München sein Trainer-Praktikum unter Real-Bedingungen absolvierte, sprachen Spötter davon, dass sich seine Entlassung noch Monate verzögern werde. Solange, hieß es, brauche Uli Hoeneß, um alle Kündigungsschreiben zu verfassen und in die Muttersprachen der ausländischen Co-Trainer-Riege zu übersetzen. Argumente, die schwer von der Hand zu weisen waren. Vergleichbar ist die Lage nun in Wolfsburg. Mit der viel kritisierten Wasserrationierung wollte Felix nicht etwa sein ganzes Pädagogik-Programm auf einmal darlegen, damit das Mannschaftsgefüge gestärkt wird. Nein, in Wirklichkeit hat es auch VW in kriselnden Zeiten nicht mehr so dicke. Man muss sparen in Wolfsburg. Die Kauf-Wut hat selbst dort die einstige Beschaulichkeit verdrängt. Bis Magath jedoch seinen 437-Mann-Spielerkader zum Laufen gebracht hat, hat der Anfang der Fahnenstange schon wieder Durst. Wasserknappheit ist in der VW-Stadt ein erklärbares Phänomen.


Ach, wenn es doch nur mehr Magahts auf dem Globus gäbe. Niemand würde sich über Politiker-Nebeneinkünfte aufregen. Weil jeder damit beschäftigt wäre, nach Luft zu japsen.  

 

Oktober 2012