17 Nächste Ausfahrt: Regensburg

 

Es läuft die 88. Minute im Halbfinale zwischen Deutschland und Italien, als bei uns zum ersten Mal richtig Stimmung aufkommt. Vorneweg sei gesagt: Wir haben anstatt des Public Viewings (kann ja jeder) ein privates Vona Viewing einberufen (strikt geschlossene Gesellschaft), und eigentlich keine Gelegenheit ausgelassen, den Gegner zu peinigen. Etwa auf kulinarische Art und Weise. Pünktlich zu Spielbeginn hetzt der entnervte Pizza-Bringdienst samt Ware herbei. Garniert mit ein paar italienischen Flüchen und stechenden Augen. Grazie mille! Zur allgemeinen Verwunderung schmeckt es sogar. Und trotzdem mag sich keine rechte EM-(An-)Spannung breitmachen. Außer bei einem. Doch dazu später mehr.

 

Die Anzeige vermeldet den erwartungsfrohen Stand von 0:2, da passiert es plötzlich. Ganz spontan, ohne Absprachen. Als Schweinsteiger - den die altbewährte aerodynamische Kampffrisur auch nicht schneller macht - zu seinem sechshundertfünfzehnten Querpass im Turnier ausholt und dadurch die unwiderstehliche Angriffsmaschinerie in Gang setzt, genügen wenige Gesten der Verständigung. Ein verklärter Blick. Ein entschlossener Gesichtsausdruck. Ein bestätigendes Nicken. Bernhard und ich verstehen uns. „FC Bayern, schala-la-la-la-la-laaaaa! FC Bayern, schala-la-la-la-la-la.......“

Momente voller Freude, voller Harmonie. Vergessen geglaubt, verloren geglaubt. Totgeglaubt? Sommerpausen sind per se schlimm zu ertragen, und spielerische Offenbarungseide wie den der deutschen Elf lassen die Wartezeit nicht schneller überbrücken. Wie gut tun da diese vertrauten Gesänge. Sie wecken ein Gefühl von Heimat, von Geborgenheit, von Nestwärme. Mia san mia. „Deutscher Meister wird nur der FCB, nur der FCB, nur der FCB!“ (Für alle, die nun schelmisch den virtuellen Zeigefinger empor recken und mit Verweis auf den aktuellen Titelträger Borussia Dortmund die Richtigkeit dieser These anzuzweifeln gedenken - die Betonung liegt auf „wird“) 

 

Ich bitte um Nachsicht. Berni und ich verkörpern eben in erster Linie Bayern, und dann - mit weitem Abstand - wohl zwangsläufig auch Deutsche. Ob man nun will oder nicht. Das bringt das System leider mit sich. Ist es nun fair, als durch-und-durch-Bayer gleichzeitig BRD-Bürger sein und schwarz-rot-goldene Fähnchen schwenken zu müssen? Wo doch zwei der drei Farben so gar nicht in das Werte-Schema eines Bayern passen. Eine diffizile Angelegenheit. Jedenfalls werden umgekehrt berechtigte Einlasskriterien erhoben. Wäre ja noch schöner. Bayer zu sein, muss man sich nämlich hart erarbeiten. Es ist keine bloße Frage des Geburtsortes. Nein, Bayer zu sein, ist mehr. Viel mehr. Glaubensauffassung. Lebenseinstellung. Zustand. Da braucht es eine spezifisch auserlesene Minderheit, um das überragende Niveau aufrechterhalten zu können. Zum Beispiel uns. Klar.

 

Diese EM kann nie und nimmer bajuwarischen Maßstäben gerecht werden. Irgendwie fehlt es an allem, was im Entferntesten einen gewissen Reiz versprühen würde:

Ich vermisse Trinidad-Tobago, Tunesien und ein 8:0 gegen Saudi-Arabien.

Mir geht ab, dass Oliver Bierhoff das Golden Goal erzielt. 

Dass die Franzosen im Bus zum Streik aufrufen.

Dass englische Spielerfrauen in Baden-Baden shoppen.

Dass Holland Zweiter wird.

Dass die Itaka ihre eigenen Spiele verschieben. 

 

Mamma mia, amore grande, tutti frutti, Alemania ziemlich kaputti. Wieder gehen unsere kickenden Popstars leer aus. Und wieder waren‘s diese Italiener. Ein Drama. Oder Betrug. Aber wie auch immer - der alles überstrahlende Vorteil des Bayern-Fans ist: Wir wissen, wie es sich anfühlt, entscheidende Spiele zu verlieren. Das härtet ab. Zumal der Berni nach wie vor allergisch auf die Nennung des Tages zwischen dem 18. und 20. Mai reagiert. Und Europameisterschaften oder andere, minderwertige Lückenfüller bis zum DFB-Pokal-Hit beim SSV Jahn Regensburg stoßen eh auf ungeschminktes Desinteresse. Deshalb sitze ich an diesem Abend im wahrsten Sinne zwischen den Stühlen. Denn links von mir kriecht das totale Gegenteil zu Grunde: Ein Häuflein Elend. Ein Häuflein Bäda. 

 

Er leidet, bitterlich. Dazu muss man erklärend hinzufügen, dass seine an Vaterlands-Fanatismus grenzende patriotische Attitüde kaum zu überbieten ist. Eineinhalb Stunden taucht er ab in seine „You-are-bad-but-I-am-Bäda“-Welt. Nicht ansprech -, dafür sehr stark reizbar. Als Bala-Bala-telli allen (auch denen, die es gar nicht sehen wollen) seinen Adonis-Körper präsentiert, besteht akute Steinschlag-Gefahr für das unschuldige TV-Gerät. Im kleinen Kreis debattieren wir über die Sinnhaftigkeit eines Maulkorbs, belassen es dann jedoch bei sanftem Zureden und dem ultimativen Leckerli - Gerstensaft. Das wirkt Wunder. 

 

Währenddessen beschäftigt das weibliche Geschlecht in den zweiten 45 Minuten eine gänzlich andere, weitaus bedeutendere Thematik: Der Tagesthemen-Sprecher aus der Halbzeitpause. Zum Dahinschmelzen, wirklich. Diese himmlische Ausstrahlung, dieses dezente Lächeln, diese famose Intelligenz. Und diese italienische Abstammung, weswegen er sich laut eigener Aussage „innerlich zerrissen“ fühle. 

Mei, der arme Mann. Probleme über Probleme. Ein geistiger Gewissenskonflikt nimmt ihn ein. Kein Team hat er im Finale. Frauen stehen auch nicht auf ihn. Das Leben kann schon hart sein. 

 

Alles, weil er kein Bayer ist. 


Juni 2012