5 Und ewig schraubt der Biber


April 2015


Die Schlagzeilen beherrschte Luca Toni zuletzt außersportlich. Dabei hat der 37-Jährige noch eine Menge zu bieten - vielleicht sogar über das angekündigte Ende hinaus. 

  

Schon bemerkenswert, woran Christoph Daum seine Theorien mitunter anlehnte. So wie damals, vor der Jahrtausendwende. Beständig würde sein Team ein Ziel verfolgen, dozierte der Leverkusener Trainer und brachte als Sprachbild einen Biber ein, der immerzu am Baum knabbere. Diese Metapher gefiel Daum, „irgendwann“, sagte er, „fällt das Ding mal um.“ Mit „Ding“ war in Bezug auf Bayer nicht ein Baum, sondern die Meisterschale gemeint, die doch, bitteschön, endlich einmal in Leverkusen landen dürfe. Hartnäckigkeit, Penetranz und so. Und Knabbern.

  

Luca Toni ist kein Biber, er knabbert nicht an Bäumen oder Schalen, das hat er noch nie gemacht. Toni schraubt. Reichlich. Für Daum‘sche Ausflüge in die Tierwelt könnte man ihn als Hamster bezeichnen, als Tor-Hamster nämlich. Vielleicht funktioniert Toni auch wie ein Chamäleon, wegen seiner Wandlungsfähigkeit: dieselben Posen in vielen unterschiedlichen Farben, in violett, rot, gelb, Florenz, Bayern, Verona. Wer vom Fach ist, wird bessere Quervergleiche eruieren, zu Lebewesen, die ausdauernd sind und zäh, und zu solchen, die auch im fortgeschrittenem Alter ihre Beute erlegen, um fröhlich zu schrauben und zu schrauben und zu schrauben. Aber zum Umfallen, so wie Daums Baum, nein, dazu ist die Zeit noch nicht reif.

 

„Seit einigen Jahren sagt man mir, dass ich am Ende bin“, kommentierte Toni im Februar, als er traf und am rechten Ohr kurbelte. Diese Geste kennt natürlich jeder, aber aufschreiben kann man es ja noch einmal. Übrigens: Seine Worte stammen wirklich aus dem Februar - jedoch jenem des Jahres 2011. Was sich seitdem geändert hat, außer der Tatsache, dass Toni inzwischen 37 ist? Eigentlich nichts.

 

Der Schalter springt von alleine um

 

Er hält das Laufpensum im Energiesparmodus, die Stutzen hängen auf Halbmast, die langen Beine verleihen dem drahtigen Körper dieses Staksige, das oft unbeholfen wirkt, aber noch öfter zu erstaunlicher Koordination taugt. Hölzern mag er erscheinen, dieser 1,96-Meter-Lulatsch, der die Haare nach wie vor zur typisch italienischen Matte geölt hat, dazu ein Lächeln aus dem Katalog, nur der Bart sprießt ein wenig stärker als seinerzeit in München. 

  

Den Tenor vom Februar 2011 hat er ebenfalls griffbereit. „Ich sollte seit einigen Jahren aufhören, aber am Ende bleibe ich immer“, amüsierte er sich vergangenen Sommer, ehe es ernster wurde: „Ich denke, das wird mein letztes Jahr als Spieler - vorbehaltlich Überraschungen.“

  

Eine etwas andere Überraschung ereilte ihn kürzlich in München. Die Visite seiner früheren Wahlheimat war keine Lustreise, obwohl Toni offenbar ein Mensch ist, der sich die Laune nicht verhageln lässt, selbst vor Gericht nicht: Sonne im Gesicht, Daumen nach oben, Mundwinkel auf Breitbandgrinsen, wie bei einem Schalter, der nicht extra angeknipst werden muss. Er springt von alleine um.

  

„Wir haben es mit einem Phänomen zu tun!“

 

Toni verlangt die Rückzahlung der Kirchensteuer, die er 2007 bis 2009 entrichten musste. Er wirft seinen Ex-Steuerberatern falsche Steuerberatung vor, diese schieben den Schwarzen Peter an den FC Bayern, weil eine Sekretärin des Klubs in der Spalte „Religion“ einen Strich gesetzt habe. Die Steuerberater korrigierten auf „rk“, stifteten Verwirrung und erleichterten Toni - mit Versäumniszinsen - um 1,7 Millionen Euro. Kein Konsens, kein Kompromiss, Wiedersehen am 15. Juli. Bürokratie à la Germania. Mamma Mia! 

 

Anstatt römisch-katholisch könnte „rk“ freilich genauso gut für relativ komisch stehen, oder aber, und das würde der sportlichen Lage entsprechen: richtig klasse. Der Altmeister, der in Zeiten von Profis, die mit 23 als Routiniers gelten, zur erlesenen Methusalem-Riege zählt, wird gerühmt und gefeiert. „Wir haben es mit einem Phänomen zu tun“, schwärmt Andrea Mandorlini, der Trainer von Hellas Verona. Dort spielt Luca Toni seit 2013. 

 

Es ist fast wie in einem modernen Fußball-Märchen. Denn in der Frequenz von Christoph Daums Biber hat der Stürmer in den Vorjahren nicht einmal ansatzweise geschraubt. Nach seiner ersten Bayern-Saison, die er 2008 als Ballermann der Bundesliga krönte, erinnerte die Tor-Produktion eher an ein Fließband mit technischen Störungen und Bediensteten in Lohnstreiks: fünf Treffer für den AS Rom, drei für Genua, zwei für Juventus (darunter sein 100. Tor in der Serie A), drei beim Intermezzo in Dubai, schließlich acht in Florenz, wo er 2006 den „Goldenen Schuh“ als Europas bester Torjäger ergattert hatte.

 

Das größte anzunehmende Schicksal

  

Als die Fiorentina ihr Heil in Mario Gomez zu finden glaubte, wurde Tonis Vertrag nicht verlängert. Bei Hellas, einem kleinen Aufsteiger, kam er nochmals unter, diesmal aber, dachte man, als letztes Vehikel zur Hinauszögerung des Ausmarschs. Bereits 2012 wäre es beinahe so weit gewesen, aus tragischen privaten Gründen. Tonis Verlobte Marta Cecchetto erlitt eine Totgeburt, und der Fußballer erwog, seinen Sport zu quittieren. Marta überzeugte ihn vom Gegenteil. Im Juni 2013 wurden die beiden Eltern einer gesunden Tochter, sie heißt Bianca.

 

Vielleicht stimmt es ja, dass irgendwann alles zurückkommt, wenigstens in abgeschwächter Form, als Zeichen oder Botschaft. In der Saison 2013/14 wurde Verona sensationeller Zehnter, der Mittdreißiger Toni traf dabei 20 Mal - und damit nur zweimal seltener als der Serie-A-Torschützenkönig, der auf den Namen Ciro Immobile hörte und anschließend gen Dortmund zog. In diesem Jahr steht Toni erneut bei 15 Toren, am Wochenende gelang ihm ein Doppelpack gegen Cesena, und schon wieder war es wie damals: ein Abstauber, das lachende Nicken, die Hand am Ohr, „met tot dia reis l'idea?“ Habt ihr das gesehen? Logisch, Luca! Sein zweiter Volltreffer entstammte dem Segment der Delikatessen, eine Flanke drosch er volley ins Netz, Hellas führte 3:0. Und spielte 3:3, das bedeutetet Rang 15, allerdings elf Punkte vor der Abstiegszone.

  

Fünf Tore zum Hintertürchen

 

Neulich, im San Siro beim AC Milan, versuchte sich Toni als Panenka, lässig chippte er den Ball beim Elfmeter in die Mitte, Zeitlupen-Tempo, drin. Das sind die Momente, die man einem Fußballspieler, der Grobmotorik vor Feinjustierung setzt, per se nicht zutraut. Toni probierte es einfach, La Dolce Vita, weil er seinen Kollegen erzählt hatte, in ebenjener Manier treffen zu wollen. Und wer weiß, wie viele Gelegenheiten sich noch bieten.

  

Im Mai wird er 38. Aber müssen nicht andere Maßstäbe angelegt werden an einen, der Begriffe wie „Spätstarter“ und „Wandervogel“ auf eine herzerfrischende Art definierte? An einen, der erst mit 23 in der Serie A debütierte und mit 27 in der Nationalmannschaft? Der für 15 verschiedene Vereine spielte, traf, schraubte, und der diese fast unverschämte Leichtigkeit nördlich der Alpen platzierte? Bei Bayern hat er Deutschunterricht genommen, mit Franck Ribéry, sie haben ziemlich viel gescherzt und ziemlich wenig gelernt, doch sie haben sich verstanden, sportlich und privat - was wiederum ziemlich viel aussagt.

 

Wenn Toni abtritt, wird dem Fußball etwas fehlen. Eine Entscheidung über seine Zukunft will er im Sommer fällen, und tatsächlich gibt es Hoffnung. 2014, bei der Abschieds-Ankündigung, fuhr sich Luca Toni durchs pechschwarze Haupthaar, grinste und philosophierte: „Wenn ich 20 Tore schieße, würde ich darüber nachdenken, noch einmal weiterzumachen.“

 

Vielleicht hat der Biber noch etwas zu knabbern.

 

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-> Bedanken kann man sich nie oft genug. Also: Danke, liebe 11Freunde, für die neuerliche Veröffentlichung!