9 Kuranyi, Rucola und Neuner

 

Die germanische Institution Otto hat scheinbar nochmals so richtig Lunte gerochen. Erst ließ er zwölf Jahre auf sich warten, aber seit er die Trainerbänke der Republik wieder mit seiner Anwesenheit beglückt, ist kein freiwilliges Ende in Sicht. Weil der Spaß so groß ist, dreht Rehhagel mit seinen begabten Berlinern momentan eine Ehrenrunde in Düsseldorf. Soweit zwar mit mäßigem Erfolg, doch bei einem Projekttrainer wie ihm ist Geduld gefragt. Die Vertragsverlängerung bis zur Weltmeisterschaftsendrunde in Katar sollte demnach eine belanglose Formalie sein. Will er gar noch länger coachen, kann das Arbeitspapier gleich unbefristet ausgedehnt werden. Etwa bis zur Fertigstellung des Berliner Flughafenprojekts... 

Das ist die Crux in der Hauptstadt: Nichts wächst und gedeiht, vieles kommt zweitklassig daher. Abgesehen vom Schuldenstand. Der steht im Champions-League-Finale. Minimum.

 

Schlechtes Thema. Widmen wir uns lieber den sparsamen Schwaben. Unser aller Bundes-Jogi hat vor ein paar Tagen „eben au“ seinen aufgeblähten EM-Kader verkündet. Und siehe da: Im Jahre Zwanzigzwölf werden schon die Schüler im Unterricht belästigt. Ein Skandal! Das Kultusministerium muss zwingend handeln, denn dem Bildungsauftrag werden wir so keinesfalls mehr gerecht. Horst Seehofers Nominierungsprinzip hat ebenfalls Luft nach oben. Bei öffentlichen Einladungen für die von der ansteckenden Suchtkrankheit Facebookeritis befallene Gesellschaft würde - übertragen auf Löw‘ sche Auswahlverfahren - wohl selbst Kuranyi seinen Platz sicher haben. Gott bewahre. 

 

Irgendwo in Nordrhein-Westfalen wurde angeblich ein silberner Salatteller übergeben. Als Symbol für den Besten. Hätten die schwarz-gelben Würdenträger allerdings einen Schweizer in ihren Reihen, wäre der dazugehörige Einkauf billiger geworden. Kopfsalat, Eisbergsalat, Feldsalat, alles überflüssig. Stattdessen Ricola ohne Ende. Oh, T`schuldigung - Rucola natürlich...

Es ist die Zeit der Anerkennung und des Demuts. Ja, Borussia Dortmund hat den Meistertitel erneut verdient (Lobhudelei Ende). Über die Grenzen haben sie ihre Version vom Fußball 2.0 hingegen noch nicht getragen. In einer Monstergruppe mit Arsenal, Marseille und Piräus Letzter zu werden, ist nämlich fast das größere Kunststück als das Finale zu erreichen. Dortmunds Abschneiden war in jeder Hinsicht peinlich. Vom Punkte-einhamstern für`s UEFA-Ranking hielt man sich höflichst zurück. 

Schlafwissenschaftler sind jedoch mittlerweile in die Tiefen der Analytik eingestiegen und zu folgender sensationeller Schlussfolgerung gekommen: Zur äußerst unchristlichen Anstoßzeit um dreiviertel neun konnten die BVB-Spieler stets nur müde lächeln. Also im Wortsinn jetzt. Normalerweise sind sie da längst im Bett und träumen von ihren Ritterburgen. Darüber hinaus lässt sich eine akribisch durchgeplante Strategie hinter den erbärmlichen Euro-Darbietungen beobachten: Das von Klopp verordnete kraftraubende „Spiel gegen den Ball“ machte ökonomische Energieeinteilung zur obersten Notwendigkeit. Sprich: Unter der Woche absolute Schonung, um Sonnabends das runde Wesen wieder erbarmungslos jagen zu können. Komisch, mir hatte man den Sinn der Sportart eigentlich mal anders erklärt. Eher in dem Sinne von „mit dem Ball“. Der technische Fortschritt macht wirklich vor nichts und niemandem Halt.

 

 


















Hätten wir noch das Pokalfinale als weiteren grandiosen Höhepunkt. Für die Dortmunder. Bei Gegner Bayern schauen alle längst eine Woche weiter. Das nationale Endspiel als Aufwärmprogramm sozusagen. Zum Anschwitzen. Als Muskellockerungsübung. Wobei so ein goldener Cup schon eine feine Sache wäre. Denn ansonsten würden fünf fast gewonnene Duelle in Folge gegen Borussia zu Buche stehen. Das ist in der Vereinssatzung in dieser Form nicht direkt verankert. Aber der DFB zeigt sich seinem - internationalen - Aushängeschild gegenüber gönnerhaft. Der Verband hat dafür gesorgt, dass in Berlin in jedem Fall ein Bayer seine Hände am Pott haben wird. Korrigiere: Eine Bayerin. Magdalena Neuner trägt die Trophäe ins Stadion. Und das muss man den Organisatoren lassen: Charmanter kann man skrupellose Wettbewerbsverzerrung kaum verpacken.


Mai 2012