15 Klausurtagung

 

Endlich! Ich habe sie richtig vermisst, die Grundlage wilder Diskussionen, die Würze eines jeden Turniers, der Chilli im con Carne - Schiri-Fehler. Nach einer viel zu makellosen Auftaktphase kommen die Freunde der konstruktiven Streitkultur nun auf ihre Kosten. Böse Zungen basteln bereits wieder an den verwegensten Verschwörungstheorien. Der deutsche Referee soll ganz und gar nicht stark gepfiffen haben, wodurch dem spanischen Titelverteidiger Hilfestellung beim Gruppensieg gewährt wurde. Den Dänen versagte der schwarze Mann gegen die Deutschen einen Elfmeter und eskortierte „Schland“ somit in die Runde der letzten Acht. Besonders hart traf es die Ukrainer, da der Torrichter seine Funktion gewissenhafter denn je interpretierte: Ein Tor, dieser Richter. Linienkamera und sonstiger technischer Schnickschnack aber bleiben selbstredend fernab jeglicher Debatte. Fehler sind menschlich, findet der europäische Fußballverband - und dessen Boss französischer Abstammung schreitet mit bestem Vorbild voran: Er menschelt, was das Zeug hält. Sacré Blues! 

 

Während die deutsche Fußball-Nationalmannschaft am heutigen Abend in Klausur geht, bin ich erst morgen dran. Die Frage muss erlaubt sein: Was hat sich die Universitätsleitung bloß dabei gedacht? Ernstgemeinte Examen während der EM sind schon grotesk genug, aber einen Termin zum schriftlichen Leistungsnachweis auf elf Uhr vormittags nach dem Kracher gegen Hellas anzusetzen, ist an Absurdität kaum zu überbieten. Um nicht zu sagen: Skandalöw! Wollen sie etwa Durchfallquoten in Rettungspaket-Höhe, wollen sie ein großflächiges Abschneiden wie die Holländer - null Punkte zuhauf? Meine Entrüstung wird durch die Wahl des betreffenden Kurses nur unzureichend gemindert. Über „Personal“ soll sich der viertelfinalgeschädigte Prüfling auslassen. Damit sowohl eine profunde Vorbereitung als auch die wirklich wichtigen Dinge des (Studenten-)Lebens - Faulenzen, Freizeit und Fußball - abgedeckt werden können, muss ich meine Lernphase zwangsläufig vorziehen. Auf die nahe Zukunft. Präziser: Auf jetzt. Tut mir leid - da gibt es keine Alternative. Von nix kommt nix, pflegte meine frühere Kollegstufenbetreuerin gern zu predigen. Widerspruch zwecklos...



Also: Personal, da denken wir zwangsläufig an Jogis Kader und die Teams in der K.o.-Phase. Apropos: An dieser Stelle ist eine Eigenkorrektur fällig. Griechenland vor Wochenfrist bereits abzuschreiben (wie übrigens auch die Finanzmärkte), war etwas übereifrig. Denn die Hellenen sind zäh, unnachgiebiger als der bockigste Drach(m)e. Sie hängen am und an der Euro. Einfach nicht kleinzugriechen, dieses Volk. Das ist der EU schon lange bekannt - jetzt leistet ihr die UEFA Gesellschaft.

Die sportlich-politische Brisanz ist eine heiße Angelegenheit zwischen Rügen und Rhodos. Im Grunde ändert sich jedoch nicht viel. Die nächste griechische Pleite gibt`s von Deutschland wie immer gratis. Zum Nulltarif. Kennt man ja.

 



















Aber zurück zum Personal. Wen hätten wir außerdem noch in den Ausscheidungsrunden? Ach ja - Frankreich. Doch seit dem Donezk-Donnerwetter ist klar: Die werden nicht Europa-, sondern höchstens Bademeister. Dagegen stehen die Portugiesen seit gestern als erste Nation im Semifinale. Und das, obwohl Cristiano Ronaldo überwiegend einen auf Andi Möller machte. Schlimmer Heulsusen-Alarm! Wie kürzlich herauskam, stylt sich der stets um seine Haarpracht besorgte Ausnahmekönner sogar in den Halbzeitpausen. Fallen die erschöpften Kameraden in der Umkleidekabine schlapp auf die Bänke, läuft der eitelste Fußballer aller Zeiten (inklusive der Jahre davor), bewaffnet mit Kamm und Spray, regelmäßig zur Höchstform auf. Allein sein Spiegelbild kann in puncto optischem Erscheinungsbild (einigermaßen!) mit dem Original mithalten. Überhaupt befinden wir uns auf einer EuropHAARmeisterschaft. Vielleicht wäre es ratsam, anstatt des goldenen Schuhs für den besten Torschützen die goldene Bürste an den elegantesten Frisierten zu vergeben. Wobei: Rooney trägt ja neuerdings auch Tolle. Dann lieber nicht. 

 

Irgendwie bringen mich diese Überlegungen hinsichtlich der ursprünglichen Thematik nur marginal voran. Konzentration jetzt. Adverse selection: Die tatsächliche Qualität ist vom Agenten, nicht aber vom Prinzipal beobachtbar. Schlechte Qualitäten verdrängen die Guten vom Markt, es kommt zu einem partiellen Marktversagen. 

Damit kann anhand empirischer Studien belegt werden, dass eigentlich Tim Wiese spielen müsste. Die Crux: Das erkennt keiner - wir Experten bezeichnen das als asymmetrische Information. Zur Lösung des Problems stünden mehrere Möglichkeiten bereit: Signalling, screenig, self selection. Warum dann trotzdem Manuel Neuer im Tor steht? Weil Wiese offenbar größere Ambitionen auf die goldene Bürste hegt, als seine Nase in Lehrbücher zu stecken. Zeit hätte er ja, so auf der Bank sitzend...

 

Prinzipal Löw aber ist mit der Bearbeitung von Signalling-Aktivitäten seiner Agenten ohnehin ausgelastet. Kroos und Götze zeigten dem Indianer-Keeper, wie es geht, und sendeten das Signal, in die Mannschaft zu wollen, löblicherweise auf direktem Weg - über die Medien. Indes musste die Kardinalfrage „Gomez oder Klose?“ einem Update weichen. Adverse selection, die Zweite sozusagen. Trainer, nimm mich! Jetzt rufen Boateng und Bender. Was durchaus überrascht, entstammt der personifizierte Siegtreffer vom Dänemark-Spiel doch dem Jugendschuppen des TSV 1860 - und hat es trotz dieser brutalen Hypothek in die Nationalauswahl geschafft. Alle Achtung. Auch rhetorisch präsentierte sich Bender äußerst gewandt. Frei nach seinem Bruder im Geiste, Mario Basler („Das habe ich ihm dann auch verbal gesagt“), entgegnete er einem suggestiv nachbohrenden Journalisten, was er Boateng denn voraus habe, folgendes ernüchternd zutreffendes Sätzchen: „Ein Tor mehr.“ Allerdings benötigt selbst Bender noch Übung, um in die Sphären eines Lothar Matthäus vorzudringen. Beispielsweise hätte er hiermit glänzen können: Ein Tor mehr - aber eine(n) Lohfink weniger. Ein nicht zu unterschätzender Vorteil.

 

In diesem Sinne: Wird schon gut gehen heute. Und morgen. Hoffentlich.


Juni 2012