Interview - Patrick Völkner

„Mein Traum? Würschtl-Essen mit Uli“


- Oktober 2013 - 

 

Patrick Völkner ist Community-Chef bei SPOX, Moderator im Sportradio360 und feinfühliger Wortakrobat, auf Twitter wie im eigenen Blog. Da bot es sich an, mal über Gott und die Welt und den FC Bayern zu plaudern. Das Gespräch streift verklärte Nostalgie, „fertige“ Abireden, angeteaserte Usertexte - und ein fast krankhaftes Hobby. 

 

Hallo Patrick, danke, dass du dir die Zeit nimmst. Welcher Tag ist morgen?

 

Patrick Völkner: 26. Oktober. Vor 17 Jahren hat Bayern 2:0 in Düsseldorf gewonnen - durch Tore von Hamann und Scholl. Ich war live im Stadion. Aber darauf wirst du sicher nicht anspielen...

 

Ich hätte in meiner Naivität ganz profan gedacht, dass du - ebenfalls profan - „Samstag“ sagen wirst und ich eine zweitklassige Pointe einwerfen kann: Spieltag. Was unterscheidet ein Bundesliga-Wochenende von einem mit der Nationalmannschaft?


Im Grunde genommen alles. Ich würde sogar so weit gehen zu behaupten, dass ein bundesligafreies Wochenende für mich per defintionem gar kein Wochenende ist, verleiht die geliebte Bundesliga dem Wochenabschluss doch erst seinen ganz eigenen Charakter. Samstag, 15.30 Uhr – das ist und bleibt für mich eine heilige Zeit. An einem sogenannten Länderspiel“wochenende“ ist dann um die Zeit die pure Tristesse angesagt. Dann hat der Samstag plötzlich die Grundstimmung von Totensonntag.


Du kommst aus dem Rheinland, nahe Köln, aber es ist nicht der Effzeh, den du unterstützt - sondern die Bayern. Und das bereits seit 1986. Wie konnte das passieren?


Wenn ich das wüsste… Es ist und bleibt ein Mysterium. In meiner Familie und meinem damaligen Freundeskreis war weit und breit kein Bayern-Einfluss zu erkennen. Eine Effzeh-Emotionalisierung fand aber – glücklicherweise – auch nicht statt. Nicht auszudenken, was ich bis heute hätte durchmachen müssen. Umso größer ist mein Respekt vor den unermüdlichen Fans der Kölner. Aber wieso mein Herz seinerzeit begann für die Bayern zu schlagen, kann ich nicht beantworten. Womöglich lag es an der einzigartigen Aura des Udo Lattek…

 

Wer war der Held deiner (Fußball-)Kindheit, wer dein All-Time-Hero?


Ich gestehe es nicht ohne Scham ein: Lothar Matthäus. Seine Dynamik, der stete Drang zum gegnerischen Tor, der in seinen Aktionen zum Ausdruck kommende pure Wille, all das hat mich damals schwer beeindruckt. Gerade auch bei der EM 1988 und der WM 1990. Loddar war für mich der absolut Größte. Umso mehr schmerzt es mich mitanzusehen, was aus ihm nach (und genau genommen ja schon während) seiner aktiven Karriere geworden ist. Aber da muss man wohl differenzieren zwischen dem Sportler und der Persönlichkeit außerhalb der Arena. Im Übrigen war ich seinerzeit auch glühender Boris-Becker-Fan. Ich scheine also irgendwie einen Hang zu – nennen wir es – skurrilen Charakteren zu besitzen.

 

„Traps Wutrede nervt mich mehr, als dass sie mich amüsiert“


In deinem knappen Vierteljahrhundert als Bayern-Fan hast du die verschiedensten Trainer-Typen erlebt: Vom drögen Ribbeck über den diplomatischen Hitzfeld bis zum gestrengen van Gaal, zwischendurch den jovialen Beckenbauer und den selbstverliebten Rehhagel. Auf Twitter (@voegi79) präsentierst du dich als geschliffener Wortakrobat. Welches Adjektiv würdest du Pep Guardiola verleihen?


Ein super, super Trainer? Wolltest du das hören? Ach nee, Adjektiv: Peppig!


Uli Hoeneß? 

 

Pionierhaft!

 

Philipp Lahm? 

 

Musterprofiwürdig!

 

Stefan Effenberg? 

 

Enfantterriblisch!

 

Apropos Effe: Der gemeine Fußball-Interessierte ist zumeist auch ein wenig Nostalgiker. Welche Phase deiner Anhängerschaft würdest du spontan herauspicken?


Ich hänge noch immer ein wenig der Saison 1998/99 hinterher. Einer Spielzeit, in der alles wie am Schnürchen lief, auch wenn am Ende „nur“ ein Titel heraussprang. Natürlich übertrifft das, was wir derzeit erleben, diese erfolgreiche Zeit noch um Längen. Aber die Hitzfeld’sche Rotation, bei der sich vor jedem Spiel die spannende Frage nach der Aufstellung stellte, die Zeiten von Effe, Elber & Co. sowie der ganz spezielle Charme des von mir noch immer ein bisschen vermissten Olympiastadions lassen mich ein wenig schmachtend auf diese Saison zurückblicken.

 

Wir kennen all die Höhepunkte der vergangenen Jahre und Jahrzehnte, die Tore, die Siege, die Titel. Gibt es eine vermeintliche unscheinbare Partie, die dir besonders in Erinnerung geblieben ist?


Ja, absolut. Ich denke vor allem an ganz unscheinbare Spiele zurück. Zum Beispiel an den Derby-Sieg 2002, als Thorsten Fink in der letzten Minute zum 2:1 per Kopf traf. Last-Minute-Siege haben eben einen ganz eigenen Reiz. Oder auch der 4:0-Sieg gegen Lautern 1998, was aber wohl auch mit der Vorliebe für die angesprochene Saison 1998/99 zu tun haben dürfte.


Als Anhänger des erfolgreichsten Vereins Deutschlands durchläuft man verhältnismäßig wenig Täler. Paradoxerweise brachte just die von dir hervorgehobene Spielzeit 98/99 ein sportliches Drama hervor. Mal abgesehen von den zwei Minuten in Barcelona sowie dem vermurksten Finale dahoam - woran oder an wen denkst du mit Unbehagen zurück?


In der Tat hat mich die Niederlage im Finale dahoam besonders getroffen. Das hing mir mehrere Wochen nach. Genauso wie die verlorene Meisterschaft 1993. Bis zum vorletzten Spieltag lag man kontinuierlich auf Platz 1 und plötzlich zieht Werder dank eines Kantersiegs gegen den HSV an uns vorbei und holt sich am Ende die Meisterschaft. Konnte ich damals nicht gut verknusen. Und heute irgendwie immer noch nicht…

 

„Wir mussen nicht vergessen Zickler. Zickler ist eine Spitzen mehr Mehmet e mehr Basler. Ist klar diese Wörter, ist möglich verstehen, was ich hab' gesagt? Danke. Offensiv, offensiv ist wie machen in Platz." Erkläre mir doch mal die Kausalzusammenhänge.


Da ist nichts kausal. Schon eher konzessiv. Ich bin Trap für seine Wutrede durchaus dankbar, konnte ich doch meine Abirede wenige Monate später mit den Worten „Ich habe fertig“ beschließen und einen kleinen Lacher einfahren. Aber ehrlich: Heute kann ich mir die Rede nicht mehr anschauen. Sie nervt mich mehr, als dass sie mich amüsiert. 


Heute haben wir erneut einen ausländischer Trainer in München, aber kein derartiges Kauderwelsch mehr. Schade eigentlich. 


Findest du? Mir ist es lieber, der FC Bayern sorgt nicht für hollywoodeske Schlagzeilen – davon hatten wir in den 90ern genug. Da ist mir so eine solide Person wie Pep ganz lieb.


Zuletzt habe ich mich gefragt, ob der Bayern-Fan in mir zu verwöhnt ist. Arbeitssiege scheinen nicht mehr genug zu sein, vor allem im rauschenden Triple-Sog. Ich habe da, auch für mich, eine Diskrepanz zwischen Ergebnis - und Erlebnisfußball erkannt. Sind es wir Fans, die diese enorme Erwartungshaltung provozieren und potenzieren?


Ja und nein. Natürlich kommt die (hohe) Erwartungshaltung von den Fans. Andererseits ist es doch auch irgendwie normal, dass man nach den Leistungen und Erfolgen der letzten Zeit derart ambitioniert denkt. Im Übrigen ist das, ob man es nun gut findet oder nicht, eben auch ein Teil des FC Bayern. Bescheidenheit passt nicht so recht, auch wenn sie hier und da durchaus wünschenswert wäre.

 

„Der Amerikaner glaubte, für ein gültiges Tor müsse der Ball die Torlinie zwischen den Pfosten überschreiten...“

 

Gerade im Internet werden zuhauf Meinungen und Ansichten abgegeben. Als Community-Chef beim Online-Sportportal SPOX sitzt du quasi an der Quelle. Was fällt in deinen Aufgabenbereich?


Ich betreue die Community und bin dabei sozusagen Bindeglied zwischen Usern und Redaktion. Dazu gehört es vor allem, die Inhalte (also vor allem die Blogs) angemessen in Szene zu setzen. Auf keiner anderen Sportseite Deutschlands werden so viele Usertexte angeteasert wie bei SPOX. Ansonsten sehe ich mich vor allem als Ansprechpartner und Ratgeber für die User, der Hilfe leisten kann, wo sie gebraucht wird. Zudem gehört die Betreuung der sozialen Kanäle zu meinen Aufgaben.


Was muss ein Text haben, damit du ihn nicht nur aus Zwang und Verpflichtung liest?


Zwang und Verpflichtung – das klingt ja wie in Untersuchungshaft. Ich lese die Blogs gerne, weil sie wirklich weit überwiegend tollen Stoff geben. Die Freude steigt, je literarischer die Texte verfasst sind. Da gibt es bei SPOX zahlreiche tolle Beispiele.

 

Sind pöbelnde User die ärgerlichsten Probleme?


Letztlich wohl ja, wobei die – das sind nicht zuletzt auch meine Erfahrungen bei Facebook – im Internet eben leider dazu gehören. Im Schutze der Anonymität nimmt man es mit dem gegenseitigen Respekt oftmals nicht so genau. Das ist bei SPOX nicht anders als sonst im Internet. Es macht Arbeit, aber es gehört nun mal dazu.

 

Was vermutlich bei wenigen dazugehört, ist eine spezielle Fußball-Leidenschaft, der du frönst: Du verfolgst, tippst und bewertest die Schiedsrichtergilde. Erzähl bitte ein bisschen davon. Das Thema ist ja aktueller denn je...


Vor etwa 12 Jahren habe ich begonnen, mich mit den Schiedsrichteransetzungen zu beschäftigen und mich der zugegebenermaßen etwas abstrusen Frage zu widmen, welche Schiedsrichter für welche Partie eingeteilt werden. Diese Überlegungen haben eine Art logistischen Reiz. Ausgehend davon habe ich begonnen, im Rahmen eines Tippspiels die Ansetzungen jedes Bundesligawochenendes zu tippen, was von meinem Umfeld vollkommen zurecht als höchst bedenkliches und fast krankhaftes Hobby angesehen wird. Im Zuge dieser Ansetzereien habe ich mich dann aber auch vermehrt mit Schiedsrichterpersönlichkeiten, ihren Aufgaben und dem Regularium befasst. 

 

Was hast du am 23. April 1994 so gemacht?


Fußball geschaut mit dem Mann meiner Cousine, seines Zeichens Amerikaner und daher auch nicht 100%ig sicher in Sachen Regelkunde. Er glaubte bis dahin, für ein gültiges Tor müsse der Ball die Torlinie zwischen den Pfosten überschreiten. Schiedsrichter Osmers belehrte ihn eines Besseren. Mein Besuch aus den USA wirkte ein wenig irritiert.


Kein Wunder, wenn er nur den einheimischen Soccer kennt... Vielleicht sollte er mal den "Schiri-Check" lesen, den du in regelmäßigen Abständen auf SPOX veröffentlichst. Worum geht‘s genau?


Es geht darum, die Leistungen der Bundesliga-Schiedsrichter in regelmäßigen Abständen zu analysieren und ausgehend von meinen Beobachtungen eine Bewertungsskala zu erstellen. Dafür benote ich die Schiedsrichter, versuche das aber möglichst objektiv umzusetzen und auf populistische Schmähkritik zu verzichten. Ob es mir immer gelingt, ist natürlich etwas anderes.


Unser ehemaliger Stürmer Roy Makaay ist seinen Spitznamen „Tor-Phantom“ wohl erst einmal los...


Wobei ich Stefan Kießling diesen Spitznamen nicht wünschen würde. Ich sehe sein Verhalten zwar auch ein wenig kritisch, halte die zuweilen polemische Kritik aber für ziemlich scheinheilig. Wenn er gesagt hätte, dass es kein Tor war, hätte er sicher einen Fairplay-Preis bekommen. So ist er nun der böse Bube. Gibt es nichts dazwischen, keine Differenzierung?

 

Die wird ihm offenbar nicht gestattet - was wohl auch für Schiri Brych gilt. Wie und wann wird sich der schwarze Tag für ihn im „Schiri-Check“ auswirken?


Kaum bis gar nicht. Er erhält jetzt eine kleine Pause vom DFB. Ab und an ein laues Scherzchen – mehr wird nicht hängenbleiben.

 

„... das ist wie Effenberg und eine Grammatik-Fibel“


Neben deiner Tätigkeit auf SPOX betreibst du einen Blog (Kommentar der Woche) und bist als Moderator von Blogspot360, einer Blogger-Runde, beim Sportradio360 im Einsatz. Wie kam es dazu?


Meinen Blog habe ich vor einigen Jahren ins Leben gerufen, weil ich gerne meine Meinung kundtue. Andere würden sagen, ich sei ein notorischer Besserwisser. Was sicher nicht ganz falsch ist. Aber es macht mir eben Spaß, meine Meinung zu äußern – am liebsten in Form eines Kommentars. Wie es zu der Zusammenarbeit mit dem Sportradio360 kam? Das müsstest du dessen Produzenten Jens Huiber fragen, der mich irgendwann einmal auf Grundlage meines Blogs angefragt hat. Ich bin ihm für das Vertrauen sehr dankbar.


Wie ausgeprägt ist dein Netzwerk in die „Blogosphäre“?


Schwer zu sagen. Es gibt sicher Blogger mit noch stärkerer Vernetzung. Aber durch meine SPOX-Tätigkeit und nicht zuletzt durch Twitter kennt man sich eben. 


Gibt es jemanden, den du gerne einmal sprechen würdest, ganz generell?


Viele. Aber nichts geht über den eigenen großen Traum: Würschtl-Essen mit Uli.


Abschließend würde ich dich bitten, ein paar Sätze zu vervollständigen. Fangen wir an: Die Medienwelt ist... 


... unverzichtbar, wichtig, aber auch mal wichtigtuerisch.

 

Bayerns größter Fehleinkauf in den letzten 25 Jahren war... 

 

... der von Paul Breitner als neuer Weltstar angepriesene Jose Sosa.

 

Den Wandel des Fußballs zum aufgepumpten Business... 

 

... sollte man nicht immer wieder mit heuchlerischem Traditionalismus bedauern.

 

Jürgen Klinsmann und Bayern München, das passte wie... 

 

... Stefan Effenberg und eine Grammatik-Fibel.

 

Und um nicht so unschön aufzuhören: Das prächtigste Bayern-Tor, das mir spontan einfällt,...  


... schoss Giovane Elber von der Eckfahne - ins leere Rostocker Tor. Saison? Natürlich 1998/99.