Interview - Jens Huiber

„Thomas Wagner, Lindsey Vonn und Almdudler“



Mai 2014. Wenn sich die hiesige Medienelite bei Sportradio360 zur Diskussionsrunde versammelt, glühen die Telefondrähte. Seit nunmehr drei Jahren wird im gleichnamigen Internetradio der beste, weil vielseitigste und kurzweiligste Sportpodcast Deutschlands produziert - meiner Meinung nach. Jens Huiber hat das Projekt einst auf den Weg gebracht; warum es dafür einen zweiten Anlauf brauchte, verrät er im Gespräch. Außerdem berichtet der Österreicher von netten Sendern, wiederkehrenden Neujahrsvorsätzen, prägenden Begegnungen - und wie Roger Federer dem Ganzen ein abruptes Ende bereiten könnte.

 

Herr Huiber, wer sich über Sportradio360 informieren will, stößt auf die Homepage, diverse Social-Media-Kanäle und iTunes. Was fehlt, ist ein Wikipedia-Eintrag.


Jens Huiber: Das hängt sicherlich mit unserem Respekt vor den Institutionen zusammen, zumal vor jenen des Internets: wer einen Wikipedia-Eintrag hat, muss mindestens Bahnbrechendes leisten und eigentlich enorm wichtig sein. Gerade Letzteres versuchen wir zu vermeiden. Wenn sich indes jemand bemüßigt fühlt, uns ins heilige Web-Lexikon einzutragen: gerne. Wir lesen dann Korrektur.


Für den vornehmen Fremden: Wie würden Sie Sportradio360 mit drei Schlagwörtern umreißen?


Selbstironisch, ungerecht, angloaffin.


Welche Bedeutung hat die „360“?


Der volle Kreis, alles drin. Außer Pferdesport und Synchronschwimmen.


Vor wenigen Wochen feierte die "BIG SHOW" ihre 150. Ausgabe. Zeit, um zu reflektieren - oder dominierte die alte Sportler-Weisheit: Nach dem Spiel ist vor dem Spiel?


Wir versuchen, unsere Selbstbeweihräucherung nicht nach außen dringen zu lassen. 150 Sendungen heißt letztlich nur, dass wir Sporrtadio360 seit drei Jahren betreiben – und dass es immer noch Leute gibt, die bei uns mitmachen. Damit war zu Beginn nicht zu rechnen. Und es überrascht mich von Woche zu Woche.


Eine BIG SHOW dauert in der Regel drei bis vier Stunden. Da dürfte sich bei 150 Sendungen reichlich Material mit Highlight-Potential anstauen.


Da bräuchte man nun einen Archivar, der die Festplatten noch einmal durchgeht. Spontan in Erinnerung bleiben Stellen, die man eigentlich versprochen hatte herauszuschneiden, und die dann doch den Weg ins Netz gefunden haben. Auf der besseren Seite Gäste wie Toni Innauer und Heribert Prantl, oder Buschis Erzählungen vom gemeinsamen Ski-Urlaub mit Thomas Wagner.


„It's all about Andreas Renners Telefonbuch


Sie wiederum erzählten einmal, das Projekt gemeinsam mit Ihrem Nachbarn gestartet zu haben. Dieser war Markus Gaupp, seines Zeichens Reporter bei Sky. Wann und wie gingen sie das Ganze an? Und mit welchen Ambitionen?


Den ersten Versuch haben wir 2005 gestartet: damals mit Wolff Fuss, Michael Leopold, Markus Krawinkel, Michael Körner und eben Markus Gaupp. Zu früh, so ganz ohne iTunes und Facebook. Vor drei Jahren haben wir dann Versuch zwei eingeleitet, mit einer 23-minütigen Sendung, ein Duett Gaupp/Krawinkel. Das hat sich seither minutiös gesteigert. Ambitionen? Inhaltlich so entspannt und dennoch journalistisch wie möglich, das sollte als Ausgangspunkt für alles andere reichen.


Mitunter erstaunt es, welch illustre Medienschaffende sich die virtuelle Klinke in die Hand geben. It's all about connections, isn't it?


It's all about Andreas Renners Telefonbuch. Da steht alles drin, was Rang und Namen hat.


Im Juli 2013 wurde Sportradio360 fester Bestandteil des neuen Digitalradios Sport1.fm Dort laufen neben der BIG SHOW (an fußballfreien Donnerstagen) auch tägliche Formate. Ein Schritt weg von der Autonomie, um autonomer zu werden?


Das tägliche Format bei Sport1.fm, das es in dieser Form aller Voraussicht nach nicht mehr geben wird, haben wir für Sport1 produziert und unseren Hörern zum Download angeboten. Für uns eine wunderbare Gelegenheit, uns täglich zu präsentieren. Und auch eine Herausforderung, was Produktion, Redaktion und Gästeliste angeht. An der wir hoffentlich gewachsen sind. Hätten wir gerne weitergemacht, im Moment sieht es aufgrund neuer Programmstrukturen bei Sport1.fm nicht danach aus.


Nimmt bzw. nahm die Zusammenarbeit mit Sport1.fm Einfluss auf die Gästewahl? Man könnte annehmen, dass einige Sender es weniger gern sehen, wenn ihre Mitarbeiter fröhlich bei der Konkurrenz plaudern...


Wie gesagt: die Dailies wurden extra für Sport1.fm produziert. Dort hatten wir einen anderen Gästestamm als im Rest des Programms, auch wenn es Überschneidungen gab. SKY ist so nett, seine Kommentatoren bei uns in der BIG SHOW als Gäste auftreten zu lassen. Wie auch Eurosport oder Sport1. Wir stehen ja zu keinem dieser Sender in einem Konkurrenzverhältnis. Dass in den Dailies eher Gäste aus dem Printbereich bzw. dem Hause Sport1 zu Wort gekommen sind, liegt aufgrund des Träger-Mediums auf der Hand.


„YouTube? Ohne Buschis Charisma und Fangemeinde schwierig“


Der Legende nach entlohnen Sie Ihre Moderatoren mit Almdudler und Gummibärchen. Ist die Finanzierung das größte Problem?


Almdudlerdosen sind erstaunlich preisgünstig, wenn auch ökologisch zweifelhaft. Mozartkugeln, Kokoskuppeln und Manner-Schnitten reißen auch kein großes Loch in unsere Kasse. Nachdem alle Moderatoren und Gäste spaßeshalber bei uns mitmachen, entstehen letztlich nur Kosten für das Hosting. Und Weihnachtsgeschenke. Was nicht heißt, dass wir uns weiteren Partnern aus der Wirtschaft verwehren würden.


Von außen wirkt es, als sei Sportradio360 inzwischen mehr als das Hobby eines Enthusiasten.


Mehrerer Enthusiasten.


Abgesehen von der BIG SHOW tummeln sich weitere Formate im Portfolio, zum Baseball beispielsweise. Auch Blogger kommen regelmäßig zu Wort. Koordinieren Sie jede einzelne Aufnahme jeder einzelnen Rubrik?


„Just Baseball“ und „Kreis ab“ werden von Axel Goldmann bzw. Sascha Staat in Eigenregie produziert, wir übernehmen gerne. Den Rest koordinieren wir aus den David-Alaba-Studios hier in München.


Auf YouTube werden Clips wie „SofaQBs“ zur NHL präsentiert. „Der etwas bessere Einwurf“, eine Gesprächsrunde über Tennis, ist ebenfalls zu finden. Gibt es Überlegungen, die visuellen Aktivitäten auszudehnen?


Wenn man nicht das Charisma, die Ideen und die Fangemeinde von Frank Buschmann hat, ist es schwierig, mit Videos auf eine kritische Masse zu kommen. Letztlich wird im Internet mit wenigen Ausnahmen nur Live-Sport erfolgreich sein können; dafür fehlen uns die Kapazitäten, natürlich auch finanzieller Natur.


Wer will, könnte sich den ganzen Tag mit Sport beschäftigen und hätte das Gehäuse am Ende doch nur grob entkernt. Wie schaffen Sie es, bei derartig vielen Hochzeiten überall auf dem Laufenden zu bleiben?


Das steht und fällt mit der Gästeauswahl: wir tanzen nur auf jenen Hochzeiten, auf denen wir uns auch wohlfühlen. Wenn von Hörern angeregt wird, auch mal über Badminton zu sprechen, sind wir dafür offen. Aber: dazu brauchen wir dann einen Badminton-Experten, der uns die Sportart erklärt. Auf anderen Gebieten sind wir da per se besser aufgestellt.


Sie lebten einst in Amerika und arbeiteten später bei „Wetten, dass..?“. Können Sie ihren Weg zum „Producer“ eines Internetradios bitte kurz beschreiben?


In den USA habe ich bei einer Veranstaltung einen Film-Produzenten getroffen – und den Mann gefragt, wie man denn eigentlich Produzent wird. Antwort: Du schreibst „Producer“ auf einen Zettel und pappst Dir den an die Brust. Mit anderen Worten: nicht lange herumreden, einfach mal machen. Im Übrigen auch das Credo von Christoph Gottschalk, mit dem ich eben im Umfeld von „Wetten, dass..?“ lange gearbeitet habe. Sportradio in den USA hat eine ganz andere Bedeutung als bei uns, wozu die terrestrische Verbreitung natürlich essentiell wichtig ist. In Deutschland völlig unvorstellbar, selbst die FAZ ist mit ihrem Businessradio gescheitert. Aber ich habe die Idee aus den USA mitgenommen, und diese einfach mal umzusetzen versucht. Und dann braucht es Leute, die mitmachen. Und Leute, die einen auch dann bestärken, wenn es nicht so rund läuft. Wie vor allem Michael Körner.


„...dann kann es gut sein, dass ich den Laden zudrehe“


Achtung, es folgt eine Reinhold-Beckmann-Frage: Wie muss man sich das vorstellen - die Vorbereitung einer BIG SHOW? Planen Sie Themen, Gäste und Abläufe komplett in Eigenregie?


Wir haben Standards, wie zum Beispiel unsere US-Runde mit Heiko, Jürgen und Nicholas; oder unsere NBA-Experten Dré und Seb. Das regelt sich von selbst. Wenn wir ein neues Feld beackern, wie vor ein paar Wochen Schach, dann überlegen wir uns natürlich, wie wir die Gäste nicht unter- und die Hörer inklusive uns selbst nicht überfordern. Im konkreten Fall hat das dann Nicholas Martin übernommen. Grundsätzlich plane ich das meiste selbst, bin für Inputs von außen aber äußerst dankbar.


Klima und Atmosphäre, auch die Gesprächsführung, wirken sehr entspannt, ja locker. Gar nicht nervös vor einer mehrstündigen Aufnahme?


Nope. Ich bin ja der Einzige, der keine Ahnung hat. Alle anderen wissen, wovon sie reden. Sorgen bereitet mir höchstens, dass die Telefonleitungen zusammenbrechen könnten.


Augenzwinkernd vertritt Sportradio360 den Slogan: „Hart in der Sache - nicht im Nehmen“. Wie oft werden Sie mit ernsthafter Kritik konfrontiert?


Leider viel zu selten. Dass sich einzelne Hörer über einen Gesprächsgast mokieren, kommt vor. Aber etwas mehr Feedback, positiv und negativ, würde ich mir herzlich wünschen.


Blicken Sie, um nochmals den Sport-Jargon zu bemühen, von Woche zu Woche bzw. Sendung zu Sendung? Oder verfolgen Sie Langzeitpläne, zumindest aber Wünsche, die Sie verwirklichen wollen?


Das ist seit drei Jahren mein Neujahrsvorsatz: Sendungen langfristig vorzuplanen. Wird Ende 2014 leider nicht anders sein. Ganz kurzfristig werden wir eine tägliche Sendung, zusätzlich zur BIG SHOW, ins Leben rufen. Beginnend mit der Fußball-Weltmeisterschaft.


Hypothetische Frage zum Schluss: Wo steht Sportradio360 in fünf Jahren?


Wir senden täglich live aus dem Hangar 7 in Salzburg, moderiert wird die Sendung vom Duo Thomas Wagner und Lindsey Vonn, und wir reichen trotzdem noch Almdudler. Wenn ich in ein paar Wochen in Halle allerdings ein Interview mit Roger Federer bekomme, kann es auch gut sein, dass ich den Laden zudrehe. Weil besser kann´s danach eigentlich nimmer werden.

 

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