4 Gipfelsturm

 



















Anfang 2012, Deutschland stöhnt, Angie ist im Dauerstress. Die ganzen wichtigen Treffen noch wichtigerer Politiker machen einen schnell mürbe. Also mich zumindest. Euro-EU-Griechen-Krisen-Gipfel ohne Ende. Meistens in Brüssel. Es wird geplappert, diskutiert und gestritten. Einigkeit herrscht regelmäßig nur darüber, dass man sich nicht einig ist. Wie eintönig, wie absehbar. Jetzt steht uns der nächste Gipfel ins Haus, doch was ist das? Zur Abwechslung können ihn die meisten kaum noch abwarten. Obwohl er DORT stattfindet, wo man noch nie auf den MUND gefallen war. Wer es nicht auf Anhieb verstanden hat: Das ist nicht positiv gemeint.

 

Die Massen sind elektrisiert. Ich hab‘ den Eindruck, dass Mittwoch Abend ab 20 Uhr alles passieren kann - nur interessieren würde es keinen so richtig. Der Spritpreis steigt auf 3 Euro pro Liter. Der Rettungsschirm wird aufgrund kurzfristiger Engpässe auf zwei Billiarden angehoben, Deutschland-Anteil: 88,06 Prozent. Die FDP... nein, schlechtes Beispiel. Da gibt es nicht mehr viel zu dramatisieren. Dieter Bohlen hat vom Singen zwar genauso viel Ahnung wie Philipp Rösler von Wirtschaft, tritt jedoch mangels geeigneter Kandidaten selbst bei DSDS. Auch dieses Schreckensszenario würde sich als völlig belanglos entpuppen.

 

Ein Staat im Stillstand. Was einzig zu zählen scheint, sind eineinhalb Stunden im nicht unbedingt schönsten Flecken Deutschlands, wo 22 mehr oder weniger erwachsene Leute einem hilflosen, wehrlosen, sämtlichen physikalischen Kräften ausgesetzten Ball hinterherhetzen, sich voller Ekstase das Oberteil vom Leib zu reißen und auf Gitterzäune zu springen pflegen, wenn ihnen doch tatsächlich gelungen ist, wofür sie hauptsächlich ihre Millionengehälter beziehen: Das kleine Runde in das große Eckige zu befördern. Dieses Naturphänomen wird in der Fachliteratur in einem Anflug selten erlebter Wissenschaftlichkeit als „Fußballspiel“ deklariert. Für all diejenigen, die mit dem Begriff verständlicherweise nichts anfangen können: Gemeinhin wird nach wie vor davon ausgegangen, dass das weitere Schicksal der Menschheit nicht zwingend in einem direkt proportionalen Verhältnis zum jeweiligen Spielausgang steht.

 

Angela Merkel aber könnte durchaus einen Nutzen daraus ziehen. Spätestens seit der WM-Tour 2006 weiß jedermann über ihre Affinität für besagte Sportart Bescheid. Laut eigener Aussage sympathisiert sie mit dem FC Bayern und Rostock. Was zunächst verwundern mag, enthält bei näherer Betrachtung einen logischen Kern. Wenn wie letzte Woche Rostock bei den Löwen gewinnt, lachen Bayern - und Hansa-Fans. Ergo hatte die Kanzlerin gleich doppelten Grund zur Freude - was in jüngerer Vergangenheit nicht allzu oft vorkam. Nicht überliefert ist Merkels Beziehung zu Borussia Dortmund, dabei könnte deren Trainer ein Schlüssel zum Erfolg sein. Wie wunderbar das passen würde: Gelb-schwarz rettet schwarz-gelb. Noch ist die Lage verzwickt: Atomausstieg, erneuerbare Energien, Sonne, Wasser, Wind. Einigkeit herrscht regelmäßig nur darüber, dass... äh ja, der Rest ist bekannt.

 

Die Lösung ist einfach. Sie heißt Jürgen Klopp. Stellt ihn in ein Hamsterrad, lasst alle BVB-Tore in einer Dauerschleife ablaufen, und Kloppo versorgt mit seinen unerschöpflichen Jubelläufen ganz Deutschland mit ausreichend Strom bis zur nächsten Dortmunder Niederlage (die dummerweise sehr bald kommen wird). Werden gelungene Einwürfe seiner Jungs gezeigt, profitiert NRW von Klopps Sprunggewaltigkeit. Und wenn Weidenfeller mit neuen Englisch-Kenntnissen um sich wirft („I think we have a grandios Saison gespielt“), langt es immerhin noch für Castrop-Rauxel.

 

Ja ja, der Kloppo. Ein Supertyp. Weil dieser rast - und ruheloser Irrwisch nicht nur an der Seitenlinie herumhantiert, sondern zwischendurch auch kluge Dinge von sich geben kann, ist selbst das Ruhrpott-Klischee überholt. Denn der Klopp hat was im Kopp. Deshalb wäre er auch einer für die Bayern. Damals, im Januar 2008, als es hieß, in München tanzen sie demnächst nach der Pfeife von Jürgen Kl., da waren Hoffnungen und Erwartungshaltung natürlich groß. Es konnte ja keiner ahnen, dass erstens Klinsmann das Pseudonym eingenommen hatte und zweitens sein Trainer-Praktikum gleich mit der Chefrolle verband, während sich hinter den sieben Kohlebergen ein früherer durchschnittlicher Zweitliga-Spieler zum Liebling der Nation aufschwang. Eloquent, emotional, ehrlich. Seitdem beschäftigten die Bayern fünf Trainer, davon vier verschiedene. Und auch wenn sich der Josef, wie ich ihn gern nenne, also der Jupp, der Heynckes, schon allein per Gesichtsfarbe zu 101 Prozent mit seinem Arbeitgeber identifiziert und mit dessen Präsidenten solidarisiert, wird es früher oder später auf Meister Klopp hinauslaufen. Sind in München weitere sechs bis acht Übungsleiter verschlissen, könnte es sich mit seinem Vertragsende in Dortmund einigermaßen ausgehen.

 

Mittwoch Abend ist er Gegner. Beim ultimativen Showdown um die Meisterschaft. So hört man es zumindest von überall. Ich hege noch Zweifel. Was, wenn die Bayern souverän mit zwei zu null gewinnen, aber drei Tage später daheim gegen Mainz Larifari spielen? Zwischen Klopp und den Mainzelmännchen bestehen bekanntermaßen enge Verbindungen. Und mit Zidan haben sie zudem einen dreimaligen Weltfußballer in ihren Reihen...


 


















Der Verfasser dieser Zeilen wird live dabei sein in Dortmund! Wirklich wahr. Aber kein Neid, bitte. Bald endet die Saison und beginnt das Semester. Da kann man es einem doch gönnen. Hoffen wir, dass der geplante Gipfelsturm nicht zu einem laschen Almabtrieb mutiert. Die Rahmenbedingungen sprechen jedenfalls klar für den Gast: Spiele gegen Top-Clubs außerhalb der Wochenenden sowie unter Flutlicht behagen den Münchnern nachweislich weit mehr als den Borussen. Wenn jetzt noch jemand für die passende musikalische Untermalung sorgt, meinen die Dortmunder endgültig, dass Champions League ist und winken den Gegner umgehend freiwillig durch.

 

Jürgen Klopp werde ich kaum mitbringen können, aber die Tabellenführung sollte es schon sein. Dorthin zurück, wo sie hingehört. Ins Alpenvorland. Mit Gipfeln kennt man sich hier schließlich aus.


April 2012