6 Fußball und Mathematik

 

Wenig erfreulich scheint der Kabinen-interne Gemütszustand in München - wenn man der Bild-Zeitung glauben darf. Das 2:1 der Bayern gegen Real fanden alle klasse, einzig Robben und Ribéry half nicht einmal das bewährte Schere-Stein-Papier über ihre Unstimmigkeiten beim Freistoß hinweg. Vielmehr bediente sich der Franzose der Alternativmethode Faust-ins-Gesicht, oder wie anders ist des Niederländers Veilchen zu deuten? Kinder, Kinder...

  

Der spanische Stier hingegen ist erst zur Hälfte niedergestreckt. 50 Prozent. Vielleicht 51 oder 52, weil - souverän, wie jeder beobachten konnte - gewonnen wurde. Jedenfalls wird das eine zittrige Angelegenheit im Bernabeu. Unter Trainer Hitzfeld entstand seinerzeit ja der Beiname „la bestia negra“, die schwarze Bestie, weil die Madrilenen nach Duellen mit den Münchnern in schöner Regelmäßigkeit solche Gesichter zogen wie unsereins bei einer Wurzelbehandlung. Den Ottmar könnten wir deshalb auch jetzt gut gebrauchen. Als ihn Karl-Heinz Rummenigge im Jahre 2007 allerdings mit vier Wörtchen hinauskomplimentierte, war ich ihm a) böse und b) im Zweifel über das Wahrheitsgehalt seiner gewagten These. „Fußball ist keine Mathematik“, echauffierte sich Killer-Kalle. Sein Rotations-Weltmeister-Noch-Trainer hatte die Tiefe des Luxuskaders mit Blick auf den dicht gedrängten Terminkalender umfassend ausgenutzt und damit, nun gut, nicht ganz so gewinnbringend abgeschnitten wie gewohnt. 2:2 gegen die Bolton Wanderers. UEFA-Cup war das. Welch schauriger Gedanke.




















Betreiben wir Ursachenforschung. Es gibt doch sicher Schnittmengen zwischen Fußball und Mathematik (Schnittmengen, ein Schenkelklopfer). 

Recht hat Rummenigge in dieser Hinsicht: Wo auf der einen Seite lauter konforme Graphen für wenig Abwechslung bürgen, bedient sich der sportliche Part ausschließlich an Unika: (Andi) Herzog, König (Otto), Prinz (Poldi). Und klar, einer eh steht über den Dingen: Kaiser (Franz). Gleichsetzung folglich unmöglich. 

 

Doch jetzt die Gegenargumentation: 

Der Ball ist rund, wusste schon Alt-Bundestrainer Herberger. In einer Zeit ohne Touch-Computer und deren innovativste Technologien wohlgemerkt. Er erkannte es mit bloßem Auge. Wäre das Spielgerät stattdessen zylinder - oder gar dreiecksförmig, würde zwar Klinsmann - der Verfechter revolutionärer Ideen - vor Freude in Letzterem springen, aber das kann vernachlässigt werden. Punkt für Herberger. 

 

Ein Zirkel findet weder auf dem Trainingsplatz noch im Geometrie-Unterricht den größten Anklang. Die nächste Parallele. Ihr versteht - Parallele...

 

Statt einer Wertetabelle wie in der Schule gibt es in der Bundesliga eben die Blitztabelle, aber mein Gott, wollen wir mal nicht so pingelig sein. 

 

Geplagte Schüler und geplagte Fußballspieler müssen jeweils mit Funktionen zurechtkommen. Legt der Achtklässler mit streng monoton abnehmenden Funktionen vor, so kann der Profi durch eine vermehrte Anzahl stereotyper Rückpässe ebenfalls mit etwas streng Monotonem kontern. Genau wie die meisten TV-Kommentatoren mit Eintönigkeit hervorragend vertraut sind. Was sie jede Woche auf`s Neue unter Beweis stellen.

 

Beim Elfmeter gilt es, den Ball aus einer Entfernung von elf Metern in ein 7,32 m breites x 2,44 m hohes Rechteck (kein Quadrat, ein Rechteck: das ist nicht dasselbe!) zu befördern. An dieser Stelle können wir auch mal eines aufklären: Wenn davon gesprochen wird, im Training Strafstöße zu üben, dann wird freilich nicht die Ausführung an sich, der Spannstoß nach strikt mathematischen Gesetzen, wiederholt ausprobiert. Vielmehr versucht sich der potentielle Schütze mit Hilfe des Taschenrechners, den er à la Jens Lehmann in seinem Stutzen unter dem Schienbeinschoner mitzuführen hat, an der Berechnung des Flächeninhalts des mit Aluminiumrohren beschränkten Objekts, abzüglich des Umfangs der sich darin befindlichen Person, um in der Folge die Wahrscheinlichkeiten des Torerfolgs zu maximieren. Im Fachterminus stellt sich das so dar: --> max! Dadurch schlägt man zwei Fliegen mit einer Klappe. Verhältnis 2:1. Streber können zudem die Eintrittswahrscheinlichkeiten einer deutschen Meisterschaft bestimmen. Für Leverkusen beträgt sie 0 %, für Schalke exakt 4 Minuten und 38 Sekunden...

 

Und überhaupt: Zahlen sind allgegenwärtig. Ja, Tore und Punkte, stimmt schon, alles schön und gut, doch worum geht es wirklich in diesem Sport? Nein, nicht um die Ehre. Es ist offensichtlich - ums Geld. Wer die Bruchrechnung nicht beherrscht, bringt sich dabei schnell um Bares. Ein Spieler lehnte einst ein Angebot zur Vertragsverlängerung inklusive Gehaltsaufbesserung mit diesem - zugegebenermaßen unschlagbaren - Argument ab: „Ein Drittel mehr Gehalt ist mir zu wenig. Ich will mindestens ein Fünftel!“




















Wir sehen also, dass es unzählige  (x > 0) Beispiele dafür gibt, wie sich der Fußball und die Mathematik entsprechen. Nicht zuletzt kann bei der Meisterfeier das Volumen des Bierglases und, davon ausgehend, der Alkoholpegel des Konsumenten ermittelt werden. Im Grunde sind die Abläufe bei Mathe und Fußball sehr ähnlich. Nur dass einem nicht wie beim Ausfragen an der Tafel 20 gelangweilte Gleichgesinnte auf die Hände, sondern im Stadion dann eben 80.000 erwartungsfrohe Enthusiasten auf die Füße schauen. Dank meiner fundierten mathematischen Kenntnisse - und nur deswegen - kann ich auch mit Leichtigkeit an zehn Fingern abzählen, dass die Abwehr des FC Bayern am Mittwoch besser keinen Gegentreffer zulassen sollte, damit sich die Chancen auf das Finale dahoam nicht prozentual verschlechtern. Für Real steht in der Idealvorstellung demnach die leere Menge: L = { }. Europapokal-Arithmetik nennt sich das neudeutsch. Früher war‘ s noch universeller. Da hieß es halt einfach: Auswärtstor zählt doppelt. 

 

Aber wie auch immer. Karl-Heinz Rummenigge ist hiermit widerlegt. 

Quod erat demonstrandum.


----------


-> Videos vom Halbfinal-Hinspiel in München: Einmarsch der Mannschaften inklusive Champions-League-Hymne und die Stadion-Durchsage zum 1:0 durch Franck Ribéry 

 


Mai 2012