Formel-1-Buch

Der schnellste Kreisverkehr der Welt

 


Schuld ist ja eigentlich YouTube. Viel zu viele und viel zu prächtig erhaltende Schätzchen sind auf dem digitalen Video-Basar zur Kostprobe angeboten, am heimischen PC braust die Formel 1 in die gute alte Zeit: 15 Jahre vorwärts in die Vergangenheit.


Damals, als ein Kerpener Jung die Massen zum F1-Land vereinte, und als keiner von Krise sprach, weil es keine Krise gab. Heute geht das Interesse sinkt, die Faszination nimmt ab, krampfhaft wird herumgedoktert, um diese Rennserie wieder so spektakulär zu machen wie sie einmal war. Ist gar nicht lange her. Ich schaue mir diese Epoche immer noch gerne an, und ehrlich gesagt finde ich nichts, was 2000 schlechter war als 2015. Es ist andersherum.


Den Hang zur Nostalgie lebte ich bereits in einem Buch über den FC Bayern aus. So gesehen war das Werk über die Formel 1 irgendwo naheliegend, wobei sich nie ein Plan dahinter verbarg. Spontane Idee, spontane Umsetzung, begünstigt durch ein sonderbares Langzeitgedächtnis und der Legitimation, YouTube zu schauen. Als Recherche-Quelle. Klar.


„Der schnellste Kreisverkehr der Welt: Rennen, Menschen, Geschichten 1996 - 2016“ ist für all jene, die ebenfalls schwärmerisch in den Rückspiegel lugen, sich an schöne Jahre erinnern und dabei vielleicht ähnliche Assoziationen aufbauen wie ich. Viel Spaß damit!


Leseprobe


Autorennen sind gefährlich und werden es immer bleiben. Piloten müssen die Konfrontation mit der Gefahr ausblenden oder wenigstens verdrängen. Nicht allen gelingt das so gut wie Robert Kubica. Ein Report über (schwere) Unfälle, deren Wahrnehmung und Verarbeitung.


Der Recorder spult das Video ab. Kubica im BWM neben Jarno Trulli im Toyota. Knapp 300 km/h. Kontakt. Der Kubica-Bolide nimmt nicht den Linksknick zur Haarnadel, sondern pfeilt schnurgerade, auf der Wiese wird er vorne ausgehebelt, der Aufprall an der Mauer ist so mörderisch, dass man sich ernsthaft fragt, wie ein Mensch das überleben kann. Als der Wagen - oder das, was als Fossil verkümmert - nach einem Überschlag an der anderen Wand entlangrutscht, halb verdreht, werden Kubicas Füße sichtbar. Die Füße! Wer hat bei einem Unfall jemals die Füße gesichtet? Kanada 2007, ein optischer Tsunami.
Kubica ist Pole, mit Talent gesegnet, ein Champion von morgen. Er erleidet Prellungen, eine leichte Gehirnerschütterung und verstaucht sich den Knöchel. War was? Was soll gewesen sein? Kubica kündigt an, beim nächsten Rennen dabei sein zu wollen, selbstverständlich, er fühle sich fit, alles paletti, lasst uns fahren. Ob ihn das krude Erlebnis denn verändern werde, will jemand wissen. Kubica guckt den Fragesteller an, als hätte sich dieser nach seinen Absichten einer Mondlandung erkundigt: „Nein, defnitiv nicht. Ich wusste immer, dass so ein Unfall passieren kann. Dass ich un­verletzt bin, ist eher ermutigend als besorgniserregend.“
Er darf nicht starten, der FIA-Arzt legt sein Veto ein, und ein gewisser Sebastian Vettel debütiert in der Formel 1 (als Achter). Bevor Kubica sei­nen angestammten Platz einnimmt, soll er berichten, ob er sich den Unfall mal angeschaut hat. „Naja“, meint er und zuckt den Mundwinkel, „ich habe ihn schon gesehen - live...“
Schwere Unfälle. Sie gehören irgendwo zur Show, weil sie einen Teil der Faszination ausmachen und erklären, warum Leute zu Ikonen avancieren, indem sie Autos beherrschen, die eigentlich Höllenaggregate sind. Für alle, die nie in einem solchen Geschoss gesessen sind, ist das ja ein Ausschnitt einer fernen Galaxie. Es überragt schlicht das Vorstellungsvermögen, wie (und warum!) sich Menschen in enge Kanzeln pressen und bei 300 Stundenkilometern ihrer Passion nachgeben. Manchmal sind es auch 350 Stundenkilometer.
Spitzen-Motorsport oszilliert zwischen Heldentum für Typen, die so cool sind, wie man selber gerne wäre, und den Schwächen dieser Protagonisten, wenn Mensch oder Maschine versagen. Unfälle sind Essenz dieser ständigen Provokation der Gefahr. Und weil die Formel 1 eine Unterhaltungsbranche ist, die sich über Stärken verkauft und nicht über Schwächen, verschwindet die ungeschminkte Wahrheit hinter einem Make-up, das hier eben nach Abgasen schmeckt.


Der Witz darf nicht fehlen, weil eh alles viel zu ernst zugeht in der milliardengeschwängerten PS-Welt. Und wenn ich Witz sage, meine ich: Wortwitz.


Autorennen sind doch dein Elixier. Du brauchst sie wie der Fußball die Bria-Tore, oder wie Boris Becker das Dennis. Und es ist wirklich packend, immer noch, wenn Piloten die Bestien bändigen wie einen Dämon namens Hill. Sie fahren zwar im Kreis, aber eigentlich besteigen sie Gipfel; nur die exakte Benennung der Berger variierte über die Jahre. Schauderte es viele einst vor dem Monte Zemolo, so recken heutzutage der Ros Berg oder der Hülken Berg empor, wobei einige nicht über die Örtlichkeiten in­ formiert sind: Hä? Milton Keynes. Ist nicht so Sainz.
Die Formel 1 hat sich gewandelt. Früher lief alles Stuck für Stuck ab, später gelangten die Fahrer Salo monisch an ihrer Cockpits, noch später stieg ein geschwätziger Finne ein und tönte: Obacht, jetzt Kim i. Nicht alle sind so forsch wie Herr Räikkönen oder auch Her Bert, die sicherlich bei der Geburti getrennt wurden und übereinstimmende Gene aufweisen. Durch derartigen Wagemut fallen die Karrieren lang aus, sehr lang, es kann eigentlich nicht sein, dass sie zu Wurz geraten. Höchstens, wenn die Mächte richten. Dann können Laufbahnen entstehen, die weniger wunderBAR sind, dafür eher Lo lala.

Old Hockenheim. Ein Text in persönlicher Wehmut. Wie konnten sie nur diese fabelhafte Strecke zerstören!? Ich weine. Heute noch.


Es geht geradeaus. „Volles Rohr“, grinst Mark Webber. Eine Bremsschikane, eng und eklig, der Wagen rutscht wie Hölle, eh klar, woher soll der Ab­trieb auch kommen? Danach geht es geradeaus. „Volles Rohr“, grinst Mark Webber. Wieder ein Knick, Rechts-Links-Rechts, gefühlt halb überhöht, im Bogen spuckt es die Piloten aus. Es geht nun geradeaus. „Volles Rohr“, grinst Mark Webber. Schließlich, es muss wohl sein, brachial in die Eisen, ein Ritt wie auf dem Rodeo, bestimmt schlimmer, die Maschine will keine Biegung drehen, der Mensch muss aber, also muss die Maschine wollen. Die Pointe entschädigt: Es geht geradeaus.
Das ist Hockenheim. Und es ist immer Hockenheim. Wenn eines verlässlich ist, dann, dass es geradeaus geht, einfach stur geradeaus, verdammt nochmal geradeaus, unterbrochen nur vom fesen Geschlängel, dessen Daseinsberechtigung darin liegt, damit die Autos nicht irgendwann 500 Stundenkilometer erreichen. Übertrieben gesagt. Auf dieser Strecke peitschen die Fahrer ihre Geschosse, Motoren-mordend, im Dialog mit den Elementen. Wenigstens widerlegt die Formel 1 beim GP Deutschland regelmäßig, ein Kreisverkehr zu sein; Hockenheim taugt bestenfalls als Oval und entspricht vier endlosen Geraden durch den Wald, an deren Ende sich eine Stadionsektion heftet, die ungefähr alles Vorherige kontrastiert.
Wer, bitteschön, denkt sich sowas aus? Vermutlich ein Genie.


Wer an das Team Jordan denkt, läuft vor eine gelbe Wand. Die Iren waren ein Farbtupfer, im wörtlichen wie übertragenen Sinne. Einmal hätte es fast für den WM-Titel gereicht. Doofe Technik.


Wäre alles so geblieben wie vor dieser 33. Runde auf dem Nürburgring 1999, hätte Frentzen den Rückstand zu Mika Häkkinen auf einen Punkt verringert, zwei Rennen vor Ultimo. Mit dem Stillstand seines Arbeitsgeräts platzt die Seifenblase. Der so zart besaitete Pilot erlaubt sich einen Ausbruch des Zorns, er trommelt mit den Händen aufs Lenkrad und gesteht „eine der größten Enttäuschungen meiner Karriere“. Ein paar hundert Meter die Straße hinunter, im gelben Mutterschiff, fängt die TV-Kamera das Gesicht seines Chefs ein; und natürlich ärgert sich niemand so unverhohlen echt wie Eddie Jordan. Er holt tief Luft, noch tiefer, und legt das gestaute Lungenvolumen in den bittersten Stoßseufzer, den die Formel 1 gesehen hat. Dann kratzt sich Jordan am Ziegenbärtchen und sagt: „Heinz- Harald ist wie ein Weltmeister gefahren. Niemand hätte ihn schlagen können.“


Räsoniert wird eine Menge, auch wenn die Phrasen arg austauschbar geworden sind. Manche zweigen sich vorbildlich von der Floskel-Festivität ab.


„Ich hatte einmal eine ordentliche Schrecksekunde am Tunnelausgang. Da­nach habe ich eine neue Unterhose gebraucht.“- Karun Chandhok über Monaco
„Warum sollte ich Bodyguards nehmen? Von der einzigen Person, die mich unter Druck setzt, bin ich geschieden.“ - Bernie Ecclestone, Überlebenskünstler
„Wenn du zwei Geliebte hast, ist das zwar aufregend, aber eine kommt bei sieben Nächten pro Woche zwangsläufg zu kurz.“ - David Coulthard, Gleichberechtigungsbeauftragter, nachdem sich Sebastian Vettel und Mark Webber in Istanbul 2010 abschießen
„Wenn der Martin Whitmarsh von McLaren mir einen schönen guten Tag wünscht, bin ich schon ganz nervös und frage mich: Was hat er jetzt schon wieder vor?“ - Red-Bull-Berater Helmut Marko über Paranoia in der Formel 1
„Ich bin kein politischer Mensch. Aber dass ein Spanier in einem italieni­schen Auto, das ein Grieche entworfen hat, in Deutschland gewinnt, das hat schon was." - Hockenheim-Gewinner Fernando Alonso inmitten der Euro-Krise 2012


Mein erster Live-Besuch war ein echtes Highlight. Wer überlegt, mal zur Formel 1 zu fahren, sollte wirklich Italien in Erwägung ziehen. Weil die Zeit dort stehen geblieben zu sein scheint. Hach.


Ich kann die Tradition riechen, schmecken, tasten. Überall. Die verwitterten Steilkurven als Zeugnis und monumentales Dokument der Geschichte. Monza ist ein Rennplatz im eigentlichen Sinne, er muss nicht klinisch sein, wahrscheinlich soll er gar nicht. Oder darf nicht? Monza ist nicht perfekt, es hat Schönheitsfehler und einige Ecken, die nach optischen Korrekturen winseln.
Wehe! Dies hier ist kein Ort für Chirurgen, sondern für Motorsport.
Also treiben wir unsere Entdeckungsreise voran. Treppenstufen sind von Moos durchzogen, Gräser wuchern aus den Ritzen, an den Maschendrahtzäunen nagt die Zeit, lange hat Rost angesetzt, er lässt die Sperrgitter gebrechlich erscheinen und dennoch rissfest. Mit etwas Romantik. Ich bewege mich irgendwie demütig, obwohl das Quatsch ist, denn letztlich ist es ein herkömmlicher Belag zwischen herkömmlichen Bäumen. Aber ich weiß: Auf diesem Areal wurde Geschichte geschrieben. Die Anlage lebt. Das Herz bebt.
Ich war nie in einer dieser Kolosse der Sterilität, die den Formel-1- Kalender seit Anfang des Jahrtausends besiedeln. Die Monsterbauten in Asien und den Emiraten sind in ihrer architektonischen Schönheit futuristisch, vielleicht ästhetisch - für Kunstliebhaber. Der Rennfan erkennt eine Fata Morgana, sei es Bahrain oder China oder Abu Dhabi. Da ist nichts, was einen bindet, nichts, was Magie hervorruft. Nichts, was einen fruchtbaren Nährboden für die Wurzeln der Formel 1 erzeugt. Keine Bäume im königlichen Park.


Hochgestochen ist diese Branche, orchestriert und durchchoreographiert. Umso schöner also, wenn Dinge mal nicht stur nach Drehbuch ablaufen. In den vergangenen 20 Jahren hat die Formel 1 etliche Kuriosa hervorgebracht, in Amerika 2005 aber wurde eine Farce draus...


Michelin schlägt vor, die Geschwindigkeiten in der Steilkurve zu reduzieren. Dann wäre Sicherheit verbrieft. Was folgt, verdeutlicht die Koalitionen in der Formel 1 relativ gut. Die Handlungen pendeln irgendwo zwischen aktionistisch und grotesk, mit Parteien, die sich in Lager spalten und ihre Interessen wie Bürgerinitiativen ausspielen. Die Michelin-Teams sind zahlenmäßig überlegen, McLaren, BAR, Renault, Toyota, Red Bull, Williams und Sauber formieren sich zur Allianz. Demgegenüber klüngeln Ferrari, Jordan und Minardi, also lediglich drei Rennställe, die auf Bridgestone-Sohlen vertrauen und damit keinerlei Schwierigkeiten haben (außer natürlich, dass sie zu langsam sind, 2005 ist Ferraris Jahr des Absturzes).
Vorschlag zur Güte aus der Michelin-Ecke: Eine Schikane, improvisiert zusammengeschustert, um die Autos vor der Steilkurve zu verlangsamen. Ferrari-Teamchef Jean Todt lehnt ab. Es sind end- und fruchtlose Debatten, gerade am Sonntag, die Zeit drängt wie immer in der Formel 1, aber diesmal noch ärger. In Amerika hat es die Königsklasse generell schwer, wobei ein Rennen ohne Teilnehmer überall hart zu vermitteln wäre. Es hängt zu viel daran, zu viele Interessen, zu viel Renommee, viel zu viel Geld. Eine nie erforschte Not schlägt um sich, die Uhr tickt, es wird 10 Uhr vormittags, 11 Uhr, 12 Uhr, und eine Einigung ist nicht in Sicht. Sie ist nicht einmal in weiter Ferne. Die Michelin-Teams wollen die Schikane. Todt und die FIA sagen Nein. Jordan und Minardi schnüffeln plötzlich den verlockenden Duft von WM-Punkten - klar, wenn fast keiner fährt, ist die Chance groß wie nie für die Hüter der hintersten Startreihen. Willkommen in der WM der Egoisten.
Der Druck gärt skurrile Ideen. Eine davon lautet, dass die Michelin-Wagen die Steilkurve mit Halbgas nehmen, zum Zwecke der Lebensdauer ihrer Pneus. Genauso gut könnten sie die Reifen permanent wechseln, was circa sieben Boxenstopps bedeuten würde und entsprechend hanebüchen anmutet (wir befinden uns schließlich in der Prä-Pirelli-Ära). Ein anderer Geistesblitz sieht vor, die Michelin-Monopostos in jeder Runde durch die Boxenstraße tingeln zu lassen. Sinniger wird‘s nicht mehr.



Das Ganze läuft über Self Publishing bei Books on Demand (BoD) und enthält professionellen Aufdruck: Als gedruckte (Hardcover) und digitale Versionen (eBook) sowie einer Listung in über 6000 deutschsprachigen Buchläden und 1000 Online-Shops. Bedeutet, dass Interessenten das Buch entweder in ihrer Buchhandlung des Vertrauens erwerben (-> ordern lassen) können, bei Amazon und weiteren gängigen Online-Shops oder direkt bei BoD; natürlich in der gewünschten Ausführung, also gedruckt oder digital.


Produkt

Titel: Der schnellste Kreisverkehr der Welt

Untertitel: Rennen, Menschen, Geschichten 1996 - 2016

Autor: Johannes Mittermeier

Format: 14,8 x 21 cm (DIN A5)

Gesamtseitenzahl: 208

Einband: Hardcover kaschiert

ISBN: 978-3-7392-3473-1


Preise

Gedruckt: 18,99 Euro

Digital (eBook): 8,99 Euro


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