3 Elitäre Auswahl

 

So. Es wird Zeit. Höchste Zeit. Die kontinentale Königsklasse des internationalen Fußballs biegt ein auf die Zielgerade gen München, wo Mitte Mai bekanntlich das Finale steigt. Acht Teams aus aller Herren Länder sind zugegen, manche mehr mittendrin, andere eher nur noch dabei. Aber egal wie, endlich ist man unter sich: Die Besten der Besten suchen ihren Besten!

 

Mir ist das ja immer viel zu viel Vorgeplänkel. Aber weil nicht ich das Sagen habe, sondern UEFA-Präsident Michel Platini, zieht sich das Ganze hin wie die Kaugummi-Sammlung von Sir Alex Ferguson. Erst gefühlte acht Vor-Qualifikationsphasen, damit auch der Viertplatzierte der sechs Mannschaften umfassenden zweiten kasachischen Liga seine berechtigte Chance auf das Erreichen eines Prä-Prä-Ausscheidungsturniers erhält, dessen Bestabschneidende unter Berücksichtigung jeweiliger (wichtiger!) Koeffizienten wiederum die verlockende Möglichkeit eines Vorrückens in die nächsthöhere Selektionsstufe zuteil wird, und so weiter und so fort. Alles nur, um dem Weißwurschtäquator ein Stück näher zu rücken. Aber man kann sagen, was man will, und auch ich muss das eingestehen, Monsieur Platini hat in der Tat große Verdienste erworben. Er wird sich nie den Vorwurf gefallen lassen müssen, nicht bestrebt gewesen zu sein, dem Aufbau Ost nachhaltige Impulse zu verleihen.

 

Nachdem im Anschluss daran die lästige Gruppenphase abgewickelt wurde und man sich im Achtelfinale auch noch den letzten überflüssigen Hanseln erfolgreich entledigt hat, naht jetzt in großen Schritten der Highnoon. Viertelfinal-Rückspiele - Halbfinale - Fröttmaning. Oder um es mit unserem Freund Michel, dem Integrationsbeauftragten des europäischen Fußballverbands, auszudrücken: Die Crème de la Crème vereint sich unter dem ehrfürchtigen Äther der Champions-Sterne. Wer da keine Gänsehaut kriegt, also, dem ist nun wirklich nicht mehr zu helfen - bei diesem Star-Aufgebot: Apoel Nikosia: Dem Fußball-Romantiker schweben sofort glanzvolle Europapokalabende glorreicher Zeiten vor. Benfica Lissabon: Hach, welch Klang allein im Namen mitschwingt! Olympique Marseille: Die Billigausgabe von Olympique Lyon. Und Dortmund-Eliminator. Na gut, das muss nix heißen.




















Wer aber braucht bei dieser VIP-Belegschaft schon bessere Dorfclubs wie Inter Mailand, die Manchester-Connection United und City, Arsenal London, Valencia CF oder natürlich Bayer 04 Leverkusen? Ja eben. Für meinen FC Bayern wird der Weg zum Traumfinale in Uli Hoeneß` Garten dadurch natürlich trotzdem nicht gerade leichter. Nachdem man die körperbetont agierenden Baguette-Konsumenten endgültig abgefrühstückt haben wird, kommt´s - den angebrachten Optimismus vorausgesetzt - in der Vorschlussrunde wohl zum Duell mit den listigen Zyprioten, und die wuseligen Portugiesen im Endspiel müssen auch erst mal geschlagen werden. Das ist die Crux dieses Wettbewerbs: Kaum haben Schwergewichte ohne eigenes Zutun das Handtuch geworfen, schmeißen noch dickere Brocken ihres in den Ring. Dieser Modus erscheint mir stark fragwürdig. Er verzichtet auf Wildcards für den zum Finalort am kompatibelsten Teilnehmer und lässt die Planbarkeit des Erfolgs somit klar zu kurz kommen. Besonders, da sich zu allem Überfluss immer noch ein paar Unentwegte tummeln: Barca, Milan, Chelsea, Real. Das riecht nach übler Wettbewerbsverzerrung. Hat vielleicht grad wer die Nummer vom Platini?

 

Größtes Bedauern empfand ich übrigens darüber, dass Manchester City - ein Familienverein, wie er im Buche steht - uns nicht mehr mit seiner Anwesenheit beglücken kann, weil sie bereits vor der eigentlichen Knock-out-Phase geschlagen in den Seilen hingen. Jenes frühe und kolossale Scheitern hatte für mich in den späten Zügen des Jahres 2011 annähernd Ausmaße eines sportlichen Dramas. Nehmen wir Romeo und Julia, das kennt schließlich ein jeder. Romeo ist in diesem Fall ManCity, und Julia die Champions League. Wie im richtigen Leben passt halt nicht alles zusammen, was zusammenzugehören scheint. Der Romeo hat nämlich ganz exzellente Charaktereigenschaften: Er war und ist ein Arbeiterklub, der sich, von ganz unten kommend, alles, was er heute ist, selbst aufgebaut hat. Mit harter Arbeit, Herzblut und Leidenschaft die chronischen finanziellen Engpässe stets mehr schlecht als recht überwinden konnte. Seit Jahren den Innbegriff des Traditionalistentums im am Kommerz erstickenden Milliardengeschäft Fußball verkörpert. Und dann auf solch brutale Art und Weise um die Julia, sprich ums Überstehen der Vorrunde, gebracht wird.

 

Halten wir kurz inne, werden nochmals nüchtern und lassen vor allen Dingen den Zynismus kurz beiseite: In Momenten wie diesen lacht das Fan-Herz und sagt der Sachverstand: Es gibt noch Gerechtigkeit. Nicht bei Romeo und Julia, wo kämen wir da hin, sondern in Bezug auf ein seelenlose Gebilde arabischer Öl-Multis. Wie diese Gerechtigkeit bei der Fülle hoffnungslos überbezahlter, aber zweifelsfrei individuell recht begabter Söldner in kurzen Hosen zustande kommt? Keine Ahnung.

Vielleicht hatte ja Platini seine Finger im Spiel. Oder Shakespeare. Aber ist doch auch wirklich Scheich-egal... 


April 2012