5 Ein Wasser, bitte!

 

Der Blick ist immer derselbe. Deswegen bin ich ihn längst gewöhnt. Hochgezogene Augenbrauen, gequältes Lächeln, demonstrative Ungläubigkeit. Als Quasi-Anti-Alkoholiker hat man es schwer. Besonders auf Partys, Kneipentouren und Auswärtsfahrten. Letzteres durfte ich vor ein paar Tagen erleben. Der Bayern-Fanclub aus Hirten, „De rodn Alztaler“, machte es möglich. Und dann gleich der Schlager Borussia versus Bayern. 450 000 wollten Karten, 200 Länder schauen zu, ich werde mittendrin sein. Ein Wahnsinn.


Dienstagmorgen, acht Uhr früh: Auf nach Düsseldorf. Nordrhein-Westfalen also. Von dort soll es am kommenden Tag weiter gehen, nach Dortmund. Sprich ins Ausland. Alles, was über die bayerischen Landesgrenzen hinausgeht, ist nunmal Ausland, und das Ruhrgebiet fast schon Übersee. Die Fahrt verspricht einen schmerzenden Rücken und viele, viele leere Bierflaschen. Was natürlich dazugehört, logisch, alles andere wäre ja grotesk. Wir sind hier schließlich beim Fußball. Ich bin die Ausnahme. Das leibliche Wohl aber kommt nicht zu kurz: Mittags junk food, abends junk food. Lecker.

 

Auf den ersten Blick ist Düsseldorf ultra-mega-hässlich. Plattenbauten ohne Ende, heruntergekommen, Graffiti-geschädigt. Unser Hotel am Hauptbahnhof bedeutet schon einen gewaltigen Schritt nach vorn. Schön ist es da. Die Altstadt toppt dann alles. Wäre Mario Basler noch aktiv, er würde wohl Fortuna Düsseldorf präferieren. Eine Bar neben der anderen. Die „Längste Theke der Welt“ hat ihren Namen nicht zu Unrecht. Und wie es da zugeht: Wir haben Dienstagabend und es regnet. Kein Problem für den Rheinländer, alles ist vollbesetzt. Als unsere Truppe das erste Lokal anvisiert, gibt es Kostproben vom einheimischen Gerstensaft, also dem Pendant zum Kölsch. Acht Alt, bitte! Eins bleibt übrig. Ich brauche das nicht, aber der Kellner ignoriert meine verzweifelten Handbewegungen vollkommen. Lange währt das Gastspiel eh nicht. Die sangesstärksten aus dem Fanclub hatten einzig dezent anzudeuten versucht, woher die rot-weiß gekleidete Meute überhaupt stammt. Das war höflich gemeint, man stellt sich als Auswärtiger eben vor, doch die greisige Bedienung weist den Weg zum Ausgang. Humorlos. Die Quittung erhält er wiederum mit seiner eigenen Rechnung. Sie geht über 16,20 Euro. Bezahlt wird exakt jener Betrag. Mit dem freundlichen Nachsatz: „Der Rest ist Trinkgeld!“

 

Es wird Zeit, zwei Personen einzubeziehen. Nennen wir sie einfach Bernhard und Christian. Mit ihnen darf ich die Düsseldorfer Gegend erkunden. Der Wille zum Wasser ist zwar immer noch vorhanden, bröckelt allerdings bereits vor Mitternacht. Gut ist das Alt jedoch nicht. Soweit ich das beurteilen kann zumindest. Auf den zahlreichen Bildschirmen läuft der erste Teil der englischen Woche in der Bundesliga. Wir sehen die letzten zehn Minuten. Hertha BSC bestätigt seine Form, Gladbach geht weiterhin die Luft aus, und die Kölner Darbietung serviert der Düsseldorfer Gastronomie massenhaft Zusatzeinnahmen. Vor allem, da Fortuna ja auch gewonnen hat an diesem Abend, ein paar Stunden zuvor. Der Berni ist sowieso ein offener Mensch, und ein bisschen Alkohol lockert die Zunge obendrein. Sport ist stets der Aufhänger, Fortuna-Anhänger sieht man an jeder Ecke. Lustig wirkt der Gesprächseinstieg speziell dann, wenn Leute mit Fan-Schal oder Trikot von ihm gefragt werden, ob sie sich denn für Fußball interessieren. Wen man damit alles kennen lernt! Einen Barkeeper, der ein Auslandssemester auf Bali verbringen will. Oder eine farbige Toilettenfrau, die Rosi heißt. Kann auch nicht jeder von sich behaupten.


 


Zu 95 Prozent sind die Düsseldorfer echt nette Leute. Ganz locker drauf. Überwiegend sagen sie sogar, für die Bayern zu sein, weil sie Dortmund (oder umgangssprachlicher „Doofmund“) noch weniger leiden können. Nur einer glaubt, den großen Macker spielen zu müssen und seine Berufung als Aushilfs-Türsteher gefunden zu haben, als er erkennt, dass wir Bayern-Fans sind: „Ich zähle jetzt bis drei. Eins, ...“ Wenn er meint. Abgesehen davon implantieren wir bayerisches Kulturgut in NRW. Woher wir kommen, lässt sich allein schon Dialekts-technisch nicht verheimlichen. Doch für Völkerverständigung ist ebenso gesorgt: Was „a gmahde Wies‘n“ ist, verdeutlichen wir am Beispiel des möglichen Relegationsspiels Düsseldorf - Köln. Auf ein Wiedersehen nächstes Jahr in der ersten Liga.

 

Etwas erschrocken bin ich beim nächtlichen Heimweg. Zu einer Zeit, in der bei mir bereits wieder die so-gut-wie-Nüchternheit eingekehrt ist und ich ein stark angetrunkenes Fanclub-Mitglied im Schlepptau habe, sehen wir unser Hotel nicht einmal am fernen Horizont. Erinnerungen an den Hinweg steigern die Verwirrung: „Da ging`s doch immer nur geradeaus...“ Ein Taxi ist die Rettung. Ohne den Fahrservice würden wir wohl heute noch irgendwo in den Gassen herumirren, so weit waren wir vom Ziel entfernt.

 

Tags darauf werde ich wieder von der Realität eingeholt. Wir sind am Rhein, es ist ein wunderschöner Tag. Der Kellner ist zwar nett, meine Bestellung ist es in seinen Augen nicht: „Bist du krank!?“ Das Wasser vergisst er später sogar abzukassieren. Wenn Sie das jetzt lesen sollten, sehr geehrte Düsseldorfer Bedienung: Leider zu spät...

 

Von Dortmund sehen wir nicht viel, ich bezweifle, dass wir etwas verpassen. Am Gästeparkplatz wird gegrillt. Dann folgt endlich das, wofür wir durch halb Deutschland gefahren (worden) sind: Das Duell Erster gegen Zweiter, amtierender Meister gegen Rekordmeister, Kohle (im Bergwerk) gegen Kohle (auf dem Festgeldkonto). Beim Anblick des Stadions macht sich Enttäuschung breit. Wir haben unsere Plätze ganz oben, dummerweise fällt das Dach zum Spielfeld hin so weit ab, dass nur die Hälfte der Tribünen im Blickfeld bleibt - abträglich für die Imposanz. Nett auch die BVB-Lieder: Sie covern Pippi Langstrumpf, dabei würde Biene Maja viel besser passen. Mit Klopp als Flipp und Großkreutz als Willi. Überhaupt Großkreutz. Als er später zum gehaltenen Elfmeter befragt wird, antwortet er, gewusst zu haben, dass Weidenfeller halten wird. Warum? „Ich hatte es im Adrenalin.“ Herzlichen Glückwunsch.

 



















Die Partie an sich ist kaum der Rede wert. Schwache Bayern, nach der Pause kaum bessere Dortmunder. Eigentlich ein typisches Null-zu-Null-Spiel. Nach 70 Minuten sage ich Bernhard, dass ich für diesen Tag noch zwei Wünsche habe: Einen Punkt und dann für den ausgetrockneten Rachen - na was wohl: Ein Wasser. An den mitgereisten Fans hat es wahrlich nicht gelegen. Die Stimmung ist bombastisch, und beim Dortmunder Glückstor explodiert die Arena fast. In Momenten wie diesen merkt man, dass die Menschen hier nur den Fußball haben. Er bedeutet alles für sie. Mein Gott, denke ich mir, sollen sie halt Meister werden. Wenn wir den Pokal gewinnen. Und vielleicht die Champions League...

 

Als Robben zum Strafstoß antritt, krame ich meine Kamera heraus und will den Ausgleich filmisch festhalten. Der Schuss ist eine bessere Rückgabe. Wenn es Gomez gewesen wäre, nagut, der schiebt die Bälle ja immer so Richtung Tornetz, aber Robben? Was Subotic im Anschluss daran aufführt, sehe ich erst tags darauf im Fernsehen. Besser ist es.

 

Frustriert bin ich ziemlich genau zehn Minuten. Dann steht das Erlebnis wieder Welten über dem Ergebnis. Zwei absolut grandiose Tage liegen hinter mir. Zwei Tage, die unvergesslich bleiben werden. Danke, Fanclub Hirten! Für die Organisation. Für die Mitnahme. Und für das Wasser an Bord.


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-> Videos aus Dortmund: Wir heißen den Bayern-Bus willkommen und müssen den Robben-Elfer ertragen


April 2012