8 Die spinnen, die Kölner

 

Spott und Häme für Tim Wiese, das ist an sich nichts Neues. Nur dass es diesmal weniger um seine Frisur, als vielmehr die anstehende Luftveränderung geht. Vom Fischgestank hat er genug, zukünftig darf es der Duft von frischem Plastik sein. Dabei ist Hoppenheim die einzig logische Variante, denn der größte Torhüter aller Zeiten verfuhr beim Ausschlussverfahren strikt nach dem Andy-Möller-Prinzip: Mailand oder Madrid - Hauptsache, (nicht) Italien! Der Schritt in die Retorte liegt somit auf der Hand.

 

In Augsburg heißt es: Ohne Jos nix los. A la bonheur, meine Herren von der Puppenkiste, den Klassenerhalt zwei Runden vor Schluss hätte euch sicher niemand zugetraut. Großen Applaus dafür. Genauso nach Freiburg. Dort entledigten sie sich zu Beginn der Rückrunde auf einen Streich aller Sorg(en) und starteten durch zu einer fulminanten Aufholjagd. Beim HSV pfiffen es die Spatzen von den Dächern, dass Fink die Rettung schafft. Mainz wiederum war diese Saison für die Bayern ein rotes Tuch(el) - 2:3 und 0:0. Der ehemalige Trainer von Kaiserslautern stand lange Kurz vor der Entlassung, doch sein Nachfolger balakoffte vergeblich auf den Umschwung.

 

Wie in Berlin. Da merken sie inzwischen, dass einzig Rehhagel`sches Handauflegen nicht automatisch den Abstieg verhindert. Wundern darf es keinen, wenn ein Antifußballer wie Lell Führungsspieler sein soll und Vize-Kapitän ist. Die bisher erreichten 28 Punkte sind angesichts solcher - nun ja: mutiger - Personalentscheidungen durchaus beachtlich. Wobei man sagen muss, dass 34. Spieltage auch schon herzschlagfinaliger daherkamen. Ganz eindeutig fehlt das Unterhaching-Moment. Nur Hertha und Köln liefern sich noch ein spektakuläres Kopf-an-Kopf-Schneckenrennen um den Relegationsplatz. Verdient hätte ihn keiner. So viel Unfähigkeit auf einen Haufen lässt sich ansonsten nur im deutschen Bundestag beobachten. Beim Chaos-Klub aus der Domstadt soll jetzt der Schaefer den Geißbock weiterhin auf der Erstliga-Weide halten, gleichzeitig regiert neuerdings ein Spinner den FC. Man möchte dessen Verantwortlichen danken: Endlich haben sie es offiziell gemacht.

 

Köstlich amüsiert habe ich mich vor ein paar Tagen über die Meldung, Marko Marin wechsle zum FC Chelsea. Als sich mein Anfangsverdacht eines talentierten Namensvetters nicht bestätigte, wurde aus Staunen sehr schnell Belustigung. Gerade Marin, der schon hierzulande landauf landab beim kleinsten Windhauch der Erdanziehungskraft erliegt und dies stets mit sieben Flugrollen garniert, versucht sich bald auf der Insel, der körperbetontesten Liga der Welt. Zu schade, dass er nicht bereits am 19. Mai im Finale spielberechtigt ist. Dann würden sich die Chancen der Bayern nochmals drastisch erhöhen.

 

Wo wir in der Premier League sind: Seit dem direkten Duell von letztem Montag steht Manchester Shitty wieder ganz oben. Leider. Nicht, dass ich ein United-Sympathisant wäre, im Gegenteil, aber Fergies Truppe wäre in diesem Fall das kleinere Übel. In der Serie A indes dürfte die Seniorenriege des AC Milano den Scudetto knapp verpassen. Juventus Turin wird zwar umgangssprachlich die „Alte Dame“ genannt, macht jedoch seinem lateinischen Namensursprung alle Ehre und steuert mit dem aufstrebenden Keeper Gianluigi Buffon sowie Sturmküken Alessandro del Piero (aus der eigenen Jugend) unverdrossen auf Erfolgskurs. Was man von Real Madrid nicht behaupten kann. Da es auf europäischem Parkett mal wieder elegantere Tänzer gibt (besonders die Schuhplattler), muss die nationale Konkurrenz büßen: 217 erzielte Treffer, davon alleine 156 von Ronaldo, sind allerdings nur ein schwacher Trost. Immerhin langt es zum Championat vor dem notorischen Zweiten Barcelonakusen.




















Dass Josep „Pep“ Guardiola die Lust auf das katalonische Trainer-Amt vergeht, ist vollkommen nachvollziehbar, mehr noch: längst überfällig. Rahmenbedingungen und Arbeitsklima sind schlichtweg katastrophal. Eine Industriestadt, bei der jeder Ansatz von Lebensqualität ein Ansatz bleibt. Ein heruntergekommener Verein mit nur drei Champions-League-Titeln in den vergangenen sieben Jahren. Ein höchstens mäßig, eher unterdurchschnittlich begabter Spielerkader, in dem zu allem Überfluss derjenige heraussticht, dessen Wohnung der reinste Saustall ist. Shakira steht auch mehr auf Männer mit vollem Haar. Und das alles zu einem Hungerlohn. Nein, der Beschluss Guardiolas, das Arbeitsverhältnis vorzeitig zu beenden, kommt einer Flucht gleich. Er hat das Richtige getan.

 

Vielleicht findet er ja Asyl in Deutschland. Carl Zeiss Jena, soeben in die Regionalliga abgestiegen, würde ihn wohl in die engere Wahl nehmen. Fichte Bielefeld hat ebenso seine Reize. Oder soll`s doch die Hauptstadt sein? Mit Hertha BSC nächste Saison gegen Sandhausen und Aalen, das hätte doch was. Zurück zu den Wurzeln sozusagen, wo die ständigen Clasicos doch langsam langweilig geworden sind. Am Besten aber würde der Spanier nach Italien passen. Wenn „Pep“ will und - sagen wir - Novara Calcio „Si“ entgegnet, ist die Suche nach einem Trikotsponsor praktischerweise schon inbegriffen: Coca-Cola, was sonst? Ich sollte wirklich den Marketingbereich ins Auge fassen.


Mai 2012