AUF TOUR

Die letzte große Schleife


Natalie Rusch // Juli 2013 

 

Paris, die Stadt des Lichts, ville de la lumière. An diesem Sonntagbend taucht sie 170 Fahrer in Gold, als sie in die Stadt einfahren und schließlich den Ort erreichen, an dem die Tour zu Hause ist, die Champs Elysées, den Triumphbogen fest im Blick. 170 Fahrer, die Überlebenden. Jene, die nicht bezwungen werden konnten von Bergen, Asphalt, Stacheldrahtzäunen. In den vergangenen drei Wochen und 3404,5 Kilometern kreuz und quer durch Frankreich haben wir wieder einmal festgestellt, was für ein schönes Land das ist und was für eine sportliche Herausforderung seine Landschaften und Straßen bieten. Wir haben festgestellt, dass es nur einer langen Abfahrt braucht, um Andy Schleck abzuhängen. Dass nach dem Aus der Schwarze-Socken-Träger Armstrong und Wiggins die Ästhetik dieses Sport zumindest solange zurückgekehrt war, bis Pierre Rolland das Bergtrikot übernahm. Und wir haben festgestellt, dass es vielleicht nur genügt, sich vor einem Zeitfahren in Eukalyptusöl getauchte Wattepfropfen in die Nase zu stecken, um diese schöne Tour zu gewinnen. Dabei waren die Protagonisten leider wieder nur die, die am Ende vorne waren, am Ende einer Etappe oder im Klassement, sowie jene, die an ihren Ambitionen scheiterten wie Cadel Evans und Alberto Contador. 

 

Aber ich möchte diesen letzten Tour-Blog nutzen, um einen Blick auf einen zu werfen, der hier seine letzte Tour gefahren ist, nach 16 Teilnahmen, zwei Etappensiegen, zwei Tagen im gelben Trikot und unzähligen Ausreißversuchen. Jens Voigt ist der älteste Fahrer der diesjährigen Tour gewesen, und er war es auch letztes Jahr und in den Jahren zuvor. Aber nun ist Schluss, zumindest mit der Tour, verkündete der bald 42-Jährige am Samstag nach der letzten Bergetappe, wo er noch einmal das tat, was er am besten kann und wofür ihn das Publikum kennt und liebt: Ausreißen, flüchten, Fersengeld geben. Noch einmal einer gegen 170, hoffen auf den einen Moment, in dem die Ausreißer das große Feld austricksen und nicht mehr eingeholt werden können. Noch am Morgen der vorletzten Etappe sagt Michael Rogers (Saxo-Tinkoff) zu David Millar (Garmin-Sharp), der es später twitterte: "Ich hasse das Team-Klassement. 2006 bei T-Mobile haben wir CSC zwei Tage vor Schluss in Manndeckung genommen. Ich bekam Jensie". Eine Erklärung war da nicht mehr nötig. Immer die Nase im Wind. Oft derjenige, der nach einer Etappe die meisten Fliegen auf der Brille hatte. Ein Baroudeur, ein König der Ausreißer, der seinen schmerzenden Beinen entgegenschreit: "Haltet die Klappe!". Ein Kultzitat in den USA. Shut up, legs = Jens Voigt. Jens Voigt = Shut up, legs.

 

Dabei geriet die Karriere des einst weltbesten Amateurs ins Stocken, an der Schwelle zum Berufsradfahrer Mitte der 90er, damals der Hochzeit des Radsportes, rückblickend wohl eher das Mittelalter dessen. Kein Profiteam nahm den Mecklenburger unter Vertrag, aber er schrieb unermüdlich klassische Bewerbungen, mit mehrsprachigem Lebenslauf und einem langen Anhang, der Siegesliste. Erst 1998 gelang der Sprung in das französische Team GAN, später Crédit Agricole. Ein No-Go für das magentafarbene Radsportland Deutschland, das so für den Tiefstpunkt in der Karriere von Jens Voigt sorgte. Das Bergzeitfahren nach Alpe d'Huez 2004, am Tag nach jener Etappe, als Voigt mal wieder zu den Ausreißern gehört hatte, aber Jan Ullrich schließlich einen Vorstoß wagte, im ewigen Kampf um das gelbe Trikot. Voigt musste sich für seinen Kapitän Ivan Basso zurückfallen lassen und das deutsche öffentlich rechtliche Magenta-Fernsehen deutete dies als Schritt gegen Ullrich und für Armstrong. Schwarzweißfernsehen im 21. Jahrhundert. Dann die Plakate in Alpe d'Huez, die auf die Straße gespuckten Beleidigungen. "Das war wirklich bitter und hat mich zutiefst verletzt. Ich war kurz davor, umzudrehen, den Berg herunter zum Bus zu fahren und nach Hause zu verschwinden. Ich konnte es einfach nicht mehr ertragen, ich hatte nie zuvor in meinem Leben so viel Hass, Abscheu und Abneigung gespürt. Das waren Szenen wie im Fußball, wenn die Hooligans in den Stadien toben", schreibt Voigt Jahre später in seinem Buch "Man muss kämpfen."

 

Und das hat er immer getan. Seine 16 Auftritte bei der Tour standen immer zwischen dem bedächtigen, gezähmten "Das ist hier nicht die Jens-Voigt-Show. Ich muss in erster Linie meine Aufgaben als Helfer erfüllen" und dem aufgewühlten, euphorischem  "Ich stehe unter maximaler Spannung und warte nur darauf, dass Bjarne mich endlich loslässt." Sieben Jahre hat er die Tour im CSC/Saxobank-Rennstall von Ex-Toursieger und Dopinggeständigen Bjarne Riis bestritten und dabei Disziplin und Selbstbeherrschung gelernt, wenn es galt als Super-Domestike die Kapitäne den Berg hochzuziehen, ihnen Trinkflaschen zu bringen und nicht selten das zu tun, was den Tod für jeden Ausreißer bedeutet: Das Peloton auf sie anzusetzen, sie zurückholen, ihre Träume zu vernichten. Aber so läuft das Geschäft und niemand verkörpert den Widerspruch von Jäger und Gejagtem besser als Jens Voigt.


Die Widersprüche. Ich hatte gehofft, es würde sie nicht geben, nicht bei Jens Voigt, aber das jahrelange Sezieren des Radsportes durch die Medien zeigt an so ziemlich jedem Rennfahrer Spuren, allein schon wegen des für gerechtfertigt gehaltenen Generalverdachts, nach der Ullrichzabeltelekomapokalypse 2006 und 2007. Den unkritischen Hype vergessen machen. Die Spuren des Sponsorings vergessen machen, die Prämien, die Lobhudelei, die Blindheit bei den Topleistungen trotz Kilos. Für die Presse ganz klar: Voigt gehört zur Generation der Betrüger. Beweise: Geburtsjahr 1971 wie Armstrong, Geburtsland DDR wie Ullrich, Jungprofi in den 90ern, Teamchefs mit Dopingvergangenheit, zweifelhafte Teamkollegen, die nach deren positiven Proben zum Rundumschlag ausholten und dafür Sendezeit und eine Spalte im Sportteil erhielten. Vielleicht auch Geld, man weiß ja sowas immer nicht. Vielleicht wird man auch nie alles wissen über alle und auch nicht über Jens Voigt, aber was man wissen muss, das sieht man ohne alles wissen zu müssen. Manche Qualitäten kann man mit Doping nicht erreichen.

 

Ich habe in der Schule nie besonders gerne gelernt und mich auch an der Uni eher lieber auf mein hoffentlich vorhandenes Talent verlassen. Aber jeden Juli bei der Tour de France habe ich mich dafür geschämt und einer der Verursacher war Jens Voigt. Weil er alles gab, um aus einer Mini-Chance alles herauszuholen und sich das zu nehmen, was er will, auf der letzten Rille zu fahren und im Ziel zusammenzubrechen, ob als Sieger oder - wie meistens - als Unterlegener. Ich habe das bewundert, weil ich das nicht konnte und ich versuche heute noch, die Moral daraus zu ziehen und genau so zu handeln. Allein das ist ein Kampf. Bei einer Hausarbeit über Motivation und Motiviertheit vor einigen Jahren lag daher nahe, dass ich mich mit der Jens-Voigt-Strategie beschäftige. Ich deutete sechs Stufen: 1) Der Masterplan: "Man muss herausfinden was man kann und versuchen darin möglichst gut zu werden." 2) Ein Ziel suchen: "Das einzig gute an Bergen ist, dass es auch wieder heruntergeht". 3) Attackieren: "Ich werde so lange auf mein Glück einprügeln, bis es auf meiner Seite ist." und "Einige beenden ihre Karrieren ohne es auch nur ein einziges Mal versucht zu haben." 4) Frustrationstoleranz: "Ich habe drei Tage für nichts gearbeitet, für mega null. Für mega gar nichts." 5) Aufstehen: "Sei großmütig im Sieg und stehe aufrecht in der Niederlage." und 6) von vorn beginnen.

 

Vor allem der letzte Punkt, immer wieder von vorn beginnen. Immer noch einmal, noch einmal ausreißen, noch einmal den Berg hoch, noch eine Tour. Und jetzt war es die letzte des Mannes mit dem Herz auf der Zunge, von dem, der noch Geschichten erzählen kann. Wie die von der Flasche in Alpe d'Huez, wieder Alpe d'Huez. 2011 war das, als er auf den unendlichen Kehren nach oben seine Trinkflasche dem Publikum vor die Füße warf, diesmal zu einem Jungen, den er für diese Flasche ausgesucht hatte. Als Vater von mehr als einer halben Fußballmannschaft weiß man, was Kinderherzen höher schlagen lässt. Aber dann grabschte sich ein Mann mittleren Alters das Souvenir und verstaute es im Rucksack. Voigt fuhr erst weiter und drehte dann doch wild entschlossen um, rollte den ganzen Weg zurück, stellte den Mann zur Rede und ließ ihn die Flasche an das Kind zurückgeben, unter Applaus des überraschten Publikums. Eine Voigt-Geschichte und ich würde solche Geschichten gerne auch anderen hören. Bisher erfolglos.

 

Mehr Geschichten von Jens Voigt wird es vielleicht noch ein Jahr lang geben, aber nicht mehr von der Tour de France. Er habe Frieden mit der Tour geschlossen am Samstag auf dem Weg nach Annecy-Semnoz. Noch eine Tour wird es nicht geben. Ich wusste es nach dem Samstag zuvor nach Lyon, eine unendlich lange Ausreißeretappe, wie gemacht für Voigt, aber er wurde abgehängt an einer Steigung der vierten und damit niedrigsten Kategorie, wenige Kilometer vor dem Ziel. Als er nach Alpe d'Huez sagte, schon wieder Alpe d'Huez, nach noch einem gescheiterten Ausreißversuch, er sei nicht mehr der Fahrer, der er mal war, da wusste ich es. Aufgeben ist nicht Voigt-Stil, aber Einsicht heißt nicht Aufgabe. Es heißt Respekt vor dem wichtigsten Rennen der Welt und vor den jüngeren Fahrern.

 

Wenn jemand weiß, was es heißt, ein Kapitel zu schließen und ein neues zu öffnen, dann sicher der Bücherwurm Jens Voigt, der nach seinem Karriereende eine Buchhandlung mit angeschlossenem Café eröffnen will, jeden Tag Eisbein essen und das Fahrrad in der Garage einschließen, um zuzuschauen, wie die Spinnweben immer größer werden. Noch so eine Voigt-Geschichte, die er immer gerne erzählt hat. Sicher wird er dann zurückdenken an seine beiden Etappensiege und wie es ist, als Ausreißer als erster im Ziel anzukommen: "Du kannst freihändig fahren, das Trikot zurechtzuppeln und alles genießen. Du spürst: Das ist mein Augenblick. Ich habe es geschafft, ich habe alle anderen ausgetrickst. Das ist dieser köstliche Moment, in dem dein Körper lauter Glückshormone ausschüttet." Oder das gelbe Trikot zu tragen, das er 2001 im Hotelzimmer über die Lampe hängen wollte, um es vor dem Einschlafen möglichst lange ansehen zu können, oder 2005: "Ich werde es am Ruhetag auf jeden Fall verteidigen. Ich setze mich einfach darauf." Nur um bei der Etappe darauf krankheitsbedingt abgehängt zu werden und das Zeitlimit um 47 Sekunden zu verpassen.

 

Vielleicht ist Jens Voigt doch kein Repräsentant seiner Generation, für die er oft den Kopf hinhalten musste, sondern nichts weniger als der Retter dieser verlorenen Generation der Armstrongs und UIlrichs? Vielleicht nicht in jeder Hinsicht, vielleicht wird er es eines Tages sagen, vielleicht gibt es nichts zu sagen, ebenso wenig oder so viel wie für die tatsächlichen Protagonisten dieser 100. Tour de France. Die 101. wird ein bisschen leerer sein. Aber vielleicht wird man es doch wieder und wieder auf der Straße lesen: Shut up, legs.


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-> Die Autorin Natalie Rusch verfolgt die Strampelei auf zwei Rädern seit zehn Jahren und damit fast so lange wie die Hatz auf deren vier. Nachteil: Das Fehlen von Motorengeräuschen. Vorteil: Die Haltbarkeit der Reifen. Sie studierte Französisch, qualifizierte sich für diese Seite jedoch primär durch Kompetenz in Alltagsfragen: Ihr Fahrrad war bereits rosa, da schlummerte die Telekom noch selig den Tour-Schlaf.