12 Britischer Humor


Die EM rückt näher. Man merkt es an Kleinigkeiten. Wie etwa den Trainingscamps, die seit jeher ein untrügliches Indiz eines nahenden Turniers darstellen. Oder den Bekanntgaben der endgültigen Aufgebote aller teilnehmenden Nationen. Oder der inflationären Anzahl von Testspielen.

 

Deutschland verliert gegen die Schweiz mit 3:5. Das erinnert vom reinen Ergebnis her stark an die Zeit vor Bundestrainer Löw. Sprich die WM 1954. Jogi gehört ja schon zum högschd wertvollen Inventar des DFB. Also 1954. Da unterlagen die Unseren auch in der Vorrunde 3:8 gegen die Ungarn, nur um sie im legendären Finale zu Bern-Wankdorf triumphierend mit 3:2 in die Puszta zurückzuschicken. Angewandt auf 2012 gibt es dabei nur zwei kleinere Probleme. Erstens haben wir keinen Rahn in unseren Reihen, der sich mal an einem strammen Distanzschuss aus dem Hintergrund versuchen könnte. Und zweitens sind für Hitzfelds Eidgenossen weder Flüge in den Osten gebucht noch polnische oder ukrainische Hotelzimmer geblockt. Nein, ausnahmsweise keine unlauteren Machenschaften des italienischen Wett - und Manipulationsverbandes. Die Schweizer Abwehr war in den Ausscheidungsspielen einfach ein Stück zu käselöchrig. 

 

Löws Sorgenfalten lindert nicht einmal Nivea. Wenn sie schon ohne die auf Lebzeiten traumatisierten Bayern-Kicker von einer Wintersportnation deklassiert werden, was bitteschön soll dann erst passieren, wenn Schweinsteiger und Kollegen wie in Trance über das Feld schwanken? Um den bereits sicher geglaubten Titelgewinn nicht zu gefährden, kann nur noch einer helfen: Franz Beckenbauer, der dringlichst seine kaiserlichen Kontakte spielen lassen muss, um bei der UEFA einen Eilantrag zu stellen. Sämtliche Partien auf dem Weg ins Endspiel ausschließlich gegen Österreich. Nur dann ist der vierte Stern für Deutschland garantiert. Denn ein Land, dessen bester Fußballer (bei dem die Mutter von den Philippinen stammt, der Vater Nigerianer ist und er selbst in Wien zur Welt kam) vom Ex-Sportminister auf Englisch angesprochen wird - gegen das würde an einem guten Tag sogar der FC Bayern gewinnen. Außer es steht nach 120 Minuten Unentschieden.

 

Quasi als Belohnung für ihren famosen Auftritt durften die Nationalspieler dann ja zur Formel 1 nach Monaco. Was als netter Ausflug gedacht war, geriet zur Resozialisierungsmaßnahme für die Vize-Münchner. Doch irgendwie scheint der Fußball-Gott in diesen Wochen nicht in roter Bettwäsche zu nächtigen. Denn als sie im glamourösen Fürstentum auf Michael Schumacher trafen, verband sich Not mit Elend. Dem Altmeister ergeht es derzeit wie den Bayern: Erst kein Glück, und dann kommt auch noch Pech dazu. Welche Wirkung tritt demnach ein, wenn sich die Gemütszustände angeschlagener Berufsfußballer mit dem eines entnervten Hobby-Rennfahrers verbinden? Halbes Leid? Oder doppeltes? Mario Gomez war`s egal. Trotz permanenter vorbeibrausender Boliden konnte er freudestrahlend verkünden: 15:26 Uhr - die Frisur sitzt!

 

Ein Blick ins britische Teamquartier verrät: Auch da herrscht Unruhe. Neu-Coach Roy Hodgson hat in seiner Not als dritten Torhüter Jack Butland nominiert. Nicht bekannt? Keine Sorge, es gibt fundamentalere Wissenslücken im Sportbereich. Butland gehört zwar Zweitligist Birmingham, spielt jedoch - ohne Witz - bei seinem Leih-Verein Cheltenham in der vierten Liga! Im Klartext heißt das: Der drittbeste englische Schlussmann ist in der vierthöchsten Spielklasse beschäftigt. Seit Blog-Eintrag numero sechs, „Fußball und Mathematik“, kann ich im Handumdrehen berechnen, dass sich in den obersten vier Ligen im Schnitt 0,75 für höhere Aufgaben geeignete Einheimische im Dreck schmeißen. Eine starke Quote. Der britische Humor ist wirklich ein ganz Besonderer. 

 

Wobei ich den Aufschrei auf der Insel nicht ganz nachvollziehen kann. Anstatt entsetzt (und vor allen Dingen rhetorisch) auszurufen: „Was? Wir haben einen Amateur-Torwart im Kader!?“, müsste die korrekte, erstaunt-erleichterte Fragestellung vielmehr lauten: „Wie jetzt? Nur einen!?“

Vor diesem Hintergrund erscheint plötzlich auch die Ausmusterung ter Stegens in einem verdächtigen Licht. Ich habe mich deshalb mal schlau gemacht und Quervergleiche angestellt. Was beim komplizierten britischen Klassensystem gar nicht so einfach war. Cheltenham belegte in der abgelaufenen Spielzeit den sechsten Rang. Hierzulande hätten wir in der Regionalliga folglich drei Kandidaten für‘s Keeper-Casting. Aus dem Norden, von Hannover 96 II, wäre das Samuel Radlinger. Der Westen wird vom 1. FC Köln II und genauer Daniel Schwabke vertreten. Und der Süden schickt Greuther Fürth II mit Stamm-Goalie Sebastian Vogl ins Rennen. Also Jogi, jetzt musst du dich entscheiden... 

Hätte Roman Weidenfeller eine englische Ur-Großmutter, würde wohl selbst er auf diesem Weg zu einem Länderspiel kommen. Und allerspätestens nach seinem legendären Lothar-Matthäus-Gedächtnis-Interview von 2011 ist eine Berufung überfällig. Ihr habt‘s gehört, Ahnenforscher: An die Arbeit!


Juni 2012