5 Bayern - Schalke im Ticker:

Doktor, bitte hilf!


- Februar 2013 -

 

Bayern München gegen Schalke 04. Im Training geht‘s wohl intensiver zu. Wir haben das Geschehen dennoch aufmerksam verfolgt - im Live-Ticker ohne „Live“. Die Laiendarsteller sind Mirko und Marietta Slomka, Jens Keller und die Arbeitsnachfrageelastizität, Philipp Lahm und das Überraschungs-Ei, Franck Ribéry und die alpine Ski-WM, Seppo Eichkorn und Esther Sedlaczek, Rainer Brüderle und Dschungel-Georgina. Herrlich vielschichtiges Fußballspiel. 

 

18:15 Uhr

Prüfungen kommen immer zum falschen Zeitpunkt. Immer. Darüber habe ich mich schon letzten Sommer aufgeregt, als das Kultusministerium die Bosheit besaß, einen Tag nach dem deutschen EM-Viertelfinale einen schriftlichen Test anzusetzen. Und darüber rege ich mich jetzt erneut auf, weil diese Klausuren ständig mit Terminen unverzichtbarer Fußballspiele kollidieren. Muss das denn sein? Der Bildungsgrad unserer (Ex-)Bildungsministerin ist doch groß genug, um solche Unannehmlichkeiten zu vermeiden. Sogar ein Doktortitel ziert ihr Namensschild. Wer dessen Rechtmäßigkeit ernsthaft anzweifelt, glaubt wohl auch, dass Lance Armstrong gedopt hätte. Lächerlich.

 

18:18 Uhr

Ich bin drei Nächte wachgelegen, um mir ein Wortspiel mit „Schavan“ zu überlegen. Erfolglos. Dann habe ich am gestrigen Abend eine fremde Variante aufgeschnappt: Vom schönen Schavan zum hässlichen Entlein. Finde ich gut. Streue ich hier ein. Plagiat? Pah! Mit Abkupfern sehen wir es in der Bundesrepublik nicht so eng. 

 

18:20 Uhr

Mein Debüt als tickernder Spielanalyst fällt zeitversetzt aus. Deshalb sparen wir uns das „Live“ in Live-Ticker. Aufgrund eines straff geschnürten Zeitplans konnte ich die kurze, sechzigminütige Vorberichterstattung von Sky leider nicht verfolgen. Sehr bedauerlich, entging mir dadurch sicherlich ein weiteres Stück deutscher Fernsehgeschichte, als Lothar Matthäus über die Beziehungsmisere in der Bundesliga dozierte. Die Trennungswelle entzweite Mirko und Marietta Slomka sowie Nuri und Sila Sahin. Was Christoph Lang und Jörn Schlönvoigt in diesem Zusammenhang zu suchen haben? Ich weiß es nicht. Aber der Loddar hat es sicherlich überzeugend erläutert.

 

18:23 Uhr

Ein wahnwitziger Samstagnachmittag liegt hinter uns. Lewandowski empfiehlt sich eindrücklich in München. Dortmund wird von einem Letten und einem Koreaner blamiert, und Leverkusen nutzt den Patzer selbstverständlich nicht aus. Tradition verpflichtet.

 

18:25 Uhr

Marcel Reif begrüßt die Zuschauer und beweist ein ausgeprägtes Talent dafür, mit seiner Einstiegs-Theorie den Co-Kommentator Stefan Effenberg zu vergrätzen. Reif trägt ein verwegenes Brillen-Modell, abgeholt vermutlich im Dante-Emma-Laden, gleich rechts neben der Badstube. 

 

18:28 Uhr

Christoph Metzelder in der Schalker Startelf. Oha. Um die Gäste steht es schlimmer als gedacht. 

 

18:30 Uhr

Das Einlaufkind hat den Ball am Pult vergessen. Setzen, sechs! Aber wen wundert‘s bei diesem unserem Bildungssystem?

 

18:31 Uhr

Ich kann mir nicht helfen. Auf mich wirkt Philipp Lahm bei der Platzwahl immer wie einer, der das Ganze bei einem Happy Meal gewonnen hat. Oder in einem Ü-Ei. Oder im Legoland Günzburg.

 

18:32 Uhr

Schiri Gagelmann steht im Mittelkreis, hält einen Stift in der Hand und kritzelt etwas. Das ist bestimmt seine Unterschrift gegen Studiengebühren in Bayern. Löblich zwar, doch zu spät, guter Mann!

 

1.

Jens Keller sieht schon vor dem Anpfiff aus, als würde seine Mannschaft mit nullzuvier hinten liegen. Wobei - das würde den Vereinsnamen erklären, und eine bislang ungeahnte Kompatibilität zum Trainer. Psychologisch wertvoll.

 

4.

Ich hatte im Voraus drei Absätze über Bankdrücker Robben vorbereitet. Wie geknickt er zuletzt war, weil seine Königin Beatrix abgedankt hat. Solche Sachen. Jetzt vertändelt er den Ball gegen Sead Kolasinac. Life‘s hard.

 

9.

Schalkes neuer Stürmer ist gar nicht so neu. Bas Tos, also der Basdost, der kickte doch bis zur Winterpause ein halbes Jahr in Wolfsburg. Wie tief steckt Felix M. im Wettsumpf?  

 

11.

War Timo Hildebrand eigentlich schon immer so klein und schmächtig, ja beinahe zierlich? Oder liegt das an diesem mintgrünen Gewand? Das muss untersucht werden.

 

13.

Mario Gomez fällt mit schwarzen Schuhen auf. Neue Bescheidenheit? Nein, neuer Ausrüster.

 

14.

Hildebrand versucht Dominanz zu suggerieren, wirkt aber eher wie ein Achtklässler, dem man die Haarspange weggenommen hat. Autoritär ist anders. Sollte vielleicht mal bei gestandenen Torleuten nachfragen, wie das so geht mit der maßgerechten Ausstrahlung. Rensing zum Beispiel.




















16.

Lahm auf Ribéry, Höwedes klärt. Grundsätzlich in Ordnung, hier im Speziellen allerdings irritierend. Vor drei Tagen spielte Lahm gegen Ribéry und mit Höwedes. Heute spielt Lahm mit Ribéry und gegen Höwedes. Vor drei Tagen trug Ribéry ein blaues Leibchen, heute ist er in rot gekleidet, wie auch Lahm, der am Mittwoch in weiß auflief, genau wie Höwedes, der jedoch auch heute weiß trägt. Was, ganz nebenbei, die königsblaue Legende ad absurdum führt. Wie soll man die Komplexität des Tagesgeschäfts Fußballs denn mal seinen Enkeln näherbringen? Oder noch verzwickter: Seinem Fußball-desinteressierten Vater? Ich brauche einen Doktortitel! Dringend. 

 

18. 

Oberjeck Ribery narrt Karnevalsmuffel Höger. Schiri Gagelmann springt feixend auf den Themenwagen mit auf. Gaudibursch Alaba täuscht NICHT links an, Hildebrand fliegt trotzdem ins falsche Eck. Ein Schalker durch und durch. 1:0.

 

22.

Das Spiel wird stetig dramatischer. Einwurf Bayern.

 

25.

„Ein Rumtreiber par excellence“, findet Reporter Reif. Gemeint ist Franck Ribéry. Nicht Rainer Brüderle. 

 

27.

Schweinsteiger verfehlt völlig freistehend das Ziel. Würde Brüderle nie passieren.  

 

29.

Der Trend verfestigt sich. Im Schalker Strafraum lodert es gewaltig. Bei Hilde: Brand. 




















32.

Schweini-Goal. Ein Freistoß als Vorführelement eklatanter Chancenlosigkeit. Die Mauer präsentiert sich wie eine Hüpfburg, aus der man die Luft herausgelassen hat. Neutrale Beobachter kriegen langsam Angst um Schalke. Zum Glück bin ich nicht neutral. Unklar allein, ob es die Bayern gnädig gestalten werden. Sprich: Ob ihnen ein hoher einstelliger Sieg reicht.  

 

34.

Jens Keller versprüht in seiner Coaching-Zone fast so viel Elan, Dynamik und Ausdruckskraft wie Philipp Rösler auf FDP-Parteitagen. Schalkes Tabellenposition wird von Minute zu Minute nachvollziehbarer.

 

37.

Passend dazu ein Freistoß nach Art des Hauses. Bas Tos alias Basdost visiert Neuers Gehäuse an. Verfehlt die linke Eckfahne nur um wenige Zentimeter. Pech. 

 

40.

Ich erhalte in dieser Sekunde Post aus New York. Guardiola bittet mich, auf Englisch zu tickern, damit er auch eine Nuance von der Grundidee des Spiels mitbekommt. Sorry, Señor Sepp, aber mein Leserstamm ist nicht so üppig besetzt. Da kann ich es mir nicht leisten, den Schalke-Teil zu vergraulen.

 

43.

Stefan Effenberg fordert S04 auf, „über den Kampf zum Spiel“ zu finden. Wie aber soll das funktionieren, wenn sie noch nicht einmal über den Krampf zum Spiel finden? 

 

45.

Es ist frustrierend. Man hört Effenberg reden und denkt sofort an seine epochale Ära als vorneweg marschierender Bayern-Kapitän. Dann spuckt einen der Zeitstrahl im Jahre 2013 aus. Und die Binde hängt am Arm von Philipp Lahm.

 

19:22 Uhr

Zum Pausentee und zum Nachdenken serviere ich eine wahre Geschichte. Meine Antipathie gegenüber dem FC Schalke ist nämlich in einem Traumata frühester Jugend begründet. Als ich elf war, besuchte ich mein erstes Bayern-Spiel. Die Gastmannschaft: Schalke. Vor der Einlasskontrolle dreht sich eine Gelsenkrichner Gestalt, dessen/deren Geschlecht sich nicht exakt evaluieren ließ, zu mir um. Ich trug ein Giovane-Elber-Dress mit der Nummer neun. Und nochmals: Ich war elf Jahre jung. Ein unschuldiges, in die raue Welt hineingeworfenes Wesen. Kümmerte die Person wenig. Abfällig klang es aus seinem/ihrem Mund: „Wie kann man nur so bescheuert sein und so einen Scheiß anhaben?“ Seit jenem 4. August 2001 wünsche ich Schalke 04 nur das Schlechteste. Welch eine Freude war es, als Greuther Fürth vor Wochenfrist in der Turnhalle gewann. Welch eine Genugtuung wäre eine Rückkehr von Kevin Kuranyi. Träumen ist erlaubt. 

 

19.33 Uhr

Paul Breitner ist begeistert, wie der spritzige Bayern-Ferrari „im dritten Gang“ dem trägen Schalke-Trabbi davonzieht. Seppo Eichkorn erfreut sich derweil an Interviewerin Esther Sedlaczek. Wer nun das größere Vergnügen hatte, Breitner oder Eichkorn, entscheidet die Phantasie des Einzelnen. Ich habe mich festgelegt. Das Ergebnis hat keinen Motor. Aber Hupen. Mensch Rainer, jetzt gib mir endlich die Tastatur zurück! 

 



















46.

Teemu Pukki sieht so niedlich aus. Als ob er keiner Fliege was zuleide tun könnte. Genau das, ich wiederhole, GENAU DAS dachte ich 1999 auch von Ole Gunnar Solskjaer. Also Obacht. 

 

49.

Ich muss die hochspannende Auseinandersetzung mal kurz verlassen. Lernstoff nachholen. „Lohnanstieg führt zu Substitutionsanreiz von Arbeit durch andere Produktionsfaktoren.“ Logisch, deshalb fordert Jens Keller auch keine Gehaltserhöhung. Sonst könnte er ja substituiert werden. Aber, Halt, was lese ich da: „Angebot der anderen Faktoren ist sehr unelastisch.“ Ja dann.

 

51.

Der unverzichtbare Produktionsfaktor Alaba erzielt sein zweites Tor. Ginge es nicht gegen Schalke, wäre das etwas Besonderes. 

 

55.

Robben überträgt seine Konsolen-Fertigkeiten aus „Ego-Shooter“ rücksichtslos auf die Realität. Demonstriert allein vor Hildebrand sturen Eigensinn. Ein Heber auf‘s Tordach. Schurke. 

 

57.

Ribéry könnte bei der alpinen Ski-WM im nahe gelegenen Österreich ebenfalls brillieren. Elegant umkreist er drei Schalker wie Slalomstangen. Am vierten Hindernis bleibt er hängen - eingefädelt.

 

58.

Überfliege gerade einen Abschnitt, der von „gering qualifizierter Arbeit“ handelt. Warum muss ich da bloß zwangsläufig an den FC Schalke denken? Hm.

 

63.

Robben straft die Kritiker ab. Überlegter Querpass auf Gomez, der den staunenden Umstehenden das anspruchsvolle Einkontaktspiel verdeutlicht. Daraufhin wird der Schalker Strafraum weiträumig evakuiert. Aus dem Strohfeuer ist ein Flächenbrand geworden.

 

65.

Reif triezt Effe mit dem früheren angeblichen Bürokraten-Fußball aufs Äußerste. Der Tiger fährt die Krallen aus. Reif für den Beutezug.

 

66.

Der Kommentatoren-Papst hat die Kurve auf der letzten Rille erwischt. Erfolg spricht für sich. Der Tiger schnurrt zufrieden.

 

68.

Die Partie schwappt so brachial hin und her wie das Silikon von Dschungel-Georgina beim Pärchentanz. Ein faszinierendes Naturschauspiel. Grimme-Preis-verdächtig.

 

72.

Der Intellekt nimmt bedrohliche Überhand. Es wimmelt nur so von Doktoren. Nach Doktor Schavan und Sky-Zahnarzt Doktor Merk werfe ich einen weiteren Doktor in die Runde: Oh nein, nicht meine Wenigkeit, so weit ist es (noch!) nicht. Sondern einen meiner Universitäts-Dozenten. Der ist nämlich Schalke-Fan, Marke Hardcore. Mit Blut, Schweiß und Tränen und so. Also vor allem Tränen. 

 

73.

„...Effenberg...oder Andersson. ANDERSSON! TOR!! DER FC BAYERN IST MEISTER!!!“

 

74.

Memo an mich selbst: Keine alten Wunden meines Uni-Dozenten aufreißen. Er könnte es in ein paar Tagen mit barer Münze zurückzahlen.

 

77.

Jens Keller ist für sein anfängliches nullzuvier-Gesicht übrigens vollends rehabilitiert.

 

80.

Mienenspiel, Episode zwei. Mario Mandzukic hat den bewährten Arjen-Robben-Blick adaptiert. Jupp Heynckes scheint ihn komplett zu ignorieren. Ein neuerlicher Tiefpunkt ist erreicht. Auf der Bank gibt es keinen Kredit mehr.

 

84.

„Hohe Angebotselastizität anderer Faktoren führt zu geringer Preisreaktion und hoher Arbeitsnachfrageelastizität.“ Verwirrend. Trainiert José Mourinho deshalb Real Madrid anstelle von Schalke 04? 

 

87.

Der FC Bayern hat 15 Punkte Vorsprung auf die - nun ja, soll man sie Verfolger nennen? Schalke 0 zu 4 erweist seinen Gründervätern alle Ehre. Der Abstiegskampf hat begonnen. 

 

90.

Aus, aus, aus, das Spiel ist aus! Schalke ist Meister der Schmerzen!

 

20:24 Uhr

Lothar Matthäus analysiert mit geschultem Auge, was dem gemeinen Fußvolk ansonsten vorenthalten geblieben wäre: „Die Schalke-Fans feiern sich selbst, denn die Mannschaft können sie nicht feiern.“ Wenn wir den Lothar nicht hätten. Mei.




















20:29 Uhr

Ehe ich mich aus dem Sportprogramm ausklinke, möchte ich mich bei all denen bedanken, die durchgehalten haben. Vielleicht kommt es zu einer Neuauflage des Tickers. Vielleicht, wenn die Nachfrage stimmt und das Angebot. Und die Elastizität natürlich. Einstweilen aber verabschiedet sich der von den Strapazen sichtlich gezeichnete Sky-Abonnent. Auf unbestimmte Zeit. Die Doktorarbeit schreibt sich schließlich nicht von alleine. 

 

20:30 Uhr

Obwohl...