2 Aufgepept


- Januar 2013 - 

 

So schwer es fällt, sich von der mittwöchentlichen 16 Uhr 49-igen Sensationshammerwahnsinns-Meldung, dass Jupp Heynckes den FC Bayern verlässt, zu erholen - notgedrungen müssen wir uns bis zum Tag Null (1. Juli 2013) mit dem klobigen, manchmal unhygienischen, nie renovierten Bundesliga-Schuppen die Zeit totschlagen. Gut, als Überbrückungsmaßnahme wird sich derartige Second-Hand-Ware vermutlich irgendwann abnutzen. Aber wenn das Vereinsgelände der Bayern erstmal in "La Säbener" umbenannt ist, dann dauert es gewiss nicht mehr lange, bis der Messias auf irdisches Terrain herabsteigt. Oder aus New York eingeflogen wird.

Einstweilen aber sind wir dem vergleichsweise trockenharten Liga-Brot ausgeliefert. Diesen Freitag schieben wir es wieder in die Mikrowelle. Zum Auftauen. Ungeachtet der überbordenden Tagesaktualität hat sich die DFL dazu durchgerungen, den laufenden Spielbetrieb nicht einzustellen. Ein Affront aus Sicht des FC Bayern, dessen Petition ins Leere lief. Wer nun die unerträgliche Spannung im Meisterschaftsrennen und den ekligen Schlamm im Abstiegssumpf nicht ertragen will oder kann, dem sei die nachfolgende Schilderung der Rückrunde nahe gelegt. Ganz nach der Devise: Schon vorher wissen, was los ist. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Wetterdienst - geschätzt für seine präzisen Vorhersagen - ist eine Auflistung der in den kommenden fünf Monaten eintretenden Ereignisse entstanden. Wir wollen nicht zu viel verraten, aber es besteht die Möglichkeit auf Tiefdruckgebiete, die ein oder andere steife Briese und frostige Zeiten in kleinen Dörfern. Bloß bei Matthias Sammer ist alles eitel Sonnenschein...

 

18. Spieltag

Dem FC Schalke 04 liegen die Beobachter des gepflegten Grusel-Fußballs am Herzen. Der erfolgsverwöhnte Klub sorgt dafür, dass der Jahreswechsel die einzige Einrichtung bleibt, an die sich die Fans gewöhnen müssen. Fußballerisch ist das nicht nötig. Da lässt Schalkes spielerische Leistung seinen Anhang glauben, es sei noch 2012. Oder 1971. Hannover gelingt beim locker-flockigen 5:1-Auswärtssieg in Gelsenkirchen sogar ein Eintrag in die Annalen. Erstmals braucht sich eine Mannschaft nach dem Spiel nicht duschen. „Der marginal verflossene Schweiß steht einfach in keiner Relation dazu“, rechnet Mathematik-Lehrer Mirko Slomka vor. Herbstmeister Bayern München erwacht nur mühsam aus dem Winterschlaf. Gegen Greuther Fürth quält sich der Meisterschaftsanwärter zu einem zittrigen 6:0, was Sportvorstand Matthias Sammer auf die Palme bringt: „In mir brodelt es, doch das behalte ich lieber für mich. Nur so viel: Ich vermisse den Pep im Spiel.“ Auch Präsident Hoeneß schweigt. Ein untrügliches Zeichen: Es drohen Explosionen.

 

20. Spieltag

Fortuna Düsseldorf hat ein Problem. Weil mehrere Spieler am alten Fieber erkrankt sind, muss Campino als Innenverteidiger einspringen. Dennoch ringen sie an einem Tag wie diesem den VfB Stuttgart nieder. Das demoralisierende 1:2 bedeutet für Bruno Labbadia die dritte Pleite in Folge. Auf der Pressekonferenz kann der feurige Halb-Italiener, von provokativen Fragen aufgebracht, allein mit Mühe an sich halten. Daraufhin handelt Manager Bobic und stellt dem cholerischen Bruno mit Stefan Effenberg einen Mentaltrainer zur Seite. Lektion eins lautet: „Wie ich in Stresssituationen die Ruhe bewahre.“

 

23. Spieltag

Was kaum einer glaubte, ist eingetreten. Bei 1899 Hoffenheim hat der Abstiegskampf-erprobte Trainer Marco Kurz tatsächlich die Wende geschafft. Das 0:3 in Augsburg ist ein klarer Schritt nach vorne. Erstmals im Kalenderjahr 2013 kassiert der Tabellenletzte weniger als vier Gegentreffer in einer Partie. Torwart Wiese belohnt sich mit entsprechend vielen Tätowierungen. Von der Euphorie in der Stadt - Pardon: Dem Ort - angesteckt, kauft der Ex von Jogi zudem einen Drogerieladen auf und vertreibt sein eigenes Haarspray. Derweil macht sich in München die geographische Nähe zum rot-weiß-roten Nachbarn langsam aber sicher bemerkbar. Wie einst bei der Skifahrer-Nation, die stolz „sechs Österreicher unter den ersten fünf“ verkündete, gewinnt der FC Bayern mit 3:0, wobei Mario Gomez als vierfacher Torschütze glänzt. 

 

24. Spieltag

Ohne den psychisch labilen Rafael van der Vaart ist der HSV daheim mit einem torlosen Remis gegen Fürth gut bedient. Trotz der Höhenluft-erprobten Exemplare Adler und Fink stagnieren die Nordlichter in düsteren Mittelschichten. Immerhin, von derartigen Sphären träumen sie anderswo. In Wolfsburg zum Beispiel. Dort kommt es zum Duell der Keller-Kinder. Klar, Schalke ist zu Gast. Geringverdiener Diego rafft sich trotz Hungerlohn zu drei 20-Meter-Sprints auf. In der Nachspielzeit hebt er einen Freistoß zum 1:0 in die königsblauen Maschen. Ur-Wolfsburger Klaus Allofs aber ist ob des überschaubaren Niveaus vor 11.236 Zuschauern angefressen: „Jetzt haben wir schon einmal so eine Mords-Kulisse im Rücken, und dann dieser Grottenkick. Das wird Konsequenzen haben.“ Kurzerhand greift Allofs auf dem Wühltisch fünf neue Spieler ab: Arnautovic, de Bruyne, Petersen, Elia und Prödl. Zwei Tage später komplettiert er das Gesamtkunstwerk und verpflichtet die Bremer Stadtmusikanten. 

  



















26. Spieltag

Während Borussia Dortmund in der Champions League ins Viertelfinale eingezogen ist, wurde der Bundesliga-Alltag bis dato ebenso konsequent in den Sand gesetzt. Jürgen Klopp fand sich in zwei Monaten mehr auf der Tribüne denn an der Trainerbank wieder - der stets um Zurückhaltung bemühte Übungsleiter entschied nun, Bruno Labbadia beim Grundkurs „Kontrollierte Aggressionen“ von Dozent Oliver Kahn Gesellschaft zu leisten. Befreit von allen seelischen Fesseln schreit und brüllt er den BVB zum 2:1-Heimerfolg über Freiburg. Raus aus der Krise heißt es auch für Noch-Spitzenreiter Bayern. Nach einer durchwachsenen Serie (acht Spiele, 24 Punkte, 29:2 Tore) schickte Jupp Heynckes die Seinen zum gemeinsamen Kochen bei Alfons Schuhbeck, um den Teamzusammenhalt zu stärken. Die omnipräsente Vereins-Ikone Kahn gab bei der Zubereitung des Butterkuchens freundlich Hilfestellung: „Eier, wir brauchen Eier!“ Entsprechend heißgemacht (Achtung, Wortwitz!) kann Sparringspartner Leverkusen genüsslich verspeist werden. Soll noch einer behaupten, der Jupp wäre kurz vor der Verrentung nicht auf dem neuesten Stand der Trainingslehre...

 

29. Spieltag

...sein unfreiwilliger Abgang aber ist beschlossene Sache. Ein kahlköpfiger Spanier testet bereits eifrig die Konsistenz bayerischer Gerstensäfte. Und dann meldet auch noch Peter Neururer Ansprüche auf den eigentlich vergebenen Posten an. Die Situation an der Säbener wird so undurchsichtig, dass Lenßen & Partner undercover ermitteln müssen. Ein Informant (BILD) vermutet: Heynckes will den Strippenziehern mit dem Gewinn des Triples nochmals die Pistole auf die Brust setzen. Der nur phasenweise gefährdete 8:0-Sieg über einen durchaus zweieinhalb Minuten ebenbürtigen 1. FC Nürnberg sichert zumindest den ersten Skalp. Deutscher Meister 2012/2013: FC Bayern München. Als ein Sky-Reporter Matthias Sammer gratulieren will, blockt dieser die Lobhudeleien harsch ab: „Das ist mir alles viel zu larifari. Viel zu lässig. Da wird beim Stand von 7:0 in der 86. Minute schon mit der Hacke gespielt. Diese Unsitten müssen wir den Spielern austreiben. Dringend! Sonst gibt es ein böses Erwachen. Wir haben noch nichts erreicht. Gar nichts!“ Doch doch, Herr Sammer, nämlich auf wirtschaftlicher Ebene: Getränkegigant Pepsi fusioniert mit den Bayern, wird Haupt - und Titelsponsor des Vereins. Weiter nördlich bittet der introvertierte Mainz-Coach Tuchel den als Wüterich gefürchteten Bremer Kollegen Schaaf um eine Audienz. Parallel dazu beginnt Tuchel ein Buch zu schreiben. Inspirationsquelle ist das Seminar „Erst Autor, dann Autorität“ von Literaturnobelpreisträger Philipp Lahm.

 

32. Spieltag

Der FC Schalke ist ein Phänomen. Auf Europas Bühne raffen sie sich regelmäßig zu Höchstleistungen auf. S04 bezwingt Celtic Glasgow souverän im Elfmeterschießen und löst das One-Way-Ticket nach London - Endspiel! Doch was am feierlichen Mittwoch wie die Poesie schwungvoller Tanzeinlagen wirkt, verkehrt sich an den Samstagen in mühevolles Handwerk malochender Bergarbeiter. Gladbach-Genie Juan Arango überlistet Timo Hildebrand mit einem Tor für‘s Guiness-Buch: Von der eigenen Eckfahne zirkelt der begnadetste Linksfuß der Liga den Ball mit physikalisch fragwürdigem Effet über den verdutzten Keeper hinweg Richtung langes Eck. Unterkante Latte, und drin. Schalke steht somit im Finale der Champions League und gleichzeitig auf einem Bundesliga-Abstiegsplatz. Fleischbaron Clemens Tönnies bleibt die Blutwurst im Halse stecken. Als er sie doch geschluckt hat, wählt er die Nummer eines prädestinierten Feuerwehrmanns. Aber bei Felix Magath ist besetzt. 


33. Spieltag 

Die Saison der deutschen Kicker-Elite liegt in den letzten Zügen. Meister FC Bayern fühlt sich angesichts 27 Punkten Vorsprung konkurrenzlos, Matthias Sammer warnt allerdings vor Schlendrian. Um sich die Zeit zu vertreiben, schult der beschäftigungslose Arjen Robben jetzt auch offiziell zum Bankangestellten um. Als er den Kontoauszug von Busenfreund Ribéry betrachtet, wird er handgreiflich. Späte wie süße Rache. Schlagzeilen hagelt es auch in Hoffenheim. Der Aufschwung zu Rückrundenbeginn war nur von Kurz-er Dauer. Zuletzt belief sich der Gegentorschnitt von Torwart Wiese auf 4,6. Zwei Spiele vor Schluss liegt die TSG sieben Punkte hinter dem rettenden Ufer. Manager Müller erkennt, dass Aktionismus gefragt ist. Er freut sich, denn darin ist er ziemlich gut. Als Wunschkandidat Pep Guardiola überraschend absagt, fällt die Wahl auf Felix Magath. Gegner Hamburg entpuppt sich als Fisherman‘s Friend. 

 

34. Spieltag

Bayern München kratzt an der 100-Punkte-Marke, doch Vorstand Sammer fordert die gebotene Rationalität bei der Einschätzung des status quo. Hinter dem Meister schafft der SC Freiburg auf einen Streich Rang zwei und damit klammheimlich die direkte Qualifikation für die Champions League. Dritter wird Mainz, Vierter Zwietracht Frankfurt, die launische Diva vom Main. Vom einstigen Engagement in Frankfurt weiß Felix Magath, welche Tugenden im Überlebenskampf gefragt sind. Auf Routine kommt es an. Das in der Breite zu schwach besetzte Team wird durch Didi Hamann sowie Ulf Kirsten ergänzt. Um zusätzlich für Belebung und ein frisches Element zu sorgen, transferiert Magath dank einer Ausnahmegenehmigung für verdiente Importeure die angehenden Weltklassespieler Dragičević, Tustonjić und Uglješić vom kroatischen Spitzenklub Cibalia Vinkovcinach nach Sinsheim. Und siehe da: In Dortmund erzielt Kirsten gleich das erlösende Siegtor. Was freilich nichts daran ändert, dass Hoffenheim als Achtzehnter in die zweite Liga absteigen muss. Magath beklagt sich über Eingeschränktheit bei der Kader-Planung, ehe er sich neuen Aufgaben zuwendet: Auf Schalke ist sein Werk noch nicht vollendet. Es warten die Relegationsspiele gegen Energie Cottbus. Und das Champions League-Endspiel gegen die Bayern. Na denn: Glück auf...