AUF TOUR

Eine große Schleife ohne Geschenk


Natalie Rusch // Juni 2013 

 

Seit Samstag rollt sie wieder, fährt, sprintet, klettert. Die Tour. Niemand wird fragen "Welche Tour?", denn niemand würde denken, es gehe um irgendeine Konzertreise eines blondierten Popsternchens, eine Wandertour durch die Westalpen oder einen Sonntagsausflug mit einem Motorrad. Jeder kennt Die Tour, aber die Zeiten, in denen man noch begeistert sein durfte in seiner Ahnungslosigkeit und von den deutschen Medien eingepflanzten Euphorie, sind längst vorbei, jetzt wo Helden gestürzt sind und Spott der einzig anerkannte Ton ist, wenn es um die Tour und den Sport dahinter geht. Immerhin leben wir in einer Zeit, in der jeder eine Meinung hat oder zumindest denkt, eine eigene Meinung zu haben und sie äußern muss, um seine vermeintliche Individualität und Aufgeklärtheit zu zeigen. Jeder ist Experte für alles, denn die Wahrheit kann man ja sich ja heute aussuchen, auf seinem Smartphone im Internet.

 

Und jetzt ist also wieder die Saison für Kritik am Radsport. Der Aufregungssehnsucht frönen und sagen "Ich habe es doch immer gewusst." Jetzt werden die Lügner der vergangenen Jahrzehnte aus ihren Löchern gezogen, damit sie die Sätze sagen, die die Medien hören wollen. Es sei nicht möglich, eine Tour de France ohne Doping zu gewinnen (Lassen wir mal außer Acht, dass Armstrong tatsächlich sagte, es sei zu seiner Zeit nicht möglich gewesen, denn das überfordert das aufgeklärte Gehirn der Masse). Der andere behauptete, es sei nicht möglich, eine Etappe ohne Doping zu gewinnen und schließlich bestätigte gar einer der reuigen Sünder, es sei nicht möglich ohne Doping auch nur mitzufahren. Sie alle erfüllen das Bild des Täters, der zum Opfer wird, des Aussteigers aus einer Szene, des Insiders, der berichtet, wie es wirklich ist. Aber ein Lügner, der nach Jahren plötzlich die Wahrheit sagt? Nicht vielleicht der, der seine Beichte in Rechtfertigung wandelt? Die Deutschen haben Erfahrung in der Aufarbeitung von Vergangenem. Aber sie funktioniert nicht überall und manchmal muss man einen Schnitt machen und die Geister der Vergangenheit ruhen lassen, um eine neue Perspektive zu ermöglichen.

 

Es ist Sommer in Deutschland. Das heißt für mich ein regenumstürmter Norden und Pfützen in meiner Straße, auf denen sich Wellen bilden. Ich warte seit Monaten fieberhaft auf die Tour de France, sie strukturiert mein Jahr. Und ich habe kein schlechtes Gewissen dabei. Es ist kein Geschenk, das die Tour mit ihren Akteuren einem in den letzten Jahren gemacht hat, aber sie lehrt einen viel, wenn man sich die Mühe macht, unter die Oberfläche zu schauen und die Vielschichtigkeit zu sehen und zu verstehen, die dieser Sport und diese Tour noch immer haben.

 

"Ein Juli ohne Tour de France ist kein Juli", sagte Nicolas Sarkozy im Jahr 2007, als der Träger des gelben Trikots in den Pyrenäen von der Tour ausgeschlossen wurde und es beinahe täglich Nachrichten aus dem Dopinglager gab. Es ist sicher das beste Zitat des gescheiterten französischen Ex-Präsidenten. Für Frankreich ist Le Tour ein Kulturgut. Sie erinnert an die große Zeit Frankreichs, die Belle Époque Endes des 19. und des beginnenden 20. Jahrhunderts, als Paris der Nabel der Welt war, nicht nur kultureller und gesellschaftlicher, sondern auch der Lebensmittelpunkt vieler innovativer Köpfe, die die Erfindungen der Zeit weiterentwickelten und ihrem Land neue Dimensionen zuordneten durch neue Fortbewegungsmittel wie dem Automobil oder eben dem Fahrrad. Nun rollt die 100. Tour de France durch die Landschaften des "France profonde", das ursprüngliche Frankreich, das nicht-urbane Frankreich der großen Berge, der weiten Felder und 2000 Jahre alten Dörfer. Die Tour de France ist auch eine Tourismusveranstaltung, nicht nur für die Franzosen, die ihren Urlaub fast ausnahmslos im Juli und August nehmen und dabei ihr eigenes Land erkunden. Die Tour, das sind wie heute auf Korsika gigantische Oleanderbüsche in rosa, pink und weiß, Sonnenblumen- und Lavendelfelder, die vorbeiziehen, Korkeichen und legendäre Weinberge, die die Julistraßen säumen. Kein Land in Europa ist vielfältiger an Landschaft, Klima, Geschichte als Frankreich. Ein Radrennen durch Frankreich ist immer auch ein roter Faden für all das. Der Klang: Fünf Stunden das Surren der Räder, das Klatschen, "Allez, allez"-Rufe am Straßenrand, das Fiepen des Helikopters. 

 

Doch es geht nicht darum, den Radsport auf schöne Landschaften herunterzubrechen, um sich die Rechtfertigung einfach zu machen. Bei allen Skandalen der Vergangenheit und der Gegenwart ist es nicht mehr möglich, einen Fahrer als Helden zu sehen, wie die Öffentlichkeit einen Helden versteht. Ein Held des Sports ist ein makelloser, erfolgreicher und charismatischer Sportler, der seinem Land Ehre bringt und der es auf Postern in die Kinderzimmer schafft. Das geht nicht mehr und das ist gut, denn so muss man den Blick weiten und lernen, Leistung zu erkennen und anzuerkennen, wo sie nicht offensichtlich ist. Auch wenn man sich nicht sicher sein kann, dass das was man sieht, sauber ist, so kann man bewundern, wenn sich jemand an das Feld zurückkämpft, oder sich mit gebrochenen Rippen noch als Letzter längst außerhalb des Zeitlimits einen Pass hochgequält hat. Oder wie jemand von dem Feld davonfährt, weil das seine einzige Chance sein könnte, jemals eine Etappe zu gewinnen. Wie er sich schindet bis die Lunge blutet, nur um ein paar Kilometer vor dem Ziel vom Peloton überrollt zu werden. Aber vielleicht siegt dann ein Sprinter mit Rennintelligenz, der die richtigen Lücken findet um am Ende ganz vorne zu sein. Diese Art von Leistung muss man auch sehen und sie verdient Respekt, denn das geht nicht allein mit den Mitteln, die in aller Munde sind und das Sportpublikum zu Pharmazeuten gemacht hat. Denn wer am Ende in Paris vorne ist, ist immer nur der, der am wenigsten Zeit dafür gebraucht hat, aber nicht der, der seine 21 Etappen am besten gefüllt hat.

 

Man hat mittlerweile durch die Erfahrung der letzten Jahre verstanden, dass nicht positiv getestet worden zu sein, nicht bedeutet, dass nicht gedopt wurde. Aber man muss auch lernen zu verstehen, dass es nicht möglich ist nachzuweisen, dass es etwas nicht gibt. Man kann nicht beweisen, dass es einen Gott gibt, aber man kann es versuchen. Keine Wissenschaft der Welt jedoch wird beweisen können, dass es etwas nicht gibt. Dem Zeitalter der Wissenschaft und der Moderne, dem der Radsport entstammt, fällt er nun selbst zum Opfer, weil die Menschheit voranschreitet, der Mensch aber nicht. Und der Mensch hat Angst zu erkennen, dass er noch immer ein Tier ist. Dass ein Einzelner nicht besser ist als ein anderer. Er ist ein Schwarzfahrer und Steuertrickser, der nichts dabei findet, weil das alle machen. Er schreibt in der Schule Spickzettel und trinkt im Büro zwei Liter Kaffee, der ihn durch den Tag trägt. Hält der Radsport der Gesellschaft nicht also einen Spiegel vor, aber niemand erkennt sich darin? 

 

Ich möchte sie nicht missen, die Tour de France im Juli. Ein Bienenschwarm, der durch die Landschaft fließt und im Guten und im Schlechten so ist wie wir alle, komprimiert auf fünf Stunden, drei Wochen und 198 Menschen auf schnellen Fahrrädern.


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-> Die Autorin Natalie Rusch verfolgt die Strampelei auf zwei Rädern seit zehn Jahren und damit fast so lange wie die Hatz auf deren vier. Nachteil: Das Fehlen von Motorengeräuschen. Vorteil: Die Haltbarkeit der Reifen. Sie studierte Französisch, qualifizierte sich für diese Seite jedoch primär durch Kompetenz in Alltagsfragen: Ihr Fahrrad war bereits rosa, da schlummerte die Telekom noch selig den Tour-Schlaf.