AUF TOUR

Die große Schleife so gut wie festgezurrt


Natalie Rusch // Juli 2013 

 

War das eine schöne Tour de France! Würdige Träger des Gelben, tolle Streckenführung und eine Entscheidung auf der letzten Etappe. Aber was mache ich jetzt mit dem Rest des Julis? Wer die Pyrenäenetappen gesehen hat, kann nicht nicht glauben, dass die Tour noch nicht gelaufen ist. Christopher Froome hat sich das begehrte T-Shirt des Führenden geschnappt. Froome, ausgerechnet einer, der auf dem Fahrrad sitzt wie ich meinerzeit auf dem Dreirad, als es mir zu klein geworden war. Einer, der mich immer an ein Tier erinnert, aber ich komme nicht darauf, an welches. So ganz menschlich erscheint er jedenfalls nicht gerade. 

 

Dabei fing sie so schön an, die Tour. Zum ersten Mal in der Geschichte der Frankreichrundfahrt gastierte sie auf Korsika, der stets rebellischen Insel im Mittelmeer mit den schönen Buchten und schneebedeckten Bergen. Würden die Deutschen jetzt noch die Tour gucken, stünden die Chancen wohl ganz gut, dass Mallorca die längste Zeit das 17. Bundesland gewesen ist. Und während das Pölotong so durch den Süden gerollt ist, durch meinen Süden von Korsika über die Côte d'Azur rüber nach Montpellier und schließlich in die Pyrenäen, habe ich versucht, das ganze Geschehen mit dem Blick von außen zu betrachten. Was sieht man, wenn man keine Ahnung hat und was hat es zu bedeuten? Man sieht aus dem Feld herausploppende Trinkflaschen, wie selbstverschwendungssüchtiges Popcorn, das aus der Maschine direkt auf den Boden springt und ungenießbar wird. Man sieht rollende CO²-Bomben. Man sieht schlecht gekleidete muskulöse oder knochöse Männer auf verkehrsuntauglichen Fahrrädern.

 

Es sind zwar nur zwei Buchstaben vom Cycling zum Recycling, aber in Wirklichkeit ist es eine Welt. Ich glaube, dass hierin der wahre Grund für die Abwendung vom Radsport im umweltbewussten Deutschland liegt. Diese Verschwendungssucht der Profis, der Verschleiß an Trikots und Haut und achtlos weggeworfene Wasserflaschen fast zehn Jahre nach der Dosenpfandrevolution auf der richtigen Seite des Rheins. Auch wenn das französische Fernsehen dieses Jahr so gerne die Solarplantagen zeigt, wir Deutschen kennen ja die ganze Atomkraftwahrheit, die abseits der Kamera hinter der nächsten Ecke lauert! Und dann die Plastikfahrräder. Billiger geht's nicht. Unser Ulle hat seine Tour noch auf einem soliden Alurenner gewonnen. Kein Wunder, dass Studenten aus Soest unlängst ein Fahrrad aus Papier erfunden haben. Nicht, dass die Quote in Deutschland wegen dieser fahrenden Umweltkatastrophe nicht schon niedrig genug wäre, aber zumindest auf dem Prenzlauer Berg und in Ottensen beträgt der Markanteil der Tour -20%. Nichts ist unethischer als der Radsport, und das hat nichts mit den Drogen zu tun, denn für deren Legalisierung allgemein kämpft man ja stets als hipper, weltoffener Großstädter, nein, es geht neben der Sache mit dem Umweltschutz auch natürlich um den Kapitalismus, der sich auf den Trikots breitmacht. Radfahren ok, mit dem Hollandrad mit Blumen am Lenker vor allem, aber dass hier Reklame gemacht wird für Autoverleiher oder Banken, das geht gar nicht. Europcar und Saxobank? Sponsoren non grata! Mineralölkonzern Argos? Get out! Und dann noch Coca Cola trinken während des Rennens? Pfui. Wo es doch jetzt Bionade gibt.


So kommt es, dass man in Deutschland nach der Ulle-Pleite und der Revolution der Umweltkanzlerin maximal noch das grüne Trikot für akzeptabel hält. Die Sprinter sitzen den ganzen Tag im Peloton und sparen Körner ("sparen" = magisches Wort), um dann am Ende vorne sein zu können. Das ist ganz nach unserem Geschmack. Ein Spiel dauert 90 Minuten und am Ende gewinnen die Deutschen. 

 

Und in dieser Woche hat es gleich zwei deutsche Etappensiege gegeben, die erste Etappe ging an Marcel Kittel und die sechste an André Greipel. Warum aber hat trotzdem keiner so richtig Notiz davon genommen? Davon, dass Deutschland tolle, junge Rennfahrer hat, um die uns die Welt beneidet, vor allem jene Sprinter. Mit Greipel, Kittel und Degenkolb drei der besten Sprinter der Welt und die Weltspitze der reinen Sprinter ist eher dünn besetzt. Es lässt sich nicht logisch erklären. Wir haben hier schon erläutert, dass es die Sache mit dem Doping nicht sein kann, wenn wir doch eine Schwarzfahrernation sind und uns selber gerne mal etwas nachsehen, weil "die da oben" doch machen was sie wollen und der kleine Mann nicht. Und außerdem haben wir hier ausführlich erläutert, dass Sprinter doch sowas wie die Umweltpäpste unter den Radsportlern sind, abgesehen von den Plastikflaschen, die laut Eurosport-Experte Jean-Claude Leclercq aber ja mittlerweile "biodégradable" seien, biologisch abbaubar. "Jean-Claude, sag' es nochmal, es klang so schön", seufzt Ron Ringguth da. Typisch deutsche Umweltromantik.

 

Aber was hat er uns nun gebracht, der erste Teil der Tour, außer allerhand Raum für Philosophie? Jeder der Topsprinter hat eine Etappe gewonnen und dabei in Form von Peter Sagan sogar auf der Etappe von Montpellier nach Castres riskiert, sich am Ende zu blamieren, wenn er 120km sein Team einspannt und es am Ende fast nicht mehr die Kraft hat, die zweiten Ausreißer zu stellen. Wir haben auf Korsika mit Jan Bakelants einen Ausreißer im gelben Trikot erlebt, einer von jenen, die normalerweise für ihre Kapitäne arbeiten und versuchen aus dem einen Moment, in dem ihnen vom Team Egoismus zugestanden wird, den größten Moment ihrer Karriere zu machen. Wir haben in Nizza (auf überwiegend flachem und rückenwindlastischen Terrain) das schnellste Mannschaftszeitfahren aller Zeiten gesehen, bei dem Simon Gerrans in das gelbe Trikot schlüpfte, um es zwei Tage später bewusst an seinen Teamkollegen weiterzureichen, an Daryl Impey, den ersten Südafrikaner an der Spitze der Tour. Ist das der neue Radsport, die neue Tour de France? Ich möchte es gerne glauben, denn es ist großartig und spannend. Umso schlimmer, dass die Pyrenäen dann zum Spielfeld des großen Favoriten Christopher Froome wurden, auch wenn die gestrige Etappe nach Bagnères-de-Bigorre ganz überraschend immer wieder zu kippen drohte, nachdem Froomes Team schnell abgehängt war. Aber er stand es und behielt das gelbe Trikot, die Windhundschildkröte. Das ist es, das Tier, nach dem ich gesucht hatte!

 

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-> Die Autorin Natalie Rusch verfolgt die Strampelei auf zwei Rädern seit zehn Jahren und damit fast so lange wie die Hatz auf deren vier. Nachteil: Das Fehlen von Motorengeräuschen. Vorteil: Die Haltbarkeit der Reifen. Sie studierte Französisch, qualifizierte sich für diese Seite jedoch primär durch Kompetenz in Alltagsfragen: Ihr Fahrrad war bereits rosa, da schlummerte die Telekom noch selig den Tour-Schlaf.