AUF TOUR

Der großen Schleife unverbunden


Natalie Rusch // Juli 2013

 

Dieser Eintrag beginnt mit einem Geständnis. Ich lege aber Wert darauf, niemanden betrogen oder geschädigt zu haben, das ist ganz groß: Ja, bis ich 12 war dachte ich, dass die Radfahrer der Tour de France die Berge so hoch fahren wie sie sind, also vom Fuß aus steil nach oben, ohne Kurven. Aber ich habe eine Entschuldigung dafür und ich halte sie immer noch für sehr gut. Die höchste Erhebung in meinem Landkreis ist die Mülldeponie und die größte Steigung die Autobahnbrücke. In den Bergen war ich nur einmal, mit fünf Jahren im Allgäu, und die harten Brocken konnte man da nur aus der Ferne sehen und hielt es für unmöglich, dass man da überhaupt hin kann. Doch als ich die ersten Fernsehbilder der Tour de France sah, irgendwann in den 90ern, wurde mir mein Irrtum klar und ich wurde einsichtig. Es geht offenbar doch, da mit dem Fahrrad raufzufahren, ohne hintenüber zu kippen. Diese Erkenntnis verfolgt mich bis heute und regelmäßig träume ich von einer sehr steilen Straße, die ich mit einem Auto hinauf muss, das dies jedoch nicht schafft. Welch ein Alptraum! Und im Moment des angstschweißgebadeten Aufwachens und Hochschreckens fühle ich mich den Radsportlern so nah wie nie. Durch Angst, Schweiß und den Horror vor dem Berg verbunden. Aber offenbar nicht mit allen und nicht alle mit der Tour.

 

Jedes Radrennen lebt von Steigungen, die Tour liebt die ganz großen Berge, die schneebedeckten Mythen, die das Land zieren und überwachen. Sie zu bezwingen heißt, Frankreich zu bezwingen und es gleichzeitig zu verehren. Am gestrigen Sonntag gastierte der Tross am Mont Ventoux und es kommt nicht von ungefähr, dass dies am Nationalfeiertag war, der alljährlichen Erinnerung an den Sturm auf die Bastille, dem Beginn der Französischen Revolution. Natürlich gehört der Ventoux in die Kategorie "HC", die Hors Catégorie. Das heißt, so schwer, dass der Abstand zwischen den Wertungen 4,3,2 und 1 hier nicht mehr regelmäßig und nachvollziehbar wäre. Es steht aber je nach Geschmack auch für Horror Climb, Hallucinations Comprises oder - wenn man unbedingt will und das lustig findet - Hallo Chemie.

 

Der Mensch und der Berg. Nirgendwo scheint dieser immer währende Kampf des Radfahrers gegen das Gestein besser illustriert als am Ventoux, der den Mistralwind erfunden zu haben scheint, und die Hitze und die Kälte und die Wetterumschwünge gleich mit. Dabei ist zumindest der charakteristische Glatzkopf menschgemacht, als man den Wald dort rodete und er nur mühsam und nie ganz aufgeforstet werden konnte. Die Kuppe aber blieb eine Mondlandschaft und es erscheint wie Rache, den Menschen, die nun versuchen ihn zu bezwingen, Schmerzen zuzufügen. Als könne man diesem Berg nur im Tod mühelos Meter abtrotzen, befindet sich 1,5 Kilometer unterhalb des Gipfels das Denkmal für Tom Simpson, der am 13. Juli 1967 beim Anstieg zusammenbrach, das Blut voller Amphetamine, Alkohol und Schmerzmittel  Drei Kilometer vor dem Ziel...

 

Nach drei Jahren Pause fühlt die Tour sich dem Ventoux nun wieder gewachsen und macht ihn zum König der Tour. Gut 2.300 Kilometer haben die Fahrer da schon in den Beinen, in den Knochen, im Kopf. Wie eine Wand steht er im Profil der Etappe in der sanft welligen Provence der Lavendelfelder und Weinberge, als Finale nach über 230 Kilometern Anlauf. Man erwartete, dass die Steinwüste zur Tribüne werden würde, während sich die Fahrer hochquälen. "Is it true? *Dr.Evil voice* 1 BILLION people on Ventoux? I'm crowd-surfing my way to the top, this is going to be EASY", kommentierte David Millar (Garmin-Sharp) in 118 Twitter-Zeichen vor der Etappe. Alle Transportwege nach oben sind einfacher als Radfahren. Welch eine Schmach muss es sein, wenn verrückte Zuschauer neben einem schneller laufen als man seine Petite Reine den Gipfel hochbringen kann? Was wir gestern gesehen haben, findet sich nirgends ein Äquivalent, das einen Vergleich möglich machen würde. In keinem Stadion, auf keiner Demonstration, auf keiner Party gibt es sowas wie 100.000 Menschen an einer schmalen Straße in der Provinz, klatschend, fotografierend, seltsam verkleidet oder gar entkleidet und nicht selten betrunken. Dazu Höllenlärm an einem Höllenberg.

 

Zwei Wochen der Tour waren vorbei, als man am Sonntag den Berg der Berge in Angriff nahm und was man bis dahin gesehen hatte, waren vielfältige und spannende Etappen, die sich leider nicht im Gesamtklassement widerspiegelten. Christopher Froome entschied die erste Pyrenäenetappe für sich und trug fortan das gelbe Trikot. Ein Weg an ihm vorbei am Berg? Aussichtslos. Doch der neue Radsport, "modern cycling", wie man es oft von den Älteren des Pelotons hört, sucht neue Wege. Geradezu unglaublich war die 13. Etappe nach Saint-Amand-Montrond verlaufen. Niemand hätte gedacht, dass der Wind und ein Moment der Unachtsamkeit ein gelbes Trikot gefährden könnte. Früher hätte dann die Mannschaft einfach Tempo gebolzt und die Lücke geschlossen, aber hier kam keiner mehr heran. Welch ein Glück Froome hier gehabt hat. Umso mehr war es dann schade, dass der Berg, ausgerechnet der Berg, keine Überraschung zu bieten hatte und wohl auch nicht mehr haben wird in dieser Woche.

 

"Wo ist der Bastard? Wo zur Hölle ist der Verrückte, der sich das hier ausgedacht hat?", sagte einst der große Stephen Roche in Bezug auf den Mont Ventoux. Aus dem Mund eines Lance Armstrongs hat man sowas nicht gehört. Und auch Christopher Froome würde so etwas nicht sagen. Schade. Ich hatte nicht erwartet, dass er am König der Berge in Schwierigkeiten geraten würde, wie Evans, Valverde oder Schleck. Aber die Art, wie er er ihn am Ende bezwungen hat, war respektlos diesem Monument der Tour gegenüber. Mühelosigkeit ist Blasphemie. Egal wie sie zustande kommt. Den Ventoux hinauf zu fahren muss schmerzhaft und schwierig sein. Man muss es im Gesicht sehen können, Jahrzehnte später auf vergilbten Fotos in der Nahaufnahme: Das ist der Ventoux, der dort bezwungen wurde und nicht der Weg nach Alpe d'Huez oder zum Tourmalet. Was Froome gezeigt hat, passt nicht zum Schmerz- und Ruhmqualitätssiegel "HC". Froome hätte Udo Bölts' berühmte Aufforderung "Quäl dich, du Sau!" nicht gebraucht.

 

Für mich und für das Gros der Profis ist der Berg der natürliche Feind. Christopher Froome aber träumt sicher nicht von unbezwingbar steilen Straßen und er würde über meine Autobahnbrücke sicher lachen. Ein kurzer Moment der Seelenverwandtschaft überkommt mich eigentlich immer, wenn ich eine Bergetappe sehe. Wie sie leiden und schwitzen und wie schön mächtig der Berg doch ist. Für Froome ist er das nicht. Wie respektlos.


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-> Die Autorin Natalie Rusch verfolgt die Strampelei auf zwei Rädern seit zehn Jahren und damit fast so lange wie die Hatz auf deren vier. Nachteil: Das Fehlen von Motorengeräuschen. Vorteil: Die Haltbarkeit der Reifen. Sie studierte Französisch, qualifizierte sich für diese Seite jedoch primär durch Kompetenz in Alltagsfragen: Ihr Fahrrad war bereits rosa, da schlummerte die Telekom noch selig den Tour-Schlaf.