10 An Tagen wie diesen

 



















Morgen in München, das Spiel der Spiele. Und die ganze Welt schaut zu. Zumal es das noch nie gegeben hat: In der heimischen Arena um die Krone im Vereinsfußball antreten zu dürfen. Der FC Bayern hat es nach Hause geschafft. Ein Sieg über den vom russischen Öl-Milliardär Abramovich in unfassbaren Dimensionen aufgepumpten FC Chelsea wäre auch ein Triumph der Philosophie: Es mit Leidenschaft, seriösem Wirtschaften und - im völligen Kontrast zu allen anderen führenden europäischen Top-Klubs - ohne hemmungsloses Verschulden an die ultimative Spitze zu bringen. Allen voran muss an dieser Stelle der Name Uli Hoeneß genannt werden. Nirgendwo trifft die Bezeichnung vom „Vater des Erfolgs“ besser zu als hier. Am 19. Mai steht sein ganz persönlicher Lebenstraum vor der Vollendung. 


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Es ist schon ein Kreuz: Da hatten die Stadionplaner bereits vor zehn Jahren Weitblick bewiesen und in der sicheren Vermutung des 2012er Endspiels FC Bayern gegen FC Chelsea die Luftkissen rot und blau ausleuchten lassen - und kaum steht die Partie nun endlich vor der Tür, ist alles für die Katz‘. Blau-türkis-grün wollen die Herren von der UEFA die Spielstätte erstrahlen sehen. Folglich musste jetzt nachgearbeitet werden, um den gewünschten Effekt zu erzielen: Folie mit Folie überkleben stand auf der Tagesordnung. Wie gut, dass der europäische Fußballverband keine anderen Probleme hat. Man stelle sich nur - rein hypothetisch - vor, im Co-Gastgeber-Land des anstehenden Kontinentalwettbewerbs ginge es drunter und drüber. Aber zum Glück laufen in der Ukraine sämtliche Vorbereitungen in geregelten Bahnen. Selbst die Politik freut sich geschlossen auf das Großereignis.

 

War das Cup-Finale am Wochenende nicht super? 2:0 über den haushohen Favoriten 1. FFC Frankfurt, das hätte den Bayern wahrlich keiner zugetraut. Klasse, Mädels! Die Emanzipation schreitet immer weiter voran. Jetzt liegt es schon allein am weiblichen Part, für Titel und Pokale zu sorgen...  

Zugegeben: Ich habe lange überlegen müssen, was denn nun vom Endspiel der Männer - dessen Ausgang sich in meinem episodischem Gedächtnis nicht festzusetzen vermochte - an positiven Dingen auf die Champions League anwendbar wäre. Vorab die wichtigste Erkenntnis: Es kann nur besser werden. Beim detaillierteren Betrachten des Geschehens werden dann sämtliche Gedankenspiele offensichtlich: Die Bayern-Spieler nutzten den Schauplatz Berlin und den (nicht so biederen) Gegner Dortmund, um bereits unter Wettkampfbedingungen die Vorgehensweise gegen den FC Chelsea zu simulieren. Im Klartext: Laaaaangsaamer Spielaufbau, unzählige Defensivpatzer, damit sich die „Blues“ irrtümlich in Sicherheit wiegen, sowie selbstverständlich pausenloses Pseydo-Frust-Gemeckere, worin es Übung braucht, ehe man in den Nahkampf mit Engländern geht. Zudem ist der Bayer per se ein naturgegeben fairer Sportsmann, da kann dem BVB das erste Double der Vereinsgeschichte schon mal großzügig überlassen werden. 103 Jahre mussten sie schließlich darauf warten, nicht einmal Jopie Heesters erlebte Selbiges jemals mit. Die Aufteilung ist also nur gerecht: Dortmund jetzt eben als „beste Mannschaft Deutschlands“, während sich Bayern in wenigen Stunden ganz unbescheiden die „beste Mannschaft Europas“ nennen dürfte. Sollte. Könnte.   

Ober sticht Unter. Host mi!?

 

Ohne Frage wird es eine Taktik-Schlacht. Trainer-Trickserei auf allerhöchstem Niveau. Ist ja auch Finale. Dabei hege ich keine Zweifel, dass Chelsea mit seinen eigenen Waffen bekämpft werden muss. Neben Hochgeschwindigkeits-Fußball par excellence heißt das in Anlehnung ans von den Londonern bedingungslos offensiv geführte Halbfinal-Rückspiel in Barcelona so viel wie: Mario Gomez macht den Drogba und somit den Linksverteidiger. Da der arme David Alaba wegen dieser - pardon - saublöden Regelung gelb-gesperrt zuschauen muss, ist diese Planstelle ohnehin vakant. Gleiches gilt bedauerlicherweise für Badstubers mittigen Stammplatz, weil auch der Holger lieber an einer Führung durch das UEFA-Headquarter in Nyon teilnimmt. Die Innenverteidigung bilden folglich (neben dem unnachahmlichen Jerome) unser ukrainischer Filigrantechniker Anatoliy und das kongeniale Duo Robbéry, denen ihr nimmermüder Dortmund-Einsatz noch in den Knochen steckt. Schonung ist angesagt. Für die rechte Seite hatte ich nicht Lahm vorgesehen, denn ein wahrer Kapitän wie er muss vorangehen - als Hobby-Literat sowie in der Rolle des Spielgestalters. An seiner Stelle läuft Takashi Usami auf. Abschiedsspiele für Asiaten mit großen Verdiensten haben Tradition beim FC Bayern. Was liegt da näher als diese Geste für den Japaner? Zumal es im Grunde egal ist, welches Team von Weltruhm ihm für diesen feierlichen Anlass gegenübersteht - er sieht es ja doch nicht. An der Sechserkette nach bekanntem Vorbild aber ändert dies nichts.

 

Im Mittelfeld ist für mich die Aufteilung ebenfalls klar: Links Danijel Pranjic, der mit seiner Dynamik und den unwiderstehlichen Flankenläufen die einzige Sturmspitze Nils Petersen im Minutentakt einsetzen wird. Daneben favorisiere ich die Lösung mit Dr. Markus Merk. Als Zahnarzt versteht er es wie kaum ein anderer, präzise die Fäden zu ziehen. Keine Sorge übrigens wegen etwaiger fehlender Sondergenehmigungen, die habe ich bereits durchboxen können. Die UEFA zeigte sich - wie gewöhnlich - überaus kooperationsbereit.  

 

Na ja, und den Zehner gibt wie erwähnt der Philipp ab. Er reklamiert ja immer möglichst viel Verantwortung, trägt jedoch meist nur die Binde spazieren, deshalb dieser wohlüberlegte Schachzug. Wer in dieser revolutionären 6-2-1-1-Formation Spieler wie Schweinsteiger, Kroos oder Müller vermisst, dem sei gesagt: Im Hinblick auf die Europameisterschaft benötigt auch ein Über-Trainer wie Jogi Löw ausgeruhte Akteure. Entgegenkommend wie ich bin, kompensiere ich deren Fehlen im Finale mit eben aufgezeigter C-Elf. Für Chelseas Altherrentruppe müsste es dennoch reichen.


Fast hätte ich es vergessen: Manuel Neuer erhält selbstverständlich ebenfalls eine schöpferische Pause, er hat seine Schuldigkeit im Madrider Elfmeterschießen mehr als getan und wird durch Jörg Butt ersetzt. So verspürt der Zuschauer in einem früh entschiedenen und danach vor sich hinplätschernden Match wenigstens ein paar Impulse für Anfeuerung und Unterhaltung: Buttbuttbuttbuttbuttbutt... Und wenn es einen Strafstoß für die Bayern gibt, avanciert der Oldenburger zum ersten Keeper, der in einem Champions-League-Endspiel ein Tor erzielt. 

Vorausgesetzt natürlich, es rennen vorher keine Fans auf`s Spielfeld und reißen im Überschwang der Euphorie das Rasenstück mit jenem ominösen Punkt heraus. Aber gut - sowas läuft ja in der kitschigsten Tragikomödie nicht ab... 

 

Probleme sehe ich daher nur bei der Pokalübergabe auf die Münchner zukommen: Philipp Lahm besticht zwar durch eine natürliche Autorität, die seinesgleichen sucht, könnte allerdings beim Hochstemmen der großen und schweren Trophäe physikalisch-anatomische Schwierigkeiten bekommen. Vielleicht bringt dieses elementare Hindernis die in leitender Position Stehenden jedoch sogar dazu, noch weiter auf Nummer sicher zu gehen - Stichwort „eigene Mittel“. Gelingt es etwa, einen Effenberg kurzfristig zum Comeback zu überreden, passt er erstens wunderbar in die Altersklasse des englischen Kontrahenten und hätte zweitens den positiven Nebeneffekt, den Henkelpott mühelos in die Höhe recken zu können. Da profitiert der Cheffe von seiner Erfahrung. 


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Ist natürlich alles Quatsch. Bayern gegen Chelsea, Champions League-Finale in München, im eigenen Stadion - was für ein Traum geht da in Erfüllung. Lasst uns diesen historischen Tag einfach genießen. Lasst uns mithelfen, ein tolles Fest daraus machen. Den Ausgang des Spiels können wir nicht beeinflussen. Das Drumherum schon.

 



















Mai 2012