11 Barca vor Augen, Hannover im Sinn


- April 2013 - 

 

Das Feld ist bestellt. Aber der erhobene Zeigefinger droht den Münchner Triple-Jägern solange, bis die Beute erlegt ist, erledigt sowieso, gefangen, gefesselt, geknebelt, verspeist und verdaut. Die Waffe wird frisch poliert, bekommt ein paar Wirkungsträger nachgeschoben und zündet ungemein explosiv in diesem Jagdrevier, in dieser Jagdsaison. Dummerweise nicht in Westfalen, dort wäre es ein Leichtes gewesen, meinte der Präsident des Schützenvereins. Wie zum Beweis war jeder Schuss ein Volltreffer, als die Bayern zuletzt auf die Pirsch nach Wölfen gingen. Doch jetzt müssen die passionierten Scharfschützen ihre Gewehre an die Leine legen. In Hannover.

 

Der unrasierte Jagdvorstand nutzt die Gunst und bläst ohnepunktundkomma zur Vorsicht. Das unangenehme Gastspiel, so hört man, könne ein entscheidender Stolperstein auf dem Weg zur Meisterschaft sein. Der Hamburger SV bliebe ein ernstzunehmender Konkurrent, und wer die Eintracht aus Frankfurt trotz ihrer wochenlangen Schwächeperiode schon gänzlich abschreibe im Kampf um den Titel, sitze womöglich einem trügerischen Leichtsinn auf, belehrte der Chef-Mahner. Dann zog er sich auf seinen Jagdhof zurück. Und zauderte.

 

Beim FC Bayern laufen sie beklommen durcheinander, vom eigenen Wahnsinn drangsaliert, ja hypnotisiert, und sie rufen einander die Litanei zu: Sammer schon durch? 

 

Die nimmersatten Kanoniere treibt es immer weiter. Wurden nicht eben erst (geheime!) Tagebücher veröffentlicht, Werbe-Tonnen eingetreten und schwache Flaschen geleert? Olympische Spielstätten entweiht, Trainer-Praktika abgehalten und warme Mäntel recycelt? Wurde nicht vor kurzem 1:5 in Wolfsburg verloren und dann, um die Woche rund zu machen, in Barcelona aus dem Napf der Tristesse und der Tränen gefressen? 

 

Ach du Schreck! Erst Wolfsburg! Dann Barcelona! Ist die Erde doch eine Scheibe?

 

Aber nein: Zwischen Wolfsburg und Barcelona liegt Hannover. Puh. Der Geographie sei Dank. Denn in der derzeitigen Verfassung wäre nichts gewiss, nicht einmal das Erreichen des Champions-League-Finales. Manuel Neuer bekam allein im letzten Spiel mehr Gegentore als sein vermeintlicher Stellvertreter in dessen gesamter Bayern-Karriere. Der Reservemann interpretiert sein Torwartspiel derart innovativ, dass er nun sogar ein weiteres Qualitätskriterium für seine Zunft gestaltet hat: Die direkte Spieleröffnung bei gegnerischen Elfmetern. Eine fordernde Übung, die neudeutsch Kopfballstarke genannt wird. 

 

Neuers Flutschfinger sind nicht die einzige Sorgen vor den Wochen der Wahrheit (Hannover, Freiburg, am vorletzten Spieltag ein vorweggenommenes Endspiel gegen Augsburg). Da ist außerdem Mario Gomez, dem sein Bank(er)-Job zusetzt. Die Verunsicherung wächst nicht nur an der Börse, inzwischen debattiert auch die Politik über Marios Frauen-, Quatsch: Torquote. Für Rekorde langt es ebenfalls nicht mehr, Carsten Jancker bleibt einfach der komplettere Spieler. Kleiner, wendiger, geschmeidiger, ein moderner Angreifer. Jupp Heynckes überlegt bereits, Jancker gegen Barcelona als Stoßstürmer einzusetzen. Emil Kostadinov soll als Joker bereitstehen. 




















Zukunftsmusik. Die Klänge der Echtzeit klimpern in Hannover. Biedere niedersächsische Chorknaben bitten aparte bayerische Vorsänger auf die Bühne, mit Taktstock in der Hand und Rhythmus im Blut. Matthias Sammer dirigiert. 

 

Dann endlich, am Dienstag, präsentiert das Barca-Ensemble seine stimmige Untermalung in der Allianz-Arena. Sorry an alle katalanischen Leser: Dieses Symbol für das komische Geschlängel unter dem „c“ finde ich auf meiner deutschen Tastatur nicht. Funktioniert nur bei Fenerbahçe. Haben mir türkische Journalisten beigebracht. Daraufhin öffnete ich ihnen die Tür und ließ sie freundlich herein. Ja, und ich muss sagen: Gut schmeckte er, der Döner Kebab. 

 

Kurz vor dem Platzen stehen sie auch bei den Bekloppten vom BVB: Überfuttert an Selbstglorifizierung. Den FC Malaga ausgeschaltet, Greuther Fürth in die Knie gezwungen, José Mourinho trollig verscheucht; dazu einen schwierigen, geradezu haarigen Transfer fixiert - da hüsteln sie vor lauter Beweihräucherung. Leider sind zwei Wermutstropfen zu beklagen. Der FCB hat Wembley schon erreicht, eine für Dortmund traurige Real-ität. Zudem fehlt den Borussen ihr schärfstes Mittelfeld-Ass, ihr dreckigstes Kampfschwein, ihre personifizierte Aggressivität. 

 

Schwarz-gelb hat die Frauenquote abgelehnt. Andy Möller ist zum Zuschauen verdammt.