10 Little Lion Men


- April 2013 -

 

Nach den ausschweifenden Feierlichkeiten des FC Bayern brauchte ich am gestrigen Sonntag eine verschließbare Ausnüchterungszelle. Dachte zunächst an Sonnenbaden bei frühlingshaften fünf Grad, wählte aber kurzentschlossen 1860 München gegen Energie Cottbus. Rückblickend ist klar: Hätte ich mich doch mit Wolldecke ins Freie geflackt.  

 

Sechzger gegen Cottbuser - dagegen ist jedes Gruselkabinett die reinste Comedy-Veranstaltung. Mit Cindy aus Marzahn in der Hauptrolle. Staunend verfolgte ich das tobende Schauspiel, eine geschlagene Viertelstunde lang. Dann schaltete ich verzweifelt ab und fragte mich, was mir nur all die Jahre entgangen war. Dieser Kampf, dieser Wille, diese Leidenschaft. Herzzerreißend. 

 

Sekundenbruchteile später ertappte ich mich beim Küssen des Bayern-Emblems auf meinem Roy-Makaay-Schal.  

 

Es ist kaum zu glauben, dass wenige Tage zuvor in derselben Arena auf demselben Rasenrechteck dieselbe Sportart ausgeübt wurde. Wobei das Vorurteil mit derselben Sportart nach einer detaillierten Untersuchung schreit. Vielleicht bin ich übertrieben verwöhnt vom Champagner-Fußball des Rekord-Rekordmeisters. Aber erschreckend kläglich war das schon, erzählt mir nichts, Löwen-Liebhaber. Stark wie noch nie, soso...

 

Dabei ist es eine verzwickte Angelegenheit: Einerseits kichert der Durchschnitts-Rote schäbig-schelmisch-schadenfroh, wenn 1860 beim VfR Aalen mit Müh und Not eine Niederlage vermeidet. Gleichzeitig wünsche ich mir den Stadtrivalen in der ersten Liga zurück. Nicht ob der ungemeinen Attraktivität der Giesinger Buam - mir fehlen die Lokalderbys! Ja, wirklich, das waren stets Delikatessen, da schmeckte das (Löwen-)Fleisch saftig, weil auf den Punkt gebraten. Nicht so zäh und energetisch wie gegen Cottbus. Diesen Fraß brachte ja keiner runter. 

 

Wisst ihr zum Beispiel noch, liebe Löwen, wie der Scholli euch 2003 drei Stück einschenkte bei eurer ehrenwerten 0:5-Klatsche? Oder wie Daniel Bierofka in der Bayern-Jugend ausgebildet wurde, nur um dort die hohe Kunst des Kreuzeck-Schusses zu erlernen, sie 2001 beim innerstädtischen Säbelrasseln in Perfektion anzuwenden - damit die Roten gekitzelt werden und die Blauen schließlich mit 5:1 verhauen? War das nicht herrlich? Oder wie 1999 der Thomas Riedl in der 85. Minute zum Schuss ansetzte und... ach, Moment, falsch. Sorry, bin in der Zeile verrutscht. Wie jedenfalls Franck Ribéry 2008 den Elfer in der 120. Minute ins Tor schabernackte. Ihr versteht? War‘s nicht entzückend mit uns beiden, euch kleinen, armen Löwen und uns großen, arroganten Bayern? Ja, jetzt nickt mal fleißig. Und denkt dabei an lasche Auftritte in Sandhausen. Aiso, hamma uns!?

 

Da ihr es offensichtlich nicht allein schafft, die wirtschaftlich in anderen Spähren schwebende Konkurrenz (Eintracht Braunschweig, FSV Frankfurt, Union Berlin) zu übertölpeln, geben wir vom FC Bayern eine Nachhilfestunde. Gratis natürlich. Wir würden unser Geld eh nie wieder sehen beim gegenwärtig gigantischen Zinsniveau, von dem her...     

 

Lernen vom Nachbarn, Lektion 1


Keine Billig-Imitate einsetzen. Kaiser Franz trällerte einst die schöne Melodie von den guten Freunden, die niemand trennen könne. Später wurde er Weltmeister, Lichtgestalt und Parodien-Opfer. Erreichte demzufolge alles, was er sich als kleiner Pimpf in Münchner Gassen nicht vorzustellen wagte. Wenn Mutter schimpfte, dass die Lackschuhe dreckig sind und Vater eine Tracht Prügel androhte, dann aber doch zu härteren Maßnahmen griff und den Lederball zerstörte / verstecke / nicht putzte. Gute Freunde also. Untrennbar.  

 

Die Löwen wollen nacheifern, ihre Watsch‘n in des Kaisers Konterfei konterkarieren. Doch sie beachten die Exempel ungenügend. Für Raubkopien (bevorzugt aus Westfalen) ist das hehre Vorbild, der leuchtende Stern des Südens höchstselbst zuständig. Jetzt ist es allerdings so, dass die sogenannte „Angriffsreihe“ des Turn - und Sportvereins mit der Effizienz eines lauen Lüftchens arbeitet, nicht wie ein stürmischer Orkan. Gute Freunde, Kameradschaft, alles nett gemeint, aber Lauther Friends und Kamara schüchtern einen Uwe Möhrle nicht ein. Dazu noch einer, der den Wood vor Lauther Bobby nicht sieht, nun, das ja kann nichts werden. 

 

Ist Martin Max denn zu haben? Wo kickt Rudi Brunnemeier zurzeit? Steht Timo Konietzka voll im Saft? 

 

Lernen vom Nachbarn, Lektion 2


Die Offensive gewinnt Spiele, die Defensive... jagutähm, Meisterschaften, putzig, nicht wahr... sagen wir: Die Defensive bildet den Grundstein der theoretischen Möglichkeiten auf den Relegationsplatz, der wiederum mit dem theoretischen Aufstieg in zwei theoretisch zu gewinnenden Ausscheidungsspielen verbunden ist. So ist‘s fein.

 

Und, Löwen-Fans, da sieht es überraschenderweise nicht mal sooo düster für euch aus. Die dehnbarste Jogginghose der Welt (unbestätigten Gerüchten zufolge auch die Älteste), einen ungarischen König im Tor habt ihr aufzubieten. Hinten steht die Null, manchmal pariert sie sogar einen Elfmeter. Manuel Neuer quetscht sich schon vor Eifersucht in seine engsten Radlershorts. Aber da strampelt er umsonst. Die Ästhetik grauer Schlabberhosen ist unübertroffen. Teil-Erfolg für Sechzig.

 

In der Abwehr guckt der Fathi, dass keiner ausbüchst, und Vicco von Bülow hält die Stimmung mit Wortwitzen hoch. Im Mittelfeld kann 1860 einen Stahlharten Abräumer vorschicken. Tiki Taka wird dem zahlenden Volke zwar nicht wöchentlich geboten, auch nicht Taka Tiki, aber dafür Tzatziki. Als er Makos auf‘s Tablett legte, hat der Sportchef ein wahres Goldhändchen bewiesen. Zum Dessert gibt‘s übrigens Zier-Eis. Ist noch relativ unbekannt, weil eine junge Sorte. Hat Entwicklungspotential. 

 

Lernen vom Nachbarn, Lektion 3


Außendarstellung und Darstellung von außen. Der reiche jordanische Onkel ist ein erfreulicher Anfang. Schwergewichtige Exoten sind stark im Kommen, wie die völlig berechtigte Vergabe der Fußball-WM an Katar verdeutlicht. Ebenso befruchten innerbetriebliche Zankäpfel die faulenden Obstbestände. Bananenflanken (Micoud, Nicu), Zitronengesichter (Otti Fischer) und Orangenhaut (Spielerfrauen) würden das Werk komplettieren. 

 

Was fehlt, ist die hochrote Birne aus besten Hoeneß-Tagen. Da muss Lorant-Erbe Schmidt an seinem Charisma feilen. Notfalls kann für die benötigten Einkäufe eine Liste (Schindler) angelegt werden. Dann noch am mondänen Erscheinungsbild des FC Bayern orientieren, schon sind die Hoffnungen auf ein ergaunertes Remis in Paderborn gar nicht mehr so abwegig. Und schaut, selbst der Ude ist hauptberuflich ein Roter aus Überzeugung. Es tut auch nicht weh. Versprochen.

 

Liebe Löwen, nicht verzagen, Bayern fragen. Der Aufstieg wird gelingen, ganz bestimmt, irgendwann in hundert Jahr'n. Bis es soweit ist, müsst ihr die Sache einfach anders sehen, entspannter, positiver: 1860 hat seit fünf Jahren kein Lokalderby verloren. Wenn das nichts ist, bin ich Agatha Christie.