7 Wonne, Weißbier, Wahnsinn

 

Mai 2015



So überlegen wie 2015 war längst nicht jede Meisterschaft des FC Bayern. Vor 15 Jahren muss ein „gallisches Dorf“ aus der Vorstadt kräftig mithelfen...


Ende März strahlt die Frühlingssonne über München, da will sich Franz Beckenbauer nicht grämen. „Wir haben ja schon einige Meisterschaften geholt. Aber wenn ich ein Spiel wie heute sehe, ist mir das mehr wert als alles andere“, schwärmt der „Kaiser“ nach einem Fußballnachmittag, der für den FC Bayern lediglich ein 2:2-Unentschieden gegen Kaiserslautern bereithält, dafür einen Unterhaltungsfaktor von Hochformat. So etwas lässt den Ästheten Beckenbauer schnell großzügig werden. Der Titel? Ja mei! „Für die Leverkusener mag er wichtiger sein“, unkt der damalige FCB-Präsident.


Im Mai 2000, zwei Monate darauf, weilt Beckenbauer im Zuge der deutschen WM-Bewerbung auf der Südseeinsel Samoa. Um halb fünf Uhr morgens wird er jäh aus dem Schlaf gerissen.


Turbulentes Millenium


Daheim in München erreicht der Bierkonsum einen beträchtlichen Pegel. Es ist der Schluss- und Siedepunkt einer berauschenden Spielzeit, und doch kommt der Knalleffekt so unerwartet wie keiner der 15. Meistertitel zuvor. „Ehrlich gesagt haben wir nicht mehr damit gerechnet“, gesteht Stefan Effenberg und küsst das Duplikat der Schale. Das Original, 14 Kilometer weiter südlich präpariert, wandert zurück in den Tresor. Unbenutzt.


Den DFB-Pokal fuhren die Bayern im Jahr des 100. Vereinsjubiläums schon ein, zugleich markierte das 3:0 über Bremen eine Revanche für die Pleite des Vorjahres, als Werder im Elfmeterschießen gewann. Sowieso war Bayerns Milleniumssaison ereignisreich verlaufen, ein Auszug verdeutlicht turbulente Monate: Michael Tarnat im Tor, Lothar Matthäus‘ Abschied, zwei verlorene Derbys, der Golfball-Wurf auf Oliver Kahn, das Halbfinal-Aus gegen Real Madrid in der Champions League.


Mit dem Cup steht eine Trophäe in der Vitrine, für das erste Double seit 1986 aber ist Bayern auf Unterstützung angewiesen, die wie Utopie wirkt. Dass aus Unterhaching noch „Wunderhaching“ werden sollte, kann keiner ahnen, nur beschwören, wie Mehmet Scholl vor dem letzten Spieltag: „Ich sag nur drei Worte: Hoffen auf Haching.“


Das unbeugsame „gallische Dorf“


Allein der Aufstieg der Münchner Vorstädter war nichts weniger als eine Sensation. Mini-Etat, Mini-Stadion, eine Kuhwiese am Rande der Trainingsplätze - lange bevor Paderborns Trainer André Breitenreiter seinen SCP zum „krassesten Außenseiter der Bundesliga-Geschichte“ deklariert, muss Unterhaching so etwas wie Pionierarbeit verrichten. Durchaus passend, dass Breitenreiter seinerzeit Spieler in einer Mannschaft ist, die sich tatsächlich über den Team-Gedanken definiert: Als „Kollektiv“, wie Trainer Lorenz-Günther Köstner so gern zu sagen pflegt.


Neben der mannschaftlichen Geschlossenheit setzt man auf das Faustpfand der Heimstärke. Bloß Lautern und Bayern können im 15.000 Zuschauer fassenden Sportpark gewinnen, die Münchner mühen sich zu einem 2:0, und als die Liga auf das Saisonfinale fiebert, ist Haching längst gerettet. Die nächste Sensation. Sportlich hätte der Klub den 34. Spieltag zur aktiven Regeneration zweckentfremden können, doch der Spielplan garantiert Brisanz: Die SpVgg Unterhaching, das unbeugsame „gallische Dorf“, empfängt den Meisterschaftsfavoriten und Chemie-Giganten Bayer aus Leverkusen. Welch eine Konstellation.


Für den FC Bayern wiederum ist die Ausgangslage verquer. Ein eigener Sieg über Bremen vorausgesetzt, würde nur eine Leverkusener Niederlage die Titelverteidigung ermöglichen - dann spräche das marginal bessere Torverhältnis bei Punktgleichheit für den Rekordchampion. Anders ausgedrückt: Bayer 04 genügt ein Remis, das sollte doch gelingen bei diesem Arsenal an Top-Akteuren wie Ulf Kirsten, dem aufstrebenden Michael Ballack oder Emerson, dem brasilianischen Regisseur. Auf Leverkusen wartet die letzte Hürde, und jeder, der etwas von der Materie versteht, hält die Elogen auf Trainer Christoph Daum griffbereit.


Sammy, der Botschafter


Showdown am 20. Mai. Die Schale ist in Unterhaching, Beckenbauer auf Samoa, Hitzfeld in Alarmstellung: „Nichts Schlimmeres, als Leverkusen verliert in Unterhaching und wir gewinnen nicht gegen Bremen. Nichts Schlimmeres!“ Rasch beruhigen seine Mannen die Nerven ihres Vorgesetzten. Nach zwei Minuten nickt Carsten Jancker zur Führung ein, in der 12. Minute legt er nach, vier Zeigerumdrehungen später schließt Paulo Sergio filigran mit der Hacke ab. 3:0! Hitzfeld hüpft auf und ab. Pflicht erfüllt. Jetzt, spätestens jetzt, wandern die Blicke 14 Kilometer weiter.


Es ist eine Zeit, die klobige Kofferradios als wichtigstes Mitbringsel an 34. Spieltagen ansieht. Um zu wissen, wie es woanders steht, hängen Fans gebannt an den Antennen. Und vernehmen, dass die sonst so souveränen Leverkusener seltsam gehemmt agieren in Unterhaching. Ist der Druck zu groß? Vielleicht. Sehr sicher sogar. Was allerdings um 15:51 Uhr geschieht, hat nichts mit mentalen Blockaden zu tun und auch nichts mit dem Stigma des ewigen Zweiten; es ist der fiese Faktor Pech. Einen Diagonalball will Ballack zur Ecke klären, er erwischt die Kugel falsch und schlägt im Fallen die Hände vors Gesicht. Leverkusen liegt hinten, Bayern wäre Meister!


Als der Zwischenstand auf der Anzeigetafel im Olympiastadion blinkt, toben die Massen. Jens Jeremies, im Trikot auf der Tribüne, wühlt sich durchs Haar, Hitzfeld nestelt hastig am Trenchcoat und deutet mit erhobenem Daumen den Spielstand im Sportpark an, Uli Hoeneß gluckst vor Freude. Das Bremer Anschlusstor durch Marco Bode (40.) gerät beinahe zur Nebensächlichkeit, irgendwann halten es Bayerns Ersatzspieler nicht mehr aus, laufen in die Kabine und schauen das Leverkusen-Spiel live. Sammy Kuffour vermittelt als Botschafter. Es ist, als läge eine Wolke über den Bayern, die sich nur noch entladen muss und Glückshormone regnen lässt. Oder Bier.


Meister im Schlaf


Noch sticht die Sonne herab. Bayern wird erwärmt, Bayer geblendet. Leverkusen-Manager Reiner Calmund wetzt auf seinem Schalensitz, Christoph Daum verharrt fast apathisch an der Seitenlinie, Unterhachings junger Keeper Gerhard Tremmel pariert alles, was auf seinen Kasten fliegt.


16:56 Uhr: Markus Oberleitner, 1996/97 bei Bayern unter Vertrag, aber nie zum Einsatz gekommen, verlängert eine Flanke per Kopf ins Eck, Innenpfosten, Tor. Als die Kunde eintrifft, erst via Radio, dann auf der Leinwand, erzittert die Arena in Oberwiesenfeld. Hoeneß stupst Hitzfeld an, immer wieder, Kapitän Effenberg reckt beide Fäuste. Epizentrum der Emotionen. Beim Schlusspfiff hüpfen Hoeneß, Hitzfeld und Assistent Michael Henke im Kreis. Wonne, Weißbier, Wahnsinn! Bayerns 16. Titel, siebe Tore Vorsprung geben den Ausschlag. „Die schönste Meisterschaft, weil die überraschendste", jubiliert Karl-Heinz Rummenigge, „wir müssen Haching mit Gold aufwiegen!“


Ein Marathon der Festivitäten beginnt. Vom Stadion geht‘s zum Marienplatz, ins Lokal der „Alten Gärtnerei“, schließlich in die Disco „Maximilians“. Vier Schauplätze, eine Spontan-Sause. Als die Hachinger Meistermacher kurz vor Mitternacht zur Fete stoßen, krächzt Effenberg: „Ohne Euch hätten wir die Schale nicht!“


Und Franz Beckenbauer? Wird zu nachtschlafender Stunde vom Telefonklingeln geweckt. „Ich dachte, die wollen mich auf den Arm nehmen. Ich konnte es nicht glauben. Dann bin ich aus meinem Hotelzimmer gerannt und habe pudelnackt auf dem Flur getanzt: ,Steht auf, wenn ihr Bayern seid...‘“

 

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-> Auch erschienen, und das freut mich ganz besonders: Im „Bayern-Magazin“, der Fan- und Stadionzeitung des FC Bayern, zum letzten Saison-Heimspiel 2014/15 gegen Mainz (23. Mai 2015). Danke!