8 Lachende Legende



Juli 2015



Claudio Pizarro verlässt den FC Bayern. Das ist sportlich wohl die richtige, emotional aber eine zutiefst bedauernswerte Entscheidung - vereinsübergreifend. Denn Pizarros größte Leistung sind nicht seine 176 Bundesligatore.
 

Nun könnte man natürlich daherkommen und Statistiken ausbreiten, einen Zahlenwald voll Ziffern, eine beeindruckender als die andere. Man könnte ausschweifend werden und zu Huldigungen ansetzen, die verdeutlichen sollen, warum dieser Mann aus den Anden so unvergesslich bleiben wird in der Fußball-Republik. Man könnte überdies darüber streiten - trefflich sogar -, ob er adäquater als Bayern- oder Bremen-Legende firmiert oder nicht doch als Bundesliga-Legende in die Annalen eingeht. Beziehungsweise: längst eingegangen ist.


Man könnte auch nichts davon unternehmen, sich viel Mühe, Zeit und Zeilen sparen, stattdessen aber Kommentarspalten von erstaunlicher grammatikalischer Gleichgültigkeit durchforsten. Im Fall von Claudio Pizarro, dem hinausdefilierten 36-jährigem Angreifer, ist das wahrscheinlich am Wirkungsvollsten. Ihren „Piza“ mochten sie in Bayern und Bremen und dazwischen ja alle.

 
>> Für solche Typen lieb ick den Fussball... was ne Bereicherung er für alle Clubs War bei denen er spielte... vorallem für Werder. Danke
 
>> den kann man nur lieben
 
>> Großartiger Spieler...ein richtiger TYP...& gerade ich als Schalker musste diese Saison wieder auf's schmerzhafteste feststellen, wie unersetzbar solche Leute mit CHARAKTER sind!! Alles Gute für die Zukunft, Claudio Pizarro..& Gruß aus Gelsenkirchen!
 
>> Pizzaro hab ich so gerne spielen sehen, und wie sympathisch er immer lächelt. Ich hoffe es kommt demnächst eine Kopie von ihm, so jemanden brauchen wir!
 
>> ein ganz ganz grosser Fussballer .. leider leider im falschen Verein
 
>> menschlich - sympathisch - und : der erfolgreichste ausländische Bundesliga-Torschütze aller Zeiten: DANKE - und alles Gute !
 
>> auch als Fan keiner der beiden Teams für die er gespielt hat, muss ich sagen dass ich ihn vermissen werde. Klasse Typ, super Spieler und sehr sympathisch
 
>> Ois guade Pizza. Unfassbar sympathischer Kerl. Wirst uns fehlen

 
Als sich ein Sportportal vor Saisonende den alten Recken Kehl, Daems, Rolfes, Noveksi und Krmas annahm, fragte ein User, warum Pizarro in der Auflistung fehle. Ein BVB-Fan antwortete >> Pizarro ist zu gut. Der bekommt einen eigenen Artikel gewidmet.


Ein Dortmunder, der einen Bayern-Veteran als „zu gut“ preist? Dann sollten wir doch ein paar weitere Worte verlieren. „Der beste Fußballer, mit dem ich je zusammengespielt habe“ sei Pizarro, urteilte Mehmet Scholl einst hochachtungsvoll. Und wer die Feinfüßler kennt, mit denen sich Scholl in 15 Bayern-Jahren durch Abwehrblöcke fiselte, muss stutzen, kurz zumindest. Zu Pizarro gehört nämlich die Annahme, dass mehr möglich gewesen wäre bei diesem Talent - noch mehr. Für einen, der mit dem Ball tollere Dinge anstellen kann als die meisten anderen, ist das ein ziemliches Paradoxon, und für einen, der öfter ins Tor traf als die meisten anderen, ist es das erst recht.


Insgesamt neun Jahre lieferte der „Piza-Express“ beim FC Bayern aus, meistens frei Haus, wie in der Saison 2004/05, als er elf von elf Toren im Olympiastadion erzielte. Und wie Pizarro so verweilte beim Rekordmeister, stand er irgendwie immer im Schatten seiner Sturmkollegen: von Giovane Elber, Roy Makaay, später dann, in seiner zweiten Phase, von Mario Gomez, Mario Mandzukic, Robert Lewandowski. Indes war Pizarro so etwas wie ein Adjutant, doch er nahm es hin, wie er alles nahm. Locker.


176 Bundesligatore hat er geschossen, 89 für Werder Bremen, 87 für den FC Bayern, das macht Rang sechs in der ewigen FCB-Hitliste - gleichauf mit Scholl, einen Treffer und einen Platz vor Uli Hoeneß. Dass sich der Peruaner in die durchaus überschaubare Riege bayerischer Kultfiguren hievte, lag jedoch hauptsächlich am charakterlichen Habitus: ein Lachen, das zum Mitlachen anregte, so oft und so vital er es auspackte; nahezu kindliche Flausen selbst als Mittdreißiger; ein dauerfröhlicher Sympathikus für einen Verein, der einigermaßen viele Gegner hat.


Dass man ihm per se nichts übel nehmen kann, gehört ebenso zum Pizarro-Phänomen wie das Klischee vom Partytiger. Jeder glaubte zu wissen, wie zielsicher er sich in den Strafräumen der Tanzschuppen bewegte, aber Fotos der vermeintlichen Nachspielzeiten gab es nie. Und wenn schon. Man verzieh ihm, dass er in seinen Blütejahren schluderte, man verzieh ihm, dass es an der letzten Seriosität mangelte und dieser „Schlawiner“ trotzdem seinen Spaß an der Sache kultivierte. Ausgedehnte Weihnachtsferien, wie sie offenbar zum Basisrepertoire eines jeden anständigen Südamerikaners zählen, verziehen ihm die Trainer nicht so gern, und dass er Elfmeterschütze Makaay einmal den Ball wegschnappte, um ihm dem Torhüter gekonnt in die Arme zu schieben, rief ein bisserl Unmut bei Volk und Vorstand hervor. Dass er sich erdreistete, seinen Jaguar in eine Parkbucht zu navigieren, erzürnte wiederum hiesige Sportjournalisten. Manche bis heute.


Dennoch blieb Pizarro ein Fußballer ohne Feinde (außer in Peru), das ist selten geworden in unserer anonym-virtuellen Welt. Und vielleicht seine größte Leistung. Größer noch als Absatzkicks und Hackentore, Körpertäuschungen, Steilpässe und mehmetscholleske Übersteiger.


Sportlich halte ich den Abgang für die richtige Entscheidung, nach zehn Bundesligatoren 2013/14 war Pizarro in der abgelaufenen Saison kein wirklicher Faktor mehr. Dafür verdingte er sich erfolgreich als Integrator, Sozialstabilisator und Gute-Laune-Bär. Als er im letzten Heimspiel gegen Mainz von den Massen gefeiert wurde, noch stärker als sonst, schon beim Warmlaufen, da musste ich mich zusammenreißen. Und nachdem er zwei Riesenchancen halbwegs kläglich versemmelt hatte, geriet die Meisterzeremonie für mich zu einem Nebenaspekt. So ultrakitschig ein Abschiedstor gewesen wäre, so sehr hätte ich es mir gewünscht.


Claudio Pizarro wird vermisst werden bei Bayern. Sein Vermächtnis muss man, wie erwähnt, nicht auf Zahlen, Daten und Rekorde reduzieren. Aber es schadet ja nicht.


7. Juni 2001 Erster Transfer

Es wird mit Deutscher Mark bezahlt, Gerhard Schröder ist Bundeskanzler und Stefan Effenberg Bayern-Kapitän, als Claudio Miguel Pizarro Bosio von Werder Bremen zum amtierenden Champions-League-Sieger nach München wechselt. Gerade 22 Jahre jung, aber bereits die Hoffnung eines Traumsturms mit Giovane Elber schulternd. „Torgefährlichkeit und ein paar Wunderdinge“ erwartet Ottmar Hitzfeld, Franz Beckenbauer streichelt vorsorglich die Seele: „Der Junge gefällt mir. Er hat eine feine Ballbehandlung.“


4. August 2001 Erstes Spiel, erstes Tor

Aufgrund einer Sperre aus der vergangenen Saison darf Pizarro erst am 2. Spieltag gegen Schalke ran. In der kompletten Vorbereitung gelang dem Angreifer kein einziger Treffer für seinen neuen Arbeitgeber, doch als es ernst wird, braucht er nur sechs Minuten. Die Vorarbeit kommt übrigens von Mehmet Scholl - da haben sich zwei gefunden.


27. November 2001 Erster Titel

In Tokio holt der FCB den Weltpokal gegen die Boca Juniors aus Buenos Aires. Pizarro steht 118 Minuten auf dem Feld, was ihm erlaubt, das siegbringende 1:0 durch Sammy Kuffour (109.) aus der Nähe zu bestaunen. Es ist der Anfang einer exquisiten Trophäen-Sammlung.


26. April 2003 Erste Meisterschaft

„Mein erster Meistertitel in Europa war etwas ganz Großes für mich“, erinnert sich Pizarro 2014 im Gespräch mit der Bayern-Homepage. Souverän setzt sich der FCB schon am 30. Spieltag die Krone auf, das 2:0 in Wolfsburg bringt Pizarro selbst unter Dach und Fach. Fünf nationale Championate sollten noch ausstehen (2005, 2006, 2013, 2014, 2015).


21. September 2004 Per Kopf

Welche Bedeutung ein schwer erkämpftes 3:2 in der zweiten DFB-Pokalrunde gegen Osnabrück für Pizarros Karriere hat? Das ist schnell erklärt. In der 6. Minute trifft er zur Führung, was insofern bemerkenswert ist, weil er im Juli 2004 eine Schädelfraktur erlitten hatte. Passiert war es bei der Copa America, Pizarro wurde kahlgeschoren und operiert. Osnabrück markiert die Rückkehr des Torjägers - per Kopf, versteht sich.


2. März 2005 Viererpack

Überhaupt entwickelt sich der Stürmer zum Pokal-Spezialisten. Im Viertelfinale derselben Saison glänzt er mit vier Toren in Freiburg, die Bayern siegen 7:0 und gewinnen den Cup.


29. April 2006 Matchwinner

Ein Jahr darauf zeichnet Pizarro für die Titelverteidigung verantwortlich, gegen Frankfurt gelingt ihm nach 59 Minuten das goldene Tor. In Summe häufen sich sechs Gewinne des DFB-Pokals an (2003, 2005, 2006, 2009 mit Bremen, 2013, 2014). Zudem steht der Peruaner 2000 und 2010 im Finale - und verliert jeweils gegen den FC Bayern.


19. Mai 2007 Erster Abschied

70 Tore hat Pizarro dem Treffer gegen Schalke von 2001 folgen lassen, ehe er die Münchner nach der Saison 2006/07 verlässt. Duplizität der Ereignisse: Wie in diesem Jahr ist es ein Heimspiel gegen Mainz, das den Rahmen zum Abgang bildet. Pizarro wird für Scholl eingewechselt, der an jenem Tag seine Laufbahn beendet, er trifft selbst noch einmal und ahnt nicht, dass er acht Jahre später exakt so viele Bundesligatore auf dem Konto haben wird wie Scholl. Besser sind bei Bayern lediglich Giovane Elber (92), Dieter Hoeneß (102), Roland Wohlfahrt (119), Karl-Heinz Rummenigge (162) und der unvergleichliche Gerd Müller (365).


23. Oktober 2010 Rekordtor

Im Trikot von Werder Bremen, wo Pizarro nach der Station FC Chelsea weitere 60 Mal einnetzt, sticht ein Volltreffer heraus. Gegen Gladbach schafft er sein 134. Tor in Deutschlands Beletage, eines mehr als der bisherige Rekord-Ausländer Elber. „Sehr viel“ bedeute ihm diese Marke, gesteht Pizarro, wobei es Elber ja immer gewusst hatte. Pizarro, merkte er einst an, sei eine „Bombe“ von Angreifer.


26. Mai 2012 Zweiter Wechsel

Erneut siedelt der inzwischen 33-Jährige von der Weser an die Isar über. Das Besondere am Sympathieträger Pizarro: In Bremen verübelt ihm den Wechsel zum Rivalen kaum jemand.


20. August 2012 Zweites erstes Tor

Erste Pokalrunde in Regensburg, die Bayern führen 3:0, da meldet sich Pizarro zurück. Dass er technisch alles kann, demonstriert er mit einem herrlichen Scherenschlag zum 4:0-Endstand. Dann küsst er den Ball. „Piza“ ist wieder da!


25. September 2012 Rekordspiel (I)

Eine Einwechslung gegen Wolfsburg verhilft dem Stürmer zu einem weiteren Meilenstein: Ausländer mit den meisten Bundesligaeinsätzen (337). Wobei die Sache mit den Nationalitäten im Hause Pizarro offenbar nicht so genau genommen wird: „Meine Frau sagt immer, dass ich Deutscher geworden bin...“


30. März 2013 Rekordspiel (II)

Vier Treffer, zwei Vorlagen: Nie zuvor seit der detaillierten Datenerfassung war ein Bundesligaprofi an sechs Toren direkt beteiligt. Pizarro vollbringt dieses Kunststück beim 9:2 über den HSV. Sehenswert ist vor allem sein dritter Streich, ein gewitzter Abschluss per Hacke. „Es war das beste Spiel meiner Karriere!"


25. Mai 2013 Triumph

Auch wenn er im Finale nicht zum Zug kommt: Der Champions-League-Sieg über Dortmund (2:1) ist Pizarros größter sportlicher Erfolg. Auf dem Weg nach Wembley steuert er vier Tore bei, darunter einen Hattrick gegen Lille - elf Jahre nach seinen ersten CL-Toren beim 5:1 gegen Spartak Moskau.


17. August 2014 Letztes Tor

Es ist, wie so oft, im Cup. Beim 4:1 in Münster lupft Pizarro einen Ball stilsicher über den Preußen-Keeper. Mit je 19 Treffern in Champions League und DFB-Pokal sowie deren 87 in der Bundesliga hält der Peruaner bei 125 Pflichtspieltoren für den FC Bayern München. Eine schöne, runde Zahl.


23. Mai 2015 Legende und Lachen

Schöner hätte sie nur ein Tor gegen Mainz gemacht, was bekanntlich nicht klappt in seinen 17 Abschiedsminuten. Vor dem Anpfiff wird Pizarro quasi-offiziell zur Legende ernannt, gemeinsam mit Kahn, Pfaff, Breitner und anderen repräsentiert er die 25 Meisterschaften. Die Fans toben bei Namensnennung und Einwechslung, sie trauern bei den vergebenen Möglichkeiten. Dass Claudio Pizarro dann lacht, muss nicht zwingend bedeuten, dass er sich nicht geärgert hat. Schlawiner.