7 Final(e) dahoam!



Dass drei Menschen übereinander liegen und sich vor Freude im Zentimeterabstand ins Gesicht brüllen, kann mehrere Gründe haben. Zum Beispiel ein gewonnenes Elfmeterschießen ihres Herzensklubs im Halbfinale der Champions League. Das sind dann die Momente, in denen einem bewusst wird, warum man sich den ganzen Stress überhaupt antut. Und der begann eben nicht erst um dreiviertel neun, sondern weit eher. Fan-sein ist Anstrengung pur. Besonders zu solchen Anlässen. Betreten wir die Zeitmaschine und beamen uns ein paar Stündchen vor...

 

14:15 Uhr: Das Leben will es so, dass vor dem Vergnügen die Arbeit steht. Im Falle eines (vorbildlichen) Studenten beginnt diese etwa kurz nach dem Mittagessen. Wie bei mir am Mittwoch. Drei lange Übungen trennen mich noch vom ersehnten abendlichen Spektakel, und mit der Konzentration auf`s Wesentliche ist es dann immer so eine Sache. Denn die Gedanken kreisen um andere Dinge als sie sollen. Das arithmetische Mittel ist dann plötzlich kein statistisches Durchschnittsmaß mehr, sondern eher die möglicherweise entscheidende taktische Geheimwaffe von Trainer Heynckes. Vom Nash-Gleichgewicht erhoffe ich mir die richtige Balance zwischen konzentriertem Verteidigen und aggressivem Vorchecking. Und bei managerial transaction costs schwebt mir sofort die Verpflichtung von Arjen Robben aus dem Jahre 2009 für 25 Millionen vor. Vollkommen berechtigt natürlich. Ansonsten würde der Mann mit dem lichten Haupthaar heute ja das falsche Trikot anhaben.

 

19:17 Uhr: Stunden, so lang andauernd wie Tage, haben sich schleppend in die Ewigkeit verabschiedet. Bald ist es soweit. Doch dann das: Ein short message service informiert mich, dass alle Planungen über den Haufen geworfen sind, da unserem Stammlokal bei einem nicht enden wollenden Besucheransturm die Flüssignahrung auszugehen droht. Nein, Spaß. Aber Kapazitäts-technisch stoßen sie wirklich an den Begrenzer - seit halb sieben! Also heißt es für die anderen umdisponieren und für mich, meine Vorsätze zu brechen: Die essentiellen Inhalte der Institutionenökonomik gilt es unter diesen Umständen zu verlassen, um sich unverzüglich auf die Suche nach der Ausweichstätte zu begeben. Bayern-Schal aus der Tasche gekramt, und ab die Post.

 

20:03 Uhr: Ich wusste gar nicht, dass der Merkel-Vorgänger hier ein Gastro betreibt. Nett ist es da, aber es werden ausschließlich Sitzplätze angeboten. Das hätte ich nicht erwartet. Ich bin hibbelig und zappelig und flatterig. Irgendwas zwischen nervöser Vorfreude und freudiger Nervosität.

 

20:31 Uhr: Jetzt ist unsere Runde fast komplett. Bei der Auswahl wurde selbstverständlich auf die zu B-ayern passenden Vornamen geachtet. B wie Bäda, B wie Bene, B wie Berni (der dem aufmerksamen Leser schon bekannt ist). Da möchte ich nicht zurückstehen: B wie Blog-Schreiber. Wer aber bringt die schöne Regelmäßigkeit durcheinander? Die Frauen: Eli und Vona. Zumindest können sie noch als „EV“ durchgehen - eingetragener Verein. Das hatten die Bayern bis vor ein paar Jahren sogar im Emblem. Na denn...

 

20:32 Uhr: Ach ja, ein Wort noch zur Eli. Normalerweise Bayern-Hasser. Bajuwarisch-madrilenische Auseinandersetzungen verändern vieles.

 

20:46 Uhr: Neuer! Was macht der!? Haut in der ersten Minute über den Ball. Ich drücke meinen Roy-Makaay-Schal. Wird schon gut gehen.

 

20:51 Uhr: Von wegen. Mein Wort in Alabas Ohr. Handspiel und Elfer. 0:1. Das Schlimmste, was passieren konnte.

 

20:53 Uhr: Erst acht Minuten sind vorbei, doch alle verfügbaren Nerven werden auf eine harte Zerreißprobe gestellt. Robben scheint in Dortmund-Form zu sein. Aus drei Metern vier drüber. Um Himmels willen. Zum Glück gibt es Bene und Bäda. Die beiden Ruhepole. Zu denen ich eigentlich auch gehöre. Wie gesagt: Eigentlich.

 

20:59 Uhr: Ja, wo sind wir denn? Ich weiß, das war eine rhetorische Frage. In Madrid, im Halbfinale, und 0:2 in Rückstand. Ich sacke ganze tief in den Ledersessel hinein und starre gen Decke. Nein, nein, nein, das darf nicht wahr sein. Erste Gedanken: Verdammt, das könnte hoch werden. Selbst Optimist Berni kapituliert bereits: „I mog hoam.“

 

21:02 Uhr: Vona ist da. Mit Verspätung, aber eigentlich perfektem Timing. Verpasst hatte sie nichts. Jetzt muss es aufwärts gehen.

 

21:10 Uhr: Der Vona-Effekt: Welch ein Glück, welch ein Witz-Elfer. Gomez bewirbt sich öffentlich für den Oscar. Und dann Robben, meinen Respekt. Die vergebene Giga-Chance von vor ein paar Minuten, der Dortmund-Strafstoß als Vorgeschichte. Trotzdem tritt er an - und Fortuna meint es diesmal gut. Casillas ist dran, der Innenpfosten auch, aber drin das Ding! Yes!!

 

21:31 Uhr: Durchschnaufen, einen kräftigen Schluck nehmen, und zur Abwechslung mal wieder ausatmen. Halbzeit.

 

22:15 Uhr: Seit einer Viertelstunde fordern wir kontinuierlich Schweinsteigers Auswechslung. Der Kerl ist am Ende, warum bloß unternimmt Heynckes nichts? „Da Jupp hod scho d‘ Champions League g‘wunna, da ham seine Spieler noch in d‘ Windel g‘sch - äh, ...macht. Der weiß scho, was er tut.“ Danke, Bäda. Das beruhigt.

 

22:27 Uhr: Real bringt ja gar nichts zustande. Die spielen daheim und überlassen alles den Bayern. Wie erbärmlich. Fistiano Ronaldo (ein Insider) stellt sich zwar wie immer breitbeinig zur Schau - und ist doch permanent den Tränen nahe, weil seine Freistöße so gefährlich sind wie seine Haare ungegelt. Wir brauchen ein Tor, ein einziges Tor, Gomez aber möchte lieber in die Verlängerung. Schon blöd, wenn einem die eigenen Haxen im Weg stehen. Juristisch gesehen macht er sich damit sogar strafbar. Grob fahrlässige Handlung, Paragraph 276 (2).

 

22:34 Uhr: Halleluja, nimmt das denn gar kein Ende mehr... Da wirst du ja blöd im Kopf. Overtime. Nochmal 30 Minuten quälende Ungewissheit und banges Lippen-zusammenkneifen, sobald Madrid die Mittellinie überquert. Der Vorschlag, draußen spazieren zu gehen, wird nach kurzer Beratung abgelehnt.

 

22:46 Uhr: Siehe da, Heynckes ist von Hermann Gerland darauf aufmerksam gemacht worden, dass Auswechslungen erlaubt sind. Nur trifft es nicht Schweinsteiger, obwohl der mittlerweile Standfußball vollführt. Stattdessen hat Ribéry Dienstschluss. Der Franzose produzierte heute keinerlei Schlag-zeilen.

 

23:11 Uhr: Aus, vorbei, Elfmeterschießen. Heieiei. Die Plattitüde von der Anspannung, die „mit Händen zu greifen“ wäre, wirkt überholt. Es ist alles viel schlimmer. Berni ist mittlerweile kreidebleich und unter den Augen bläulich. Mir sagt man, kaum besser auszusehen. Aber naja, das harmoniert immerhin. Weiß-blau, die bayerischen Farben. Perfekte Voraussetzungen.

 

23:14 Uhr: Der Bäda, ein Phänomen. Die ganze Zeit der Coole unter den Wirren, und jetzt kann er als Einziger nichtmal hinschauen.

 

23:18 Uhr: Das ist keine einfache Achterbahn mehr, das ist ein Höllenritt mit zwölf Loopings, drei Schrauben und hundert Metern im freien Fall! La bestia Neuer pariert erst titanenhaft gegen Fistiano und Kaká, Bayern liegt zwei zu null vorne und ist so nah am Ziel. Doch dann vergeigen Kroos und das Kapitänchen. Ich halt`s nicht mehr aus, wer bitteschön hat das Wort Herzkasper erfunden? Das ist mindestens ein Herzjupp. Wenn nicht sogar ein Herzuli. Dieser Verein bringt mich noch ins Grab.

 

23:20 Uhr: Ramos mit dem Hoeneß-Gedächtnis-Schuss! In den Oberrang, in die Wolken oder was weiß ich wohin! Wir springen und hüpfen und jubeln! Jaaaa!

 

23:21 Uhr: Schweinsteiger. Ausgerechnet Schweinsteiger, der bei mir als Trainer seit der 60. Minute draußen gewesen wäre, macht sich zur Vollstreckung auf. Es ist mucksmäuschenstill. Keine Anfeuerung, kein Klatschen, keine Zuckungen. Dann läuft er an. Ganz nüchtern und rational betrachtet hat man ja nichts davon, ob sich das Tornetz eine Sekunde später beult oder nicht. Aber Fußball ist zum Glück nicht nüchtern und rational. Der emotionale Nutzen ist unbezahlbar. So wie der Rest wunderschöne rote Geschichte...

Alles irreal, alles wie in Trance. Was für ein Abend, was für eine Dramaturgie. Das emotionalste, intensivste, packendste Spiel, was ich jemals miterlebt habe. Aber eins dieser folternden Art reicht mir vollends im Jahr. Ich bin fix und alle, platt und ausgelaugt. Selber eineinhalb Stunden gespielt zu haben, ist nichts dagegen.


03:25 Uhr: Es wird eine lange Nacht. Beziehungsweise eine kurze, je nach Betrachtungsweise. Wobei ich wieder einmal daran erinnert werde, warum ich vorzugsweise Sky schaue und nicht RTL. Bei „Let`s Dance“ spiele ich nicht in der Champions League. Meine Ganzkörperakrobatik zu Musik in Düsenjet-Lautstärke ist recht jämmerlich. Doch auch damit schließt sich irgendwo der Kreis. Denn letztlich bin ich zuhause. Oder anders ausgedrückt: Final(e) dahoam...


Mai 2012